Waage und der Weg der inneren Überzeugung

Von Dana Gerhardt

libra"Das ist der falsche Mond!" Ich ging gerade durch die Lobby, um ein Fax zu holen, als mein Fruchtwasser platzte. Ein Kreis von besorgten Mitarbeitern versammelte sich um mich und trat sofort in Aktion. Sie beschlossen, wer mich ins Spital bringen und wer mit meinem Auto folgen sollte. Aber ich war nur auf ein einziges Thema fokussiert: "Mein Kind kann nicht mit einem Waagemond geboren werden!"

Ich war erst seit drei Jahren professionelle Astrologin. Das heisst, dass ich das meiste aus den Büchern wusste und einer Handvoll Horoskope, die dies bestätigten. In meinen Büchern stand, dass das Mondzeichen eines Kindes auf die Persönlichkeit seiner Mutter hinweist. Die Waage ist ein liebenswürdiges Zeichen: diplomatisch, sozialkompetent, künstlerisch, raffiniert und beziehungsorientiert. Aber ich?! Ich war ein ungeschickter Schütze, der seine Freiheit liebt und seine Meinung sagt. Das Bild, das ich mir von einer Waagemond-Mutter machte, war umrahmt mit Spitze und lächelte, und ich stellte mir vor, wie sie umherflattert und versucht, jedermann glücklich zu machen. Wenn mein Sohn sich eines Tages bei einem Therapeuten über meine Schwächen ausliesse, würde er sich nicht über zu grosse Liebenswürdigkeit, Künstlichkeit oder Unentschlossenheit beklagen. Ich war schliesslich erleichtert, als ich Brandens Horoskop sah. Sein Waagemond steht in Konjunktion mit Jupiter - aha, da ist die Schütze-Mutter. Zudem stand er im 10. Haus - jawohl, das ist der unglückliche Einfluss meines eigenen, ängstlichen und ehrgeizigen Mond-Saturn-Quadrats.[1]

Mein Glaube an den Himmel war wiederhergestellt. Aber die Astrologie strotzt von Elementen, die bei einer frischgebackenen Mutter Ängste auslösen können. Eines Tages erfuhr ich, dass Waagemond-Kinder inkarnieren, um ihren Eltern Harmonie zu bringen. Huch. Brandons Vater und ich waren immer nur durch einen dünnen Faden miteinander verbunden gewesen. Während der Schwangerschaft badete der Fötus oft in einem Wechselbad aus meinen Schwangerschaftshormonen und dem gespaltenen Verhältnis seines Zwillinge-Vaters zur Vaterschaft. Kein Wunder, blätterte Brandons Seele die Ephemeriden durch auf der Suche nach einem Waagemond, obwohl ich die Unmöglichkeit seiner Mission bedauerte. Bevor Branden drei war, trennten sich sein Vater und ich.

Später fand ich dieses Kleinod: "Die Mütter von Waagemond-Kindern sind Idealistinnen und Romantikerinnen, die oft schrecklich enttäuscht sind von ihren Beziehungen." Autsch. Ich stamme von Frauen ab, die seit Generationen von ihren Männern bitter enttäuscht worden sind. Ich stelle mir meine Ur-Ur-Urgrossmutter beim Kühemelken vor und wie sie ausspuckt, wenn ihr Ehemann mit elegantem Hut durch das Tor reitet. Aber eine Romantikerin? Ich? Niemals!

Um ehrlich zu sein, astrologische Grundsätze sind ebenso oft falsch wie sie wahr sind. Warum also lassen wir sie trotzdem zirkulieren? Sie leisten gute Arbeit, weil sie Astrologen in Kontakt mit den Archetypen bringen. Zuerst klammern wir uns an unsere Kochbuch-Sätze ("Natürlich ist das richtig.... Astrologen haben das seit Tausenden von Jahren beobachtet!"). Dann lässt uns die Erfahrung reifen und wir begreifen, dass nichts für immer wahr ist. Schliesslich lassen wir die Verallgemeinerungen weg zugunsten einer lebendigen Beziehung zu den Archetypen. Das ist das wahre Vergnügen an der Astrologie, diese unendliche Kreativität von Planeten und Zeichen zu beobachten, die sich bei jeder Person unglaublich präzise zeigen. Was unsere Planeten so unwiderstehlich macht, ist, dass sie nie völlig ausgeschöpft sind oder sich enthüllen. Vor allem im Horoskop eines Kindes sollten wir Radixstellungen wie leere Stühle betrachten, die an einer Feier auf die Ankunft der Ehrengäste warten. Ihre Geschenke enthüllen sich erst mit der Zeit, sowie auch der unvermeidliche Fluch des uneingeladenen Gastes, welcher das mitbringt, was wir übersehen haben. Dadurch bleibt die Geschichte natürlich interessant und voller Götter.

waage symbolÜber die Jahre hinweg habe ich ein loses Auge auf das Horoskop meines Sohnes gehabt und auf die Momente gewartet, bis seine Götter erscheinen wollten. Als Branden mit acht sehr wählerisch in Bezug auf den Schnitt und die Farbe seiner Kleider wurde, applaudierte ich seinem gepflegten Waagegeschmack. Jetzt ist er ein Rugbyspieler, der sich stundenlang in Kriegsvideospiele vertiefen kann. Aber sein Waagemond gestaltet regelmässig seine Bude um und schaut gelegentlich Folgen der Liebes-Spielshow "The Bachelor". Wenn Werber an der Türe stehen, duckt sich sein Mond hinter das Sofa. Er erträgt diesen unangenehmen Moment des "Nein, ich bin nicht interessiert"-Sagens nicht. Nicht einmal ist er in die Schule gegangen, ohne das Haus mit einem "Ich liebe dich, Mama" zu verlassen. Mit seiner Aufgabe, seinem Vater und mir Harmonie zu bringen, war er ebenfalls erfolgreich, denn als seine Ko-Eltern waren wir recht herzlich vereint.

Das erste Geschenk, das ich von Branden erhielt, war eine kleine magnetische Spielzeugschaukel, auf der ein Mädchen und ein Junge balancierten. Und vom Kindergarten Gabentisch wählte er eine perfekte Kopie des Waagezeichens aus. Erst jetzt weiss ich, was er damals wirklich getan hat. Er signalisierte mir, dass nun mein Waage-Training begonnen hatte, denn nun ist er 17 und ich bin die Anmut in Person, trage Spitze, bringe ihm Snacks und halte meinen Mund, um den Frieden zu wahren. Damit hätten wir ein weiteres Element, das wir über Mondzeichen zirkulieren lassen könnten: Der Mond unseres Kindes ist eine Warnung; er prophezeit den Typ Mutter, den wir werden sollen!

Gleichgewicht des Himmels

Mit der schönen Venus als Herrscherin, ist die Waage charmant, harmonisch und sensibel. Oft wird gesagt, Waagen bräuchten Beziehungen. Doch es gibt ebenso viele Waage-Sonnen, die allein leben, wie solche, die tatsächlich in einer Partnerschaft sind. Die Konsultation eines Astrologiebuchs trägt noch zum Elend eines Waage-Singles bei: "Es heisst, dass ich nur über andere zu mir selber finde...eine Beziehung bringt mich in Schwung. Was geschieht also, wenn ich keine habe?"

Es ist schon merkwürdig, dass ausgerechnet ein so beziehungsorientiertes Zeichen wie die Waage das einzige Zeichen im Tierkreis ist, dessen Emblem unbelebt ist. Warum hat die Antike in der Waage-Konstellation nicht ein ähnliches Bild von Beziehung gesehen wie die miteinander verbundenen Zwillinge oder die Rücken an Rücken schwimmenden Fische? Stattdessen leuchten diese Sterne in der Form eines Instruments, eines Objekts, das zum Abwägen von Dingen benutzt wird: eine Waage. Die Sumerer nannten die Konstellation Zib-ba An-na, was "Gleichgewicht des Himmels" bedeutet. Damals ging die Sonne im Herbst, als Tag und Nacht gleich lang waren, in Waage auf. Dies führte zum Glauben, dass die Waage für Gleichgewicht steht, nicht für Partnerschaft. Heute betrachten wir die Sonne nicht mehr vor dem Hintergrund des Fixsternhimmels, und selbst wenn wir das würden, würden wir feststellen, dass die Herbsttagundnachtgleiche wegen der Präzession nicht mehr im Sternbild Waage stattfindet. Wie sollen wir dann aber dieses Zeichen ehren? Sollen wir da, wo die Waage in unserem Horoskop steht, uns um Partner bemühen, um Gleichgewicht oder darum, Dinge abzuwägen?

goddess maatEin solches Hin und Her von Fragen hat etwas von einem Wiegebalken, der rauf und runter schwingt, was der Waage natürlich sehr entspricht. Es ist ein Zeichen, das sehr schnell zwischen verschiedenen Ansichten herumspringen kann. Es versucht auch herauszufinden, was fair, gerecht und wahr ist. Das ist das mythologische Erbe der Waage-Konstellation, denn die Ägypter sahen darin die heilige Waage von Ma'at. Ma'at war die Göttin des Gleichgewichts, der Gerechtigkeit, Wahrheit und Ordnung. Sie war es, die das Universum vor dem Abdriften ins Chaos bewahrte. Wenn jemand starb, wurde sein Herz auf ihrer Waage abgewogen mit einer Feder, um festzustellen, ob dieser Mensch in Harmonie mit den natürlichen Gesetzen gelebt hatte und nun ins nächste Reich übertreten konnte. Zu schwere Seelen wurden sogleich von Dämonen verschlungen.

Etwas so Delikates wie Seelen und Federn abwägen zu können, ist ebenfalls eine Waagefähigkeit. In der Tat ist diese ungewöhnliche Sensibilität der zentrale Pfeiler im waagemässigen Abwägen. Waagen haben gegenüber Gegenständen ein tiefes Bewusstsein und werden von ihnen auch beeinflusst. Achten Sie, wie lebendig die Welt für diese Frau mit Venus in der Waage ist:

"Weiche, seidige Stoffe sind ein Muss. Ich kaufe Dinge danach ein, wie sie sich anfühlen. Ich liebe Sachen, die funkeln und strahlen. Ich habe überall im Haus Steine und sehe eine unglaubliche Schönheit in ihnen. Ich habe immer frische Blumen. Ich mag Kerzen, aber ich bin vorsichtig mit Düften, weil mein Ehemann und ich uns sehr schnell überwältigt fühlen, wenn etwas zu stark ist. Die meisten Menschen tun zu viel des Guten. Mein Rücken ist meine empfindlichste erogene Zone. Und wenn es zu Berührungen kommt, dann ist weniger mehr. Ich mag leichte Federberührungen."

Es ist verständlich, warum sich die Waage mit ihrer delikaten Natur jene beruhigende Liebkosung sucht, die Schönheit und Harmonie ihr geben. Ein anderer Name für ihre Sensibilität wäre "ästhetische Sensibilität", so wie Thomas Moore den Begriff definiert: "Ästhetik in ihrem ursprünglichen Sinn beinhaltet, dass man Dinge in ihrer Besonderheit wahrnimmt und von der mannigfachen Weise, wie sie sich zeigen, berührt wird."[2] Mit anderen Worten ist es die Fähigkeit, die Dinge des Lebens, Düfte und Steine, tief zu empfinden.

princesspeaDas Märchen, das am besten diese Waage-Sensibilität beschreibt, ist Hans Christian Andersens "Prinzessin auf der Erbse".[3] In einer stürmischen Nacht klopft eine wunderschöne Fremde an die Schlosstüre und verlangt Obdach. Die Königin beschliesst, sie zu testen. Sie schätzt ihre Vornehmheit ein und lässt sie auf zwanzig Matratzen schlafen, unter die sie eine Erbse legt. Das Mädchen wälzt sich. Nach einer schlaflosen Nacht klettert sie mit Blutergüssen übersät herunter und beweist damit der Königin, dass sie wahrhaftig eine wirkliche Prinzessin ist (oder jemand mit einem Stellium von Waage-Planeten!).

Wir könnten sagen, dass es die Mission von Waage ist, ihre Sensibilität in die verschiedensten Dinge einfliessen zu lassen. Was sie misst, das kennt sie. Wenn sie die besondere Natur von etwas, das sie antrifft, erkannt hat, gesellt sie sich dazu. Die Natur einer Sache zu erspüren, fördert nicht nur die Intimität, sondern auch die Wertschätzung für Schönheit, Harmonie, natürliche Ordnung und Gesetz. Klar schränken wir die Waage ein, wenn wir bei ihr nur über menschliche Beziehungen sprechen. Es gibt so viele Dinge auf der Welt, die man erspüren kann. Deshalb kann Waage nahezu unbegrenzt Beziehungen eingehen.

Eine Waage-Yoga-Lehrerin mag zwar Single sein, aber trotzdem Erfüllung erleben, indem sie ihrem eigenen Körper und dem ihrer Schüler ein lebendiges Gefühl für Balance gibt. Eine Waage-Biologin kann sich selber verwirklichen, indem sie die Harmonie in den Bakterien der Petrischale entdeckt. Ein Toningenieur kann bei der Soundkarte aufleben, wenn er mit seiner Waage-Sensibilität für den Moment erspürt, wann ein Sound kommen und ein anderer gehen muss. Letztlich führt diese ästhetische Praxis die Waage zu ihrer Seele. Moore schreibt auch, "Die menschliche Seele sehnt sich nach der Vereinigung mit ihrer Grundsubstanz..." und ein "vitaler, sensibler ästhetischer Sinn ist das Mittel mit welchem die menschliche Seele diese Wiedervereinigung, ihre Intimität mit der Welt, finden kann."[4]

Wenn wir es auf diese Weise betrachten, wären alle unsere Beziehungen ein Mittel für unsere Selbstentdeckung. Nicht unseres kleinen Ego-Selbsts, sondern unseres grösseren Selbsts, der Anima Mundi, der es gefällt, sich selber in verschiedensten Formen zu begegnen. Ein befreundeter Künstler erzählte mir von einer Bildhauerklasse, die er einmal besucht hatte. Alle übten mit demselben Modell, doch der Lehrer zeigte ihnen später, wie jeder irgendwie Züge seines eigenen Gesichts gemeisselt hatte. Wir sehnen uns mit unserer Seele danach, uns selber in anderen wiederzufinden, weil wir auf einer bestimmten Ebene kapieren, dass wir alle miteinander eins sind. Wenn wir unserer ästhetischen Sensibilität erlauben, die Welt wirklich zu berühren, dann heilen wir die schmerzliche Trennung unserer Seele. Dann sind wir endlich in Harmonie.

Die zarte Waage hat auch einen Schatten. Sie kann zu viele Kompromisse machen. Sie kann sich selber durch Unentschlossenheit verwirren. Alle Luftzeichen können sich in ihren Gedanken verlieren. So wie die Luft können auch Gedanken weit reisen; sie können zweideutig sein und die ästhetische Mission der Waage von rechts überholen. Der Verstand kann das Verständnis erleichtern, welches gute Beziehungen verlangen, aber er kann auch Projektionen produzieren, Abstraktionen und Konzepte, welche eine echte Beziehung hemmen. In Andersens Märchen hatte der Prinz vor der Nacht, in der die Prinzessin kam, die Welt bereist auf der Suche nach einer wirklichen Prinzessin. Er fand keine. Möglicherweise stand ihm sein Verstand im Weg, zu überwältigend war seine Fähigkeit, die authentische Präsenz von anderen zu spüren. Das erinnert mich an einen Mann, den ich kenne, dessen Sonne im siebten Haus stand, dem natürlichen Haus von Waage. Paul ist Mitte dreissig, war nie verheiratet, und seit ich ihn kenne ist er am "Suchen". Ernsthaft. Er hat Kontaktanzeigen auf einschlägigen Seiten studiert, er schrieb sich im Internet auf Heiratsvermittlungswebsites ein, er ging an "Speed Dating"-Treffen, doch es schien nie zu klappen. "Ihre Brüste waren zu klein," erzählt er mir. "Ihre Augen waren zu begierig," oder "Sie mag Fellini nicht," oder "Die Art ihres Tanzes war komisch."

Die luftige Waage inspiriert unsere Vision eines Märchenprinzen oder einer Märchenprinzessin und unsere "Ideen" über Beziehung. Aber ohne die Leidenschaft des Feuers, die uns in die Arme eines andern treibt, oder ohne die Emotionalität des Wassers, mit der wir uns binden lassen in all unserer Verletzlichkeit, kann die Waage lange im Jenseits der Unentschlossenheit sitzen. Eine Freundin mit Waagemond fragt sich immer, ob sie wirklich verliebt ist, ob dieser eine nun der Auserwählte sei. "Wie kann man das wissen?" fragt sie mich ständig. Es ist manchmal hart für eine Waage. Ein Nachteil ihres ständigen Gewichtens und Balancierens ist die Unfähigkeit, sich zu etwas zu entschliessen, nicht nur in Beziehungen, sondern in vielen Dingen. Mein Vater hat Sonne, Mond und Jupiter in Waage im 10. Haus, dem Haus der Karriere, und nun, als Achtzigjähriger, ist er sich immer noch nicht sicher, was er mit seinem Leben machen soll.

Mein Vater heiratete einen Widder, meine Mutter, die öfters die Führung übernahm. Sie setzte die Ziele und machte die Planung, aber bei jedem neuen Abenteuer, das sie in Angriff nahm, zog mein Vater von der anderen Seite. Seine Art, Balance in die Beziehung zu bringen, war, ihrem Optimismus mit Pessimismus zu begegnen, ihrem Engagement für diesen Plan mit seinem plötzlichen Wunsch, den anderen Plan auszuführen. Sie agierte, er reagierte. Er wiedersetzte sich ihr wie verrückt, aber er folgte ihr überall hin. Die angenehme, abhängige, Frieden-um-jeden-Preis suchende Waage ist eine Möglichkeit in der Partnerschaft, aber die reagierende, argumentative Waage mag ebenso tief verbunden sein. Waagen, die andere wegstossen, sind nicht weniger sensibel als jene, die andere nahe zu sich ziehen.

Herkules' Waage-Aufgabe

erymanthian boarAber wir sind Herkules zu lange ferngeblieben. Schliesslich ist das hier seine Serie! Was kann uns seine Waage-Aufgabe lehren? Unser Held muss den Erymanthischen Eber fangen, eine schreckliche Bestie, die sich durch die Hänge des Berges Erymanthus schlägt und Männer attackiert, Tiere durchbohrt und die Wälder mit seinen Hauern schädigt. Auf dieser Mission macht Herkules einen drastischen Fehler: Er schiesst den fatalen Pfeil, der dem unsterblichen Chiron eine unheilbare Wunde hinterlässt. Es geschieht während eines Besuchs bei seinem Kentaurenfreund Pholus, der in einer Höhle des Bergs Erymanthus lebt. Über den Besuch seines Freundes erfreut, serviert Pholus Herkules gebratenes Fleisch, sein Fleisch verzehrt er roh. Bald haben beide Durst auf Wein. Pholus zögert jedoch, das Fass zu öffnen, weil es allen Kentauren gehört. "Ach, mach schon!", drängt Herkules. "Sie werden schon nichts dagegen haben."

Aber die Kentauren im Wald riechen den Wein und werden sofort wütend. Mit Steinen und Bäumen bewaffnet stürzen sie zur Höhle. Herkules ergreift seinen Bogen und schiesst ein paar nieder, darauf jagt eine kleine Gruppe in die Richtung von Chirons Höhle. Herkules schickt ein Sperrfeuer von Pfeilen hinterher. Ein Pfeil schiesst unter dem Arm eines Kentauren vorbei und stoppt im Knie von Chiron. Als Herkules das entdeckt, ist er entsetzt. Chiron war sein Lehrer gewesen. Tatsächlich war das Gift an der Pfeilspitze nach einer genialen Formel entstanden, die Chiron entwickelt hatte. Herkules zieht den Pfeil heraus und streicht einen Balsam von Chiron auf die Wunde, obwohl beide, Lehrer und Schüler wissen, dass es vergeblich ist. Der Schmerz wird dem unsterblichen Chiron für immer bleiben. Inzwischen hat der neugierige Pholus den tödlichen Pfeil aufgehoben. Er gleitet ihm durch die Finger und durchbohrt seinen Fuss. Er ist sofort tot.

Vielleicht haben wir gehofft, dass die Waage-Geschichte etwas vornehmer wäre! Hätte unser Held stattdessen nicht besser in Aphrodite's Schule Stunden in Charme, gutem Benehmen und Tanzschritte belegen sollen? In unserem Waage-Haus wollen wir, dass das Leben leicht ist, harmonisch und froh, aber diese Arbeit erinnert uns an eine andere Realität. Oft genug treffen wir auf Disharmonie und Schmerz, wenn wir unsere sensiblen Waage-Herzen öffnen. Jemand macht eine Dummheit. Oder wir machen eine Dummheit. Es werden scharfe Worte gewechselt. Jemand ist verletzt. Das geschieht oft in Beziehungen; trotzdem wird immer noch allgemein angenommen, dass wahre Liebe niemals weh tut. Aber nur im Reich der Ideen können wir lieben, ohne jemals zu leiden.

John Wolwood schreibt in seinem Buch "Journey of the Heart": "Jede Beziehung, die Tiefe und Kraft hat, wird unweigerlich unsere üblichen Abwehrmechanismen durchdringen und unsere zartesten und sensibelsten Stellen blosslegen, und sie lässt uns unsere Verwundbarkeit spüren - wortwörtlich - "fähig, verletzt zu werden" ("vulnerable" - "able to be wounded") [5]. Unsere Liebesfähigkeit formt sich dadurch, wie wir reagieren, nachdem wir verletzt worden sind. Der Wunsch, sich zurückzuziehen und unser Herz zu verhärten, ist verständlich. Aber Chiron, der Meisterlehrer, formt eine andere Antwort. Er verzeiht Herkules, akzeptiert seine Wunde und bietet an, den Platz zu tauschen mit Prometheus, der für sein Verbrechen, der Menschheit Feuer gebracht zu haben, an einen Felsen gekettet wurde - und ein Adler pickte an seiner Leber. Chiron ist bereit, von einem Schmerz in den anderen zu gehen! Zeus ist so beeindruckt von Chirons Offenherzigkeit, dass er Prometheus befreit und Chiron in den Himmel schickt, als unsterbliches Licht und als Inspiration für die Menschheit. Was lehrt uns diese Meisterklasse? Dass Liebesschmerz transformieren kann.

Aber Herkules hat immer noch seine Aufgabe. Schweren Herzens beerdigt er Pholus, lässt Chiron zurück und nimmt die Verfolgung des Erymanthischen Ebers auf. Herkules verfolgt viele wilde Tiere im Laufe seiner Tierkreisarbeiten. Jedes gibt einen nützlichen Hinweis auf die Fähigkeit, die bei dieser Arbeit und in diesem bestimmten Zeichen gemeistert werden muss. Warum ein Eber für die Waage? Wir könnten lachen und ein Wortspiel aus "boar" (Eber) und "bore" (Langweiler) oder "boor" (Grobian) machen - das sind zwei Tischgäste, die eine kultivierte Waage schlecht erträgt. Aber die eigentliche Bedeutung dieser Bestie liegt in ihrer Vorgeschichte. Erymanthus war der Sohn von Apollo; Aphrodite liess ihn erblinden, nachdem er sie beim Bad gesehen hatte. Voll Trauer und Zorn, sandte Apollo den Eber, um Aphrodites Geliebten Adonis zu töten. Dieses Vergelten von Gleichem mit Gleichem hätte ewig so weitergehen können, so wie es bei Waagen manchmal auch geschieht. Aber Aphrodite verschonte die Bestie und liess sie stattdessen den Berg Erymanthus durchstreifen und verwüsten - ein Symbol für den Schaden, den verwundete Herzen anrichten können.

libra"In Wahrheit", schreibt Wellwood, "kann das Herz gar nicht brechen, denn es ist von Natur aus weich und empfänglich. Was aber aufbricht, ist die harte Schale um unser Herz herum, die wir konstruiert haben im Versuch, unsere weiche Stelle zu schützen."[6] Vom Herzen aus zu leben ohne Abwehrhaltung mag das wahre Ziel von Herkules' Waage-Arbeit sein. Nach dem Tod von Pholus und der Verwundung von Chiron entscheidet Herkules, den Eber ohne seinen Bogen und seine Pfeile zu treffen. Er ist ungeschützt und verletztlich. Er will die Bestie fangen, ohne weiter Gewalt anzuwenden. Er folgt ihr aus Distanz, und als er eine Gelegenheit spürt, jagt er sie in eine Schneeverwehung, wo sie wegen ihrem eigenen Gewicht einsinkt. Der Schnee kühlt das hitzige Biest und es unterwirft sich willig der Kette des Helden. Herkules ist ein meisterlicher Pazifist geworden. Er hat seine eigene Aggression gezähmt und gelernt, wie er geschickt mit der Aggression von anderen arbeiten kann. Auf seiner Reise hat er seine eigenen Schwächen und die Härte des Lebens kennengelernt, doch er verschloss sein Herz nicht. Das ist wahres Gleichgewicht. Mögen Sie in Ihrem Waage-Haus und mit Ihren Waage-Planeten denselben Erfolg feiern.


  1. Jupiter ist der Herrscher von Schütze und zeigt daher auch einige von dessen Qualitäten wie expansiv, optimistisch, freiheitsliebend, wenn er im Aspekt zum Mond steht. Der natürliche Herrscher des 10. Hauses ist Saturn. Wenn der Mond im 10. Haus steht, bringt er denselben Druck und die Verantwortung mit wie ein Mond, der im Quadrat zu Saturn steht.
  2. Thomas Moore, Hrsg., A Blue Fire, Selected Writings by James Hillman, (Harper, 1989), S. 290.
  3. Hans Christian Andersen, The Complete Fairy Tales and Stories, translated by Erik Christian Haugaard, (Doubleday, 1974), S. 20-21.
  4. Moore, op. cit., S. 291.
  5. John Wellwood, Journey of the Heart: The Path of Conscious Love (HarperCollins, 1990), S. 75.
  6. ibid, S. 78-79.

Übersetzt aus dem Englischen von Trudy Baumann

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