Die Planeten: Jupiter und Saturn

von Dana Gerhardt

Saturns Hühnerbeinchen & Jupiters Tüchleindeckdich

Vor Jahren habe ich mal bei einem ganz einfachen Astrologietest für Anfänger mitgemacht, den eine hiesige Astrogruppe ins Leben gerufen hatte. Das ist das einzige, was ich jemals in Richtung offizieller Astrologieprüfung unternommen habe. Woran ich mich bei dem Test noch am besten erinnern kann, ist nicht einmal, dass ich ihn bestand, sondern dass ich eine Frage falsch beantwortet hatte, zum absoluten Schrecken meines perfektionistischen Jungfrau-Aszendenten! Für die Planetenentsprechung von "Lehrer" schrieb ich "Jupiter". Ein leuchtend roter Filzschreiber hatte dies durchgestrichen und statt dessen "Saturn" hingeschrieben. Ich war völlig perplex. Ich erinnerte mich noch gut an meine Grundschullehrer. Es waren Jupiter-Engel gewesen. Inspirierend und enthusiastisch boten sie mir damals einen großen Freiraum, um meine Talente zu entwickeln. Saturn-Typen? Ganz und gar nicht.

Ich stellte mir einen Saturn-Lehrer vor: humorlos und langweilig, oder schlimmer noch, ein griesgrämiger Autokrat, dem es nur um die Einhaltung von Regeln geht Saturn-Symbolund der uns mit öden Zahlen und ermüdenden Fakten quält. Saturn hält Lektionen für uns bereit. Und Lehrer sind Autoritäten, ein Saturn-Wort. Doch für mich passten die Begriffe "Lehrer" und "Saturn" gefühlsmäßig einfach nicht zueinander. Eine elementare astrologische Regel, die ich offenbar verpasst hatte. Und das war nicht das einzige Mal, wo ich den Eindruck hatte, dass diese beiden Planeten leicht ihre Rollen tauschen können.

Jupiter-SymbolRein oberflächlich betrachtet gibt es kaum ein Planetenpaar, das unterschiedlicher zu sein scheint als diese beiden. Jupiter ist expansiv, platzt förmlich aus den Nähten vor Gelegenheiten, Wachstum und Glück. Saturn hingegen macht alles solider und sorgt für einen festen Rahmen. Er bringt Hindernisse, Sorgen und Verzögerungen mit sich, aber auch Struktur, Verantwortung, Mühen und Erfolg. In der traditionellen Astrologie heißt der eine "der große Wohltäter", der andere "der große Übeltäter". Doch diese großartigen Titel haben sich in den Weiten der zeitgenössischen Kultur ein wenig verloren. Wir rechnen nicht mehr länger mit nicht enden wollender Fülle von Jupiter oder Kummer von Saturn. Heute scheint das Glück oder Unglück, das uns Planeten bringen, mehr davon abzuhängen, was wir aus ihnen machen. Und wenn wir zu sehr in die eine Richtung marschieren, dann korrigiert uns einer der Planeten unweigerlich in die andere Richtung. Wenn wir unser Glück mit einem zuversichtlichem Jupiter überstrapazieren, dann lässt uns seine sorglose Arroganz einfach auf Saturns Schwelle von Verlust und Verzweiflung fallen. Wenn wir Saturns lange und einsame Straße hinunterfahren, uns anstrengen und abmühen, nichts als selbstverständlich nehmen, dann finden wir am Ende Jupiters Glücksstern, der im Abendlicht emporsteigt. Anstatt also Herrscher zweier unterschiedlicher und ferner Königreiche zu sein, ist jeder von beiden einfach nur ein notwendiges Rädchen an unserem kleinen Wägelchen zum Erfolg.

JupiterEin optimistischer Jupiter kann die Umklammerung eines ungeeigneten oder ängstlichen Saturn lockern, so wie ein verantwortungsbewusster Saturn die begeisterten, aber auch schnell wieder verrauschten Höhenflüge eines unruhigen Jupiters verwirklichen kann. Jupiter lässt die Karotte baumeln, während Saturn den Stock schwingt. Jupiter lockt mit der Zukunft und Saturn holt uns in die Vergangenheit zurück. Der Philosoph im Jupiter denkt über den Sinn des Lebens nach, der Mönch in ihm kontempliert göttliche Weisheit, der Abenteurer erforscht neue Länder, während der Erbauer, Verwalter und Beamte in Saturn dafür sorgt, dass es Universitäten, Kirchen und Straßen für die Reise gibt. Jupiter ist unser ewiges Kind, Saturn der weise Alte. Im Team lehren uns diese beiden ungleichen Freunde die so gegensätzlichen und sich ergänzenden Kräfte von Wachstum und Begrenzung, Vertrauen und Skeptik, Glück und Arbeit, Abenteuer und Realismus – oder wie Caroline Casey sie nennt: "Häagen-Dazs" und "Naturreis".

Jupiter und Saturn sind die sogenannten "sozialen Planeten", die ihre Kreise zwischen den persönlichen Planeten (der Sonne, dem Mond, Merkur, Venus und Mars) und den überpersönlichen (Uranus, Neptun und Pluto) ziehen. Während die persönlichen Planeten unsere Innenwelt symbolisieren, repräsentieren Jupiter und Saturn die Gesellschaft – unsere Außenwelt. Ihre Konjunktion alle zwanzig Jahre signalisiert einen sozialen Wandel, eine neue Welle kultureller Erwartungen und Erfahrungen. Dies findet jeweils seinen Höhepunkt in der Opposition und löst sich bei der nächsten Konjunktion in eine neue Welle auf. Im Radix stehen sie für unser gesellschaftliches Schicksal, basierend auf unseren Hoffnungen und Ängsten, auf dem, was wir "dort draußen" für möglich halten bzw. wovon wir befürchten, dass es nicht möglich ist. Am für unser Auge sichtbaren äußeren Rand des Sonnensystems angesiedelt, patroulliert dieses Team des "Guten und Bösen" immer am Rande des Unbekannten, des Mysteriums jenseits von uns – also im Grunde von allem. Jedenfalls so lange bis wir es durch dieses Paar erlebt und interpretiert haben und einen Standpunkt für uns dazu einnehmen können. Und das ist das Heimtückische daran: Was Jupiter und Saturn über unsere Welt entdecken, wird schließlich zu unserer Welt. Darauf konditioniert, bestimmte Erfahrungen zu erwarten, nutzen wir entweder Jupiter oder Saturn als Sprungbrett zu unserem höchsten Potential oder als gigantische Barriere, die uns zurückhält. Als die von unseren Ahnen ererbte Struktur der Realität und als die Freiheit, eben diese zu transzendieren, sind Saturn und Jupiter de facto die Architekten unserer Welt.

In Anbetracht ihrer hohen Bedeutung für uns ist es sehr clever, sich zu fragen, welche Geschichten sie in jedem Horoskop bereit halten. Doch leider können wir dies nicht immer allein astrologisch beantworten.

Planet SaturnBei mir steht Saturn im dritten Haus der Kommunikation, der Geschwister und der Grundschulausbildung. Diese Position weist auf Schwierigkeiten in der Kindheit in einem dieser Bereiche hin – etwas, das auf mich nicht zutrifft. Meine Schwester und ich haben uns zwar gestritten, aber wir haben auch miteinander gespielt. In den ersten Schuljahren mochte ich die Fächer Schreiben und Sprache so gern, dass ich verkündete, Schriftstellerin oder Rednerin zu werden. Die Schule war der Himmel für mich. Warum war ich dort so glücklich? Vielleicht wegen Jupiter im zehnten Haus des öffentlichen Images und der Autoritäten. Ich sah meine Lehrer durch Jupiters Filter; ihre Ermutigung machte das Lernen für mich aufregend und lohnenswert. Ich hatte viel mehr Angst vor der Kritik meiner Mutter zu Hause (Saturn im Quadrat zum Mond). Da ich in der Schule nicht die gleiche Ablehnung erfahren wollte, internalisierte ich Saturn, machte fleißig meine Hausaufgaben und hielt mich an alle Regeln. Saturn und Jupiter sind in meinem Horoskop durch ein Anderthalbquadrat miteinander verbunden. Dies ist typischerweise ein Spannungsaspekte, doch bei mir funktionierte das Zusammenspiel gut. Mein Jupiter im zehnten Haus segelte himmelwärts und brachte mir viel Anerkennung und einige akademische Ehren. Mein Saturn im dritten Haus verschaffte mir die Basis dafür, so dass ich für jeden Verdienst hart arbeitete.

Kürzlich kam eine Frau zu mir, die mich bat, einen Blick auf das Horoskop ihres Sohnes zu werfen. Ein Astrologe hatte sie verunsichert, weil er ihr sagte, dass ihr Sohn mit Saturn im dritten Haus sicherlich Probleme in der Schule bekommen würde. Aus meiner eigenen Erfahrung und aufgrund eines gut gestellten Jupiters in seinem Horoskop hätte ich sie eigentlich beruhigen können. Aber mein Sohn hat genau die gleichen Planetenstellungen wie ich: Jupiter im zehnten Haus im Anderthalbquadrat zu Saturn in drei (der ebenfalls einen Spannungsaspekt zum Mond hat). Mit viereinhalb Jahren und weniger als einem Jahr Kindergarten hinter sich, teilte er mir eines Tages mit: "Ich brauche keine Schule mehr." Er ist jetzt in der Realschule und nimmt seine Aufgaben so auf die leichte Schulter, dass zwischen einsen und zweien auch vieren auftauchen. Außer wenn es ums Fußballspielen und soziale Kontakte geht, interessiert ihn die Schule nicht im Geringsten. Dadurch kommt eine unliebsame Wahrheit über die Astrologie zum Vorschein: Was in dem einen Horoskop funktioniert und stimmt, muss in einem anderen noch lange nicht genau so sein.

Ich habe dies sehr früh gelernt, nämlich, als ich mit Horoskopberatungen begann. Ich dachte, es wäre großartig und ein sicherer Einstieg, in jeder Beratung mit "guten Nachrichten von Jupiter"  zu beginnen. Doch wenn ich dann etwas darüber erzählte, wie gut es in diesem Lebensbereich laufen müsste, erntete ich als Reaktion oft nur einen fragenden, verständnislosen Blick oder ein Kopfschütteln. "Da soll ich Glück haben? Das sehe ich anders..."  Wenn ich dann zur Saturnposition kam, verlegte ich mich darauf, die Schwierigkeiten zu beschreiben. "Nicht wirklich", meinten dann viele. Was wirklich schlecht an solchen Beratungen ist (mal abgesehen davon, dass sie das Selbstvertrauen des Astrologen untergraben), ist dass sie dem Klienten sein Verständnis für sich selbst absprechen. Ich war als Astrologieschülerin einmal in einem Seminar, wo ein Schüler ebenso verneinte, "Glück" in dem Lebensbereich zu haben, wo bei ihm Jupiter stand. Anstatt nach anderen Ausdrucksformen für Jupiter in seinem Leben zu suchen, rügte der Lehrer seinen Schüler einfach dafür, dass er offenbar sein Glück nicht wahrnehmen könne.

Astrologen müssen genau so bemüht sein zuzuhören wie sie bemüht sind, richtig zu deuten – und dabei entdecken, wie das Horoskop sich bei diesem Menschen manifestiert, anstatt dem Klienten ihre persönliche Horoskopinterpretation überzustülpen. Nach der ersten astrologischen Beratung, die ich jemals in Anspruch nahm, weinte ich anschließend den ganzen Nachhauseweg über. Der Astrologe hatte mir keine einzige Frage gestellt. Nachdem er meinen Jupiter im zehnten Haus gesehen hatte, der über meine Schützesonne herrscht (ein potentieller Indikator für Auslandsreisen), hatte er entschieden, ich müsse Übersetzerin für die Vereinten Nationen werden oder eine andere Art von Weltendienerin, die benachteiligte Menschen auf der ganzen Welt unterrichtet. Er war ganz begeistert von dem, was er da in meinem Horoskop entdeckte. Er wusste nicht dass ich a) Angst vor dem Fliegen hatte und b) ich mit dem leidenschaftlichen, doch angstbesetzten Wunsch nach einer Karriere als Autorin zu ihm gekommen war. Ziemlich verschüchtert befragte ich ihn zum Thema Schreiben. Vielleicht passte das nicht in sein Konzept von einem Saturn im dritten Haus. Jedenfalls fegte er die Frage mit einer Handbewegung weg und bemerkte überhaupt nicht, dass ich immer niedergeschlagener wurde, je mehr er erzählte. Als ich mich von ihm verabschiedete, hatte ich wirklich tiefe Zweifel an mir selbst und meinen Lebensplänen. Es dauerte Monate bis ich mir wieder erlaubte, von einem Leben als Schriftstellerin zu träumen.

Das Ironische daran ist, hätte ich ihn zwanzig Jahre früher getroffen, hätte seine Beratung mitten ins Schwarze getroffen. Im Alter von neun Jahren dachte ich daran, Übersetzerin zu werden und der Friedensbewegung beizutreten. Mit fünf Jahren wollte ich Stewardess werden und um die Welt reisen. Mit sechzehn wollte ich Jura studieren, auch ein Jupiter-Beruf. Während meiner ersten Jahre im College belegte ich die Fächer Diplomatie und internationale Politik (wieder Jupiter). Später unterrichtete ich an einer örtlichen Schule (noch mehr Jupiter). Seinem Image entsprechend stieß ich auch nie auf ein Hindernis, wenn ich mich in seine Richtung bewegte. Aber nichts davon war von Dauer. Wenn ein Astrologe behauptet hätte, Jupiter würde mir Glück im Berufsleben bringen und mich gleichzeitig blind für dieses Glück machen, hätte ich heftigst widersprochen. In meinen Zwanzigern und Dreißigern war mein Berufsleben völlig chaotisch und sehr enttäuschend. Erst ab dem vierzigsten Lebensjahr empfand ich in diesem Lebensbereich wieder das Gefühl von Glück.

Planeten sind dynamisch, in ihnen sind unsere Geschichten enthalten. Vielleicht können wir sie besser verstehen, wenn wir zusätzlich zu unseren Stichwort-Formeln auch noch Geschichten erzählen. In diesem Sinne möchte ich Ihnen zwei Geschichten der Brüder Grimm anbieten [1], eine für Jupiter und eine für Saturn. Stellen Sie sich beim Lesen einfach vor, der Vorhang würde aufgehen und Ihr Saturn bzw. Jupiter stände auf der Bühne. Platzieren Sie die Schauspieler vor der vertrauten Kulisse Ihrer eigenen Erfahrung. Vielleicht finden Sie etwas, womit Sie die beiden Charaktere in Ihrem Horoskop auffrischen können.

In dem Märchen "Die sieben Raben"  hat ein Ehepaar sieben Söhne; sie wünschen sich sehnlichst eine Tochter. Nach Jahren des Wartens gebiert die Frau schließlich ein Mädchen, aber das Kind ist so klein und schmächtig, dass man nicht darauf hoffen kann, dass es die Taufe überlebt. Der Vater sendet seine Söhne zum Brunnen, um Wasser für die Taufe zu holen, doch in der Eile fällt den Brüdern der Krug in den Brunnen. Aus Angst vor dem Zorn des Vaters wissen sie nicht, was sie tun sollen und sind völlig gelähmt. Als sie nicht nach Hause kommen, wird der Vater so wütend, dass er flucht: "Ich wollte, dass die Jungen alle zu Raben würden!" Im gleichen Augenblick fliegen sieben kohlschwarze Raben über ihn hinweg.

Sieben ist eine saturnische Zahl [2] und Raben sind Saturn-Vögel. RabeSelbst ohne diese symbolischen Schlüssel wissen wir, dass dies eine Geschichte ist, die sich um die Thematik des Wartens, der Enttäuschung und der Angst dreht. In dem Haus, wo Saturn steht, oder im Zusammenhang mit den Planeten, die er aspektiert, gehen unsere Wünsche nicht einfach und schnell in Erfüllung. Wir treffen auf Umstände, die wir nicht kontrollieren können. Das ersehnte Mädchen kommt nicht – kreative Bemühungen tragen keine Früchte. Der Krug verschwindet – wir machen Fehler und erleiden Verluste. Wir enttäuschen andere und werden von ihnen enttäuscht – Liebe und Anerkennung werden uns vorenthalten. Das hört sich natürlich "übel" an, aber es ist eine Art Schule. Durch saturnische Erfahrungen treffen wir auf Grenzen und begegnen dem rauen Antlitz der harten und kalten Realität. Wir werden in das Reich der Zeit und Form eingeführt, in dem es langsamer und unbequemer zugeht als in unseren Träumen.

In ihrer Trauer um den Verlust ihrer Söhne finden der Mann und die Frau Trost in ihrer kleinen Tochter, die wie durch ein Wunder mit jedem Tag stärker und schöner wird. Ihre Eltern erwähnen die Brüder niemals in ihrer Gegenwart, weil sie sie vor dem Wissen bewahren wollen, dass ihre Geburt Anlass für das Verschwinden der Brüder war. Äh, Moment mal, hab ich das richtig gehört? Hatte der Vater die Sache nicht in der Hand? War er es nicht, vor dem die Söhne solche Angst hatten, dass sie nicht ohne den Krug nach Hause gehen konnten? War er nicht der Typ, der seine Söhne verfluchte?

In dysfunktionalen Familien ist Verantwortung häufig die heiße Kartoffel, die von einem zum anderen geworfen wird und schließlich bei dem Familienmitglied landet, das sich am wenigsten dagegen wehren kann. Wenn Autoritätsfiguren, also die Rollenvorbilder für Saturn, sich so verhalten und Schuldzuweisungen verteilen, wer trägt dann die Schuld? Die Kinder. Das ist damit gemeint, wenn wir Saturn "karmisch" nennen. Er trägt dort, wo er steht, die Last der Geschichte. Es mag ja auch in der Tat ein paar Leben gegeben haben, wo etwas schief lief, das Saturn nun wieder aufgreift. Doch die Gefühle von Schuld, Unzulänglichkeit und Angst, die über Generationen in der Familie weiter gegeben werden, dürfen wir auch nicht vernachlässigen. Sie lasten auf unserer Psyche, während wir wütend versuchen, sie von uns weg zu projizieren. Mit anderen Worten: die falschen und begrenzenden Glaubenssätze, die in Ihrer Saturnposition gespeichert sind, sind vielleicht noch nicht mal Ihre eigenen!

Was auch immer zu Beginn einer Geschichte fehlt, es hat eine Bedeutung: Es repräsentiert nämlich die Fähigkeit, die die Charaktere heilen kann. Im Saturn-Märchen ist es die Tochter – das weibliche Prinzip – die für Fruchtbarkeit, Empfänglichkeit, Intuition und emotionale Sensibilität steht. Als das Mädchen endlich auf der Welt ist, geht der Krug – ein weiteres weibliches Symbol – verloren. Der Vater zeigt sich weder verletzlich noch mitfühlend und besitzt auch nicht die Stärke, seine Gefühle selbst zu verarbeiten, sondern er spricht den Fluch aus, der seine Familie zerstört. Es mag uns komisch erscheinen, dass der patriarchale Saturn zu seiner Erlösung die Entwicklung des Weiblichen benötigt. Doch das Märchen erinnert uns möglicherweise daran, dass die Jahre uns einfach nur älter und nicht weiser machen, wenn uns Mitgefühl und Demut fehlen. Es braucht die Empfänglichkeit und Sensibilität des Wasserelements, um ein Weiser zu werden. Starrheit  – ungewässerte Erde – macht uns nur unfruchtbar und alt.

An einem bestimmten Punkt werden wir uns in unserem Saturn-Haus eines unbewussten Fluchs bewusst – ein alter Glaubenssatz, ein vergiftender Gedanke, ein begrenzender Verteidigungsmechanismus, den wir aufgebaut haben, als wir uns machtlos und ausgeliefert fühlten. Wenn wir das Problem einmal erkannt haben, was können wir dann tun? Wir müssen uns auf die Reise der Tochter begeben. Nachdem sie durch das Gerede der Leute vom Schicksal ihrer Brüder erfahren hat, macht sich die Tochter auf den Weg, um den Fluch zu lösen. Sie übernimmt Verantwortung, eines der Schlüsselworte für Saturn. Spüren Sie, wie sehr sich das von der Schreckensstarre ihrer Brüder unterscheidet? Gelähmt durch saturnische Schuld und Angst mussten diese ihre Reise als Raben unterbrechen, noch weit entfernt von ihrem wahren Potential. Zu verschiedenen Zeiten übernehmen wir verschiedene saturnische Rollen: der gewissenlose Elternteil, alt aber nicht weise, die Brüder, ängstlich und unerfahren, oder das entschlossene Mädchen, das sich vor dem schwierigen Pfad, der vor ihr liegt, nicht ängstigt.

Unsere Heldin reist bis ans Ende der Erde, wo sie von der Sonne erschreckt wird, die heiß ist und kleine Kinder frisst (unser Ego kann unsere Unschuld verschlingen). Der Mond ist auch kalt und unheimlich (emotionale Muster verhindern unser Wachstum). Und doch, endlich, trifft sie auf ein paar freundliche Sterne (zusammen mit einem guten Astrologen vielleicht?), die ihr nützliche Informationen geben. Sie erfährt, dass sie ihre Brüder eingeschlossen im Glasberg findet und erhält ein magisches Hühnerbeinchen, das den Glasberg aufschließen soll. Unsere Heldin wickelt das kostbare Beinchen in ein Tuch, doch als sie am Glasberg ankommt, ist das Hühnerbeinchen verschwunden. Furchtlos schneidet sie sich einen Finger ab und steckt ihn statt dessen ins Schloss. Der Berg öffnet sich und ihre Brüder werden befreit.

Dass sie sich einen Finger abschneidet, ist bedeutsam. Es weist darauf hin, dass wir uns alles, was wir in Saturns Haus lernen, zu eigen machen müssen. Saturns Effektivität steigt, wenn wir dem, was uns die Tradition, unsere Eltern oder Lehrer überlassen haben, unsere persönliche Prägung aufdrücken und zur neuen Autorität in diesem Haus werden. Erst dann wird unser ganzes Potential, wie die sieben Brüder, freigesetzt. Auf diese Weise wirkt Saturn transformierend. Das innere Kind wird zu einem kompetenten und mitfühlenden inneren Erwachsenen.

Und nun zu Jupiters Geschichte. In "Der Ranzen, das Hütlein und das Hörnlein" geht es drei Brüdern so schlecht, dass sie beinahe verhungern. Sie entschließen sich, ihr Glück in der Welt zu versuchen. Saturn würde hier mit den Augen rollen und sagen: "Ist aber auch allerhöchste Zeit, ihr Dummköpfe!" Saturn erteilt seine Anweisungen über Beurteilungen und Kritik. Doch Jupiters Stil ist offen und ermutigt uns, durch Erkundung und Entdeckung zu lernen. Wir treffen häufig auf eine frühes Glück in Jupiters Revier. Doch wenn dieses "verbraucht" ist, dann dauert es möglicherweise eine ganze Weile, ehe wir den Schmerz fühlen. Wie jemand, der etwas geerbt hat, eigentlich schon bankrott ist und von seinen Freunden und Kreditkarten lebt und glaubt, das Glück läge einfach um die Ecke. Mit Jupiter fühlen wir uns jung und ohne Eile – so als läge unser ganzes Leben noch vor uns. Doch ab einem bestimmten Punkt müssen wir einfach in Bewegung kommen und das Glück finden, das um die Ecke auf uns wartet.

Die Brüder kommen in einen Wald und entdecken einen Berg voller Silber. Der eine Bruder ruft aus: "Das ist das Glück, nach dem ich gesucht habe!" und trägt soviel Silber heim wie er tragen kann. Die beiden anderen Brüder wünschen sich mehr vom Leben als einen Berg voller Silber, und so reisen sie weiter. Sie kommen in einen anderen Wald und an einen anderen Berg. Dieser besteht aus purem Gold. Der zweite Bruder gerät in die Zwickmühle: "Soll ich mir von dem Golde soviel nehmen, dass ich mein Lebtag genug habe, oder soll weitergehen?" Endlich entscheidet er sich, seine Taschen voller Gold zu packen und nach Hause zu gehen.

Von einem der auszog Doch es gibt offenbar mehr als eine Art von Glück in der Welt. Saturns Glück kommt vom Durchhalten und von harter Arbeit, auch wenn es von außen oft  wie ein "Glück über Nacht" aussehen mag. Jupiters Glück scheint einfach vom Himmel zu fallen. Doch wir stünden nicht mit offenen Händen bereit, es aufzufangen, wenn wir nicht an Wunder glauben würden. Jupiter ist der Guru, der uns mit Geschichten der Erleuchtung verlockt, der Unternehmer, der ein glanzvolles Comeback ausmalt. Seine hohen Erwartungen und sein zuversichtlicher Optimismus erzeugen eine Aura des Erfolgs, die andere förmlich fühlen können – aus diesem Grund ist er auch ein begabter  Verkäufer. Das Haus, in dem Jupiter steht, ist der Bereich, in dem wir uns zu Großem entwickeln wollen, wo wir dafür gemacht sind, unsere Grenzen über den üblichen Rahmen hinaus zu erweitern. Wenn wir uns auf einer Jupiter-Reise befinden, dann kann sich uns bieten, was will, wir träumen immer noch von etwas Besserem.

"Ha!" sagt der dritte Bruder, "Silber und Gold, das rührt mich nicht, ich will meinem Glück nicht absagen, vielleicht ist mir etwas Besseres beschert." Und er geht weiter, durch Wald um Wald, bis er vor Hunger fast umfällt. Er klettert auf einen Baum und sieht meilenweit nichts als Baumwipfel. "Wenn ich nur noch einmal meinen Leib sättigen könnte" sprach er. Und siehe da, am Fuße des Baumes entdeckt er ein Tischtuch, beladen mit Speisen. "Diesmal", sprach er, "ist mein Wunsch zu rechter Zeit erfüllt worden." (Der Silber- und der Goldberg zählen wohl nicht?) Er isst sich satt, steckt das Tischtuch in seinen Ranzen und zieht weiter. Am Abend verspürt er wieder Hunger. Er holt sein Tuch hervor und spricht: "So wünsche ich, dass du abermals mit guten Speisen besetzt wärest." Und zu seiner Überraschung geschieht es! Ihm wird klar, dass es sich um ein Tüchleindeckdich handelt und er denkt bei sich: "Das ist das Glück, nach dem ich gesucht habe!" Doch schnell fügt er hinzu: "Doch mit einem Tischtuch allein kann ich nicht nach Hause gehen." So zieht er wieder los und sucht nach weiteren Schätzen.

In unserem Jupiter-Haus müssen wir uns immer weiter bewegen, doch es ist eine kniffelige Angelegenheit. Wir haben hier einen ungeheuren Appetit und können ganz buchstäblich fett werden. Die größte Herausforderung besteht wahrscheinlich darin, sich auf eine Sache zu konzentrieren und diese ganz durchzuziehen. Unser Glück kann uns nämlich verlassen, wenn zu viele Projekte an unserer Begeisterung zehren. Oder wir vergessen gar, das Glück zu genießen, wenn es denn kommt. Wenn Sie das Gefühl haben, in Ihrem Jupiter-Haus oder bei den Planeten, die Aspekte zu ihm bilden, völlig vom Glück verlassen zu sein, dann müssen Sie vielleicht eine neue Suche starten. Wie sieht Ihre Vision vom Glück hier aus? Wenn Ihre erste spontane Antwort lautet: "Ich weiß es nicht", dann fragen Sie weiter. Denn dort ist eine Vision. Und wahrscheinlich nicht nur eine. Wählen Sie die aus, die Sie zutiefst motiviert. Und wenn das nicht funktioniert, dann bauen Sie auf dem Glück auf, das Jupiter Ihnen bereits beschert hat. Erstellen Sie eine Liste von allen Jupiter-Geschenken. Das ist so, als würden Sie das Tüchleindeckdich vor sich ausbreiten – denn jeder Segen, der dankbar anerkannt wird, lädt einen neuen Segen ins Leben ein.

Für die Reise in Saturns Haus benötigen wir Zeit. Die Vergangenheit spielt hier eine große Rolle – um einen Familienfluch zu lösen braucht es Zeit, Mühe und Geduld. Doch auf diese Art wird unser inneres Kind weise. Jupiters Haus braucht Raum und Weite – die Freiheit, sich auf die Suche zu begeben. Und weil Ihre Jupiter-Reise womöglich niemals zu Ende sein wird, ist das der Ort, an wir für immer jung bleiben – "forever young", wie Bob Dylan singt. Jupiter und Saturn können Ihnen viel über sich selbst und Ihre Welt beibringen, der eine durch bloßes Streben, der andere durch schweißtreibende Arbeit. Als Team können Sie Ihnen großen Erfolg bescheren. Und wenn Sie jemals einen Astrologietest zu bestehen haben und nach der Entsprechung für "Lehrer" gefragt werden, dann hoffe ich, dass Sie sie beide nennen!


  1. Jacob und Wilhelm Grimm,  Die Märchen der Brüder Grimm, Droemer Knaur 1937.
  2. Der astronomische Saturn hat sieben Ringe und sieben Eismonde. Die Quadrate, Opposition oder Konjunktion des astrologischen Saturn zu seiner Radixstellung erfolgen alle sieben Jahre.

MOONPRINTS by Dana Gerhardt

Zu Moonprints Die Leser der amerikanischen Astrologiezeitschrift "The Mountain Astrologer" schätzen diese wunderbare Deutung schon seit über 20 Jahren. Moonprints beschäftigt sich tiefgehend mit den Hintergründen Ihres Gefühlslebens. Sie erhalten neue Einblicke in den Mond des Geburtshoroskops - seine Phase, das Zeichen, Aspekte und sein Haus. Entdecken Sie Ihren Lebenssinn, versteckte Talente und Gefahrenzonen durch die Mondknoten. Nutzen Sie den Mond, um sich selbst in den Rhythmen der Zeit zu verankern - durch Transite zum Mond, Ihre progressiven Mondzeichen und -häuser, Daten für zwei progressive Mondzyklen, plus einen Jahreslauf der Neu- und Vollmonde durch Ihr ganzes Horoskop. Sie werden jede Seite dieser Deutung lesen wollen, die sowohl Anfänger als auch fortgeschrittene Astrologielernende anspricht. Die Deutung ist auch in einer deutschen Übersetzung bei Sabine Bends erhältlich.

Zur deutschen Ausgabe von Moonprints

Übersetzt aus dem Englischen von Sabine Bends

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