Dieser Text entstand als eine Replik auf drei Artikel in der Zeitschrift "Meridian",
Ausgabe Mai/Juni 2005, die unter dem Haupttitel "Astrologie als nützliche
Fiktion" standen. Ulrike Voltmer, Richard Vetter und Christopher A.
Weidner entwerfen dort ein intellektuelles Konzept, das der Astrologie helfen
soll, sich im Feld der Wissenschaften besser zu positionieren. Das Heft kann
beim Meridian-Verlag bezogen werden.
Die Dimension der Arbeit Gaugelins und anderen Astrologen, die versucht
haben, die Astrologie auf Grund von Fakten zu beweisen, hat mich immer
etwas ehrfürchtig erschauern lassen. Der Aufwand, über Jahre
und Jahrzehnte Daten zu sammeln und auszuwerten, stelle ich mir riesig
und mühsam vor, und ich ehre alle, die damit helfen, der Astrologie
einen anerkannten Platz unter den Künsten dieser Welt zu schaffen.
Die drei Artikel zum Thema "Astrologie als nützliche Fiktion" hinterlassen
nun aber einen äusserst schalen Nachgeschmack. Es stellt sich die
Frage, wieso denn nun die Astrologie so vehement in ein wissenschaftliches
Konzept gesteckt werden muss, ein Konzept notabene, das nicht auf Fakten,
sondern auf intellektueller Akrobatik fusst? Wer fordert eigentlich Beweise,
und wer braucht denn hier von wem Akzeptanz?
Ich anerkenne die Bemühungen meiner Kolleginnen und Kollegen, tiefer
zu steigen, das Gebäude der Astrologie immer wieder neu zu erforschen
und zu beschreiben und andere an ihren Erkenntnissen teilhaben zu lassen.
Auch ich bin im Laufe meiner Beratungstätigkeit tiefer gestiegen
und habe heute eine leise Idee, auf welchen Fundamenten diese ausserordentliche
Kunst steht. Mein Umgang mit der Astrologie und dem Faktum der Nichtbeweisbarkeit
unterscheidet sich aber fundamental von demjenigen von Ulrike Voltmer,
Richard Vetter und Christopher A. Weidner, und ich möchte, obwohl
ich mich nicht dazu berufen fühle, andere schriftlich zu belehren,
die Gelegenheit erfassen, hier einen ganz anderen Blickwinkel zu formulieren.
Wir leben in einem Zeitalter, in der sich eigenartige und etwas beängstigende
kollektive Strömungen manifestieren. Da finden sich streng materialistische
Wissenschaftler, die öffentlich und allen Ernstes den Menschen auf
die Summe seiner Gene und das Göttliche auf ein individuelles, mess-
und reproduzierbares Ereignis im Gehirn reduzieren möchten. Der
Tod des alten und die Wahl eines neuen Papstes, des "Stellvertreter
Gottes" (!), animiert Millionen zum Trauern und Jubeln und wird
zum medialen Happening. Und alle finden das ganz normal. Spirituelle
Dimensionen werden seit langer Zeit Hardcore-Esoterikern überlassen
und manifestieren sich heute fast nur noch im Yogi-Shop, im Engelwesen-Seminar
oder an einer Esoterikmesse. Alles kann man haben, besitzen, ergreifen,
teilen, berechnen. Das Sein hat vor dem Haben kapituliert und ist still
und leise aus der Welt verschwunden; es hinterlässt uns Menschen
rast- und ratlos, denn uns fehlt diese Dimension, auch wenn wir uns nicht
mehr daran erinnern können. Astrologisch wird diese Entwicklung
angezeigt durch die Rezeption von Neptun in Wassermann und Uranus in
den Fischen, die beide im Reiche des andern wirken und grosse Verwirrung
schaffen. Es scheint, das wir uns als Menschheit nicht mehr im Klaren
sind, was zur materiellen und was zur geistigen Welt gehört und
wie wir die beiden Dimensionen in uns verbinden können.
Die selbe Verwirrung ist leider auch feststellbar im Konzept der "Astrologie
als nützliche Fiktion". Dieses intellektuelle Modell versucht
eigentlich nichts anderes, als die Astrologie aus dem Spannungsfeld zwischen
dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren herauszulösen. Sie soll nun
ein Korsett erhalten, damit sie ganz in dieser Welt bestehen und nie
mehr durch Skeptiker und Wissenschafter angegriffen werden kann. Das
ist vielleicht gut gemeint, doch ist es hilfreich für die Astrologie?
Ist nicht gerade die Fragilität die grosse Kraft dieser Erfahrungswissenschaft?
Könnte es sein, dass die Astrologie gerade deshalb funktioniert,
als das sie eben nicht nur in der materiellen Welt zuhause ist, sondern
immer etwas von einer anderen Sphäre mitbringt? Dass sie mit einem
Bein im Dazwischen steht, ins Unbekannte horcht und ihren Ursprung genau
dort hat, wo die Schöpfung jeden Augenblick aufs neue stattfindet?
Natürlich: Wenn ich keine Idee, nicht einmal mehr eine Ahnung davon
habe, was denn eigentlich mit diesem "Oben" im zweiten hermetischen
Gesetz gemeint ist, dann wird es schwierig für mich als Astrologe.
Es lautet vollständig: "Wie oben, so unten; wie unten, so oben".
In allen mir bekannten mystischen und esoterischen Traditionen, die die
Jahrhunderte überdauert haben, wurde das "Oben" nie als
etwas in der Sichtbarkeit verstanden. Das ganze Universum in seiner materiellen
Manifestation galt (und ist es auch heute noch) als das "Unten",
bis hin zum kleinsten Partikel der Materie. Die Himmelskörper stehen
in der Sichtbarkeit, sind dadurch "Unten" und haben ihren Ursprung,
ihren Urgrund im "Oben". Es stellt sich nun die Frage, was
denn dieses "Oben" ist. Antworten lassen sich von Suchenden
finden, in allen mystischen Schriften und Überlieferungen aller
Kulturen, auch in unserer abendländischen, in der ihnen gemässen
Form.
Weiter müsste hier auch gefragt werden, wie sich nun dieses "Oben" verhält,
wenn es im "Unten" nicht mehr wahrgenommen wird, da es doch
auch heisst, "Wie unten, so oben"? Wer könnte ein Interesse
daran haben, dass die Astrologen sich abwenden von diesem "Oben",
das nicht von dieser Welt ist? Wer hält es nicht aus, dass es etwas
gibt, das für immer verborgen bleibt?
Die Astrologie wird nie beweisbar sein. Der Versuch dazu ist gleichbedeutend
mit dem Versuch, mit irdischen Mitteln das "Himmelreich" zu
ergreifen, Gott oder die Gottheit zu berechnen und in Besitz zu nehmen.
Der Stachel des Todes steckt bereits in diesem Unterfangen und wird -
im besten Fall - diejenigen, die diesen Weg gehen, weit weg führen
von einer unermesslich reichen Quelle. Vergessen wir Astrologen und Astrologinnen
aber alle zusammen diese Dimension des Verborgenen, werden wir bald mit
einem toten Instrument hantieren, das vielleicht für eine gewisse
Zeit noch ein paar Klänge erzeugt, dann aber seine Kraft verliert
und von uns gelangweilt weggelegt und vergessen wird. Das wäre äusserst
schade, denn nebst dem individuellen und strengen Weg des Mystikers,
der versucht, mit sich selbst so Nahe wie nur möglich an das "Oben" zu
gelangen, ist die Astrologie vermutlich das einzige Werkzeug, welches
die Schwingungen, die aus der Berührung von Unten und Oben entstehen,
auch für „normale“ Menschen erlebbar machen kann.
Die "königliche Kunst" wurde auf ihrem Weg durch die
Jahrtausende von Generationen von Astrologen gehütet, kultiviert
und in Ehren gehalten, auch in Zeiten, wo sie von Kräften der Welt
bedroht, instrumentalisiert, ausgegrenzt und verlacht wurde. Sie ist
eine feste Grösse in unserer Kultur, hatte einen Platz in Völkern
ganz unterschiedlichsten Geisteshaltungen, ihre Wurzeln reichen tiefer,
als wir uns vorstellen können. Sie braucht keine Beweise für
ihre Existenz, sondern Anerkennung. Es wäre die Aufgabe der astrologischen
Gemeinschaft, ihr diese zu geben und gegenüber Skeptikern, materialistisch
verhärteten Wissenschaftern oder religiös verbrämten Menschen
zur ganzen Dimension der Astrologie zu stehen.
Juri Viktor Stork ist beratender
Astrologe im Grossraum Zürich und fester
Mitarbeiter von Astrodienst.
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