neptune

Am 4. April 2011 hat Neptun seine Reise durch das Fischezeichen begonnen. Vorerst wird er nur für vier Monate in seinem angestammten Reich verweilen, ab Februar 2012 dann für die nächsten vierzehn Jahre. Wenn Neptun sich leise aber mächtig nähert, lösen sich gewohnte Wahrnehmungsmuster auf. Die Welt verschwindet hinter einem Schleier und die Sehnsucht nach etwas Schönerem breitet sich aus. Die Ahnung, dass es noch mehr gibt als die rein materialistische Welt, verdichtet sich. Neptun in den Fischen verkörpert eine immense Sehnsucht nach dem Paradies. Aber auch die Verschmelzung mit dem Elend der Welt ist grenzenlos. Neptun verändert seine Gestalt ständig und ist schwer zu fassen. Im Zeichen Fische erst recht. Neptuns' schillerndem Wesen hat Liz Greene ein ganzes Buch gewidmet. Der grosse Verzauberer erscheint darin in seiner vielgestaltigen Komplexität. Eine gute Einführung in Neptuns Reich bietet das Vorwort des Buches, das wir hier zur Lektüre empfehlen.

Neptun - Die Sehnsucht nach Erlösung

Erlösungssehnsucht ist ein uralter, eigenartiger und vielgesichtiger Dämon, der in den Herzen selbst der bodenständigsten und prosaischsten Menschen sein Unwesen treibt. Dieser Dämon strebt – zuweilen sehr beredt, dann wieder auf stille Art – nach einer dunkel geahnten Verschmelzung mit einem allwissenden, unerschöpflich liebevollen, nicht in Worte fassbaren Etwas außerhalb seiner selbst. Nur die allgegenwärtige Umarmung dieses Etwas kann uns über die eigene Sterblichkeit und die beängstigende Vereinzelung hinwegtrösten, die es, wenn auch unbewusst, im Leben eines jeden Menschen gibt.

Selbst wenn wir dieses Etwas nicht mit einem göttlichen Namen belegen und unsere Demut und Sehnsucht stattdessen auf einen als solchen unerkannten Ersatz dafür richten – etwa auf die Menschheit als Ganzes, die Familie, die Natur, die Kunst, die Liebe oder den Staat –, so ist unser Suchen doch unverkennbar und darf nicht mit anderen, stärker individuellen Gefühlen wie Verlangen, Leidenschaft, Liebe oder Bewunderung verwechselt werden. Charakteristisch für die Erlösungssehnsucht ist erstens, dass sie eine Sehnsucht ist; zweitens, dass sie zwanghaft und absolut ist und oft zu heftigen Konflikten mit individuellen Wertvorstellungen führt; und drittens, dass sie nicht nach Beziehung strebt, sondern nach Selbstauflösung.

"Charakteristisch für die Erlösungssehnsucht ist erstens, dass sie eine Sehnsucht ist; zweitens, dass sie zwanghaft und absolut ist und oft zu heftigen Konflikten mit individuellen Wertvorstellungen führt; und drittens, dass sie nicht nach Beziehung strebt, sondern nach Selbstauflösung."

Seit unsere Vorfahren in der Steinzeit das magische Pferd, das Mammut und den Bison auf der Höhlenwand ins Leben riefen, haben wir uns immer wieder Bilder von jenem Etwas geschaffen – nicht nur, um übernatürliche Hilfe bei der Jagd zu erhalten, sondern auch, weil wir schon immer des Gefühls bedurften, dass es irgendwo außerhalb unseres Selbst etwas gibt, das die Vergänglichkeit und Bedeutungslosigkeit des gewöhnlichen Lebens wieder aufhebt. Unter allen Lebewesen schaffen einzig wir Menschen uns Rituale und Kunstwerke, die dazu dienen sollen, unsere Verbindung zu einem göttlichen Ursprung wiederherzustellen, von dem wir abstammen und zu dem wir nach unserem Tod wieder zurückkehren können.

Die Äußerungsformen der Erlösungssehnsucht reichen vom Inzest bis zur Transzendenz und stellen zudem ein tiefes moralisches Dilemma dar – umfassen sie doch neben unseren unzähligen Versuchen, das Ewige zu erfahren und auszudrücken, auch jene eher abschreckenden Aspekte wie Abhängigkeit, Verrücktheit, geistige und körperliche Desintegration, mit denen sich in letzter Zeit weniger die Religion als vielmehr die Medizin auseinander zu setzen hatte. Wir können einfach nicht mehr im Flüsterton von der Stimme Gottes sprechen, wenn vor unseren Augen eine konkrete Persönlichkeit oder ein individueller Körper unter dem Diktat dieser Stimme zerfällt und nicht einmal mehr mit den einfachsten Erfordernissen des Erdenlebens zurechtkommt. Ab wann ist denn ein Künstler nicht mehr bloß ein verrückter oder tragischer Fall, sondern ein göttlich inspiriertes Genie, dessen Exzesse toleriert werden müssen, weil sein Leid das unsere würdigt? Ab wann ist es aufgrund von Talent gerechtfertigt, sich ein Ohr abzuschneiden wie etwa van Gogh oder Vatermord zu begehen wie beispielsweise Richard Dadd, der – zweifellos auch durch seinen Namen dazu bestimmt – davon überzeugt war, sein Vater sei in Wirklichkeit der Teufel? Ab wann ist ein Seher nicht mehr verrückter Spinner, sondern Heiliger? Können etwa die zwischen dem Zeitalter des Glaubens und dem der Wissenschaft verflossenen Jahrhunderte ein Kriterium dafür sein? Was würden wir heute zu den deutlich erotischen Visionen eines Heiligen Antonius sagen, der verdächtig nach einem paranoiden Schizophrenen klingt, oder zu den gleichermaßen erotischen Stigmata des Heiligen Franziskus, den man mit der Diagnose auf hysterische Persönlichkeitsveränderung sofort in jeder geschlossenen psychiatrischen Abteilung aufnehmen würde? Einst gab es Hunderte von Heiligen, die, wenn auch erst nach ihrem Tod, ohne weiteres von den gewöhnlichen Sterblichen anerkannt wurden – obwohl ihre einzigen Referenzen oft nur unheilbare Jungfräulichkeit, ein unschöner Tod oder der Anspruch auf die angebliche Wundertätigkeit eines Stofffetzens oder Knochensplitters waren. Heutzutage ist der Vatikan etwas vorsichtiger. Das vorherrschende kollektive Wirklichkeitsbild baut nicht mehr auf Wunder; ewiger Jungfräulichkeit begegnet man eher mit Erstaunen und Mitleid als mit Achtung und Ehrfurcht, und ein unschöner Tod kann jedem widerfahren: Die Voraussetzungen für eine Heiligsprechung sind etwas strenger geworden.

"Was also ist diese schmerzhafte Sehnsucht, die jedes noch so große Opfer rechtfertigt, was ist dieser ewige Ruf aus dem irdischen Jammertal? Ist es wirklich die klare Stimme der Seele, die sich durch die Gefängnismauern der irdischen Existenz hindurch bemerkbar macht? Oder ist es die verzweifelte Abwehrhaltung einer zerbrechlichen Persönlichkeit, die, durch falsche Erziehung verletzt und infolge der eigenen Regressivität hartnäckig infantil geblieben, weder willens noch in der Lage ist, den schwierigen Vorstoß in den Dschungel des gewöhnlichen Lebens und Sterbens zu unternehmen?"

Was also ist diese schmerzhafte Sehnsucht, die jedes noch so große Opfer rechtfertigt, was ist dieser ewige Ruf aus dem irdischen Jammertal? Ist es wirklich die klare Stimme der Seele, die sich durch die Gefängnismauern der irdischen Existenz hindurch bemerkbar macht? Oder ist es die verzweifelte Abwehrhaltung einer zerbrechlichen Persönlichkeit, die, durch falsche Erziehung verletzt und infolge der eigenen Regressivität hartnäckig infantil geblieben, weder willens noch in der Lage ist, den schwierigen Vorstoß in den Dschungel des gewöhnlichen Lebens und Sterbens zu unternehmen? Wie können wir auf unserer unablässigen Suche nach einem Messias oder Guru, der uns helfen soll, in die Umarmung jenes Unaussprechlichen zu finden, zwischen einem Christus und einem Hitler unterscheiden? Beide sind – auf sehr verschiedene Weise – als Antwort auf die verzweifelte Suche eines Volkes nach Erlösung zu ihrer Größe aufgestiegen. Doch mag eine solche Frage den Unwillen all jener wecken, die davon überzeugt sind, dass sie aufgrund ihrer politischen Einstellung oder ihrer fortgeschrittenen Spiritualität stets von selbst in der Lage sein werden, den Unterschied zu erkennen – nicht nur zwischen einem falschen und einem echten Messias, sondern auch zwischen den liebevollen und den zerstörerischen Seiten der eigenen Persönlichkeit. Ich habe schon viele Astrologen, Heiler und Vertreter der Kirche sagen hören, dass Spiritualität etwas Eigenes sei, das über den Bereich der Psychologie hinausgehe – dass man sie nicht mit dem groben Rüstzeug der Psychologie angehen oder schlecht machen dürfe. Gerade ideologisierende Menschen sind oft von der absoluten Erhabenheit ihrer Motive überzeugt, da es ihnen ja angeblich nur um das Allgemeinwohl geht. Dennoch gehört jede menschliche Erfahrung zum Reich der Psyche und ist folglich auch psychologisch – denn Körper, Geist, Herz und Seele eines jeden Menschen sind es, die wahrnehmen und deuten, was immer wir Realität nennen. Alle Erfahrung ist subjektiv, denn stets ist es ein individuelles menschliches Wesen, das diese Erfahrungen macht. Und wenn unsere politischen und spirituellen Überzeugungen so wertvoll sind, dass sie uns keine Ehrlichkeit in Bezug auf unsere eigenen, nur allzu menschlichen Motive mehr gestatten, was ist dann noch für ein Unterschied zwischen uns und jener mutwilligen, psychischen und körperlichen Destruktivität von Geliebten, Eltern, Kindern, Partnern, Freunden und ganzen Nationen "im Namen der Erlösung"?

Männlicher Name, weibliches Gesicht

Erlösungssehnsucht ist die Sehnsucht nach völliger Auflösung in den vorgeburtlichen Wassern des Mutterleibes und des Kosmos. Astronomen hatten den Planeten so getauft, noch ehe Astrologen darangingen, seine Äußerungsformen im Horoskop zu untersuchen. Es ist wohl unmöglich, das Phänomen einer derartigen Gleichzeitigkeit innerhalb des kausalen Rahmens einer modernen wissenschaftlichen Denkweise zu erklären. Dazu bedarf es eines anderen Bezugsrahmens – und vielleicht sogar einer anderen Weltanschauung. Meinen Erörterungen Neptuns liegen eigene Forschung und Erfahrung sowohl beruflicher als auch persönlicher Art zugrunde, und außerdem beziehe ich mich auf die Werke anderer, die im Bereich der Astrologie – und auf anderen Gebieten – über diesen Planeten geforscht und damit etwas zu unserem Verständnis beigetragen haben. Hätte man ihn nach einem anderen Gott benannt, der nichts mit Wasser zu tun hat – Pan etwa oder Vulkan –, so wäre ich zu dem Schluss gekommen, dass diese Namensgebung falsch ist. Wie die Dinge stehen, ist der gegenwärtige Name gut genug, wenn auch nicht völlig richtig: Neptun hätte nach einer Meeresgöttin benannt werden sollen, nicht nach einem Meeresgott. Jener Ursprung allen Lebens, mit dem wir verschmelzen wollen, trägt zwar einen männlichen Namen, doch er zeigt ein weibliches Gesicht.

"Erlösungssehnsucht ist die Sehnsucht nach völliger Auflösung in den vorgeburtlichen Wassern des Mutterleibes und des Kosmos."

Die Sehnsucht nach Erlösung ist – um den unter Astrologen beliebtesten Schlüsselbegriff für Neptun zu bemühen – verwirrend. Manchmal gibt sie sich als hehres Streben aus nach dem, was uns alle vereint und umgibt. Dann wieder manifestiert sie sich als ein trauriges und oft auch entstellendes Festhalten an der Urfantasie von den Wassern der Gebärmutter – vor der Geburt, als es noch kein Leid gab, keine Trennung und keine Einsamkeit.

Das religiöse Schrifttum ist voll von ausführlichen, bewegenden Beschreibungen des Leids – und die psychoanalytische Literatur ist voll von schwierigen, oft unbeholfenen Beschreibungen von Getrenntheit und Einsamkeit. Beide haben einen wertvollen Beitrag zu unserem Verständnis von Neptun zu leisten. Im Innersten sind sich diese scheinbar so widersprüchlichen Seiten Neptuns gleich. Der Unterschied liegt in der Art und Weise, in der diese besessene Sehnsucht erfahren wird – und in dem Maß, in dem sie Eingang in die individuelle Realität eines Menschen finden und sein Leben verbessern kann. Viele Astrologen belegen Neptun etwas vorschnell mit dem Attribut des "Spirituellen". Dabei gibt es einige so Grauen erregende Bewohner neptunischer Gewässer, dass sich der Weiße Hai neben ihnen wie eine Portion marinierter Hering ausnimmt; diese werden üblicherweise mit Euphemismen wie "Täuschung" oder "Illusion" abgetan. Andererseits liegt oft eine tiefe Bedeutung in dem verborgen, was gemeinhin Pathologie, Sucht oder Wahnsinn genannt wird. Der Einzelne, der unter dem Einfluss jener ganz eigentümlichen, neptunischen Art von Depersonalisierung steht, mag letzten Endes mehr und weiter sehen als der Arzt, der ihn behandelt. Was ist Betrug, was Illusion? Wer täuscht wen und in Bezug worauf? Und wer oder was bietet uns (wie jeder stark neptunisch beeinflusste Mensch fragen könnte) eine so zuverlässige Definition der Wirklichkeit, dass wir mit letzter Gewissheit sagen können, ob jenes Etwas, jener Gegenstand unserer Sehnsucht, nur Opium für das Volk ist, ob es wahrlich und wahrhaftig zu jener großen, transzendenten Einheit gehört, die wir das Leben nennen, oder ob es einfach nur ein anderes Wort für Mutter ist?

"Viele Astrologen belegen Neptun etwas vorschnell mit dem Attribut des 'Spirituellen'. Dabei gibt es einige so Grauen erregende Bewohner neptunischer Gewässer, dass sich der Weiße Hai neben ihnen wie eine Portion marinierter Heringe ausnimmt; diese werden üblicherweise mit Euphemismen wie 'Täuschung' oder 'Illusion' abgetan. Andererseits liegt oft eine tiefe Bedeutung in dem verborgen, was gemeinhin Pathologie, Sucht oder Wahnsinn genannt wird."

Jeder Versuch, Neptun zu verstehen, verlangt von uns, dass wir uns auf verschlungene Wasserwege begeben. Kein Bereich menschlichen Handelns ist frei von der Sehnsucht nach Erlösung, und deshalb müssen wir dazu bereit sein, uns nicht nur mit Individualpsychologie zu beschäftigen, sondern auch mit Mythologie, Politik, Religion, Mode und Kunst. Von einigen Ausnahmen abgesehen zeigt die astrologische Literatur in der Darstellung Neptuns eine eigenartige Beschränktheit – und das, obwohl das umfangreiche psychoanalytische Schrifttum über Hysterie, Trennungsangst, Idealisierung, projizierte Identifikation, Verschmelzung von Selbst und Objekt, Masochismus und Primärnarzissmus fast ausschließlich neptunische Themen behandelt. In astrologischen Texten wird Neptun selten als nur wohltätig dargestellt; für gewöhnlich werden in diesem Zusammenhang Täuschung, Illusion und Abhängigkeit erwähnt, ebenso wie karmische Schuld und Entsagung. Doch diese Begriffe reichen nicht aus, wenn wir dem Klienten, dem Patienten oder uns selbst echte Einsicht vermitteln wollen. Ein Mensch mit Venus oder Mond in schwierigem Aspekt zu Neptun oder mit Neptun im 7. Haus mag in Liebesangelegenheiten sehr wohl zu Täuschungen, Illusionen, Enttäuschung und Entsagung neigen. Doch weshalb? Wenn er sich den emotionalen Gegebenheiten nicht stellen kann, die sich hinter der Neigung verbergen, das Bild des Partners durch Idealisierung zu vernebeln, und wenn diese Person sich nicht mit der schmerzlichen Notwendigkeit innerer Selbstständigkeit befassen mag, dann wird kein noch so großes Maß spirituellen Philosophierens ihn davor bewahren, auf die eine oder andere Weise immer wieder ein bestimmtes Verhaltensmuster zu durchlaufen. Die eigenartige und erstaunliche Passivität, die einen solchen Menschen zuweilen erklären lässt, dies müsse wohl "Karma" sein und deshalb müsse jede Hoffnung auf persönliche Erfüllung einem höheren Zweck geopfert werden, darf so nicht akzeptiert, sondern muss stattdessen herausgefordert und hinterfragt werden. Auch andere Menschen werden in die emotionalen Strudel des Neptunischen hineingezogen, und oft genug können Kinder oder Partner es sich eben nicht leisten, ihr eigenes Unglück durch den Glauben daran zu rechtfertigen, dass höher entwickelte Menschen mehr zu leiden hätten als andere.

"Jeder Versuch, Neptun zu verstehen, verlangt von uns, dass wir uns auf verschlungene Wasserwege begeben. Kein Bereich menschlichen Handelns ist frei von der Sehnsucht nach Erlösung, und deshalb müssen wir dazu bereit sein, uns nicht nur mit Individualpsychologie zu beschäftigen, sondern auch mit Mythologie, Politik, Religion, Mode und Kunst. Von einigen Ausnahmen abgesehen zeigt die astrologische Literatur in der Darstellung Neptuns eine eigenartige Beschränktheit – und das, obwohl das umfangreiche psychoanalytische Schrifttum über Hysterie, Trennungsangst, Idealisierung, projizierte Identifikation, Verschmelzung von Selbst und Objekt, Masochismus und Primärnarzissmus fast ausschließlich neptunische Themen behandelt."

 

Überpersönliches Verlangen oder infantile Regression?

Das kümmerliche Angebot astrologischer Definitionen ist verständlich, denn unser vielgesichtiger Dämon ist überaus veränderlich. Er wechselt seine Gestalt so schnell, dass es schwer fällt, die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Manifestationen zu erkennen. Welcher Art könnte beispielsweise die Beziehung zwischen Hysterie – jener alten Krankheit, die nach Überzeugung der Griechen auf einen wandernden Uterus zurückzuführen ist – und jener rätselhaften Welt okkulter Phänomene sein, die nur wenige Psychiater (mit Ausnahme scheinbarer Exzentriker wie etwa Jung, der die Sonne im Quadrat zu Neptun hatte) einer ernsthaften Untersuchung wert befinden? Welche Beziehung lässt sich herstellen zwischen jenen heiß begehrten "übersinnlichen Kräften", die dem unerfahrenen Entdecker spiritueller Sphären so eindrucksvoll erscheinen, und der Alkohol- und Drogenabhängigkeit, die so viele Leben zerrüttet und zerstört; zwischen Sucht und dem "ozeanischen Schlüsselerlebnis", wie es die transpersonale Psychologie beschreibt; zwischen transpersonaler Psychologie und dem Filmstar; oder zwischen dem Filmstar und der Politik militanter linker Gruppen?

Es ist keineswegs unmöglich, klare Konzepte für die Bedeutung Neptuns als archetypischer Drang innerhalb der menschlichen Psyche zu erarbeiten. Es ist auch nicht schwer, Beziehungen zwischen diesem Planeten und den empirischen Beobachtungen individueller und kollektiver Verhaltensmuster, Komplexe, Gefühle und Weltanschauungen herzustellen. Was wirklich schwierig ist, ist die lästige alte Frage, wann es sich um ein überpersönliches Verlangen handelt, das als solches anerkannt zu werden verdient, und wann um eine infantile Regression, der man einen mitfühlenden Realismus entgegenhalten muss. Und wann ist es beides zugleich? Vielleicht haben wir es hier mit dem eigentlichen Wesen der neptunischen Täuschung zu tun.

"Es ist keineswegs unmöglich, klare Konzepte für die Bedeutung Neptuns als archetypischer Drang innerhalb der menschlichen Psyche zu erarbeiten. Es ist auch nicht schwer, Beziehungen zwischen diesem Planeten und den empirischen Beobachtungen individueller und kollektiver Verhaltensmuster, Komplexe, Gefühle und Weltanschauungen herzustellen. Was wirklich schwierig ist, ist die lästige alte Frage, wann es sich um ein überpersönliches Verlangen handelt, das als solches anerkannt zu werden verdient, und wann um eine infantile Regression, der man einen mitfühlenden Realismus entgegenhalten muss. Und wann ist es beides zugleich?"

Angesichts der vielen Gegensätze, die Neptun zu symbolisieren scheint – von den Extremformen psychischen und körperlichen Verfalls bis hin zu jenem Licht innerer Erkenntnis, das unser ganzes Leben verwandeln kann – ist es praktisch unmöglich, kategorisch zu bestimmen, ob sich das eine für das andere ausgibt oder umgekehrt. Ein tiefes, aber unerkanntes Verlangen nach dem Spirituellen kann sich als Sucht oder resignierter Rückzug von der Wirklichkeit verkleiden, ganz wie auch der so genannte Erleuchtete ein scheinbar erwachsener Mensch mit dem emotionalen Narzissmus eines Kleinkindes sein mag, der gegen das Leben streikt und sich weigert, sein Traumland zu verlassen. Der stets sich selbst aufopfernde Elternteil, Liebhaber oder Ratgeber kann sich als alles verschlingender Krake entpuppen, ebenso wie das vermeintliche menschliche "Treibgut" – der Dieb, die Prostituierte, der Süchtige oder der Landstreicher – vielleicht mehr echtes menschliches Mitgefühl aufzubringen vermag als eine ganze Armee von Ärzten, Psychologen, Sozialarbeitern und Politikern, die ihre Liebe zur Menschheit demonstrativ in löblichen Worten und Handlungen dartun.

Das Problem der moralischen Ungewissheit

Wie schon die Hexen in Macbeth sagen:
Fein ist faul und faul ist fein. Lauernd wolln wir Dunst im Nebel sein.

Die Schwierigkeit mit Neptun liegt nicht darin, dass es keine psychologischen Modelle gäbe, die uns ein etwas reichhaltigeres Vokabular bieten als nur die Begriffe "Täuschung" und "Illusion"; sie liegt vielmehr in der mit der Erlösungssehnsucht einhergehenden moralischen Ungewissheit, die uns manchmal buchstäblich in den Wahnsinn treiben kann. Man mag sich scheinbar gutmütig über die maßlose Gier hinwegtäuschen, mit der sich ein Säugling an die auf immer verschlossene Tür des Mutterschoßes klammert. Man kann aber auch tatsächlich mit einer höheren Wirklichkeit in Verbindung stehen, die alle Getrenntheit bedeutungslos werden lässt, so dass die eigenen Schöpfungen und Taten von der heilsamen Kraft jenes anderen Reiches gesegnet sind – obwohl sich der individuelle Mensch oft der Gabe nicht bewusst ist, die er da besitzt. Jedenfalls kann man sich nie ganz sicher sein – am allerwenigsten seiner selbst. Gerade dann, wenn man restlos von der eigenen Unschuld überzeugt ist, gerät man mit Neptun am leichtesten auf den Holzweg. Gerade wenn der oder die Einzelne glaubt, er oder sie sei zweifellos verliebt, wird der Einfluss unbewusster Elternkomplexe am deutlichsten sichtbar. Und gerade wenn man die entwürdigende Erfahrung macht, dass die eigene Persönlichkeit zusammenbricht oder sich auflöst, nähert man sich einem fremdartigen, diffusen Licht: einer magischen Tür zu heiligen Geheimnissen, die – ähnlich wie jene der Melusine – sofort wieder verschwinden, wenn sie in das kalte Licht dessen getaucht werden, was gemeinhin für geistige Gesundheit gilt.

"Es gab schon immer ein merkwürdig flexibles Austauschverhältnis zwischen dem so genannten Wahnsinn und dem so genannten Einssein mit dem Göttlichen. Für die alten Griechen war der Wahnsinn ein Zustand, in dem man von einem Gott besessen war. Dem mittelalterlichen Christen galt der Wahnsinn als ein Zustand, in dem man von einem Teufel besessen war – was nichts anderes ist als eine etwas einfachere Art, das Gleiche zu sagen. In psychiatrischen Begriffen gesprochen ist der australische Eingeborene, der sich auf eine scheinbar ziellose Wanderung in den Busch begibt, vorübergehend geisteskrank; doch in seinem eigenen Sinnzusammenhang hat er sich mit dem Land und mit seinen Vorfahren vereinigt."

Es gab schon immer ein merkwürdig flexibles Austauschverhältnis zwischen dem so genannten Wahnsinn und dem so genannten Einssein mit dem Göttlichen. Für die alten Griechen war der Wahnsinn ein Zustand, in dem man von einem Gott besessen war. Dem mittelalterlichen Christen galt der Wahnsinn als ein Zustand, in dem man von einem Teufel besessen war – was nichts anderes ist als eine etwas einfachere Art, das Gleiche zu sagen. In psychiatrischen Begriffen gesprochen ist der australische Eingeborene, der sich auf eine scheinbar ziellose Wanderung in den Busch begibt, vorübergehend geisteskrank; doch in seinem eigenen Sinnzusammenhang hat er sich mit dem Land und mit seinen Vorfahren vereinigt. Ebenso begibt sich der Schamane in eine ekstatische Trance, die jedoch aus der Perspektive eines rationalen Bewusstseins nichts anderes ist als ein psychotischer Schub. Neptun kann die höchsten und erhabensten menschenmöglichen Manifestationen von Liebe, Gnade und kreativer Schau symbolisieren, sobald die erdenschwere Illusion der Getrenntheit einer Einsicht in die letztendliche Einheit alles Seienden Platz macht. Gleichermaßen kann Neptun aber auch die verzweifeltsten und destruktivsten Impulse verkörpern, zu denen Menschen fähig sind, solange sie sich noch nicht mit ihrer Angst vor der Einsamkeit und dem Tod auseinander gesetzt haben. Welche Entsprechung trifft nun wirklich zu? Wahrscheinlich beide.

Eine "heilige Kuh"

Das neptunische Reich kann für viele Menschen ein beträchtliches Problem sein, weil es eine Art "heilige Kuh" darstellt, die nicht mit der gleichen Sorgfalt untersucht werden darf wie alle anderen Bereiche menschlicher Erfahrung. Ich riskiere also ein gewisses Maß an Gegnerschaft seitens meiner Leserinnen und Leser, wenn ich die Heiligkeit von Opfern und das strahlende Ansehen, das die Selbstlosigkeit genießt, hinterfrage. Ein solches Hinterfragen wird keine Ungeheuer zutage fördern und auch keine unerreichbaren Götter, sondern lediglich menschliche Wesen, die jedoch auch ohne jede weitere Mystifizierung schon geheimnisvoll genug sind. Doch gerade diese grundlegende Menschlichkeit ist in der Welt des Neptunischen so schwer unterzubringen, denn die Menschlichkeit besitzt einen allzu großen Anteil an dem, was die Orphiker das Titanische nannten – die Quintessenz des Saturnischen, das zugleich der ewige Widersacher und die ewige Ergänzung des Neptunischen ist. Leider sind es oft gerade Menschen mit der lebhaftesten Fantasie und Vorstellungskraft, die mit der linken Hand sabotieren, was sie mit der Rechten aufbauen, während sie sich verzweifelt wünschen, ihre Möglichkeiten verwirklichen zu können. Auf diese Weise verstricken sie sich unwiderruflich in materielles Unglück, Krankheit und führen ein Dasein als emotionales und körperliches Opferlamm. Nie können sie ihren ganzen inneren Reichtum zum Ausdruck bringen, denn auf einer sehr tief gehenden und anderen scheinbar unzugänglichen Ebene sind sie davon überzeugt, dass ihr Leid sie in den Augen jenes Etwas, nach dem sie streben, reiner und annehmbarer erscheinen lässt. Wenngleich ich – wie alle anderen Menschen auch – zugeben und anerkennen muss, dass zum Leben auch Leiden und Opfer gehören, hege ich doch tiefe Zweifel an der Art und Weise, in der diese Begriffe verwendet und missbraucht werden, und ich frage mich oft, was sich dahinter verbirgt.
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Entnommen aus
Liz Greene:
Neptun - Die Sehnsucht nach Erlösung.
Chiron Verlag, Tübingen, 2003.
Vorwort leicht gekürzt und bearbeitet.

 

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