Lasst auf diesem steinigen Weg,
Schwester, Mutter,
Geist des Flusses und Geist der See,
lasst mich nicht allein
und erhört mein Flehen.
T. S. Eliot, Aschermittwoch
Erlösungssehnsucht ist ein uralter, eigenartiger und vielgesichtiger
Dämon, der in den Herzen selbst der bodenständigsten und
prosaischsten Menschen sein Unwesen treibt. Dieser Dämon strebt – zuweilen
sehr beredt, dann wieder auf stille Art – nach einer dunkel
geahnten Verschmelzung mit einem allwissenden, unerschöpflich
liebevollen, nicht in Worte fassbaren Etwas außerhalb seiner
selbst. Nur die allgegenwärtige Umarmung dieses Etwas kann uns über
die eigene Sterblichkeit und die beängstigende Vereinzelung
hinwegtrösten, die es, wenn auch unbewusst, im Leben eines
jeden Menschen gibt.
Selbst wenn wir dieses Etwas nicht mit einem
göttlichen
Namen belegen und unsere Demut und Sehnsucht stattdessen auf einen
als solchen unerkannten Ersatz dafür richten – etwa
auf die Menschheit als Ganzes, die Familie, die Natur, die Kunst,
die
Liebe oder den Staat –, so ist unser Suchen doch unverkennbar
und darf nicht mit anderen, stärker individuellen Gefühlen
wie Verlangen, Leidenschaft, Liebe oder Bewunderung verwechselt
werden. Charakteristisch für die Erlösungssehnsucht ist
erstens, dass sie eine Sehnsucht ist; zweitens, dass sie zwanghaft
und absolut
ist und oft zu heftigen Konflikten mit individuellen Wertvorstellungen
führt; und drittens, dass sie nicht nach Beziehung strebt,
sondern nach Selbstauflösung.
Seit unsere Vorfahren in der Steinzeit das magische Pferd, das
Mammut und den Bison auf der Höhlenwand ins Leben riefen,
haben wir uns immer wieder Bilder von jenem Etwas geschaffen – nicht
nur, um übernatürliche Hilfe bei der Jagd zu erhalten,
sondern auch, weil wir schon immer des Gefühls bedurften,
dass es irgendwo außerhalb unseres Selbst etwas gibt, das
die Vergänglichkeit und Bedeutungslosigkeit des gewöhnlichen
Lebens wieder aufhebt. Unter allen Lebewesen schaffen einzig
wir Menschen uns Rituale und Kunstwerke, die dazu dienen sollen,
unsere Verbindung zu einem göttlichen Ursprung wiederherzustellen,
von dem wir abstammen und zu dem wir nach unserem Tod wieder
zurückkehren können.
Die Äußerungsformen der Erlösungssehnsucht reichen
vom Inzest bis zur Transzendenz und stellen zudem ein tiefes
moralisches Dilemma dar – umfassen sie doch neben unseren
unzähligen Versuchen, das Ewige zu erfahren und auszudrücken,
auch jene eher abschreckenden Aspekte wie Abhängigkeit,
Verrücktheit, geistige und körperliche Disintegration,
mit denen sich in letzter Zeit weniger die Religion als vielmehr
die Medizin auseinander zu setzen hatte. Wir können einfach
nicht mehr im Flüsterton von der Stimme Gottes sprechen,
wenn vor unseren Augen eine konkrete Persönlichkeit oder
ein individueller Körper unter dem Diktat dieser Stimme
zerfällt und nicht einmal mehr mit den einfachsten Erfordernissen
des Erdenlebens zurechtkommt. Ab wann ist denn ein Künstler
nicht mehr bloß ein verrückter oder tragischer Fall,
sondern ein göttlich inspiriertes Genie, dessen Exzesse
toleriert werden müssen, weil sein Leid das unsere würdigt?
Ab wann ist es aufgrund von Talent gerechtfertigt, sich ein Ohr
abzuschneiden wie etwa van Gogh oder Vatermord zu begehen wie
beispielsweise Richard Dadd, der – zweifellos auch durch
seinen Namen dazu bestimmt – davon überzeugt war,
sein Vater sei in Wirklichkeit der Teufel? Ab wann ist ein Seher
nicht mehr verrückter Spinner, sondern Heiliger? Können
etwa die zwischen dem Zeitalter des Glaubens und dem der Wissenschaft
verflossenen Jahrhunderte ein Kriterium dafür sein? Was
würden wir heute zu den deutlich erotischen Visionen eines
Heiligen Antonius sagen, der verdächtig nach einem paranoiden
Schizophrenen klingt, oder zu den gleichermaßen erotischen
Stigmata des Heiligen Franziskus, den man mit der Diagnose auf
hysterische Persönlichkeitsveränderung sofort in jeder
geschlossenen psychiatrischen Abteilung aufnehmen würde?
Einst gab es Hunderte von Heiligen, die, wenn auch erst nach
ihrem Tod, ohne weiteres von den gewöhnlichen Sterblichen
anerkannt wurden – obwohl ihre einzigen Referenzen oft
nur unheilbare Jungfräulichkeit, ein unschöner Tod
oder der Anspruch auf die angebliche Wundertätigkeit eines
Stofffetzens oder Knochensplitters waren. Heutzutage ist der
Vatikan etwas vorsichtiger. Das vorherrschende kollektive Wirklichkeitsbild
baut nicht mehr auf Wunder; ewiger Jungfräulichkeit begegnet
man eher mit Erstaunen und Mitleid als mit Achtung und Ehrfurcht,
und ein unschöner Tod kann jedem widerfahren: Die Voraussetzungen
für eine Heiligsprechung sind etwas strenger geworden.
Was also ist diese schmerzhafte Sehnsucht, die jedes noch so
große Opfer rechtfertigt, was ist dieser ewige Ruf aus
dem irdischen Jammertal? Ist es wirklich die klare Stimme der
Seele, die sich durch die Gefängnismauern der irdischen
Existenz hindurch bemerkbar macht? Oder ist es die verzweifelte
Abwehrhaltung einer zerbrechlichen Persönlichkeit, die,
durch falsche Erziehung verletzt und infolge der eigenen Regressivität
hartnäckig infantil geblieben, weder willens noch in der
Lage ist, den schwierigen Vorstoß in den Dschungel des
gewöhnlichen Lebens und Sterbens zu unternehmen? Wie können
wir auf unserer unablässigen Suche nach einem Messias oder
Guru, der uns helfen soll, in die Umarmung jenes Unaussprechlichen
zu finden, zwischen einem Christus und einem Hitler unterscheiden?
Beide sind – auf sehr verschiedene Weise – als Antwort
auf die verzweifelte Suche eines Volkes nach Erlösung zu
ihrer Größe aufgestiegen. Doch mag eine solche Frage
den Unwillen all jener wecken, die davon überzeugt sind,
dass sie aufgrund ihrer politischen Einstellung oder ihrer fortgeschrittenen
Spiritualität stets von selbst in der Lage sein werden,
den Unterschied zu erkennen – nicht nur zwischen einem
falschen und einem echten Messias, sondern auch zwischen den
liebevollen und den zerstörerischen Seiten der eigenen Persönlichkeit.
Ich habe schon viele Astrologen, Heiler und Vertreter der Kirche
sagen hören, dass Spiritualität etwas Eigenes sei,
das über den Bereich der Psychologie hinausgehe – dass
man sie nicht mit dem groben Rüstzeug der Psychologie angehen
oder schlecht machen dürfe. Gerade ideologisierende Menschen
sind oft von der absoluten Erhabenheit ihrer Motive überzeugt,
da es ihnen ja angeblich nur um das Allgemeinwohl geht. Dennoch
gehört jede menschliche Erfahrung zum Reich der Psyche und
ist folglich auch psychologisch – denn Körper, Geist,
Herz und Seele eines jeden Menschen sind es, die wahrnehmen und
deuten, was immer wir Realität nennen. Alle Erfahrung ist
subjektiv, denn stets ist es ein individuelles menschliches Wesen,
das diese Erfahrungen macht. Und wenn unsere politischen und
spirituellen Überzeugungen so wertvoll sind, dass sie uns
keine Ehrlichkeit in Bezug auf unsere eigenen, nur allzu menschlichen
Motive mehr gestatten, was ist dann noch für ein Unterschied
zwischen uns und jener mutwilligen, psychischen und körperlichen
Destruktivität von Geliebten, Eltern, Kindern, Partnern,
Freunden und ganzen Nationen "im Namen der Erlösung"? Die Astrologie kennt ein Planetensymbol für die menschlichen
Sehnsüchte, und die Sehnsucht nach Erlösung ist ebenso
menschlich wie alle anderen. Im astrologischen Sprachgebrauch
heißt dieses Symbol Neptun, nach dem römischen Gott über
die Tiefen der Wasserwelt. Wie schon bei Uranus und Pluto – die
gleichfalls in der Antike unbekannt waren und erst in den letzten
zwei Jahrhunderten entdeckt wurden – kann der Astrologe
dem Skeptiker nur schwerlich erklären, wie und warum Neptun
zu einem mythologischen Namen kam, der so gut zu seinem symbolischen
Gehalt passt. Erlösungssehnsucht ist die Sehnsucht nach
völliger Auflösung in den vorgeburtlichen Wassern des
Mutterleibes und des Kosmos. Astronomen hatten den Planeten so
getauft, noch ehe Astrologen darangingen, seine Äußerungsformen
im Horoskop zu untersuchen. Es ist wohl unmöglich, das Phänomen
einer derartigen Gleichzeitigkeit innerhalb des kausalen Rahmens
einer modernen wissenschaftlichen Denkweise zu erklären.
Dazu bedarf es eines anderen Bezugsrahmens – und vielleicht
sogar einer anderen Weltanschauung. Meinen Erörterungen
Neptuns liegen eigene Forschung und
Erfahrung sowohl beruflicher als auch persönlicher Art zugrunde,
und außerdem beziehe ich mich auf die Werke anderer, die
im Bereich der Astrologie – und auf anderen Gebieten – über
diesen Planeten geforscht und damit etwas zu unserem Verständnis
beigetragen haben. Hätte man ihn nach einem anderen Gott
benannt, der nichts mit Wasser zu tun hat – Pan etwa oder
Vulkan –, so wäre ich zu dem Schluss gekommen, dass
diese Namensgebung falsch ist. Wie die Dinge stehen, ist der
gegenwärtige Name gut genug, wenn auch nicht völlig
richtig: Neptun hätte nach einer Meeresgöttin benannt
werden sollen, nicht nach einem Meeresgott. Jener Ursprung allen
Lebens, mit dem wir verschmelzen wollen, trägt zwar einen
männlichen Namen, doch er zeigt ein weibliches Gesicht.
Die Sehnsucht nach Erlösung ist – um den unter Astrologen
beliebtesten Schlüsselbegriff für Neptun zu bemühen – verwirrend.
Manchmal gibt sie sich als hehres Streben aus nach dem, was uns
alle vereint und umgibt. Dann wieder manifestiert sie sich als
ein trauriges und oft auch entstellendes Festhalten an der Urfantasie
von den Wassern der Gebärmutter – vor der Geburt,
als es noch kein Leid gab, keine Trennung und keine Einsamkeit.
Das religiöse Schrifttum ist voll von ausführlichen,
bewegenden Beschreibungen des Leids – und die psychoanalytische
Literatur ist voll von schwierigen, oft unbeholfenen Beschreibungen
von Getrenntheit und Einsamkeit. Beide haben einen wertvollen
Beitrag zu unserem Verständnis von Neptun zu leisten. Im
Innersten sind sich diese scheinbar so widersprüchlichen Seiten Neptuns
gleich. Der Unterschied liegt in der Art und Weise, in der diese
besessene Sehnsucht erfahren wird – und in dem Maß,
in dem sie Eingang in die individuelle Realität eines Menschen
finden und sein Leben verbessern kann. Viele Astrologen belegen
Neptun etwas vorschnell mit dem Attribut des "Spirituellen".
Dabei gibt es einige so Grauen erregende Bewohner neptunischer
Gewässer, dass sich der Weiße Hai neben ihnen wie
eine Portion marinierter Hering ausnimmt; diese werden üblicherweise
mit Euphemismen wie "Täuschung" oder "Illusion" abgetan.
Andererseits liegt oft eine tiefe Bedeutung in dem verborgen,
was gemeinhin Pathologie, Sucht oder Wahnsinn genannt wird. Der
Einzelne, der unter dem Einfluss jener ganz eigentümlichen,
neptunischen Art von Depersonalisierung steht, mag letzten Endes
mehr und weiter sehen als der Arzt, der ihn behandelt. Was ist
Betrug, was Illusion? Wer täuscht wen und in Bezug worauf?
Und wer oder was bietet uns (wie jeder stark neptunisch beeinflusste
Mensch fragen könnte) eine so zuverlässige Definition
der Wirklichkeit, dass wir mit letzter Gewissheit sagen können,
ob jenes Etwas, jener Gegenstand unserer Sehnsucht, nur Opium
für das Volk ist, ob es wahrlich und wahrhaftig zu jener
großen, transzendenten Einheit gehört, die wir das
Leben nennen, oder ob es einfach nur ein anderes Wort für
Mutter ist?
Jeder Versuch, Neptun zu verstehen, verlangt von uns, dass
wir uns auf verschlungene Wasserwege begeben. Kein Bereich menschlichen
Handelns ist frei von der Sehnsucht nach Erlösung, und
deshalb müssen wir dazu bereit sein, uns nicht nur mit
Individualpsychologie zu beschäftigen, sondern auch mit
Mythologie, Politik, Religion, Mode und Kunst. Von einigen
Ausnahmen abgesehen zeigt die astrologische
Literatur in der Darstellung Neptuns eine eigenartige Beschränktheit – und
das, obwohl das umfangreiche psychoanalytische Schrifttum über
Hysterie, Trennungsangst, Idealisierung, projizierte Identifikation,
Verschmelzung von Selbst und Objekt, Masochismus und Primärnarzissmus
fast ausschließlich neptunische Themen behandelt. In
astrologischen Texten wird Neptun selten als nur wohltätig
dargestellt; für gewöhnlich werden in diesem Zusammenhang
Täuschung,
Illusion und Abhängigkeit erwähnt, ebenso wie karmische
Schuld und Entsagung. Doch diese Begriffe reichen nicht aus,
wenn wir dem Klienten, dem Patienten oder uns selbst echte
Einsicht vermitteln wollen. Ein Mensch mit Venus oder Mond
in schwierigem
Aspekt zu Neptun oder mit Neptun im 7. Haus mag in Liebesangelegenheiten
sehr wohl zu Täuschungen, Illusionen, Enttäuschung
und Entsagung neigen. Doch weshalb? Wenn er sich den emotionalen
Gegebenheiten nicht stellen kann, die sich hinter der Neigung
verbergen, das Bild des Partners durch Idealisierung zu vernebeln,
und wenn diese Person sich nicht mit der schmerzlichen Notwendigkeit
innerer Selbstständigkeit befassen mag, dann wird kein
noch so großes Maß spirituellen Philosophierens
ihn davor bewahren, auf die eine oder andere Weise immer wieder
ein bestimmtes
Verhaltensmuster zu durchlaufen. Die eigenartige und erstaunliche
Passivität, die einen solchen Menschen zuweilen erklären
lässt, dies müsse wohl "Karma" sein und
deshalb müsse jede Hoffnung auf persönliche Erfüllung
einem höheren Zweck geopfert werden, darf so nicht akzeptiert,
sondern muss stattdessen herausgefordert und hinterfragt werden.
Auch andere Menschen werden in die emotionalen Strudel des
Neptunischen hineingezogen, und oft genug können Kinder
oder Partner es sich eben nicht leisten, ihr eigenes Unglück
durch den Glauben daran zu rechtfertigen, dass höher entwickelte
Menschen mehr zu leiden hätten als andere.
Das kümmerliche Angebot astrologischer Definitionen ist
verständlich, denn unser vielgesichtiger Dämon ist überaus
veränderlich. Er wechselt seine Gestalt so schnell, dass
es schwer fällt, die Zusammenhänge zwischen den einzelnen
Manifestationen zu erkennen. Welcher Art könnte beispielsweise
die Beziehung zwischen Hysterie – jener alten Krankheit,
die nach Überzeugung der Griechen auf einen wandernden Uterus
zurückzuführen ist – und jener rätselhaften
Welt okkulter Phänomene sein, die nur wenige Psychiater
(mit Ausnahme scheinbarer Exzentriker wie etwa Jung, der die
Sonne im Quadrat zu Neptun hatte) einer ernsthaften Untersuchung
wert befinden? Welche Beziehung lässt sich herstellen zwischen
jenen heiß begehrten "übersinnlichen Kräften",
die dem unerfahrenen Entdecker spiritueller Sphären so eindrucksvoll
erscheinen, und der Alkohol- und Drogenabhängigkeit, die
so viele Leben zerrüttet und zerstört; zwischen Sucht
und dem "ozeanischen Schlüsselerlebnis", wie
es die transpersonale Psychologie beschreibt; zwischen transpersonaler
Psychologie und dem Filmstar; oder zwischen dem Filmstar
und der Politik militanter linker Gruppen?
Es ist keineswegs unmöglich, klare Konzepte für die
Bedeutung Neptuns als archetypischer Drang innerhalb der menschlichen
Psyche zu erarbeiten. Es ist auch nicht schwer, Beziehungen zwischen
diesem Planeten und den empirischen Beobachtungen individueller
und kollektiver Verhaltensmuster, Komplexe, Gefühle und
Weltanschauungen herzustellen. Was wirklich schwierig ist, ist
die lästige alte Frage, wann es sich um ein überpersönliches
Verlangen handelt, das als solches anerkannt zu werden verdient,
und wann um eine infantile Regression, der man einen mitfühlenden
Realismus entgegenhalten muss. Und wann ist es beides zugleich?
Vielleicht haben wir es hier mit dem eigentlichen Wesen der neptunischen
Täuschung zu tun. Angesichts der vielen Gegensätze,
die Neptun zu symbolisieren scheint – von den Extremformen
psychischen und körperlichen Verfalls bis hin zu jenem Licht
innerer Erkenntnis, das unser ganzes Leben verwandeln kann – ist
es praktisch unmöglich, kategorisch zu bestimmen, ob sich
das eine für das andere ausgibt oder umgekehrt. Ein tiefes,
aber unerkanntes Verlangen nach dem Spirituellen kann sich als
Sucht oder resignierter Rückzug von der Wirklichkeit verkleiden,
ganz wie auch der so genannte Erleuchtete ein scheinbar erwachsener
Mensch mit dem emotionalen Narzissmus eines Kleinkindes sein
mag, der gegen das Leben streikt und sich weigert, sein Traumland
zu verlassen. Der stets sich selbst aufopfernde Elternteil, Liebhaber
oder Ratgeber kann sich als alles verschlingender Krake entpuppen,
ebenso wie das vermeintliche menschliche "Treibgut" – der
Dieb, die Prostituierte, der Süchtige oder der Landstreicher – vielleicht
mehr echtes menschliches Mitgefühl aufzubringen vermag als
eine ganze Armee von Ärzten, Psychologen, Sozialarbeitern
und Politikern, die ihre Liebe zur Menschheit demonstrativ in
löblichen Worten und Handlungen dartun.
Wie schon die Hexen
in Macbeth sagen: Fein ist faul und faul ist fein.
Lauernd wolln wir Dunst im
Nebel sein.
Die Schwierigkeit mit Neptun liegt nicht darin, dass es keine
psychologischen Modelle gäbe, die uns ein etwas reichhaltigeres
Vokabular bieten als nur die Begriffe "Täuschung" und "Illusion";
sie liegt vielmehr in der mit der Erlösungssehnsucht einhergehenden
moralischen Ungewissheit, die uns manchmal buchstäblich
in den Wahnsinn treiben kann. Man mag sich scheinbar gutmütig über
die maßlose Gier hinwegtäuschen, mit der sich ein
Säugling an die auf immer verschlossene Tür des Mutterschoßes
klammert. Man kann aber auch tatsächlich mit einer höheren
Wirklichkeit in Verbindung stehen, die alle Getrenntheit bedeutungslos
werden lässt, so dass die eigenen Schöpfungen und Taten
von der heilsamen Kraft jenes anderen Reiches gesegnet sind – obwohl
sich der individuelle Mensch oft der Gabe nicht bewusst ist,
die er da besitzt. Jedenfalls kann man sich nie ganz sicher sein – am
allerwenigsten seiner selbst. Gerade dann, wenn man restlos von
der eigenen Unschuld überzeugt ist, gerät man mit Neptun
am leichtesten auf den Holzweg. Gerade wenn der oder die Einzelne
glaubt, er oder sie sei zweifellos verliebt, wird der Einfluss
unbewusster Elternkomplexe am deutlichsten sichtbar. Und gerade
wenn man die entwürdigende Erfahrung macht, dass die eigene
Persönlichkeit zusammenbricht oder sich auflöst, nähert
man sich einem fremdartigen, diffusen Licht: einer magischen
Tür zu heiligen Geheimnissen, die – ähnlich wie
jene der Melusine – sofort wieder verschwinden, wenn sie
in das kalte Licht dessen getaucht werden, was gemeinhin für
geistige Gesundheit gilt.
Es gab schon immer ein merkwürdig
flexibles Austauschverhältnis
zwischen dem so genannten Wahnsinn und dem so genannten Einssein
mit dem Göttlichen. Für die alten Griechen war der
Wahnsinn ein Zustand, in dem man von einem Gott besessen war.
Dem mittelalterlichen Christen galt der Wahnsinn als ein Zustand,
in dem man von einem Teufel besessen war – was nichts
anderes ist als eine etwas einfachere Art, das Gleiche zu sagen.
In psychiatrischen
Begriffen gesprochen ist der australische Eingeborene, der
sich auf eine scheinbar ziellose Wanderung in den Busch begibt,
vorübergehend
geisteskrank; doch in seinem eigenen Sinnzusammenhang hat er
sich mit dem Land und mit seinen Vorfahren vereinigt. Ebenso
begibt sich der Schamane in eine ekstatische Trance, die jedoch
aus der Perspektive eines rationalen Bewusstseins nichts anderes
ist als ein psychotischer Schub. Neptun kann die höchsten
und erhabensten menschenmöglichen Manifestationen von
Liebe, Gnade und kreativer Schau symbolisieren, sobald die
erdenschwere
Illusion der Getrenntheit einer Einsicht in die letztendliche
Einheit alles Seienden Platz macht. Gleichermaßen kann
Neptun aber auch die verzweifeltsten und destruktivsten Impulse
verkörpern, zu denen Menschen fähig sind, solange
sie sich noch nicht mit ihrer Angst vor der Einsamkeit und
dem Tod
auseinander gesetzt haben. Welche Entsprechung trifft nun wirklich
zu? Wahrscheinlich beide.
Das neptunische Reich kann für
viele Menschen ein beträchtliches Problem sein, weil es
eine Art "heilige Kuh" darstellt, die nicht mit der
gleichen Sorgfalt untersucht werden darf wie alle anderen Bereiche
menschlicher Erfahrung. Ich riskiere also ein gewisses Maß an
Gegnerschaft seitens meiner Leserinnen und Leser, wenn ich
die Heiligkeit von Opfern und das strahlende Ansehen, das die
Selbstlosigkeit
genießt, hinterfrage. Ein solches Hinterfragen wird keine
Ungeheuer zutage fördern und auch keine unerreichbaren
Götter,
sondern lediglich menschliche Wesen, die jedoch auch ohne jede
weitere Mystifizierung schon geheimnisvoll genug sind. Doch
gerade diese grundlegende Menschlichkeit ist in der Welt des
Neptunischen
so schwer unterzubringen, denn die Menschlichkeit besitzt einen
allzu großen Anteil an dem, was die Orphiker das Titanische
nannten – die Quintessenz des Saturnischen, das zugleich
der ewige Widersacher und die ewige Ergänzung des Neptunischen
ist. Leider sind es oft gerade Menschen mit der lebhaftesten
Fantasie und Vorstellungskraft, die mit der linken Hand sabotieren,
was sie mit der Rechten aufbauen, während sie sich verzweifelt
wünschen, ihre Möglichkeiten verwirklichen zu können.
Auf diese Weise verstricken sie sich unwiderruflich in materielles
Unglück, Krankheit und führen ein Dasein als emotionales
und körperliches Opferlamm. Nie können sie ihren
ganzen inneren Reichtum zum Ausdruck bringen, denn auf einer
sehr tief
gehenden und anderen scheinbar unzugänglichen Ebene sind
sie davon überzeugt, dass ihr Leid sie in den Augen jenes
Etwas, nach dem sie streben, reiner und annehmbarer erscheinen
lässt. Wenngleich ich – wie alle anderen Menschen
auch – zugeben und anerkennen muss, dass zum Leben auch
Leiden und Opfer gehören, hege ich doch tiefe Zweifel
an der Art und Weise, in der diese Begriffe verwendet und missbraucht
werden, und ich frage mich oft, was sich dahinter verbirgt.
Wegen
solcher Menschen und auch für sie habe ich versucht, die
Welt des Neptunischen genauer zu beschreiben. Entnommen
aus
Liz Greene:
Neptun - Sehnsucht nach Erlösung.
Chiron Verlag, Tübingen, 2003.
(leicht gekürzte Fassung)
Dieses Buch
können Sie bestellen unter
www.astronova.com
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