Der Mondphasen-Zyklus (3)

Der Sichelmond

nightswimBei Sichelmond hört man bei uns zu Hause öfter den Satz: "Mir ist so-o-o langweilig." Unser Achtjähriger sagt das, während er seine Matheaufgaben vor sich liegen hat, unser Neunjähriger sagt das, wenn es an die Klavierübungen geht, die er eigentlich machen müsste. Da er weder Nintendo spielen noch im Internet surfen darf, stimmt auch unser Vierzehnjähriger mit ein, während er sich gelangweilt auf die Couch fallen lässt. Robert gähnt, weil ich zu viel über Buddhismus rede. Ich mache das Gleiche, wenn er seine Lobeshymnen auf John Wayne anstimmt. Selbst unsere Vierjährige schließt sich uns an und zischt: "Das ist bescheuert, total langweilig!", wenn sie ihre Spielsachen wegräumen soll.

Ich dachte immer, Langeweile sei ein Zeichen fehlender Stimulation – einer leeren Welt ausgeliefert zu sein. Aber je bewusster ich mir der dichten Lebendigkeit des Universums werde, umso unpräziser erscheint mir diese Definition. Die Welt ist zu voll von Stimulanzien. Und ganz besonders bei Sichelmond, einer Mondphase voll frischer Energie. Warum langweilen wir uns dann so?

Die Anthropologin Mary Catherine Bateson argumentiert, Langeweile sei eine gelernte Einstellung. Sie ist davon überzeugt, dass wir es besser machen können, dass wir unser Leben zutiefst umkrempeln könnten, wenn wir andere Reaktionsweisen erlernen.[1] Aber seltsamerweise tun wir das nicht, wir scheinen mit der Langeweile irgendwie klar zu kommen. Wenn wir sie einmal mit anderen Augen betrachten, könnten wir ja vielleicht sogar zu der Schlussfolgerung kommen, dass unsere Langeweile im Grunde unsere Freundin und Mitverschwörerin ist. Sie besucht uns genau in dem Moment, wenn wir das Gefühl haben, festzustecken, weist mit ihrem schuldzuweisenden Zeigefinger auf die äußere Welt und hüllt uns in hochmütige Trägheit.


"Die Aufregung um Neumond herum hat sich etwas gelegt. Es mag uns gar so vorkommen, als würde überhaupt nichts passieren. Aber dennoch haben die Entscheidungen, die wir jetzt treffen, eine tiefgreifende Wirkung. Denn sie enthüllen das subtile Mysterium, warum sich unser Leben nicht verändert, selbst wenn wir schwören, wir wollten es."


In der Notiz, die er vor seinem Selbstmord hinterließ, schrieb der britische Schauspieler George Sander, dass ihn alles langweile. Wir bringen Langeweile gewöhnlich mit solcherlei Erfahrungen in Verbindung, betrachten sie als das Ende der Fahnenstange, wenn wir „schon überall waren und alles getan haben“. Wir sehen sie als das betäubende Ergebnis übertriebener Wiederholung und Vertrautheit. Das Problem bei dieser Sichtweise liegt darin, dass die Langeweile uns so keinen Weg offen zu lassen scheint. Aber womöglich gehört das zu ihrer selbsterfüllenden Strategie mit dazu. Wenn wir die Langeweile jedoch einmal auf den Kopf stellen und sie als den Anfang einer Erfahrung betrachten, nicht als das Ende, dann stellen wir fest, was sich eigentlich hinter ihr verbirgt.

Es fängt mit einer Welt an, die alles andere als langweilig ist. Um genau zu sein, vibriert diese Welt geradezu vor Informationen und Anfragen – aber sie liefert uns halt nicht genau das, was wir brauchen. Wir werden um etwas gebeten, und das macht uns ängstlich oder auch wütend. Wir wollen ein Eis und statt dessen gibt es Kekse. Wir wollen Inliner fahren und jemand drückt uns einen Drachen in die Hand, den wir fliegen lassen sollen. Wir sind enttäuscht oder überrascht. Selbst sehr vertraute Aktivitäten verlangen, dass wir neuen Boden gewinnen. Wie auch immer es dazu kommen mag, wir bekommen regelrechte Zahnschmerzen von all diesen Stimulanzien, also suchen wir uns ein geistiges Betäubungsmittel, um unser Bewusstsein einzulullen. Wir werden taub. Und jetzt ist unsere Welt leer – weil wir sie entleert haben.

Langeweile ist nämlich unsere heimliche Waffe gegen Veränderung. Wenn mein Sohn sich bei seinen Matheaufgaben langweilt oder ich nichts mehr über John Wayne hören will, dann schließen wir in uns eine Tür vor etwas Unerwünschtem oder Neuen und versuchen auf diese Art und Weise, so zu bleiben wie wir auch vorher waren. Dies zu verstehen, ist vor allem zum Sichelmond wichtig, wenn sich unsere psychische Energie leise vorwärts oder rückwärts bewegen kann, ohne dass wir es bewusst merken. Die Aufregung um Neumond herum hat sich etwas gelegt. Es mag uns gar so vorkommen, als würde überhaupt nichts passieren. Aber dennoch haben die Entscheidungen, die wir jetzt treffen, eine tiefgreifende Wirkung. Denn sie enthüllen das subtile Mysterium, warum sich unser Leben nicht verändert, selbst wenn wir schwören, wir wollten es.

mooncrescentDer Sichelmond erscheint ungefähr dreieinhalb Tage nach dem Neumond, wenn der Mond der Sonne 45° vorausläuft.[2] Wir sehen ihn nach Sonnenuntergang am westlichen Abendhimmel. Seine schmale, glitzernde Sichel ist von immenser Strahlkraft, so als hätte ein Engel den Silberstaub seiner Flügel dort hinterlassen. Sein Bild ruft in uns allen Optimismus und Hoffnung hervor. In dieser Phase können wir nach den Sternen greifen und unsere wildesten Träume einfangen, die dann in späteren Phasen zu einem vollständigen Muster unserer Entwicklung werden.

Wir sind dann wie Dorothy in Der Zauberer von Oz auf ihrem Weg in die Stadt, die glänzend vor uns liegt. Unser Abenteuer begann bei Neumond, wo wir uns auf fremdem Territorium befanden und alles ganz verheißungsvoll begann. Wir haben uns für neue Erfahrungen geöffnet. Wir haben unser allzu festgefahrenes Empfinden von uns selbst aufgebrochen und konnten eine neue Fülle von Möglichkeiten in uns aufnehmen. Aber in dem Maße, in dem wir uns der Stadt unserer Träume nähern, taucht auch die böse Hexe auf, die ein Feld voller Mohnblumen erblühen lässt. Wir verlieren das Bewusstsein, noch bevor wir an unserem Ziel angekommen sind.

Selbst die eifrigsten Neumondfans geraten an dieser Stelle des Mondzyklus aus dem Tritt. Was wir jetzt brauchen, ist eine gute Fee, wie Glenda, die es auf die Mohnblumen schneien lässt und die uns wachzwickt. Denn schließlich steht es fest, dass die Sache fruchtbar ist. Wir müssen nur noch wissen, was wir überhaupt anbauen wollen. Jetzt das Ziel für den ganzen Zyklus zu formulieren, kann uns helfen, auf dem richtigen Weg zu bleiben. Wenn wir unsere Ziele bei Neumond vorschnell definiert haben, dann haben wir womöglich lediglich etwas Altes aus der Kiste gekramt, das nur wenig Kraft hat, uns voranzutragen. Bei Sichelmond ist es nicht nur angemessen, unserem Tun eine Richtung zu geben, es ist sogar ausgesprochen wichtig.


"Jetzt das Ziel für den ganzen Zyklus zu formulieren, kann uns helfen, auf dem richtigen Weg zu bleiben. Wenn wir unsere Ziele bei Neumond vorschnell definiert haben, dann haben wir womöglich lediglich etwas Altes aus der Kiste gekramt, das nur wenig Kraft hat, uns voranzutragen. Bei Sichelmond ist es nicht nur angemessen, unserem Tun eine Richtung zu geben, es ist sogar ausgesprochen wichtig."


Die gute Fee Glenda hält dazu folgenden Rat bereit: "Denk dran, nicht alle Träume sind zu jeder Zeit eine positive Unterstützung." Sie möchte, dass wir wach durch die Welt gehen, uns ein wenig von der Offenheit, die wir zu Neumond hatten, bewahren. Das bedeutet, dass unser Ziel sowohl die Botschaften aus unserer Umwelt als auch unsere Herzenswünsche berücksichtigen sollte. Wir müssen unseren Bemühungen eine Richtung geben, aber auch zuhören. Das gilt insbesondere dann, wenn die Welt uns etwas sagt, das wir nicht erwartet haben, etwas, das uns zum Gähnen bringt oder uns wahnsinnig macht.

Als ein Zusammenspiel zwischen Sonne und Mond erfordert der Mondzyklus, dass wir unseren solaren Willen mit unserer lunaren Empfänglichkeit verbinden. Mit zu viel Willen und zu wenig Aufnahmebereitschaft weisen wir die Botschaften aus unserem Umfeld womöglich als dumm oder irrelevant zurück. Das Gegenteil davon schwächt uns. Wenn wir zuviel Empfänglichkeit an den Tag legen und darüber vergessen, wofür es die richtige Zeit ist, dann kann uns das kreative Potenzial des Augenblicks durch die Finger gleiten. Bestenfalls sollte die Phase des Sichelmondes eine graduelle Konzentration mit sich bringen, ein stetiges Schärfen unserer Absicht.

Das Haus und Zeichen der Neumondsaat anzuschauen, kann uns auch dabei helfen. Das Haus, dem die Neumondenergie zukommt, ist ein Hinweis auf die Sphäre, in der unsere Entwicklung unterstützt wird. Das Zeichen, in dem der Neumond stattfindet, sagt etwas über die optimale energetische Art des Zugangs dazu aus. Aber selbst diese beiden Konzepte allzu eng zu handhaben, kann unser Bewusstsein für die Stimulation des Augenblicks schon trüben. Vielleicht ist es besser, unsere ganzen Konzepte einmal zurückzustellen und uns einfach nur auf das Leben um uns herum einzulassen.

goodwitchWenn wir das wirklich täten, dann wären wir nie wieder gelangweilt. Und wie M. C. Bateson schon sagte, könnten wir unser Leben mit dieser Einstellung umkrempeln. Zumindest würden wir es in den Tagen des Sichelmondes nicht aus den Augen verlieren. Mithilfe unserer Wünsche, den Samenkörnchen aus unserem Horoskop und dem Momentum der Ereignisse können wir das richtige Ziel auswählen. Wenn wir dies während der drei bis vier Jahre unserer progressiven Sichelmondphase üben würden, dann wären wir möglicherweise überrascht, was wir beim progressiven Vollmond bereits erreicht haben. Und wenn wir zur Zeit des Sichelmondes geboren wurden, dann sollte das unser Lebenswerk werden: den Traum, der aus uns und um uns herum spricht, wahrzunehmen und nicht innezuhalten, bevor er nicht Wirklichkeit geworden ist.

Für Neumondgeborene ist es oft schwierig, ein klares Ziel zu definieren. Die Fülle der Möglichkeiten ist noch zu groß. Aber Sichelmondgeborene wissen im Allgemeinen, was sie erreichen wollen. Sie sind inspiriert, sich zu verbessern, ethnische, kulturelle, sozio-ökonomische oder physische Begrenzungen, in die sie möglicherweise hineingeboren wurden, zu überwinden. Sie wollen über ihre Ursprünge hinausgehen, der oder die Erste in der Familie sein, der einen Hochschulabschluss hat, der in ein exklusives Stadtviertel zieht, Erfolg in einem angesehenen Beruf hat, einem Klub beitritt, zu dem er von Hause aus keinen Zugang hatte. Ich kenne eine Reihe von Sichelmond-Menschen, deren Eltern Immigranten sind und die sich erfolgreich in den gesellschaftlich angesehenen Kreisen behauptet haben. Jetzt sind sie fest entschlossen, ihre ethnischen Wurzeln wiederzuentdecken und einen umgekehrten Prozess der Assimilation zu vollziehen.

Sichelmond-Menschen arbeiten häufig in politischen oder juristischen Institutionen, im Erziehungs- oder Gesundheitswesen, wo sie sich sehr für soziale Veränderung einsetzen. Sie sind instinktive Reformer, fügen sich aber ganz gut in bestehende Systeme ein. Menschen, die unter dem Sichelmond geboren wurden, werden befördert und erklimmen die Karriereleiter. Sie haben ein Talent zur Innovation, ohne sich jedoch von dem Bestehenden zu entfremden oder es niederreißen zu müssen. Sie fügen ihm einfach noch etwas hinzu. Mit ihrer Hilfe entwickelt sich das „Establishment“. Sichelmond-Menschen sind zwar ehrgeizig, aber wenn sie Druck zu spüren bekommen, dann machen viele von ihnen einen zynischen Rückzieher, geben zu verstehen, dass ihre Träume wohl doch nicht wahr werden können. So wie der Fuchs, der die Trauben schlecht macht, die zu hoch für ihn hängen. In der Biographie von Sichelmond-Geborenen finden sich häufig Pechsträhnen, Gelegenheiten, die sich wieder in Luft aufgelöst haben, und große Geschäfte, aus denen nie etwas wurde. Ich denke dabei gerade an eine Unternehmerin mit dieser Mondstellung, die ich kenne. Karen ist ehrgeizig und talentiert, doch im Laufe der Jahre findet sie sich immer in den gleichen Kämpfen wieder. Trotz ihrer Intelligenz und des Fleißes, den sie in ihre Arbeit steckt, kommt ihre Firma einfach nicht aus den Füßen. Ihr Leben tritt jahrelang auf der Stelle.


"Das Halbquadrat wird von einigen als ein unbedeutender oder auch „lästiger“ Aspekt betrachtet. Wenn man ihn jedoch so sieht, dann unterschätzt man dabei die subtile Bedeutung von Anfängen, wo kleine Bewegungen eine außerordentliche Wirkung haben können. Zur Zeit des Sichelmondes ist noch vieles möglich, nur wenig ist bereits festgeschrieben. Kleine Schritte können die Welt verändern."


Was hält sie zurück? Dane Rudhyar, der Meisterphilosoph der Mondzyklen, hätte gesagt, dass es die Geister ihrer Vergangenheit sind, die sie zurückhalten: die Ängste, die Unsicherheiten, der Widerstand, die Aggression, die Trägheit, alle die kristallisierten emotionalen Gewohnheiten ihrer vergangenen Inkarnationen sowie der mächtige Einfluss ihrer Vorfahren, die immer noch das Kommando über die kulturellen und familiären Einstellungen und Traditionen haben. Diese Geister werden allein schon durch die Träume geweckt, die Karen motivieren. Sie möchte ein anderes Leben führen als ihre Eltern, sie möchte die Muster ihrer Kindheit durchbrechen. Doch die Geister sind da anderer Ansicht. Karens Leben spielt sich nur noch da ab, wo ihre Vergangenheit gegen ihre Zukunft ankämpft, was zwar viel Aktivität mit sich bringt, jeden wirklichen Fortschritt jedoch verhindert.

Karen hat etwas Süßes und Naives, das ich häufig bei diesen Menschen wahrnehme. Obwohl sie fast vierzig ist, umweht sie immer noch die Frische und die emotionale Sensibilität der Jugend, was zu einer Mondphase des frühen Wachstums nur allzu gut passt. Den Sichelmond kann man sich als ein winziges Samenkorn vorstellen, das von unten gegen die Erdoberfläche drückt, und das mit seinen Wurzeln Halt in der Tiefe der Erde sucht. Karens Verletzlichkeit ist deswegen genauso groß wie ihr Idealismus. Sie hat es schon mit vielen ungeeigneten Partnern ausgehalten, war so darum bemüht, dass man sie mag, weil sie Angst hatte, ihren Weg allein zu gehen. Sie ist Risiken eingegangen, wenn die Wellen der kollektiven Begeisterung hoch schlugen, wenn die anderen jedoch den Mut verloren, verlor sie ihn auch.

Sichelmond-Menschen sind auch nicht anders als alle anderen. Sie zeigen uns, wie es ist, am Anfang einer Sache zu stehen. Große Träume bringen oft auch große Ladehemmungen mit sich. Ob wir uns nun in der monatlichen Phase des Sichelmondes befinden oder in unserer progressiven Sichelmond-Phase – Sicherheit ist fast immer ein Thema zu dieser Zeit. In einem gemütlichen Familiennest zu hocken, kann sehr angenehm sein, auch wenn das in eine ganz andere Richtung geht als unsere Träume. Ob wir nun zum Sichelmond geboren wurden oder nicht, wir alle schleppen Geister aus der Vergangenheit mit uns herum, die uns zurückhalten. Und das größte Problem bei Geistern besteht darin, dass sie unsichtbar sind. So vertraut und subtil wie sie sind, bewegen wir uns inmitten von ihnen wie ein Goldfisch in seinem Wasser. Wie können wir dem begegnen, was wir nicht sehen?

Mit gemischten Gefühlen treten wir in das zunehmende Halbquadrat ein. Das ist der 45°-Winkel zwischen Sonne und Mond, mit der die Sichelmond-Phase beginnt. Das Halbquadrat wird von einigen als ein unbedeutender oder auch „lästiger“ Aspekt betrachtet. Wenn man ihn jedoch so sieht, dann unterschätzt man dabei die subtile Bedeutung von Anfängen, wo kleine Bewegungen eine außerordentliche Wirkung haben können. Zur Zeit des Sichelmondes ist noch vieles möglich, nur wenig ist bereits festgeschrieben. Kleine Schritte können die Welt verändern. Wir bewegen uns hier im Reich der Hoffnungen, Absichten und mentalen Eindrücke. Unsere Gedanken sind machtvoll und schreiben das Skript für das, was später geschehen wird. Aber wir würden den Sinn des Ganzen womöglich nicht mitkriegen, wenn es die Irritationen nicht gäbe, die das Halbquadrat mit sich bringt.

wickedwitchIrritationen konfrontieren uns ganz direkt mit unseren Geistern. Sie tauchen immer dann auf, wenn wir verärgert, leicht ablenkbar oder genervt sind von etwas, das nicht sofort richtig läuft. Kleinigkeiten reichen schon aus, um uns in die Quere zu kommen. Wir reagieren pikiert, ungeduldig, urteilen vorschnell und fühlen uns unwohl. Unsere Freunde wundern sich vielleicht über die heftigen Reaktionen, die solch kleine Rückschläge bei uns hervorrufen, aber diese anfängliche Kollision zwischen der Realität und unseren Wünschen hat eine immense psychologische Bedeutung. Diese Rückschläge sind nämlich die Neuauflage eines alten Streites, den wir mit der Welt führen. Wie jemand, der genau weiß, welche Knöpfchen er bei uns drücken muss.

Oder wie der Astrologe Bil Tierney schreibt: "Das Halbquadrat kann Einstellungen sichtbar machen, die uns im alten Trott festhalten, uns unflexibel und kompromisslos machen, was das Aufgeben unseres Widerstandes angeht, den wir notwendigen Veränderungen in unserer Umgebung entgegensetzen."[3] Ob nun im Transit oder als Radix-Aspekt, all das, was beim Halbquadrat nicht richtig läuft, sollten wir als Feedback des Lebens betrachten. Wir können mit seiner Hilfe erkennen, wo unsere Gedanken schwach und unsere Erwartungen unangemessen sind. Es ist die Gelegenheit, unsere Anstrengungen feiner auf das gewünschte Ergebnis abzustimmen. Denn ganz offensichtlich müssen wir uns selbst und die Welt klar sehen, um unsere Wünsche zu verwirklichen. Wenn wir unsere Verantwortung auf die Welt projizieren, dann verlieren wir unser Ziel womöglich schon aus den Augen, wenn wir nur über ein bis zwei Kieselsteinchen stolpern.

Aber halsstarrig und dem alten Trott verpflichtet zu sein, ist natürlich nicht nur ein Problem unserer Zeit. Es ist das Kernthema vieler alter Geschichte über Träumer, wie zum Beispiel der Geschichte der Ureinwohner Amerikas über ein Schildkrötenmännchen und seine Braut.[4] Der Schildkrötenmann ist ein netter Kerl, aber etwas einsam. Er baut sich eine komfortable Hütte, der er mit Fellen auslegt. Während er dort eines nachts ganz allein sitzt, fällt er in einen Traum, einen Traum, der so weit in die Zukunft reicht, dass man ihn für einen typischen Sichelmond-Traum (oder einen Halbquadrat-Traum) halten könnte. Der Schildkröterich will etwas tun, was keine Schildkröte jemals getan hat. Er will sich eine schöne junge Frau zur Braut nehmen.


"Ob nun im Transit oder als Radix-Aspekt, all das, was beim Halbquadrat nicht richtig läuft, sollten wir als Feedback des Lebens betrachten. Wir können mit seiner Hilfe erkennen, wo unsere Gedanken schwach und unsere Erwartungen unangemessen sind. Es ist die Gelegenheit, unsere Anstrengungen feiner auf das gewünschte Ergebnis abzustimmen."


Er schaut sich bei den Menschen in seiner Nähe um und geht auf das hübscheste und fleißigste junge Mädchen zu. "Dich heiraten?!!" Sie lässt einen ihrer mit kleinen Perlchen bestickten Pantoffeln fallen und bemüht sich, ihr Lachen zu verbergen. Der Schildkröterich ist verletzt, aber beharrlich. Er bittet sie so inständig, dass sie schließlich grummelnd zustimmt. "Okay, aber du musst bis zum Frühling warten. Ich muss mir noch jede Menge Schuhe und Kleider nähen." Das gefällt dem Schildkrötenmann gar nicht. Er richtet sich so hoch auf wie er kann und lässt stolz verlauten: "Dann ziehe ich in den Krieg und nehme Gefangene. Wenn ich zurückkomme, wirst du mich heiraten."

Empfindlichkeit und Tapferkeit gehen am Anfang großer Hoffnung häufig Hand in Hand miteinander. So mischt sich unser Ego in unser höheres Ziel mit ein. Ganz besonders, wenn wir uns herausgefordert fühlen, weckt unser Ego die Geister auf, die uns total durcheinanderbringen. Wenn sie damit fertig sind, hat sich unser Ziel völlig verändert. Wir verteidigen und rechtfertigen uns, unsere Selbstachtung wird uns wichtiger als unsere Vision. Der Schildkröterich ruft also alle seine Verwandten zusammen und verkündet, dass sie Krieg gegen das Nachbardorf führen würden. Als die Schildkröten langsam hinausziehen, steht das junge Mädchen neben seiner Hütte und lacht. "In vier Tagen", so lässt der Krieger sie wissen, "wirst du weinen statt lachen, da uns Hunderte von Meilen trennen werden." "In vier Tagen kannst du wohl kaum aus meinem Sichtfeld verschwinden!" antwortet sie ihm. "Nun ja, nicht in vier Tagen..." murmelt er. „In vier Jahren, meinte ich.“

turtlewarriorWovon wir bei Sichelmond träumen, daraus wird nicht sofort etwas. Wie können wir die Zeit bis dahin am besten ertragen? Die Schildkrötenarmee marschiert und marschiert. Es kommt ihnen vor wie eine Ewigkeit. Es scheint ihnen, als wären sie einmal um die halbe Erde herum gewandert, obwohl es nur viel lächerliche Meilen sind. Schließlich gelangen sie an einen großen Baum, der quer über der Straße liegt. "Das wird uns Jahre kosten, dort hinüber zu kommen!" Sie überlegen, wie groß die Gefahr ist, sich in den Ästen zu verfangen, wenn sie drüberklettern, bzw. in den Wurzeln festzustecken, wenn sie sich drunter durch graben. Sie entscheiden sich schließlich dafür, ein Loch in den Baumstamm zu brennen. Aber das Feuer kommt nicht weit, sondern verlöscht sofort wieder.

Damit ein Traum Realität werden kann, müssen sich Traum und Realität miteinander verbinden. Das ist nicht leicht: Das eine ist luftig, das andere steinig. Inspiration und Handlung müssen die beiden auf dieselbe Ebene holen. Aber wenn der Baum nicht brennt – also nicht genügend Inspiration da ist – gibt die Armee auf – es wird nicht gehandelt. Der Schildkrötenfeldherr führt seine Truppen heimwärts, und denkt sich, es müsse ja schließlich keiner davon erfahren, was wirklich passiert ist. Er kann sich ja immer noch eine tolle, abenteuerliche Geschichte ausdenken. Der Schildkrötenkrieger ist weit gereist, aber er hat die Traumsphäre niemals verlassen. Sein Panzer, sein Selbstschutz, hat ihn nicht nur gebremst, sondern ihn auch von der wirklichen Welt ferngehalten. Die Frage drängt sich förmlich auf: Wie glaubt dieser Schildkrötenmann jemals eine Ehe mit einem lebhaften jungen Mädchen führen zu können, wenn er nicht einmal mit einem Baum zurecht kommt?

Den Schwierigkeiten bei Sichelmond, die Art von Problemen also, die das Halbquadrat mit sich bringt, begegnen wir am besten, indem wir sie als eine Art Trainingslager betrachten. Sie sollen uns für die größeren Herausforderungen stählen, denen wir zweifellos auf unserem weiteren Weg begegnen werden. Auf dem Weg zur Erleuchtung des Vollmonds erfordern die Phase des ersten Viertels und des Buckelmondes wesentlich mehr Handlungsfähigkeit und Standfestigkeit von uns. Aus diesem Grund zeigt sich uns der Sichelmond als ein ganz persönlicher Hindernislauf, dessen Bewältigung unsere Kompetenz steigert und unser Vertrauen stärkt. Wie Soldaten in der Grundausbildung werden wir vielleicht angebrüllt, gedemütigt und unserer Schutzmechanismen beraubt, aber wie in allen guten Fernsehfilmen lieben wir unser Training und den Ausbilder, der uns triezt, am Ende doch. Denn er hat uns geholfen, zu dem zu werden, was wir sind.

Unser Schildkröterich, kehrt schließlich wieder nach Hause zurück, wo seine zögerliche Braut ihm anbietet, ihn zu baden. Sie bringt ihn dazu, in einen Kessel kochenden Wassers zu springen. Er sinkt auf den Boden des Kessels. Einer nach dem anderen der ganzen Schildkröten-Armee folgt seinem Führer, bis auf einen jungen Schildkrötenmann. Als dieser merkt, dass keiner seiner Freunde wieder aus dem Kessel herauskommt, geht er an den Fluss, so weit er kann. Er möchte einfach nur weg von dieser schrecklichen Hütte, deswegen lässt er sich vom Fluss tragen, so weit wie er fließt, bis er sich schließlich im warmen Meer wiederfindet.

Die aufmerksame und anpassungsfähige junge Schildkröte zeigt uns etwas vom nächsten Aspekt der Sichelmondphase: Das zunehmende Sextil, das entsteht, wenn der transitierende Mond 60° vor die Sonne läuft. Wie das Halbquadrat ist auch das Sextil primär ein mentaler Aspekt, der jedoch ein größeres Bewusstsein über die äußere Welt in sich trägt. Wie Tierney sagt, ist es ein "Aspekt der Erkundung, der begierig nach neuen Lernerfahrungen sucht. Unter dem Einfluss des Sextils werden wir ermutigt, weitere Schritte in die soziale Umgebung zu setzen, wodurch wir dann in den Genuss äußerer Vorteile gelangen."[5]


"Wenn wir unser Leben wirklich verändern wollen, dann gibt es womöglich Dinge, die wir lernen müssen. Das Sextil ist ein fließender Aspekt, der uns zu Lernsituationen hinzieht. Aber das geschieht ganz still und leise. Weil er uns nicht mit den Irritationen konfrontiert, die das Halbquadrat bereit hält, geben wir uns möglicherweise damit zufrieden, in der Welt der Ideen zu verweilen und lassen uns greifbare Möglichkeiten durch die Finger gleiten."


Wir lösen uns aus unserem Trotz und unserem Widerstand. Wir werden angeregt, die Welt genauer zu betrachten und zu schauen, wie wir unseren Traum wahr werden lassen können. In der Phase des Sextils sammeln wir Informationen und Verbündete. Wir bewegen uns vorwärts. Es ist gut, sich daran zu erinnern, dass dieses energetische Fenster uns auch während der Sichelmondphase zur Verfügung steht. Wie das Halbquadrat passt diese Phase zu unserem noch jungen Wachstum. Wenn wir zur Zeit des Halbquadrats ein zartes Samenkorn sind, das von unten gegen die Erde drückt, dann sammeln wir beim Sextil Unterstützung und Halt durch frische Wurzeln und zeigen uns damit in der Lage, uns die nötige Nahrung zu suchen.

Wenn wir unser Leben wirklich verändern wollen, dann gibt es womöglich Dinge, die wir lernen müssen. Das Sextil ist ein fließender Aspekt, der uns zu Lernsituationen hinzieht. Aber das geschieht ganz still und leise. Weil er uns nicht mit den Irritationen konfrontiert, die das Halbquadrat bereit hält, geben wir uns möglicherweise damit zufrieden, in der Welt der Ideen zu verweilen und lassen uns greifbare Möglichkeiten durch die Finger gleiten. Oder wir sind womöglich so beschäftigt mit der äußeren Welt, dass wir von einer Aktivität zu nächsten hüpfen und den roten Faden unseres Traums völlig verlieren. Idealerweise ergänzen sich das zunehmende Halbquadrat und das zunehmende Sextil optimal. Das Sextil erleichtert uns von den Geistern der Vergangenheit. Und wenn uns das Halbquadrat getriezt hat und wir trotzdem die Nerven behalten haben und auf Kurs geblieben sind, dann gelangen wir mit mehr Zielstrebigkeit und Durchhaltevermögen zu den Gelegenheiten des Sextils.

Was den jungen Schildkrötenmann angeht, der schlauer war als sein Kameraden und sich aus dem Staub gemacht hat – ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist. Ich kann nur hoffen, dass er seinem Traum gefolgt ist und ihn wahr werden ließ – und dass sie es ihm im nächsten Mondzyklus gleich tun!


  1. Mary Catherine Bateson, Peripheral Visions, (NY: HarperCollins, 1994),
    S. 111

  2. Der Mondphasen-Zyklus handelt von der dynamischen Beziehung zwischen der Transit-Sonne und dem Transit-Mond. Als ich diesen Zyklus für Anfänger unterrichtete, herrschte diesbezüglich manchmal Verwirrung. Der Neumond tritt auf, wenn Sonne und Mond in Konjunktion sind, auf 15 Grad Widder zum Beispiel, oder auf 8 Grad Zwillinge. Aber die beiden Lichter bleiben nicht auf diesem Grad stehen, sondern schreiten weiter voran durch den Tierkreis, wobei sich der Mond schneller bewegt als die Sonne. Wenn der Mond 45 Grad vor der Sonne läuft, beginnt die Sichelmond-Phase. Wenn er 90 Grad vor der Sonne läuft, endet die Sichelmond-Phase und die Phase des ersten Viertels beginnt. Die Phasen werden also nicht auf den festen Punkt des Neumonds berechnet (was dem siderischen Zyklus entsprechen würde), sondern in Bezug auf die sich entwickelnde Beziehung zwischen Sonne und Mond (was "synodischer Zyklus" genannt wird).

  3. Bil Tierney, Dynamics of Aspect Analysis, (Reno:  CRC Publications, 1983),
    S. 15

  4. The Brown Fairy Book, Andrew Lang, ed. (New York:  Dover Publications, 1965) S. 106-110

  5. Tierney, ibid, S. 18

MOONPRINTS von Dana Gerhardt

Die Leser der amerikanischen Astrologiezeitschrift "The Mountain Astrologer" schätzen diese wunderbare Deutung schon seit über 20 Jahren. Moonprints beschäftigt sich tiefgehend mit den Hintergründen Ihres Gefühlslebens. Sie erhalten neue Einblicke in den Mond des Geburtshoroskops - seine Phase, das Zeichen, Aspekte und sein Haus. Entdecken Sie Ihren Lebenssinn, versteckte Talente und Gefahrenzonen durch die Mondknoten. Nutzen Sie den Mond, um sich selbst in den Rhythmen der Zeit zu verankern - durch Transite zum Mond, Ihre progressiven Mondzeichen und -häuser, Daten für zwei progressive Mondzyklen, plus einen Jahreslauf der Neu- und Vollmonde durch Ihr ganzes Horoskop. Sie werden jede Seite dieser Deutung lesen wollen, die sowohl Anfänger als auch fortgeschrittene Astrologielernende anspricht. Die Deutung ist auch in einer deutschen Übersetzung bei Sabine Bends erhältlich.

Zur deutschen Ausgabe von Moonprints

Übersetzt aus dem Englischen von Sabine Bends

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