Astrologie zwischen Chaos und Kosmos

von Bernadette Brady

Weder Wissenschaft noch Religion -
Einblicke in das Wesen der Astrologie

Die Astrologie hat sich im Laufe ihrer Geschichte als resistent gegen reduktionistische Ansätze erwiesen. Als Dane Rudhyar im Jahr 1967, noch bevor die Chaos-Theorie bekannt wurde, davon sprach, dass das Horoskop eine komplexe Struktur ist, die Beziehungen widerspiegelt und die folglich nicht in ihre Teile aufgebrochen werden kann, stimmten die meisten Astrologen ihm zu. Auch die Chaos-Theorie und die Chaos-Psychologie würden beipflichten, denn egal ob die Astrologie stichhaltig begründbar ist oder nicht, in der Praxis strebt sie danach, Strukturen aufzuzeichnen, die Auskunft über die Qualität eines Lebens oder eines Objektes geben, welches sich in einer Umgebung mit hoher Wechselwirkung befindet. Solche Systeme sind inzwischen als nichtlinear bekannt, und da die Astrologie von der Menschheit im Dialog mit dem Himmel geschaffen wurde, ist es auch logisch, dass sie ein komplexes System ist, das für Reduktionismus unempfänglich ist. Folglich kann die Astrologie weder auf die experimentellen Methoden der linear-dynamischen Welt reagieren, da sie bei statistischen Methoden keine widerspruchsfreien Ergebnisse hergibt, noch kann sie in einem Labor oder in einer Forschungsanordnung repliziert werden. Selbstähnlichkeit ist nicht mit Vervielfältigung gleichzusetzen.

Aus der Sicht der Chaos-Forschung kann sie aber ebenso wenig einen Platz innerhalb der einen Schöpfergott voraussetzenden Religionen beanspruchen. Diese werden nach ihrem Selbstverständnis von einer äußeren göttlichen Hand gesteuert. Doch die spontane Entstehung von Strukturen und Ordnungen aus dem Nichts erfordert weder eine kosmische Ordnung, noch hat sie einen Platz dafür.

Die Astrologie ist ein einzigartiger Zwitter zwischen der linearen Welt und der Nichtlinearität, denn sie verwendet das vorhersagbare Newtonsche Räderwerk des Sonnensystems als ihre für Strukturen empfindsame Drehscheibe, um die aufstrebenden Strukturen des Lebens zu verstehen. Kein anderes Instrument[1] und keine andere Methode weitet sich derart und verbindet die beiden Parteien, denn die Wissenschaft steht fest auf der einen Seite und die Divination steht ebenso fest auf der anderen Seite.

Die Ausübung der Astrologie ist durch diese einmalige Position nicht abhängig von einer göttlichen Kraft. Ist aber eine solche gegenwärtig, dann legt sie eine Göttlichkeit nahe, die zugleich immanent, pluralistisch und omnipräsent ist. Im Gegensatz zu einem künstlichen Gott ist sie nicht transzendent, gestaltlos oder hierarchisch, denn sie überträgt keine speziellen Privilegien an Menschen, Lebenskräfte oder Objekte. Sie ist viel eher die „nicht alles wissende“ als die „alles wissende“ Gottheit der Divination. Sie ist erfüllt von überwältigender Intention, von dem Verlangen nach der Schaffung einer Ordnung. Diese Ordnung wird permanent mitgestaltet von dem überreichen Wechselspiel zwischen Leben, Biosphäre und dem Selbst.

Zusammenfassend kann man sagen, dass für einen Astrologen, der im Paradigma des Chaos denkt, Astrologie nicht mehr, aber auch nicht weniger ist, als ein Hilfsmittel, geschaffen von der Menschheit und dem Himmel, um damit einer Person zu helfen, durch die sich offenbarenden Fraktale ihres Lebens zu navigieren.

Leben in einem Fraktal

Dies ist alles ein Schachbrett von Tagen und Nächten
Auf dem das Schicksal mit menschlichen Figuren spielt;
Sie hin und her bewegt, matt setzt und schlägt,
Und eine nach der anderen in den Schrank zurücklegt.
Omar Khayyam – Rubaiyat, 49

Unsere persönlichen Lebenserfahrungen unterscheiden sich von dem, was uns durch das mechanistische, kausale Paradigma gelehrt wird. Die kausale Weltsicht setzt uns in Kenntnis, dass alles Leben bedeutungslos ist, dass das Leben, welches sich zufällig entwickelt hat, nicht mehr ist als ein Unfall der Biochemie. Indem wir den Nihilismus dieser seelenlosen Schöpfung akzeptieren, leben wir unser unbedeutendes Leben und werden eines Tages aufhören zu existieren. Jedes unbestimmte Gefühl für einen Sinn oder ein innerlich angestrebtes Ziel unseres Lebens oder des Lebens eines anderen Individuums ist eine Täuschung.

Wir wissen allerdings auch, dass die von uns erlebte innere Wirklichkeit anders ist, und dass viele von uns einen Sinn des Lebens empfinden. Dieser Unterschied zwischen der von uns wahrgenommenen Lebenserfahrung und dem, was uns über das Leben gelehrt wird, erzeugt eine Kluft, die viele von uns mit Spiritualität, Religion oder persönlichen Glaubensvorstellungen kitten wollen. Auch die Astrologie tritt in diese Gletscherspalte, indem sie besonderen Wert auf Strukturen legt und erklärt, dass wir einen Platz in dieser Welt, eine persönliche Beziehung mit dem Firmament und eine Heimat im Universum haben. Sie lässt uns folglich ein Zugehörigkeitsgefühl und eine Entschlusskraft zuteil werden, was gewiss zu der widerstandsfähigen Konstitution der Astrologie in unserer Kultur beiträgt.

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Fraktale und Schicksal

Nachdem die Astrologen akzeptieren, dass der Mensch in seinem Dasein einen Lebenssinn empfindet, gehen sie davon aus, dass sie in der Lage sind, aus dem Geburtshoroskop Informationen über diese Lebensziele, diesen „Sinn“ herauszulesen. Sie nehmen also an, dass etwas in diesem Horoskop „geschrieben“ steht. Indem der Astrologe den sich stets verändernden, aber vorhersagbaren Himmel für den Augenblick einer Geburt aufzeichnet und dieses Bild dann benützt, um über die Lebensreise des Geborenen zu sprechen, akzeptiert der Astrologe das Vorhandensein von einer Art Schicksal oder Fügung. Dazu kommt, dass man durch die Anerkennung der Existenz des Schicksals immer auch das Verlangen nach der Gegenkraft des freien Willens hervorruft – all das, was nicht vom Schicksal diktiert wird.

Die Frage, was über ein Leben geschrieben wurde und was nicht, ist eine Kernfrage der Astrologie, denn man kann nur herauslesen, was für uns als Individuum bestimmt ist. Der freie Wille ist der Definition nach unerkennbar. Tatsächlich hat die Sichtweise, wie der Astrologe diese Balance zwischen freiem Willen und Schicksal sieht, einen starken Einfluss auf die Informationen, die seiner Meinung nach in dem Horoskop enthalten sind, und diese Sichtweise nimmt folglich einen ebenso großen Einfluss auf die Art von Astrologie, die der Astrologe betreibt.

Die Menschheit hat die Frage von Schicksal und freiem Willen lange diskutiert. Viele weise Menschen haben in den vergangenen 2500 Jahren tiefschürfende Gedanken dazu beigetragen. Faktisch hat allein schon die Gewichtigkeit und die scharfsinnige philosophische Argumentation rund um die Frage von Schicksal und freien Willen fast schon eine Blockade für die Debatte aufgebaut, die sich in Abstufungen auf andere Disziplinen übertrug. Aber dessen ungeachtet gibt es die zeitgenössische Stimme des Theoretischen Physikers Paul Davies. In seiner Besorgnis um die Erosion des freien Willens durch den Determinismus der Wissenschaften gibt er zunächst zu verstehen, dass wir tatsächlich einen freien Willen haben, und definiert diesen als unsere Seele. Er suggeriert, dass wir diesen freien Willen als eine Art „Volkspsychologie“ erleben, die in uns allen „als ein Selbst, als ein bewusster Agent existiert, der sowohl die Welt beobachtet als auch Entscheidungen fällt.“[2] Folglich lokalisiert Davis unsere Seele innerhalb der abgesteckten Grenzen unseres freien Willens. Das Chaos-Denken würde jedoch darauf hinweisen, dass Davies’ Idee von der Seele brüchig wäre,weniger weil er deren Existenz tatsächlich annimmt, sondern weil er die Seele als den freien Willen des Individuums definiert.

Fraktale persönlich nehmen

Seit Newton hat sich die Menschheit von der Welt abgesondert gehalten. Zwar wurde eine Wechselbeziehung zwischen allem Leben gesehen, man nahm aber gleichzeitig an, dass der Mensch ein auserlesenes Tier sei, gottähnlich und höherstehend. Doch es ist eine einfache und zugleich tiefgründige Tatsache, dass wir Teil der Biosphäre sind und in einer zyklischen Beziehung mit der Leere stehen. Diese spiegelt sich auf vielfältige Weise in unserem alltäglichen Leben wider, aber eine ihrer offensichtlichsten Ausdrucksformen ist das Bedürfnis nach Schlaf. Die kausale Welt hält das Erfordernis nach Schlaf für mysteriös, aber man kann es als das nächtliche Verlangen nach einer Rückkehr in die Leere verstehen, um sich wieder aufzuladen. Es ist ein Zustand, in dem die zu diesem Zustand gehörenden Träume entweder für die alte, von der Leere resorbierte Ordnung stehen oder für eine neue Ordnung, die aus der Leere aufsteigt.

Chaos-Theorie und Komplexität können uns über das Leben, seine strukturbildende, selbstähnliche und wiederholende Tendenz aufklären. Dadurch dass wir in einer Beziehung zur Leere stehen, leben wir innerhalb eines fraktal-ähnlichen Bereichs. Würden wir unser Leben als Grafik mit einem Bleistift aufzeichnen, dann würde uns das Chaos darüber informieren, dass dieser Bleistift kein zufälliges Gekritzel produziert, denn er würde in ganz bestimmte Richtungen gezogen werden. Er kann z.B. in die Vertiefungen auf der Oberfläche des Papiers gleiten, um die er dann eine Weile kreisen wird, gleichzeitig kann er jedoch bei der nächsten Runde unmerklich in neue Zonen übergehen, und sei es nur, um zu neuen Vertiefungen hingezogen zu werden. Erinnern wir uns, dass wir nicht alleine sind. Es sind also auch noch andere Bleistifte da, andere Entitäten – die nicht nur Menschen sein müssen und nicht unbedingt nur Lebewesen – die sich in unsere Strukturen einflechten und ihre Muster mit unseren zu einem komplexen Bild verschmelzen.

Die scheint eine merkwürdige Metapher zu sein, um das Leben eines Menschen zu beschreiben, oder nicht? Wenn ich vorgeschlagen hätte, dass der imaginäre Bleistift nur zufällige Punkte und Striche oder ein nichtssagendes Geschmiere gezeichnet hätte, als er unser Leben (nach dem Newtonschen Paradigma) aufgezeichnet hätte, wie hätten Sie sich gefühlt? Da wir schon ein Empfinden in uns tragen, dass unser Leben in einem Prozess der Erfüllung größerer Muster steht, würde es unsere innere Wirklichkeit kränken, dass es bloß ein Gekritzel sein soll. Das Chaos-Denken legt offen, dass die Art, wie sich Lebewesen mit der Zeit entwickeln, nicht zufällig vonstatten geht. Unser Bleistift des Lebens erzeugt Muster. Überdies werden die entstehenden Formen nicht zufällig ausgewählt. Da ein Muster von seinem seltsamen Attraktor bestimmt wird, ist es inhärent im System schon enthalten, denn die Pfade, die jedem lebenden System in Zeiten des Wandels offen stehen, sind nicht grenzenlos. Der Bleistift des Lebens verhält sich loyal, wenn er besondere persönliche Strukturen erzeugt, folglich sind die Wahlmöglichkeiten im Leben eingeschränkt und beeinflusst oder so gezeichnet, dass sie in die Begrenzung des persönlichen Musters fallen. Diese Grenzlinien können sehr weiträumig verlaufen und dadurch eine große persönliche Wahlmöglichkeit einräumen, aber es gibt sie auf ganz ähnliche Weise wie die Einschränkungen, die der Astrologe aufgrund bestimmter Planetenkombinationen in einem Horoskop erkennt.

Dieser Punkt wird von den Chaos-Psychologen Middleton, Fireman und Di Bello[3] im Rahmen einer Abhandlung über menschliches Verhalten diskutiert. Sie vermuten, dass das exakte Verhalten einer Person zwar von Moment zu Moment nicht vorhersagbar ist, dass das Verhalten aber innerhalb der losen Grenzen eines seltsamen Attraktors verbleibt, der zu ihrem Leben gehört. Infolgedessen wird die Fähigkeit der Person, frei zu handeln, von den Grenzen ihrer sich entfaltenden Muster in jeder Hinsicht beschnitten. Jedes lebende System, also auch das Individuum, hat nur eine begrenzte Anzahl an Wahlmöglichkeiten, die von der Wesensart der seltsamen Attraktoren in ihrem Leben definiert werden.

Ganz ähnlich konzentrieren sich auch die philosophisch argumentierenden Biologen Maturana und Varela in ihrer mehr abstrakten Diskussion über die Vorhersage der an einer Bifurkation eintretenden Ereignisse auf die Balance zwischen der Natur dieser Strukturen und dem „freien Willen“, Entscheidungen zu treffen.

Wenn ein lebendes System einen Gabelungspunkt erreicht, dann wird seine Geschichte der strukturellen Paarung die neuen Pfade festlegen, die möglich sind. Aber welchen Pfad das System letztlich einschlagen wird, bleibt unvorhersagbar.[4]

Die Geschichte der strukturellen Paarung, auf die sich Maturana und Varela beziehen, ist die erforderliche Information, um den Zustand der seltsamen Attraktoren zu bestimmen, welche die Pfade festlegen. Sind diese seltsamen Attraktoren erst einmal gefunden, dann verweisen sie auf die Kategorie der Pfade, die den lebenden Systemen und – analog gesehen – auch dem menschlichen Leben angeboten werden.

Um aber diese Idee einer immanenten oder inhärenten Qualität in lebenden Systemen zu erweitern, müssen wir auf die Arbeit von Benoît Mandelbrot und die fraktale Geometrie zurückgreifen. Erinnern wir uns: Die Geometrie der Fraktale offenbart, wenn auch auf einfachere Art, die Verhaltensweise von komplexen Systemen, wenn diese sich mit der Zeit entfalten. Wir können die sich wiederholenden Muster eines Fraktals mit den Lebensthemen eines Individuums oder einer Gesellschaft in Zusammenhang bringen, die sich im Laufe der Zeit oder über verschiedene Stufen wiederholen. Diese Verknüpfung vermittelt uns einen Eindruck von dem „malenden Bleistift “ unseres eigenen Lebens.

Fraktale zeigen eine eigene ihnen innewohnende Qualität, denn da ein Fraktal sich an jedem beliebigen Punkt entfalten kann, ist es unvorhersagbar; wird es jedoch als ein Ganzes gesehen, dann verbreitet es ein Schema oder eine Form. Da Fraktale geschlossene Systeme sind, können wir die Gestaltung der Muster schon durch ganz geringe Justierungen an der ursprünglichen Formel verändern. Folglich ist die Formel eines Fraktals mit einem Samen vergleichbar, der in sich das Potential für das endgültige Aussehen trägt.
Betrachten wir die fraktale Berglandschaft in Abbildung 16. Die Grundformel, nach der diese fraktale Landschaft gestaltet wurde, wird über viele Generationen hinweg ein „Bergbild“ oder einen „Wolkenhimmel“ erzeugen. Man kann nun aber nicht exakt vorhersagen, wie ein einzelner Berg anwachsen wird, was aber prognostiziert werden kann, ist die Tatsache, dass das Fraktal innerhalb einer bestimmten von der Grundformel vorgegebenen Qualität wachsen wird. Die Bergkette im unteren Bild ist stärker zerklüftet und sieht völlig anders aus als die Formation auf dem oberen Bild, denn diese wurde mit einer anderen Formel erzeugt. Überdies spielt es keine Rolle, wie oft wir diese Formel für das Gebirge im unteren Bild einsetzen, wir werden fortwährend zackige Berge erhalten.

Zwei fraktale Landschaften, die so entstanden sind, dass man jeweils die Formel genommen und deren Ergebnisse durch die Iteration wieder in die Formel eingebracht hat. Für jedes Bild wurde jeweils eine Formel für die Berge und eine zweite für die Wolken verwendet, so dass jedem Bild zwei Formeln zugrunde liegen.[5]

Wird die Formel wiederholt, d.h. durch die Zeit bewegt, dann wird sie den springenden Punkt (Häufungspunkt) erreichen, an dem sie begrenzte Entscheidungsmöglichkeiten (eine Bifurkation) für den einzuschlagenden Pfad hat, was demgemäß die Variationen in diesem Typus Berg ergibt. Der Zeitpunkt, wann die Auswahl der Gleichung präsentiert wird, ebenso welche Alternativen der Gleichung zur Verfügung stehen werden, ist an sich schon in der ursprünglichen Formel enthalten. Die Gleichung hat demzufolge ein Potential, das reichhaltig und abwechslungsreich ist, wie man an den beiden Landschaften sehen kann. Dennoch wird sie nach wie vor eng von den Parametern definiert, welche die Grundformel setzt. Die Grundformel enthält oder bewirkt das „Schicksal“ der beiden unterschiedlichen Bergketten in diesen Fraktalen. Deren Schicksal ist es, für eine ganz bestimmte Art von Bergkette zu stehen. Das endgültige Aussehen eines jeden der Berge oder Täler wird von den „freiwilligen“ Entscheidungen an den Häufungspunkten definiert.
Der Astrologie ist die Voraussetzung einer inhärenten Qualität mitsamt den daraus resultierenden begrenzten Wahlmöglichkeiten, die dem System auferlegt werden, vertraut. Im Allgemeinen nehmen Astrologen an, dass ein Ereignis nicht exakt vorhersagbar ist, dass sich das erwartete Ereignis aber innerhalb eines bestimmten, abgesteckten Rahmens verwirklichen wird.[6] Folglich konzentriert sich die Prognose tendenziell auf die zeitliche Abstimmung und die Qualität des Augenblicks. Die dem Klienten offenstehenden Entscheidungsmöglichkeiten werden durch die Grenzen der angezeigten Konfigurationen von Planeten und Tierkreiszeichen definiert.

Wir wissen allerdings auch, dass das Leben eben nicht nur ein einfaches Fraktal ist, in dem eine Iteration der nächsten ohne unerwartete Ereignisse folgt. Wir sind uns vielmehr bewusst, dass das Leben einen starken Drang nach Homöostase kennt. Dementsprechend leben die meisten ihr Leben teils als fraktales, teils als komplexes System, eine Kreuzung aus Berechenbarkeit, deterministischen Mustern und nicht vorhersagbaren, neu entstehenden Strukturen. Wenn unser Leben seinen normalen täglichen oder jährlichen Lauf nimmt, befinden wir uns in unserem eigenen fraktal-artigen Raum, in dem wir die gleichen Muster entfalten, die gleiche Art von Ereignissen erwarten und in dem eine gewisse Vorhersagbarkeit unseres Lebens enthalten ist. Unser natürliches Verlangen nach Homöostase bewegt uns kontinuierlich in so einen fraktal- ähnlichen Raum hinein.

Von Zeit zu Zeit gelangen wir jedoch an einen Tipping Point (der in der Komplexitätsforschung gebräuchliche Begriff für Umschwung) oder eine Hopf-Bifurkation (der Begriff für Umschwung in der Chaos-Theorie). Dies kann ein kleines oder größeres Ereignis sein, welches eine Wende unseres gesamten Lebens zur Folge hat und neue Strukturen und Lebensweisen hervorruft. Schnellstens versuchen wir dann allerdings, wieder zur Homöostase zurück zu kehren, und das neue Muster bringt ein Lock-In zustande. Dieses wird dann zu dem neuen Lebensthema bis zum nächsten Tipping-Point. Ein gutes Beispiel für eine Homöostase erleben Sie, wenn Sie nach Hause kommen: Das erste, was die meisten Menschen tun, ist, ein Zimmer aufzuräumen, um wieder in die normale Routine zu kommen. Nach einem Schockerlebnis versuchen die meisten Menschen als erstes wieder eine gewisse „Normalität“ in ihr Leben eintreten zu lassen.

Auch der Gedanke der Chaos-Theorie, dass es nur ganz bestimmte Phasen gibt, in denen das Leben für Veränderung offen ist, ist den Astrologen vertraut. Indikatoren wie eine progressive Sonne, die gerade das Zeichen wechselt, wären eine Markierung für so eine Periode, in der das Ereignis subtil und minimal sein, jedoch zugleich die größten Auswirkungen herbeiführen könnte. Indikatoren wie ein wichtiger Transit könnten eine Bifurkation oder ein Tipping Point sein, an dem das Ereignis größer und bedeutender ausfallen und ebenfalls zu einer einschneidenden Veränderung des Lebensstils führen könnte, der eine neue Ordnung heraufbeschwört. Diese Gedanken finden sich in den Werken vieler Astrologen und werden in den Worten von Dane Rudhyar, in denen er seinen Zugang zur Prognose darlegt, gut zusammengefasst:

Ereignisse können nicht genau vorausgesagt werden, doch die Bedingungen, die ein Individuum braucht, wenn es zu seiner vollen Größe als Individuum heranwachsen will, lassen sich prä-diagnostizieren. Der Astrologe kann aus den Progressionen die wichtigsten Wendepunkte im Leben eines Menschen ablesen.[7]

In der Chaos-Theorie ist es der seltsame Attraktor, der die Qualität gestaltet und der die Begrenzung für die zur Wahl stehenden Optionen festsetzt. In der Astrologie sind dies die Planetenkombinationen. Es ist also durchaus einsichtig, dass die Chaos-Theorie zur Erläuterung der philosophischen Begriffe Schicksal und freier Wille beitragen kann, indem man ihre Entdeckung der in den Lebensmustern enthaltenen immanenten Qualität und der begrenzten Wahlmöglichkeiten heranzieht, die folglich auch Bestandteil des menschlichen Lebens sind. Aber wann immer wir die immanenten Eigenschaften der Strukturen untersuchen, sei es in Mandelbrots Geometrie oder in der Chaos-Psychologie, wir werden immer wieder mit den seltsamen Attraktoren konfrontiert.

Leben mit seltsamen Attraktoren

Der seltsame Attraktor ist zentral für die Idee, dass am „Rande des Chaos“ spontan neue Muster entstehen. Und obwohl ihre Ausprägung noch nicht vollkommen verstanden wird, bestimmen sie über die Art der Strukturen. Das Leben eines Menschen mag sich zunächst ohne Ordnung und ohne Vernunft für entstehende Ereignisse zeigen. Weder ein außenstehender Beobachter noch das Individuum selbst dürfte tatsächlich bewusst von der Existenz dieses seltsamen Attraktors wissen; wenn jedoch die Zeit vergeht und wenn man die Ereignisse aus einer bestimmten Perspektive beobachtet, dann wird man eine Ordnung erkennen können. Tatsächlich wird dies auf eine stark vereinfachende Weise bei allen Mystery-Romanen und -Filmen eingesetzt: Am Anfang herrscht die große Verwirrung, es gibt keine Ordnung. Dann erhalten wir eine Reihe von Hinweisen und es zeichnet sich eventuell ein gewisses Muster ab. Wenn wir persönlich solche Offenbarungen in unserem Leben erfahren – z.B. ein alltägliches Ereignis, wie dass wir den Bus verpassen, was wiederum die Weichen für einen neuen Pfad stellt, dessen Sinn sich uns erst viele Jahre später erschließt –, dann denken wir, dass solch ein Ereignis nicht dem Zufall entsprungen ist, sondern von einer unsichtbaren Hand gelenkt wurde. Wenn wir solche Begebenheiten erleben, dann lässt unsere geistige Anfälligkeit für die Lehren der Linearität uns dazu neigen, metaphysische oder göttliche Erklärungen dafür zu suchen und zu finden.

Der Jung'sche Psychologe James Hillman[8] verwendet derartige Erfahrungen als Beweis für den Begriff der menschlichen Seele. Er weist darauf hin, dass unsere Seele wie ein externes Wesen ist, das unser Schicksal kennt und uns an diesen Platz führt. Man kann es auch den persönlichen daimon oder das Dharma des persönlichen Lebens nennen, oder einfach den Willen Gottes oder der Götter. Die Chaos-Theorie dagegen würde es entweder als die Grundgleichung eines Fraktals bezeichnen oder als den seltsamen Attraktor in einem komplexen lebenden System, den wir sogar als äußere Kraft erleben, obwohl er sich im System selbst befindet. Denn wenn wir uns um seine Attraktionssenke bewegen, scheint es ganz so zu sein, wie James Hillman beschreibt: Eine äußere Kraft, die unser Leben an einen für uns unsicheren Punkt lenkt, welcher aber eindeutig wird, sobald wir ihn erreicht haben. Eine Zugkraft zu einem definierten Muster, das nur bekannt und verstanden wird, wenn es komplett ist.

Tatsächlich führt uns unsere persönliche Erfahrung mit der Tätigkeit des seltsamen Attraktors in unserem Leben zu einem gewissen Gefühl für die Existenz der eigenen Seele, zu einem Gefühl für die persönliche Reise. Die Seele scheint den Pfad zu wissen, der unserem Leben einen Sinn gibt. Davies sagt, dass die menschliche Seele in unserem freien Willen liegt. Hillman schlägt vor, dass die menschliche Seele außerhalb von uns ist und uns durch das Leben führt. Das Chaos gibt zu erkennen, dass die menschliche Seele unser persönlicher Weg ist, um unsere Erfahrung der immanenten Struktur, in der wir leben, zum Ausdruck zu bringen.


Fussnoten:
  1. Die Alchimie hatte ebenfalls diese einmalige Position inne, denn sie war eine Mischung aus Chemie und der göttlichen Frage, sie wurde allerdings nicht zum Zwecke der Vorhersage verwendet.
  2. Paul Davies „Undermining Free Will“, in: Foreign Policy, Ausgabe 144, S. 36.
  3. C. Middleton, G. Fireman, R. Di Bello. “Personality traits as strange attractors”, in: Inaugural Meeting for the Society for Chaos Theory in Psychology, S. 19.
  4. Humberto Maturana und Francisco Varela. The Tree of Knowledge. Boston 1987, S. 95. (deutsch: Humberto R. Maturana, Francisco J. Varela: Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens).
  5. Fraktale Landschaften von http://ata-tenui.ifrance.com, Zugriff am 26.03.2006.
  6. Liz Greene. Uranus im Horoskop, S. 167
  7. Dane Rudhyar, Leyla Rael-Rudhyar. Der Sonne/Mond-Zyklus – Ein Schlüssel zum Verständnis der Persönlichkeit S. 109.
  8. James Hillman. Charakter und Bestimmung – Eine Entdeckungsreise zum individuellen Sinn des Lebens, S. 30f.

Entnommen aus
Bernadette Brady
Astrologie zwischen Chaos und Kosmos.
Schicksal, freier Wille und die Ordnung des Lebens neu gesehen
Chiron Verlag, 2008

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