Skorpion und die Reichtümer der Unterwelt

Von Dana Gerhardt

libraSkorpione haben einen schlechten Ruf. Es werden Dinge über sie erzählt wie: „Pass auf, Matthew ist ein dreifacher Skorpion!“ oder „Ich bin nervös – Joe’s Ex-Freundin hat einen Skorpionmond. Die Leute erwarten ein hinterhältiges oder perverses Verhalten von diesem Zeichen, doch ich denke, das ist ungerecht. Trotzdem kann ich nicht widerstehen und muss euch die folgende Geschichte erzählen. Sie geschah meiner Freundin Wendy als Pluto – der moderne Herrscher von Skorpion – Ihren 5.-Haus-Mond in Opposition transitierte. Wenn Transitplaneten auf Planeten im Geburtshoroskop treffen, können die Archetypen plötzlich lebendig werden und als reale Personen in unser Leben treten. Transite durch das fünfte Haus können eine Liebesbeziehung inszenieren, und tatsächlich traf Wendy genau an dem Tag,  als dieser Transit exakt war, einen Mann, der an einer Romanze mit ihr interessiert war. Sie wartete auf einen Lift in einem Bürohochhaus als er ihr seine Visitenkarte überreichte: Er arbeitete bei der Gerichtsmedizin. Seine Augen waren intensiv. „Tagsüber schneide ich Leichen auf,“ sagte er, „und in der Nacht widme ich mich schwarzer Magie.“ Er stand ihr viel zu nahe, als er flüsterte, er könne eine kleine Voodoo-Puppe besorgen, die sie süchtig nach Sex mit ihm machen könnte. Sein Sonnenzeichen? Skorpion natürlich!

Aber einen solchen Skorpion habe ich nie getroffen. Es mag sie geben da draussen; doch diejenigen, die ich kenne, sind etwa so verdreht und teuflisch wie der durchschnittliche Chirurg, Therapeut oder Steuerberater. Ich bin also sehr verständnisvoll, wenn ein Skorpion etwas defensiv in mein Büro kommt und murmelt „Ich weiss, ich habe dasselbe Sternzeichen wie Charles Manson, aber das meiste, das ich darüber lese, klingt furchterregend und stimmt nicht für mich.“

Die Klischees, die über dieses Zeichen kursieren, sind unheimlich. Nehmen Sie irgendein Astrologiebuch und Sie werden lesen, dass Skorpionplaneten Sie geheimnisvoll machen können, kontrollierend, rachsüchtig, machtbesessen, paranoid und obsessiv und Ihnen einen übernatürlichen Sexualtrieb verleihen. Sie können auch Leidenschaft, Bestimmtheit, Findigkeit und ein Gespür verleihen – doch diese positiven Skorpioneigenschaften liegen den meisten Menschen nicht zuvorderst auf der Zunge. Schliesslich ist es auch das Zeichen der Skorpione, Schlangen und Vampire. Es regiert Tyrannei, Sümpfe und verfaulten Müll; und auch: die Unterwelt, Tod und Körperteile, über die wir nicht offen sprechen (Darm, Anus, Genitalien). Wenn Leute sich an Parties über Astrologie unterhalten, leben die Skorpione selten so auf wie das andere tun, die sich gegenseitig anerkennend die Hände klatschen. Doch ihr Zeichen ist eines der mächtigsten des Tierkreises. Auf Transformation fokussiert, besitzt Skorpion den Schlüssel für Leben, Tod und Wiedergeburt. Er gräbt tief, löst Rätsel, heilt Krankheiten, rettet Leben, schafft Reichtum und gibt sich der Hochspannung von Ekstase hin. Skorpion regiert Tiefenpsychologie, Metaphysik und die Magie. Ohne ihn wären wir glücklose Amateure im Kampf gegen unsere unbewussten Dämonen oder beim Feilschen mit Mächten aus unsichtbaren Welten.

Es ist eigenartig, dass ein Zeichen, das so mit Kontrolle beschäftigt ist, einen so schlechten Job macht im Marketing seiner Talente; vielleicht ist diese Verrücktheit ja Methode. Wie ein Zauberer, der darin geübt ist, das Publikum abzulenken, könnte Skorpion uns mit seinen gruseligeren Seiten unterhalten. Als der Kulturökologe David Abram indonesische Zauberer und Schamanen erforschte, war er überrascht über die üblen Gerüchte, die oft über sie kursierten, erzählt von denjenigen Leuten, die regelmässig von ihnen geheilt wurden.[1] Die Dorfbewohner flüsterten, dass die dukuns mit den Dämonen tanzten oder dass sie ihre Zaubersprüche in der Nacht rückwärts rezitierten, um die tagsüber vollzogenen Behandlungen wieder rückgängig zu machen. Komischerweise unternahmen die Schamanen nichts, um diese Verdächtigungen zu zerstreuen. Schliesslich verstand Abram, warum. Diese allgemeine Angst schenkte den Zauberern etwas Kostbares: Ruhe und Raum für ihre tiefer gründende Arbeit.

Skorpion braucht Raum für seine Tiefenarbeit, ganz anders als sein vorangehendes Zeichen, die schöne und charmante Waage, jene graziöse Meisterin der Harmonie und der glatten Oberfläche. Skorpion ist fasziniert von dem, was unter der Oberfläche verborgen liegt. Waage zieht den Vorhang auf und lädt die anderen ein, doch Skorpion zieht den Schatten vor, es ist ihm wohl bei Dingen, welche Leute vermeiden oder verstecken wollen. Wie Wurzelspitzen, die durch die Erde stochern, oder ein Wurm, der einen Weg zum verfallenden Körper findet, lebt der Skorpion von den Reichtümern der Unterwelt. Darum werden aus Menschen mit Skorpion-Planeten auch so gute Therapeuten, Forscher, Kriminalschriftsteller; aber auch Detektive, Versicherungsschaden-Sachverständige, Chirurgen, Satiriker, Investoren, Steuerberater – ganz zu schweigen von den gelegentlichen Teufelsanbetern oder Serienkillern. Wir wissen vielleicht nicht immer, was unser Skorpion-Freund oder unsere Skorpion-Freundin gerade denkt – aber genau das mögen sie.

Jedes Tierkreiszeichen korrigiert die Schwächen seines vorangehenden Zeichens. Die Waage kann künstlich, apathisch und unentschlossen sein; Skorpion ist alles andere als Wischiwaschi. Seine Urteile sind fest. Sein Stil ist hartnäckig. Und als Wasserzeichen wird er durch Gefühle motiviert so wie Fische und Krebse, obwohl jedes dieser Zeichen auf seine eigene Art taktiert. Während die fantasievollen Fische fliessen wie verträumter Nebel und der umsorgende Krebs sich wie ein sanfter und nährender Strom wälzt, sammelt sich der Skorpion im Grundwasser, mächtig, nahrhaft und unsichtbar. Das Wasser-Element ist sensibel und intuitiv, Skorpion jedoch ist auch hart. Robert Hand sagt, er sei das einzige Wasserzeichen, das bereit sei zu kämpfen [2] (obwohl ich viele Krebse kenne, die damit wohl nicht einverstanden wären).

scorpionDas Symboltier des Sternzeichens Skorpion ist der Skorpion, ein achtbeiniges Raubtier mit einem giftigen Stachel. Als Gaia erfuhr, dass Orion ihre geliebten wilden Bestien schlachten wollte, wählte sie aus einer Unzahl von Tieren den Skorpion aus, um ihn zu attackieren. Der mächtige Jäger rannte den ganzen Weg bis zum Ozean. Artemis tötete Orion schliesslich – manche sagen, mit einem Pfeil, andere behaupten, dass es der Skorpion war, den sie geschickt hatte, um die Tat zu vollbringen. Schliesslich bereute die Jägerin und unter Tränen gewährte sie Orion Unsterblichkeit in den Sternen. Aber dort war der Skorpion, der in der Konstellation wartete; immer noch dran am Fall. Er geht auf, wenn Orion untergeht, und er geht unter, wenn dieser aufgeht, sogar jetzt noch krabbelt er über den Himmel, ewig auf Verfolgungsjagd.

Der Stachel des Skorpions ist zermürbend, aber die Intensität dieses Zeichens kann sehr nützlich sein. Damit können wir Projekte und Beziehungen neu aufleben lassen, die wegen Gleichgültigkeit oder durch Befürchtungen geschwächt sind. Gemessen an den Dingen, die uns über die Jahre durch die Finger geschlüpft sind, würden wir wohl zustimmen, dass der hartnäckige Stil des Skorpions es wert wäre, kultiviert zu werden. Ob wir Skorpionplaneten haben oder nicht, irgendwo haben wir alle einen Skorpion im Horoskop, und zudem noch eine Hausspitze in 8, dem natürlichen Zuhause dieses Zeichens. Wenn Planeten oder Progressionen durch diese Abschnitte laufen, könnte es nötig sein, „skorpionischer“ zu werden. Insbesondere wenn Ganzheit uns ein Anliegen ist, sollten wir bereit sein, jedes einzelne Zeichen zu üben – entweder durch die Art und Weise, wie wir sind, durch unsere Wahrnehmung, oder durch einen anderen Blickwinkel auf die Wahrheit. Bei Skorpion ist es jedoch ratsam, vorsichtig zu sein. Wir könnten nämlich wie Micky Maus enden, der als übereifriger Assistent des Zauberers im „Zauberlehrling“ das Opfer von Kräften wurde, die er gerufen hatte. Die Energie des Skorpions lässt ihn bis zum Äussersten gehen. Sein Fokus kann sich in obsessiven Schlaufen verlieren. Seine Rücksichtslosigkeit kann ihn am Ende selber treffen. So könnte die Geschichte jedenfalls verlaufen. Schauen wir mal, was Herkules auf seiner Skorpion-Mission entdeckt, auf der er die neunköpfige Hydra von Lerna töten soll.

Südlich von Argos in Griechenland, auf einem schmalen Landstrich zwischen Mount Potinos und dem Meer, befindet sich eine aus Abgründen und Quellen bestehende, stufenförmige Region. Dort, durch die tiefen Wasser des Flusses Lerna, betrat Dionysos die Unterwelt und von dort kam er auch wieder zurück. Dort enthaupteten die 50 Töchter von Danaus ihre Ehemänner und begruben ihre Köpfe. Dieser abgründige Ort wird von einer riesigen Schlange bewacht, die Hydra – oder Wasserschlange – genannt wird, obwohl manche sie auch die mörderische Hure von Lerna nennen. Sie hat neun Köpfe; einer davon ist unzerstörbar und unsterblich. Ihr Atem ist tödlich, ebenso wie ihr Gift. Herkules ist begierig, sie zu treffen. Mit seinem  Neffen Iolaus an seiner Seite macht Herkules ihre Höhle ausfindig und schiesst flammende Pfeile in das Loch. Sie schlängelt heraus, wütend zischend und speiend. Herkules greift von vorne an; ihre Köpfe drehen und winden sich und versuchen, ihn zu erreichen. Er schneidet einen Kopf ab. Noch bevor dieser auf den Boden gefallen ist, wachsen zwei Köpfe an seiner Stelle! Währenddessen rollt sich die Hydra um Herkules’ Bein, und ein Krebs greift den gefangenen Fuss an. Herkules kann nicht entkommen, aber er will auch nicht. Wütend beginnt er, die Köpfe so schnell abzuschlagen, wie sie sich wieder vermehren. Es ist ein Patt. Die Hydra aber scheint zu gewinnen.

Von solcher Art sind die stählernen Nerven dieses Zeichens. Es hält stand. Es hat Mumm – unterstützt durch die konkurrierende Natur des Mars, des traditionellen Herrschers von Skorpion. Warum hat es so viele Köpfe in dieser Geschichte? Damit uns die tiefere Bedeutung dieser Geschichte nicht entgeht, lassen uns die Götter wissen, dass es hier um Bewusstsein geht. Die Aufgabe beginnt, als Herkules Pfeile des Bewusstseins in die Dunkelheit schiesst und einen unbewussten Dämon freilegt. Die Hydra verkörpert den Schatten des Skorpions. Mit ihren vielen Köpfen im Dunkeln, bildet sie die verdrehten Erinnerungen, Wünsche und Gedanken ab, die wir oft nicht sehen oder zugeben wollen. Herkules gibt die richtige Antwort. Nicht zurückschrecken vor dem, was ans Licht kommt: wir müssen dem nachgehen. Sein erster Instinkt ist, es zu töten – so reagiert unser Verstand gewöhnlich auf unerfreuliches Material unseres Schattens. Unser Held erfährt schnell, dass das, was er abschneidet, noch viel stärker wächst. Das ist ein wichtiges Gesetz der Unterweltphysik: Was wir abwehren oder unterdrücken, das wird energetisiert. Die multiplizierten Köpfe der Hydra zeigen das äusserst unerquickliche Bild eines Skorpions, wenn er von seinen eigenen Obsessionen heimgesucht wird.

Aber da gibt es noch mehr. Die Schlange demonstriert auch die wachsame Präsenz der skorpionischen Intuition, er scheint Ohren in alle Richtungen zu haben und Augen auf dem Hinterteil seines Kopfes. Wenn unsere Skorpion-Planeten von Entschlossenheit gepackt sind, können wir sagen, dass eine innere Hydra sie ermächtigt. Sie ist die mächtige Kraft hinter den Obsessionen und Antrieben des Skorpions, auch hinter seinen unheimlich präzisen Ahnungen. Was gibt dem eifersüchtigen Skorpionliebhaber wirklich einen Anflug von Gewalt? Was hält einen Skorpiondetektiv an einem 30 Jahre alten Mordfall? Der Stalker, der obsessiv an einem Star klebt, ist vielleicht nicht so verschieden von einem Skorpion-Schriftsteller, der von seinen murmelnden Charakteren ergriffen ist. Der eifersüchtige Liebhaber, der getriebene Detektiv, der Schriftsteller, der tagelang schreibt ohne zu schlafen – sie alle sind von der Hydra angetrieben. Diese Kraft kann ebenso konstruktiv wie destruktiv sein.

hercules and the hydraGeschichtenerzähler stellen die Hydra normalerweise als schlecht und abscheulich dar. Doch dies ist eine Skorpiongeschichte. Das bedeutet, dass mehr dahinter steckt, als von blossem Auge erkennbar ist. Schliesslich ist Skorpion auch das Zeichen des Okkulten – ein Wort, dessen lateinischer Wortstamm verbergen oder verstecken bedeutet. Wir sollten fragen, was sich hinter dem üblen und tödlichen Atem der Hydra verbirgt. Sie ist eine Schlange. Für jemanden, der in die Mysterien eingeweiht ist, ist das ein Code für heilige Kraft. In allen Kulturen der antiken Welt wurden Schlangen und Drachen verehrt als Hüter der Unsterblichkeit, die ihre Haut abwarfen, wenn sie alt wurden, und so selber eine Wiedergeburt erlangten. Schlangen sind Botschafter der Grossen Göttin, Hüter der Weisheit, die Träger des Geheimnisses von Leben und Tod. Schlangen wurden mit Prophetie assoziiert, und ihr Gift für mystische Trancen benutzt. Kassandra, das grosse Orakel von Delphi, wurde als Kind mit Schlangen gefunden, die ihr die Ohren leckten.

Obwohl Skorpion vom männlichen Mars regiert wird, ist Skorpion ein weibliches Zeichen. Eine der tieferen Anweisungen der Skorpionaufgabe besteht darin, das Männliche und das Weibliche zu vereinen, gleich wie dieses Zeichen, das seinen testosterongetriebenen Herrscher in die weiblichen Mysterien hineinzieht. Die Aufgabe handelt davon, den Helden mit der Grossen Göttin zu vereinen. Tatsächlich, mit der Hydra, die sich um sein Bein schlingt, könnten wir sagen, dass unser Held mit ihr verschmolzen ist! Aber wie bewahrt er sein Eigenes gegenüber dieser Kraft? Das ist die Frage, die in jedem unserer Skorpionplaneten steckt, denn sie führen uns in schmerzhafte Liebesaffären, seltsame Hobbies, eine unangenehme Vergangenheit und zu den Geheimnissen anderer Leute. Wie tanzt das fokussierte und prägnante Männliche mit der vielstimmigen Intuition des heiligen Weiblichen? Skorpion will, dass wir in deren tiefe Weisheit eintreten und ihre Essenz aufnehmen ohne uns dabei selbst zu verlieren. Aber die antiken Tempel sind weit weg. Initianten werden nicht mehr identifiziert und zur Priesterin gebracht für eine richtige Unterweisung. Heute treffen die meisten von uns selber auf die Macht der Skorpionplaneten. Ich habe eine Merkur/Venus-Konjunktion in Skorpion. Ich erinnere mich heute noch an jenen Nachmittag im College, als sich diese zwei Planeten bemerkbar machten.

Es war eine dieser Phasen, in denen ich in der Bibliothek lebte. Meine Treffpunkte hatte ich ins Haus meines Freundes verlegt, in der Hoffnung, dadurch meine Konzentration wieder zu verbessern. Nachdem mein Freund und die Mitbewohner ausgegangen waren, konnte ich mich auf nichts anderes konzentrieren als auf die Stille des Hauses. Plötzlich setzte mich etwas in Bewegung. Ohne die geringste Idee, weshalb (natürlich weiss ich heute, dass es die Aufforderung der Hydra war), machte ich einen Abstecher zum Schrank meines Freundes. Ich wühlte hinter seinen Wanderschuhen und dem Tennisracket, und zog einen Bund von Briefen heraus, von dem ich keine Ahnung hatte. Er hatte sie jenem Mädchen geschrieben, das er hinter meinem Rücken getroffen hatte. Der oberste Brief war von ihr. Sie schrieb, dass sie ihm seine Gedichte und Liebesbriefe zurückschicke, weil ihm der Mut fehle, auch danach zu handeln. Vielleicht hätte es sie getröstet zu wissen, dass er sie aufbewahrt hatte – und dass er mir nie solche Gedichte geschrieben hatte.

Meine Schlangen-Venus war geweckt; in keinerlei Weise ein Mauerblümchen, gewann sie den Freund zurück. Schliesslich heiratete er mich. Zehn Jahre später brachten mir Merkur und Venus erneut verborgene Informationen. Ich scheuchte meinen Mann auf mit dem Wiedererzählen eines Traums, in dem eine sexy Frau auftauchte. Als ich sie beschrieb, schluckte er leer. Ich wusste nicht, dass sie aussah wie die Sekretärin, in die er heimlich verliebt war. Es dauerte Monate bis diese Information aus meinem Traum mein Bewusstsein erreichte. Aber als sie es schliesslich tat, gab meine Schlangen-Venus auf; ich liess ihn gehen. Planeten im Skorpion bringen viele Transformationen.

Es braucht Mut, um in Geheimnissen zu stochern. Die Unterwelt ist ein ungemütlicher Ort. Sie ist auch riesig und birgt so viele Dinge: versteckte Briefe von betrügenden Freunden, Geheimnisse über sich replizierende Viren in Forschungslaboren, das noch immer vermisste Kind und was ihm passiert ist – oder die wortwörtliche Unterwelt, wo tote Körper sich zersetzen, und wo Edelsteine, Öl und Erz geformt werden. Da unten herrscht Wahrheit. Und es gibt Reichtum. Nicht umsonst ist Lord Pluto, der Gott der Unterwelt, auch der Gott des Mammons. Skorpion liebt die Macht, die Reichtum bringen kann, und er wertschätzt, was unter Druck gebildet wird. Darum haben der Vernehmungsbeamte, der Psychotherapeut und der Öl-Tycoon etwas Gemeinsames. Doch was immer Skorpion auch ausgräbt, es braucht im allgemeinen eine Veredelung. Bevor sich der Schatz auszahlt, wird Transformation verlangt: Steine werden gespalten, Edelsteine geformt und poliert, Erze geschmolzen und gehärtet.

So mühsam diese Arbeit auch sein mag, sie ist sicher einfacher als die Verfeinerung unserer inneren Materie, mit der die meisten von uns sich abplagen. Unsere persönliche Unterwelt birgt Erinnerungen, unterdrückte Wünsche, unsere Familienkomplexe, das kollektive Unbewusste mit seinen Geschenken und Neurosen, all diese Dinge binden Energie und Kraft. Wie machen wir Schätze aus ihnen? Vielleicht kann uns Herkules den Weg zeigen. Erinnern wir uns daran, dass er für seine Skorpion-Mission Hilfe mitgebracht hat. Dieses Zeichen, das seine Privatsphäre instinktiv schützt, weiss, dass es gemeinsam mehr erreichen kann als alleine, so wie die Patientin mit ihrer Therapeutin oder der spirituelle Meister mit seinen Begleitern höhere Ebenen der Verwirklichung realisieren kann.

„Iolaus!“, schreit Herkules. „Nimm den brennenden Baum und halte ihn an den Hals des Monsters, sobald ich den Kopf abgeschlagen habe. Nachdem fast ein ganzer Wald ausgelöscht ist, sind die Wunden der Hydra komplett verätzt und es wachsen keine neuen Köpfe mehr nach. Als nächstes schneidet Herkules den unsterblichen Kopf ab und vergräbt ihn in der Erde, bringt ihn zurück in die Unterwelt, wo die ewige Weisheit der Schlange hingehört. Der Held taucht seine Pfeile in ihr Blut, um ihr mächtiges Gifts zu gewinnen. Er hat sich erfolgreich mit ihr verbunden und ihre Lehren über Leben, Tod und Wiedergeburt erhalten – bis die nächste Transformation ansteht.

constellation scorpioDort, wo wir Skorpion-Planeten haben und wo unser Skorpion-Haus ist, haben wir alle Wunden wie diejenigen, die Iolaus mit dem transformierenden Feuer verätzt hat. Aus diesen zarten Gebieten können rachsüchtige Köpfe spriessen. Oder wir können ihr Wachstum verhindern, wenn wir gewillt sind, den Schmerz einer bewussten Berührung zu ertragen. Bisweilen fühlt sich dieser Prozess ebenso todesmutig an wie das Treffen zwischen Herkules, Iolaus und der Hydra.  

„Es ist eine generelle Regel in der Natur,“ schreibt Annie Dillard, „dass lebende Dinge innen weich und aussen hart sind.“[3] Unter den Wasserzeichen ist der Fisch hier die Ausnahme, da er in einem sehr subtilen Medium lebt. Aber die Schalen des Krebses oder des Skorpions wissen, dass eine Panzerung weise ist. Das Leben ist so spitz zu unserem weichen Innern. Es durchbohrt uns. Die Buddhisten nennen diese weiche innere Stelle „Bodhichitta“, unser gutes Herz. Es ist unsere nackte Zartheit und Verletzlichkeit, dieses innere Rohmaterial, das vielleicht das beste an uns ist. Dieses psychische Erz der Unterwelt kann, wenn es verfeinert wird, zur grossen Liebe und zum selbstlosen Mitgefühl eines Bodhisattva oder Heiligen werden. Doch in ihrer rohen Form inspiriert diese Zartheit häufiger eine Abwehrhaltung. Ironischerweise entwickeln wir in der Regel eine Gleichgültigkeit, ja sogar einen Hass auf die Welt, wenn wir unsere weiche Stelle beschützen. Wir haben eine Wahl in unserem Skorpion-Prozess. Wir können unsere Wunden bewusst verätzen oder einfach unsere Verletzlichkeit in eine harte Oberfläche verwandeln.

Ich habe ein paar knallharte Skorpion-Aszendenten gekannt. Ihr Aussehen weigert sich, etwas preiszugeben, und fordert dazu heraus, zu erraten, was sie fühlen. Aber wer lange genug mit ihnen zusammen ist wird den Moment erleben, wo die Deckung fällt, und in ihren normalerweise reaktionslosen Augen, wirst du etwas Weiches und Ungeschütztes sehen. Ein Becken voller Traurigkeit. Eine tiefe und stille Erinnerung an frühe Verletzlichkeit und Qual. Der Aszendent in einem Horoskop stellt diese erste Bedeckung einer Person dar, die psychologische Haut, die passend zu unserer frühsten Umgebung gewachsen ist. Kinder mit einem Skorpion-Aszendenten sind vielleicht nackter als die meisten, weil sie ihre weiche Stelle wie ein Zielscheibe tragen. Diese Verletzlichkeit mag dazu geführt haben, dass sie als erstes die Kunst der defensiven Deckung gelernt haben. Ich denke jedes Jahr während der alljährlichen Biker Weihnachts-Aktion an diese skorpionische Sensitivität. Der Anlass zieht Hunderte von Bikern an, die tätowiert sind, mit Klingen geschmückt, gepierct, bärtig, fettig und herausfordernd, die Art Leute, denen man als Familie nicht auf einer verlassenen Landstrasse begegnen möchte. Doch an diesem Tag trägt jeder Biker einen Plüschhasen, einen hellen Frosch oder einen Teddybär – süsse Geschenke „für die Kinder“, wie sie unter Tränen den Journalisten von der lokalen Presse erklären – und damit ihre weiche Stelle unter dem Leder und den Ketten enthüllen.

Wie ein Stück von Gottes Herz in unserem eigenen, mag diese göttliche Zartheit einfach eine zu grosse Ladung sein, um sie kontrollieren zu können. Wenn es schmerzt, ist das wie ein geladener Draht, der auf dem Pflaster tanzt, oder eine neunköpfige Hydra, die aus ihrer Höhle zischt. Wie können wir diese Kraft halten? Bevor wir die Geheimnisse des Skorpions völlig verstehen, ist unser Tanz oft unruhig, eifersüchtig, rachsüchtig, wütend und in Trauer. Aber wir müssen uns selber erden und ermächtigen, durch das richtige Management dieser Kraft, die das Menschliche übersteigt. Das ist die tiefere Bedeutung der letzten zwei Akte von Herkules – den unsterblichen Kopf in der Erde vergraben und seine Pfeile in das Gift der Hydra tauchen. Was bedeuten diese Aktionen? Wenn Sie den Respekt eines Skorpions wollen, müssen Sie dieses Geheimnis betrachten und die Antwort für sich selber herausfinden.

Immer, wenn ich einen Astrologie-Artikel schreibe, besuchen mich die Götter. Zuerst muss ich wie ein Bettler ausserhalb des Tors eines Zen-Meisters sitzen, leer und uninspiriert. Die Sätzen kommen langsam. Nach einem geheimnisvollen Zeitraum, in dem sich meine Aufrichtigkeit bewiesen hat – manchmal Wochen, manchmal Tage – erscheint der Lehrer. Der Archetyp, über den ich schreibe, erscheint überall: in Fernsehsendungen, auf Blogs, im Gemüseladen. Das Zeichen oder der Planet hat meine Gedanken erobert. Sie winden sich durch meine Sätze, erzählen mir, wohin ich als nächstes gehen soll, und lassen mich wissen, wann ich fertig bin. Ich liebe dieses Übergeben. Aber ich war nicht vorbereitet auf das Ereignis, das Skorpion für mich arrangierte. Als ich 300 Worte von dem Artikel geschrieben hatte, starb mein Vater, der einen Skorpion-Aszendenten hatte. Er starb zwei Wochen vor seinem 89. Geburtstag. Um drei Uhr morgens hörte ihn seine Schwester „Herrgott!“ murmeln. Doch erst bei Tagesanbruch entdeckte sie ihn auf dem Boden seines Schlafzimmers, er war unfähig aufzustehen. Er fiel am Nachmittag noch einmal während er eine Thonbüchse öffnete. Er stöhnte „Scheisse“. Blut strömte aus seinem Kopf.

bonatti_scorpioDer Tod ist ein anderes Geheimnis von Skorpion, das sich hinter einer scheusslichen Oberfläche verbirgt. Eine universelle Traurigkeit. Wir betrachten ihn als eine Niederlage. Aber wie mein Vater im Spital lag, kaum bei Bewusstsein, sein Oberkörper dünn und ausgezehrt, seine Füsse dreimal so dick geschwollen wie normal und mit einem fetten Tumor in seinem Bauch, der grösser war als eine Melone, da schien der Tod eher ein Freund zu sein, als ein Feind. Als mein Vater seine letzte Woche im Spital verbrachte, begann ich, ihn als Christopher Columbus zu sehen, der in eine Neue Welt aufbricht, ein Pionier in unserer Kleinfamilie, der ins grösste Abenteuer überhaupt einsteigt. Tatsächlich starb er schliesslich, als die Jupiter/Uranus-Konjunktion, dieser wunderbare Aspekt für Entdeckungen und Erfindungen, auf wenige Stunden genau seinen Skorpion-Aszendenten aspektierte.

Ich habe einmal von Lois Roden, der grossen Astrologin und Datensammlerin, einen Vortrag über den Tod gehört. Ich war überrascht, als sie sagte, dass der Glücksbringer Jupiter oft involviert sei. Ja, warum nicht? Aus Sicht der Seele ist es ein Geschenk, wenn wir weitergehen können. Der Sensenmann Saturn hat ebenfalls ein Interesse daran, und am Tag, als mein Vater starb, bewegte sich Saturn auf seine Waage-Sonne hin. Aber als ich das Todeshoroskop auf sein Geburtshoroskop legte, waren es weder Saturn noch Jupiter, die mein Interesse fanden. Ein Astrologe sieht oft Planeten, die winken, vibrieren oder grösser werden, um zu zeigen, dass sie involviert sind. Dieses Mal winkten die Planeten Merkur und Mars. Der Transitmars in Skorpion machte eine Konjunktion zum Merkur meines Vaters (dem Herrscher des 8. Hauses des Todes); der Transitmerkur in Jungfrau machte eine Konjunktion zum Radixmars (dem Herrscher des Aszendenten und seines Körpers). Das waren die Seelenbegleiter, die um 13.10h kamen, um meinen Vater in die andere Welt zu eskortieren. Er machte zwei keuchende Atemzüge und war fort.

Ich wollte diesen Artikel nicht schreiben, nachdem mein Vater gestorben war. Ich bin sicher, dass meine Redaktoren verständnisvoll gewesen wären. Aber ich hatte die skorpionischen Archetypen bereits engagiert und mit stählerner Entschlossenheit bestanden sie darauf, dass ich es zu Ende bringe. Und dieselben Seelenführer, die meinen Vater auf seiner Reise begleiteten, waren auch in meinem Horoskop zugange (sie regieren ebenfalls meinen Aszendenten und mein 8. Haus). Als mein Vater fiel, stand Mars in Konjunktion zu meinem Skorpion-Saturn im 3. Haus.[4] Merkur stand auf meinem Jungfrau-Aszendenten. Zusammen drängten sie: "Schreib weiter. Skorpion will, dass seine Geschichte erzählt wird." Ich hoffe, dass mir das gelungen ist.


  1. See David Abram, The Spell of the Sensuous (Vintage Books: 1997).
  2. Robert Hand, Horoscope Symbols (Whitford Press: 1981), S. 228.
  3. Annie Dillard, Pilgrim at Tinker Creek (HarperCollins, 1974), S. 92.
  4. Saturn regiert Väter und Mars verursacht Kopfwunden und Stürze.

Übersetzt aus dem Englischen von Trudy Baumann

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