In Brandens Spielkreis war es mal wieder Zeit für die Abschlussrunde. Als die Kinder sich zusammen auf die Matte stellten, blieb ein kleiner Junge außerhalb des Kreises stehen, sichtlich betrübt. Als der Leiter ihn fragte, ob etwas nicht stimmte, brach er in Tränen aus: "Da ist kein Platz für mich." Ich erinnere mich noch daran, was mein sensibler Sohn mit Waage-Mond daraufhin sagt. Er klopfte auf den Platz neben sich und rief vergnügt: "Hier ist noch Platz!"
Doch der unglückliche kleine Kerl wollte den Platz neben Branden nicht. Auch neben dem Gruppenleiter wollte er nicht stehen, wo er gezwungen gewesen wäre, das Abschlussritual mitzumachen, wo alle sich an den Händen fassen und gemeinsam rufen: "Wir sind fantastisch!!" Nach dem Treffen trottete er traurig hinter seiner Mutter her über den Parkplatz zum Auto. Er hatte wahrscheinlich zum ersten, doch sicherlich nicht letzten Male die "Uranus-Zone" betreten, diesen seltsamen Raum, in den wir nicht zu passen scheinen, und davon überzeugt sind, dass es einen anderen, besseren Ort gibt, an den wir besser passen. In der Uranus-Zone sind wir die quadratische Figur, die auf einem Feld voll runder Löcher steht. Wir wissen, dass wir anders sind. Wir haben den starken Verdacht, dass wir sogar schlauer als der Rest sind. Wir rebellieren. In dieser Zone sind wir erfinderisch, progressiv und kreativ. Wir empfinden den Drang, Dinge zu verbessern. Doch wir mögen die Gesellschaft nicht immer, der unsere Kreativität dienen möchte. Und sie mag auch uns nicht immer. Donna Cunningham bemerkte einmal, dass sich in dem Symbol für Uranus eine umgekehrte Venus verbirgt. [1] Uranus stellt das Prinzip des Bezogenseins auf den Kopf. Mit Uranus sind wir häufig befremdet und verwirrt, dazu verdammt, uns unendlich einzigartig zu fühlen.
Viele Menschen haben mir gesagt, dass Sie anfingen, sich für Astrologie zu interessieren, nachdem ein Astrologe Ihnen mit großer Exaktheit eine verblüffende, persönliche Wahrheit ins Gesicht gesagt hat. Und überraschend häufig lautet diese Wahrheit ungefähr so: "In Ihrem Horoskop steht, dass Sie nicht wie jedermann sind. Sie gehören einer anderen Spezies an, sind ein Geist aus einem anderen Reich, ein Fremder, der seine wahre Heimat sucht." Ich kann den Reiz einer solchen Verkündung gut nachvollziehen. All die schmerzhaften Wunden, nicht dazu zu gehören – in der eigenen Familie ("Wer sind diese Leute? Welcher lahme Storch hat mich hier auf dem Weg zu meiner wahren Heimat einfach abgeworfen?"), in der Schule ("Warum mag mich keiner? Warum gehöre ich nicht dazu?"), in der schmerzhaften Isolation der Pubertät ("Ich passe nirgends hin. Ich muss verstecken, wer ich wirklich bin.") – all die einsamen Kapitel des sich fremd und missverstanden Fühlens finden endlich eine Erklärung und Entschuldigung.
Aliens anhand ihrer Horoskope zu identifizieren, ist eine Technik, die ich nicht beherrsche. Es hat wahrscheinlich etwas mit Uranus zu tun, doch das Ganze kam mir immer etwas verdächtig vor. Wenn ich nämlich Außenseiter mithilfe der Astrologie finden kann, dann muss ich auch Insider damit finden können, also einige der berüchtigten Namenlosen, die total dazu gehören! Und wie sieht das dann im Horoskop aus? Und inwiefern hilft es überhaupt weiter, zu wissen, dass man nicht dazu gehört? Nehmen wir einmal an, einige von uns seien wirklich fehlplatzierte Geister aus einer anderen Welt. Und jetzt? Ist es dann unser unglückliches Los, den Fehler hier auszusitzen? Oder sollten wir einer Gruppe ähnlich fehlplatzierter Seelen beitreten, eine tödliche Dosis Gift zu uns nehmen und uns ins Mutterschiff hoch beamen lassen?
Ich möchte hiermit nicht unser schmerzhaftes Gefühl des Fremdseins in Abrede stellen. Einer der schlimmsten Augenblicke meines Lebens als junge Mutter war, als ich erlebte, wie drei Jungs meinen Sohn auf dem Spielplatz völlig schnitten. Sie waren ungefähr in seinem Alter, rannten im Sandkasten hin und her, spielten auf der Rutsche und hatten großen Spaß miteinander. Branden warf ihnen drei freundliche "Hallo" zu und versuchte es dann mit ein paar "Hi du, wie heißt du"?, gefolgt von "Ich habe einen Hund". Die Jungs kicherten und schienen ihn nicht zu hören. Branden stand einfach nur da und sah den Jungen zu, wie sie schaukelten. Ein paar Minuten später stellte er sich zu ihnen und lachte mit ihnen, als hätten sie ihn an ihrem Witz teilhaben lassen. Sie schauten ihn nicht einmal an. Still kehrte er zu seinem Auto zurück. Er – und auch ich – waren am Boden zerstört.
Es ist der Instinkt einer Mutter, die Niederlage ihres Kindes in einen heimlichen Sieg verwandeln zu wollen ("Natürlich passt du nicht zu denen, du bist klüger und besser, du bist etwas ganz Besonderes..."). Astrologen leiden häufig am gleichen Syndrom. Wir benutzen Horoskope, um Menschen zu erheben, ihre Psyche zu trösten und ihren Schmerz zu lindern. Wir konzentrieren uns auf die Einzigartigkeit in jedem Horoskop und wie sie aus jedem etwas Besonderes macht. Diese Vorgehensweise hat nur einen Haken: Wir haben alle das gleiche Sonnensystem im Horoskop. Menschen mit ein paar astrologischen Anfängerkenntnissen sprechen häufig von "meinem Pluto" oder "meinem Uranus", als wären die Planeten unser Eigentum. Doch der gleiche Uranus steht in jedem Horoskop. Und das bedeutet, dass jeder Mensch diese Augenblicke des Fremdseins erfährt. Nicht dazu zu gehören ist eine universelle Erfahrung. Unsere Herzen werden eben immer mal wieder gebrochen.
Einen Uranus im Horoskop zu haben, bedeutet, dass es zum Leben gehört, aus der Bahn geworfen zu werden. Vielleicht waren Sie der letzte, der bei Ballspielen gewählt wurde. Oder die anderen Kinder haben Sie ausgelacht, als Sie in dem Kleidungsstück in die Schule kamen, das ihre Großmutter für Sie genäht hat, weil Ihre Mutter kein Geld hatte oder nichts Modernes kaufen wollte. Gerade, als Sie Freunde gefunden hatten, zog Ihre Familie um. Sie entdeckten, dass Ihre Eltern Schwächen haben, ihre Gunst wieder zurücknahmen, einander betrogen oder einfach starben. Sie verloren Ihren Job, wurden von der Schule geworfen, ein Betrunkener am Steuer war verantwortlich für den tödlichen Unfall Ihrer Schwester, Ihr Neffe beging Selbstmord, jemand vergriff sich an Ihrer Tochter. Uranus bringt das Erwachen mit.
Wir betonen gern die schillernde Seite seiner Welt: Erleuchtung, Inspiration, Freiheit und Veränderung! Doch nicht selten ist das uranische Erwachen sehr hart. "Durchbrüche" sind auch uranisch; doch wie das Wort schon sagt, muss zunächst etwas zerbrochen werden, bevor man durch kommt. Und während der Rest der Welt in dieser Zeit die gleiche Melodie zu summen scheint, fühlen Sie sich einsam und verlassen.
Wenn wir von Uranus aus der Bahn geworfen werden, geschieht etwas Unerwartetes. In unserer Verzweiflung greifen wir nach etwas, und wie ein Blitz aus heiterem Himmel kommt es auf uns hernieder. Unsere Perspektive verändert sich und wir haben eine plötzliche Erkenntnis. Es war nichts, das wir auf einem Supermarktregal oder in den Abendnachrichten hätten finden können; es war auch nicht das, was unsere Mutter uns seit Jahren gesagt hat. Uranus ist der höchste Himmelsgott und seine Lösungen werden im Unsichtbaren geboren, jenseits dem Konsens der Realität. Aus den Stürmen der Unzufriedenheit kommt ein Geschenk der Göttlichen Intelligenz, ein Blitz des Erkennens, der zuvor so nicht möglich war. Uranus lädt uns auf und verändert uns. Er fegt uns von der einen Straße hinunter und setzt uns auf einer anderen wieder ab. Er ist das, was unsere Zukunft von unserer Vergangenheit unterscheidet.
Schauen Sie sich einfach mal ein paar Werbeblöcke im Fernsehen an und Sie könnten meinen, dass Menschen Neues und Improvisiertes lieben. Doch in Wirklichkeit scheuen wir uns vor Veränderung. Der Kosmologe Brian Swimme machte eine interessante Bemerkung über den Fortschritt des Menschen. "Wir haben lange Zeit angenommen", so schreibt er, "dass Menschen sich mit neuen Entdeckungen immer sofort befasst haben, wie zum Beispiel mit dem Pflanzen von Samen und dem Zähmen von Tieren". [2] Warum sollte es auch nicht so sein? Was für eine fantastische Idee! Kein Nomadentum mehr. Keine Graszelte mehr. Keine kalten Nächte mehr unter den Sternen und Tage, die mit Nahrungssuche vergehen. Endlich mehr Bequemlichkeit! Und doch wollten die Jäger und Sammler, wie Swimme anmerkt, höchstwahrscheinlich gar nicht sesshaft werden. Reisen gehörte zu ihrem Leben. Ihre Entwicklung zu Siedlern wurde möglicherweise aus der Not geboren. Vielleicht wurden die Menschen innerhalb einer Gruppe zu zahlreich oder die klimatischen Bedingungen erschwerten ihre Vorratshaltung. Anders gesagt, sie wurden womöglich schreiend und zeternd in ihre Zukunft gezogen.
Die biologische Systemtheorie lehrt, dass in offenen nichtlinearen Systemen, wie soziale Gruppen und Ökosysteme (oder auch in der psychologischen Struktur, die wir als Ego kennen), eine allgemeine Neigung in Richtung Ordnung und Stabilität besteht. Die meisten Zusammenhänge wollen einfach so bleiben wie sie sind. Veränderung braucht daher Instabilität. Ungleichgewicht. Anarchie. Wenn ein System zerstört wird, reagiert es darauf mit einer Neuorganisation. Auf diese Weise funktionieren Paradigmenwechsel. Ohne ein gewisses Maß an Unbequemlichkeit in unserem Uranus-Haus oder bei den Planeten, die er aspektiert, wird niemals unser bahnbrechendes Denken aktiviert. Warum sollten wir den Status Quo herausfordern, wenn wir nicht unglücklich darüber wären? Bei Uranus haben wir es immer mit einer Entfremdung, Entwurzelung, mit einem Trauma zu tun. Wir sollten deshalb nachsichtig auf die neurotischen Eigenheiten reagieren, die häufig mit diesem Archetypus assoziiert werden – die Zurückhaltung, die geistige Abwesenheit, die Unruhe, die Arroganz, die Sturheit, der revolutionäre Eifer. Diese sind womöglich ein geringer Preis, den wir für die positiven Seiten von Uranus zahlen. Er inspiriert unseren Genius. Wir können mit ihm erschaffen und befreien, uns selbst und die Menschheit aus dem alten Trott herausholen.
Mit oder ohne Träume, die göttliche Intelligenz benutzt Uranus, um uns ungewöhnliche Ideen zu zu flüstern. "Wie wäre es mit einem Nasenring?" fragt er, lange bevor Nasenringe in Mode kommen. Wir Astrologen verbinden Uranus mit radikalen Visionen und einem leidenschaftlichen Freiheitsdrang. Seine intellektuelle Brillanz steht häufig im Widerspruch zu Autoritäten, seine Kreativität verlacht kulturelle Konventionen. Seltsamerweise passen diese Eigenschaften gar nicht auf den mythologischen Uranus bzw. den griechischen Ouranos. Aus genau diesem Grund behauptet der Historiker und Philosoph Richard Tarnas, dass Uranus einer der Planeten sei, der von den Astronomen falsch benannt worden ist. [3] Ouranus ist laut Mythologie nämlich alles andere als progressiv und geradezu ein abschreckendes Beispiel für das Festhalten am Status Quo. Der Himmelsgott widersetzte sich jeglicher Veränderung, indem er systematisch alle seine Kinder in den Leib ihrer Mutter Gaia zurück drängte. Eine besser geeignete archetypische Figur, so Tarnas' Vorschlag, sei Prometheus, der trickreiche Titan, der den Göttern das Feuer stahl und so die Menschheit einen großen Schritt voran brachte.
Tarnas untersuchte die Horoskop revolutionärer Denker im Laufe der Geschichte und entdeckte, dass eine beeindruckende Mehrheit dieser Menschen von einem starken Uranus-Einfluss geprägt wird. Unter ihnen sind zum Beispiel die großen Protagonisten der wissenschaftlichen Revolution – Kopernikus, Kepler, Galileo, Descartes und Newton. Alle haben Uranus in einem Hauptaspekt zur Sonne, so wie auch Rousseau, dessen Schriften die französische Revolution beeinflussten, und Jefferson, eine zentrale Figur in der amerikanischen Revolution. Zu den umstürzlerischen Frauen mit Sonne-Uranus-Aspekten gehören Marie Curie, Margaret Mead, Gertrude Stein, Mary Shelley, George Sand, Susan B. Anthony und Simone de Beauvoir. Innovative Denker wie Benjamin Franklin, Charles Darwin, Sigmund Freud, Jean-Paul Sartre und Stephen Hawking haben Uranus im Aspekt zu Merkur.
Quelle: AstroDatabank
Marie Curie, 7. November 1867, 10.36h, Warschau, Polen
Kronos schneidet Ouranos seine Genitalien ab und wirft sie ins Meer. Es gibt keine demütigendere Erfahrung als die, zu kapieren, dass wir der Welt unsere Ideen nicht aufzwingen können. Egal wie brillant sie sein mögen, es gibt Grenzen für das, was ein Individuum fertig bringen kann. Viele von uns geben einfach auf. Doch das, was als nächstes im Mythos geschieht, könnte uns Mut machen: Aus dem Schaum des Ozeans wird die strahlende Venus geboren. Nach dem Kampf kommt die Schönheit. Dies ist das Stadium, in dem der transformierte Uranus endlich von der Gesellschaft akzeptiert wird. Nachdem unsere Idee auf Kronos gestoßen ist, wird sie schön; durch die Zeit oder durch das Arbeiten an ihr, vielleicht sogar durch den Verlust von Potenz und Macht, erhält unsere Innovation eine eigene Anziehung. Entweder kommt die Welt nun endlich mit oder wir selbst geben nach und passen uns den Begrenzungen der Realität an, experimentieren mit Alternativen und nehmen die Gedanken anderer mit hinzu. In der dritten Phase des uranischen Prozesses, wenn wir unsere Individualität mit dem kollektiven Ozean verbinden, erschaffen wir unerwartetes, neues Leben. Manchmal muss sich selbst ein Himmelsgott verändern.Übersetzt aus dem Englischen von Sabine Bends
19-Mai-2013, 07:08 Weltzeit | ||||
![]() | Sonne | 28 | 28'31" | |
![]() | Mond | 11 | 24'40" | |
![]() | Merkur | 7 | 22'13" | |
![]() | Venus | 11 | 52'52" | |
![]() | Mars | 21 | 15'21" | |
![]() | Jupiter | 21 | 24'51" | |
![]() | Saturn | 6 | 40'52"r | |
![]() | Uranus | 11 | 10' 3" | |
![]() | Neptun | 5 | 16'32" | |
![]() | Pluto | 11 | 15'57"r | |
![]() | Mondkn.(w) | 16 | 47'34" | |
![]() | Chiron | 13 | 28' 6" | |