Den Stier reiten

Von Dana Gerhardt

illustrationStellen Sie sich vor, Sie hätten im Kindergarten die Monatsnamen nicht auswendig aufgesagt; sondern stattdessen den Jahresverlauf über den Himmel erfahren, indem Sie beobachteten, welche Sterne am Morgen aufgehen. Wenn Aldebaran erschien - der hellste Stern im Sternbild Stier - hätten Sie mit sechs Jahren gewusst, dass Sie endlich Ihr Fahrrad kriegen würden. Wenn einen Monat später Rigel auftauchte, hätte Ihre Mutter süsse Beeren gesammelt und einen Kuchen damit gebacken. Wenn der Sommer seinen Höchststand erreichte, wären Sie lange aufgeblieben und hätten zugeschaut, wie der Mond grösser wurde und alle Dächer in der Nachbarschaft erhellte. Sie wären traurig gewesen beim Anblick des abnehmenden Halbmonds. Es bedeutete, dass Sirius bald aufgehen und die Schule wieder beginnen würde.

Stellen Sie sich vor, Sie würden immer noch den Himmel beobachten und jedes Jahr auf Aldebaran warten, das linke Auge im Sternbild des Stiers. Sie liebten es, wie er eine Fülle von Erbeeren und Wassermelonen im Supermarkt ankündigte. Sie würden den Mondzyklus beobachten und sich ein Versprechen geben, während der drei Tage des Neumonds mit Wassermelonensaft zu fasten, um klar und stark zu sein, wenn Rigel erschien. Natürlich wäre es unvorstellbar für Sie, morgens oder abends nicht in den Himmel zu schauen.

Stellen Sie sich vor: die Sterne - freundlicher als die Uhr und verlässlicher als Ihr iPhone - würden Ihr Leben in dem Masse beglücken, wie Sie das Leben der Sterne ehrten. In jedem Haus in Ihrer Nachbarschaft gibt es eine Fensterreihe nach Osten. Und im östlichsten Fenster Ihres Hauses im Schlafzimmer Ihrer Tochter würde eines Tages im Spätsommer Rigel vor der Morgendämmerung erscheinen und ankündigen, dass es Zeit sei, einen neuen Schulrucksack und Schulkleider zu kaufen.

Natürlich leben wir heute nicht so. Wir schauen mehr hinunter als hinauf, weil unsere Augen fixiert sind auf die kleinen elektronischen Geräte in unsern Händen. Ich stelle mir vor, wie ich dies einem Vorfahren erklären würde, einem, der so regelmässig den Himmel konsultiert wie ich meinen Blackberry. "Oh Ahne, ich brauche weder die Jahreszeiten noch den Mond. Ich verändere wegen der Sonne auch nicht meine Arbeit oder meine Diät. Ich kann mit meinem Auto in einem Tag so weit reisen wie du in drei Monaten zu Fuss. Ich habe ein Haus, das gross genug wäre, ein kleines Dorf zu beherbergen, obwohl wir nur zu dritt sind. Und im Winter haben wir so warm, wie unsere Heizrechnung hoch ist."

"Keine Sonne, kein Mond, keine Sterne?" Auf dem Gesicht meines Vorfahren zeichnet sich Verwirrung ab, eine Flut von Gedanken wogt heftig bis eine einzige Frage aus ihm herausbricht: "Aber wen preist und zu wem betest du dann?"

Der Stil des Stiers

Von 4000 bis 1700 v. Chr. stieg das Sternbild Stier bei der Frühjahrs-Tagundnachtgleiche auf. Es kündigte die Wiedergeburt des Frühlings an, weshalb heilige Stiere und Kühe überall in Mythologien der antiken Welt vorkommen; ihre Bilder wurden in Tempeln und Höhlenzeichnungen gefunden, auf Schmuck, Gefässen und Münzen. Unsere Vorfahren folgten den Sternen. Sie ernteten Nahrung aus der Erde und hörten auf Botschaften von den Göttern. In einer einzigen Geste vereinten sie drei Tugenden: das Praktische, das Natürliche und das Mystische. Heute trennen wir diese Dinge und synchronisieren unser Leben mit den effizienten Rhythmen der Maschinen. Obwohl wir geschäftig und schnell sind, zeigen uns die Strassen viel Wut und Leid. Etwas in uns, das sich danach sehnt, Geist, Erde und Himmel mit unserem täglichen Leben zu verweben, bleibt klar unbefriedigt. Diese Ganzheit ist das Geschenk, das uns der Stier offerieren kann. Aber wie stellen wir das wieder her? Vielleicht wird Herkules uns zeigen, wie.

heracles sculptureFür seine Stier-Aufgabe muss Herkules einen Stier fangen (wie zu erwarten war). Poseidon hat, aus Gründen, die wir später untersuchen wollen, den kretischen Stier in den Wahnsinn getrieben. Dieser ist aus der Herde von König Minos ausgerissen und tobt nun durch die Landschaft. Dem Befehl von König Eurytheus gehorchend, hält Herkules Kurs auf Kreta, findet das schöne Tier, nimmt es an die Leine und reitet es zurück zu Eurytheus. Dieser ordnet an, den Stier wieder in die Freiheit zu entlassen, wo er noch einige Jahre lang grosse Zerstörungen anrichtet, bevor er schliesslich von Theseus erlegt wird.

Was für eine seltsame Geschichte! Normalerweise geht Herkules bis ans Ende der Welt für seine Aufgaben und verliert dabei Männer und manchmal auch sein Herz. Mit übermenschlichem Witz und Stärke stellt er sich gewaltigen Feinden, findet magische Objekte, formt das Land neu und ringt mit Göttern. Seine Stier-Mission beinhaltet keine solchen Dramen. Kreta liegt nahe. Der Stier fügt sich leicht. Der Ritt zurück verläuft ohne Zwischenfall. Und als die Arbeit getan ist, macht der Stier wieder das, was er zuvor getan hat, bis ein anderer Held kommt und die Geschichte beendet.

Wenn es wahr ist, dass es ursprünglich nur zehn statt zwölf Arbeiten waren, wie C. Kerenyi behauptet, gehört diese sicher zu den späteren Beigaben.[1] Aber die Rechtmässigkeit dieser Geschichte zu erforschen ist nicht unsere Absicht. In meiner Zuordnung der Arbeiten zu den Sternzeichen folge ich einer jüngeren Tradition, die sich an Alice Bailey anlehnt. Sie war eine von mehreren Theosophen, die unsere heutige Art, Astrologie zu betreiben, geprägt haben. Wir werden also Bailey's Schema [2] akzeptieren und die Botschaft der Stier-Aufgabe zu verstehen versuchen. Möglicherweise finden wir gerade in ihrer Ungezwungenheit eine wichtige Stier-Lektion.

Obwohl die Handlung ohne Zwischenfall verläuft, können wir sagen, dass Herkules Übermenschliches leistet in dieser Geschichte: weil er nicht die geringsten Schwierigkeiten hat! Das wirkliche Leben ist nie so leicht, aber vielleicht ist das gerade der Zweck des Stiers, es leicht zu machen. Herkules findet sein Ziel ohne Verzögerung, unterwirft das Tier ohne Kampf und reitet es geduldig heim. Wir sehen unsere Helden gerne angreifen, die Keulen schwingen und ihre Widersacher beherrschen, aber das sind männliche Eigenschaften und Stier ist ein weibliches Zeichen. Seine Ziele sind Einfachheit, Sicherheit und Frieden. Seine Tugenden beinhalten Empfänglichkeit und Akzeptanz. Herkules lässt sich davon leiten in seiner Arbeit. Er folgt den Hinweisen, um den Aufenthaltsort des Tiers zu finden, spürt das Temperament der Kreatur und, nachdem er sie beruhigt hat, führt er sie sanft davon. Herkules protestiert nicht einmal, als der König sagt: "Lass den Stier frei", als sei seine Arbeit umsonst gewesen. Herkules tritt einfach zur Seite, damit das Schicksal (und ein anderer Held) übernehmen können.

Für seine Stier-Mission verhandelt Herkules das Heldentum neu, um mehr weibliche Werte zu integrieren. In der Moderne haben viele, die den Kontakt zur Erde und zum Himmel verloren haben, sich auch abgetrennt von der Kraft des weiblich Göttlichen. Robert Hand meint, unsere Kultur tendiere dazu, das männlich Aktive zu verehren und das weiblich Passive zu verunglimpfen, weil sie deren Rolle - und die Rolle von Stier - als Nährboden für kreative Manifestationen nicht wirklich verstanden hätte.[3] Stier ist der Behälter, der es der Energie erlaubt, sich auf der physischen Ebene zu manifestieren; er zieht den kreativen Funken des Widders in eine Form. Seine Tätigkeiten sind weiblich: Er fügt sich, statt zu unterwerfen, er fühlt sich lieber zugehörig, als zu kämpfen, er bevorzugt Pflege statt Vernichtung. Er harmoniert mit dem grossen Ganzen. Er kann auch heftig und beschützend sein, wenn es nötig ist. Ebenso wie weibliche Gottheiten wüten und schmollen können, kann auch der Stier Dampf ablassen, stampfen und angreifen, um seine Ruhe zu beschützen. Stiere sind natürlich männlich; aber wir sollten nicht vergessen, dass das Sternzeichen Stier von Venus regiert wird und somit seine Anweisungen vom weiblich Göttlichen erhält.

Jedes Tierkreiszeichen korrigiert die Exzesse seines vorhergehenden Zeichens, und Stier ist da keine Ausnahme. Robert Hand schreibt: "Stier ist die Lösung für fast alle Unzulänglichkeiten des Widders."[4] Die Widder-Energie ist initiierend und mutig, aber auch reizbar, sprunghaft und zerstreut; sie ist feurig, rau, und - wie die Gärtner wissen - der Mond in diesem Zeichen ist unfruchtbar. Im Kontrast dazu ist der Stier kühl, weich und fruchtbar; er ist stabil, ausdauernd und kann seine Energien auf Wachstum hin bündeln. Ohne Widder würde es keine Samen geben; ohne Stier gäbe es keine Gärten.

Venus MalereiDer Stier fühlt sich am wohlsten in der physischen Welt. Darum ist es vielleicht am passendsten, dieses Zeichen über die körperliche Empfindung zu betreten. Stellen Sie sich Herkules vor, wie er die Flanken des kretischen Stiers berührt. Können Sie die Schlüsselwörter des Stiers als reale Empfindungen erleben? Fühlen Sie die Stabilität, die Loyalität und die Geduld des Stiers, seine Sinnlichkeit und seine Hingabe beim Grasfressen. Vielleicht spüren Sie aber auch sein Naturell, die Befugnis, anzugreifen oder die Hufen in die Erde zu graben. Je nach Wochentag fühlen Sie vielleicht eine ausgesprochen träge Energie, eine gewohnheitsliebende, langsame, auch schönheitsliebende und dankbare für die natürliche Welt. Stellen Sie sich vor, wie Sie auf dieses Tier steigen und es reiten wie Herkules, langsam und stetig Ihrem Ziel entgegen. Können Sie sich vorstellen, auf diese Weise durch die Landschaft Ihres Stier-Hauses zu reiten - mit Ihren Freunden, wenn Stier in Ihrem 11. Haus steht, täglich an Ihrem Arbeitsplatz, wenn sich Stier in Ihrem 6. Haus befindet, mit Ihrem Partner, wenn Stier Ihr 7. Haus regiert? Fühlt sich das langsame Tempo und der sinnliche Genuss des Stiers hier angenehm oder lästig an? Fühlen Sie sich zu Hause in diesem Haus - wie Ferdinand, der auf einer süssen Weide Blumen frisst? Oder fühlen Sie sich wie ein Stier im Porzellanladen, der mit seinen Hörnern die Teller von den Regalen stösst?

Der Bulle ist eine nützliche Metapher für das Sternzeichen Stier, aber wenige von uns leben heutzutage in der Umgebung von echten Bullen. Trotzdem gibt es viele Gelegenheiten, dieses Zeichen zu fühlen und zu berühren. Gehen Sie in eine Stier-Umgebung: üppige Gärten, Kunstgalerien, Banken und Börsenmakler, Bäume, Teppiche, in Keller, umgeben von Ihren Besitztümern, in die Nähe von Kupfer oder Kühen. Spüren Sie nach, was diese Plätze und Objekte unsichtbar in die Wirklichkeit zieht. Erlauben Sie es diesem Feld, Sie zu durchdringen. Berühren Sie sooft wie möglich Stier-Objekte mit grosser Aufmerksamkeit: Ringe, Böden, wertvolle Steine, Ihr Scheckbuch, Musikinstrumente, Lilien, Ihr Portemonnaie, Moos. Machen Sie es sich zur Gewohnheit, der Musik des Stiers zuzuhören: einem Chor in einem Lied, dem Klingeln einer Registrierkasse, einem grunzenden Schwein. Werden Sie sich der von Stier regierten Körperpartien bewusst: Ihre Schädelbasis, Ihre untere Zahnreihe, die Unterlippe, das Kinn, Ihr Kiefer, die Ohren und Ihre Kehle. Verbinden Sie sich lautlos mit dem Urgrund Ihrer Stimme.

Wie fühlen sich Planeten im Stier an? Stellen Sie sich Merkur, Saturn oder Venus in dessen fixer, erdiger und empfänglicher Qualität vor. Stellen Sie sich als diese Archetypen in diesem Zeichen vor. Es könnte sich anfühlen, wie wenn Sie in einem Baumstamm gehalten wären, und in dieser Baumposition würden Ihre Arme von der Sonne gewärmt, Ihre Blätter vom Wind gestreichelt, und der Himmel wäre weit geöffnet für Ihre Äste. Sie sind verankert; Sie können so viel halten - Ameisen, Vögel, Spinnen und Eichhörnchen. Wie fühlt es sich an, für immer an einen Ort gebunden zu sein? Gefällt das dem schnellen Merkur? Wie geht es der genussfreudigen Venus damit? Was nährt Sie? Fühlen Sie Ihre Wurzeln, wie sie sich tief in die Erde versenken und sich die Nahrung aus diesem dunklen, beständigen Speicher holen. Stellen Sie sich Ihre Reaktion vor, wenn Sie geschlagen würden, Ihre Rinde geritzt oder geschält würde, wenn Ihre Äste von Holzarbeitern geschnitten oder von einem Sturm verwüstet würden, wenn Ihr Baumstamm von einem Blitz gespalten würde. Wie würde Saturn in Stier reagieren?

Stier auf diese Art zu spüren könnte uns helfen, besser zu verstehen, warum Menschen mit Stier-Planeten manchmal so unbeweglich sein können, Veränderungen widerstehen, endlos aneignend, schwelgend, festhaltend. Es ist ebenfalls leicht zu verstehen, warum der nährende, empfindliche Mond in Stier erhöht ist. Und weshalb der nach Taten brennende Mars in diesem Zeichen im Exil steht.

Stier strebt nach Sicherheit. Seine Beständigkeit und Loyalität können unseren Genuss am irdischen Leben vertiefen. Sein Gewicht kann uns genügend drosseln, so dass wir den Himmel wieder schätzen oder dem Wind zuhören oder die Nachrichten der Wolken lesen. Stier ist auch praktisch, er ermutigt zu methodischer Aufmerksamkeit gegenüber jeder Aufgabe. Obwohl ich keine Planeten in Stier habe, bringt dieses Zeichen eine verankernde Präsenz in meine Überzeugungen durch seine 9.-Haus-Platzierung in meinem Horoskop. Mit meiner Schütze-Sonne (und vielleicht durch meine kalifornische Geburt) bin ich besonders empfänglich für die neusten neuen Ideen und Modalitäten ("Eine Pyramide auf meinem Kopf tragen? Klar!"). Aber jede neue Entdeckung muss den Realitätstest meines Stierhauses in 9 passieren. Wenn ich das neue Konzept nicht erden kann mit meinem Körper, wenn er dessen Wahrheit buchstäblich nicht fühlen kann, wenn es mich nicht nährt und erhält, wie der Boden einen Baum nährt, dann verschwindet mein Interesse.

Frieden schliessen mit dem Bullen

"Sie sind kein Stier, oder?" Immer wenn ich mich in einer Gruppe befinde und jemand entdeckt, dass ich Astrologin bin, folgt gewöhnlich eine Unterhaltung über beliebte und gehasste Sternzeichen. Das sagt meistens mehr aus über den Hang von Menschen, etwas zu mögen oder zu verabscheuen (besonders andere Menschen), als dass es irgendetwas Aussagekräftiges über Tierkreiszeichen ergäbe.

"Ich mag Stiere nicht", wiederholte der Mann. Das Eigenartigste an diesem Kommentar war er selber. Er war kleingewachsen und untersetzt, mit einem starken, eigensinnigen Kiefer. Er schien erdig und robust, die Sorte Mensch, die man nicht herumstossen, sondern an die man sich anlehnen würde. Er redete nicht viel; wenn er sprach, kamen die Wörter langsam und bewusst. Aus dem zu schliessen, was er mitteilte, war er loyal zu seinen Freunden und seiner Familie gewesen, doch erzürnt über die Unbeständigkeit, die ihm dies eingebracht hatte. Um seiner Familie über eine schwierige Zeit hinwegzuhelfen, hatte er seinen Besitz verkauft und musste nun ständig in sein Heimatland Peru hin und zurück fliegen. Während der Pausen im Workshop, an dem wir beide teilnahmen, rührte er sich meistens nicht vom Fleck, stand in seine Jacke gehüllt bewegungslos wie ein Stein. Wenn ich sein Tierkreiszeichen hätte erraten müssen (ein Spiel, das ich eigentlich nie spiele), dann wäre Stier meine erste Wahl gewesen.

"Ich bin Schütze", sagte er. "Ich auch", antwortete ich. Wir sahen uns an und erkannten sofort, dass wir trotz unserer gemeinsamen Sonnenzeichen keine Geistesverwandschaft hatten. Wir drehten uns weg und setzten unsere Konversationen anderswo fort. "Meine Mutter und mein Schwager sind Stiere", hörte ich ihn zufällig noch sagen. In etwa stimmte sein Fortgehen aus seinem Heimatland mit dem Schützezeichen überein, aber alles andere, was seinen Stil betraf und sein aktuelles Elend, sagte: "Stier".

Vielleicht war sein Aszendent Stier oder er hatte einen Stiermond. Möglich, dass wir unsere Schützeähnlichkeiten in einem anderen Kontext eher erkannt hätten. Ich liebe zwar die Astrologie, aber die Tierkreiszeichen zu benutzen, um Menschen zu typologisieren, ist bei mir schon immer unbeliebt gewesen. Ich mag die Art nicht, wie uns das in Tierkreis-"Gäste"- und Tierkreis-"Heim"-Teams unterteilt, oder innerhalb des Tierkreises in ein Kaleidoskop mit verschiedenen Persönlichkeitseigenschaften. Mit oder ohne ein Horoskop dieses Mannes vor mir, konnte ich sehen, dass er dringend eine neue Beziehung zum Zeichen Stier brauchte. Horoskope beinhalten alle zwölf Tierkreiszeichen und jedes ist ein Teil von uns in gewissem Mass. Da die Planeten im Transit in überlappenden Rhythmen durch unser Horoskop zirkulieren, wird jedes Zeichen irgendwann an die Reihe kommen.

"Ich habe" ist ein Schlüsselsatz des Stierzeichens. Und in diesem Zeichen können uns auch Probleme im Zusammenhang mit Besitz quälen. Ich weiss nicht, warum dieser Peruaner seine Stier-Mutter und seinen Schwager ablehnte, aber denkbar wäre, dass hier der "Wunsch-nach-Besitz" in eine falsche Richtung geführt hat. Zumindest war dies der Grund, weshalb der kretische Stier in Schwierigkeiten geraten ist. Es war der Wunsch von König Minos gewesen, bevor Herkules den Stier ritt. Minos war ein früher Anwender des Gesetzes der Anziehung gewesen und er liebte es, mit seiner besonderen Beziehung zu den Göttern anzugeben. Er behauptete, sichtbar machen zu können, was immer er wollte. Um das zu beweisen, rief er Poseidon an und erbat von ihm einen Stier aus den Tiefen des Meeres und versprach, diesen sofort wieder zurück zu geben. Poseidon schickte einen so prachtvollen und guten Stier, dass Minos es nicht ertragen konnte, ihn wieder herzugeben. Er versteckte ihn bei seiner Herde und opferte stattdessen einen anderen Stier. Darüber erzürnt, liess Poseidon den prachtvollen Stier wahnsinnig werden. Dann veranlasste er, dass Königin Pasiphae sich in das Tier verliebte.

minotaurAndere sagen, Venus sei dafür verantwortlich gewesen, weil Pasiphae ebenso wie ihr Ehemann es sehr lange Zeit vernachlässigt hätten, ihr die richtige Ehrfurcht und Verehrung zu entbieten, weshalb die Göttin sie verflucht hätte zu dieser höchst unnatürlichen Leidenschaft. Welcher Gott auch immer dies veranlasst hatte, die arme Pasiphae besuchte ständig die Viehgehege und liess verführerisch ihr Gewand fallen, aber der Stier zeigte kein Interesse. Schliesslich fragte sie den begabten Baumeister Dädalus, ihr eine hölzerne Kuh zu bauen, damit sie sich darin verstecken konnte, und so verkehrte der Stier mit ihr. Pasiphae gebar ein scheussliches Monster, halb Mensch, halb Stier. Beschämt, wie es sich gehört, befahl König Minos Dädalus ein Labyrinth zu bauen, in welchem die Bestie versteckt wurde. Sieben junge Männer und sieben junge Frauen wurden regelmässig geopfert, um den Minotaurus zu füttern.

Das ist ein abschreckendes Beispiel für Stier, und es handelt, wie erwartet, von Reichtum und Sex. Vom Stier wird erwartet, dass er die Welt der Formen liebt, aber nicht zu sehr. Vergleichen Sie Minos, der den Stier klaut, mit Herkules, der ihn reitet. Herkules führt vor, wie leicht das Tier, - und damit symbolisch seine eigenen animalischen Begierden - zu kontrollieren ist. Er bewegt sich mit Leichtigkeit, so wie wir das tun sollen im Zeichen Stier, das Gesetz des natürlichen Flusses respektierend. Wenn wir dies tun, bewegen wir uns anmutig. Wir erfreuen uns an dem, was wir haben, solange wir es haben. Und wir geben es wieder frei, wenn es die Götter wieder zurückhaben wollen, und es Zeit ist, loszulassen. Aber König Minos hielt am Stier fest und verletzte dadurch ein Naturgesetz. Er ist besessen anstatt dass er besitzt. Er wird von seinen Begierden kontrolliert. Schon bald wird er an eine Monstrosität gefesselt sein.

Die Kreativität des Stiers, die von Dädalus repräsentiert wird, wird in dieser Geschichte für niedere Zwecke verwendet - um eine hölzerne Kuh zu gestalten und ein tödliches Labyrinth. Kürzlich besuchte ich eine liebenswerte Stiersonne/Stiermond mit einem Krebsaszendenten. Sie lebt allein, aber ist ratlos, wie sie die Unordnung in ihrem Haus bändigen soll. Jeder Kasten und Schrank ist vollgestopft mit familiären Erinnerungsstücken, von denen sie behauptet, dass ihre Liebsten darauf bestünden, dass sie diese aufbewahre für sie. Wie konnte sie ihre Fähigkeit verlieren, Nein zu sagen? Ich denke auch noch an einen anderen Stier, der seit Jahren einen Job macht, von dem er sagt, dass er ihn krank mache. Und noch eine andere, die stocksteif und mit gebrochenem Herzen lebt, sich aber weigert, ihren erwachsenen Kindern zu verzeihen. Das sind die Kühe und Labyrinthe, die tatsächliche Stiere für sich selber bauen - und sich dadurch an unnatürlichen Orten aufhalten, mithilfe von Rationalisierungen, die so ausgelatscht und zirkulär sind wie die Wege eines Labyrinths, und sie verlieren über die Jahre ihre Lebenskraft, so wie die geopferten jungen Menschen sie verloren haben. Im Mythos tötet schliesslich der clevere Theseus den kretischen Stier und den Minotaurus. Bestimmt ist er ein Zwillinge-Held, der darauf hinweist, wie die Exzesse und die Sturheit des Stiers korrigiert werden können durch die Tugenden des nächsten Zeichens: durch Anpassungsfähigkeit, schnellen Witz und die Leichtigkeit des Seins.

Reichtum und Wohlergehen

Stier wird so bereitwillig mit Geld assoziiert, dass sein Reichtum ein astrologisches Klischee ist. Aber Stier-Planeten zu haben, macht einen nicht unbedingt reich oder gut darin, das eigene Vermögen zu verwalten. Ich habe zwei Freundinnen mit der Sonne im Stier. Die eine hat Geld; der andern rinnt es durch die Finger. Ein genauere Betrachtung ihrer Horoskope ergibt einige Anhaltspunkte. Diejenige mit Geld hat eine 8.-Haus-Sonne und ihren Reichtum mit den Mitteln des 8. Hauses erworben: Erbschaft und Vermögensanlage. Die Sonne der andern ist im 6. Haus der Arbeit; ganz gewiss musste sie immer arbeiten für ihr Geld (so tief wie ihr Lohn war).

Aber an dieser Stelle bereits aufzuhören, würde bedeuten, einen wesentlichen Punkt zu versäumen. Beachten Sie, was Barbara Watters über Erdzeichen und Geldanlagen sagt: "Jahrelang in meiner Praxis erzählte ich Menschen mit viel Erde stets, sie wären praktisch und hätten stabile Anlagen in Geld (...) aber das funktionierte einfach nicht. Erstens wussten sie, dass dem nicht so war, und meine Vorschläge für geeignete, auf Geld konzentrierte Jobs - immer gemäss den Regeln in den Astrologiebüchern - interessierten sie oft nicht."[5]"

Viele Kunstmaler und Bildhauer haben eine starke Stierbetonung, und sie sind überhaupt nicht auf Geld fixiert. Ich glaube, das materialistische Etikett kommt von der Tatsache, dass Stiere sich mit dem Berührbaren und dem Physischen beschäftigen. (...) Alle fixen Zeichen betätigen sich primär als Organisatoren. Löwe organisiert Macht, Skorpion Wissen, Wassermann die Gesellschaft, und Stier organisiert die physischen Ressourcen einzelner Menschen oder der Erde. (...) Der Stier liebt den Vorgang des Organisierens von physischen Gütern der Erde, ob es ihn nun reich macht oder nicht." [6]

Das beschreibt meine beiden Stier-Freundinnen: die eine wälzt ihr Aktien-Portfolio, die andere ordnet ihre geliebten Bücher, Perlen, Farben, Federn und Stoffe. Welche Reichtümer wir mit Stier organisieren, ist uns überlassen. Es könnte Geld sein, Sex, Kunst oder etwas anderes. Aber es ist das Was und das Wie unseres Wählens, das unsere Stier-Erfahrung definiert. Mögen wir mit ruhiger Würde wie Herkules wählen und nicht so gierig wie Minos oder seine gottvergessene Ehefrau, aber voller Ehrfurcht, und im Wissen darum, dass das, was wir berühren und halten in Stier, heilig ist. Würdigen wir, was wir erhalten. Gestalten wir mit Sorgfalt. Und verhalten wir uns dabei immer wie Liebende.


  1. C. Kerenyi, The Heroes of the Greeks (Thames and Hudson, 1959), S. 159
  2. Alice Bailey, The Labours of Hercules (Lucis Publishing, 1974)
  3. Robert Hand, Horoscope Symbols (Whitford Press, 1981), S. 213
  4. ibid., S. 213
  5. Barbara H. Watters, What's Wrong with Your Sun Sign? (Valhalla Paperbacks, 1970), S. 82.
  6. ibid., S. 81.

Übersetzt aus dem Englischen von Trudy Baumann

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