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Ayanamshas in der siderischen Astrologie

von Dieter Koch

Die westliche Astrologie verwendet vorwiegend den tropischen Tierkreis, bei dem der Frühlingspunkt sich stets auf 0° Widder befindet. Der Frühlingspunkt ist der Punkt, an dem die Sonne zur Frühlingstagundnachtgleiche steht.

Die siderische Astrologie hingegen verwendet einen siderischen Tierkreis, dessen Anfangspunkt relativ zu den Fixsternen festgelegt ist. Die siderische Astrologie hat sowohl eine westliche Tradition, die sich auf die Babylonier und Griechen zurückführt, als auch eine indische Tradition, die in den letzten Jahrzehnten im Westen als "vedische" Astrologie bekannt geworden ist. (Da die Veden in Wirklichkeit mit Astrologie nichts zu tun haben, ist im folgenden nicht von "vedischer", sondern von "indischer Astrologie" die Rede.)

Da der Frühlingspunkt relativ zu den Fixsternen eine langsame Bewegung, die sogenannte Präzession von 1° in 71.6 Jahren, vollführt, driften der tropische und der siderische Tierkreis langsam auseinander. Vor etwa 1500 - 2000 Jahren deckten sich die beiden Tierkreise ungefähr. In der gegenwärtigen Epoche jedoch beträgt die Differenz zwischen ihnen schon über 20° und wächst weiter an.

Siderische Ephemeriden werden heutzutage aus tropischen Ephemeriden abgeleitet, indem man von den tropischen Positionen der Planeten einen bestimmten Differenzwert subtrahiert, den sogenannten Ayanamsha. Das Sanskritwort ayanāṃśaḥ leitet sich ab aus den Wörtern ayanam, "Lauf (der Sonne), Halbjahr" und aṃśaḥ, "Teil", bedeutet also wörtlich "Teil des Laufs". Konkret ist damit die Distanz eines Solstizes vom Anfang des ihm zugeordneten kardinalen Zeichens gemeint. Diese Distanz ist identisch mit der Distanz des Frühlingspunktes vom siderischen Widderpunkt. (Das Sanskrit-Wort ayanāṃśaḥ ist übrigens maskulin, auch wenn es unter dem Einfluss englischsprachiger Astrologen oft als ein "es" behandelt wird.)

Leider sind sich siderische Astrologen nicht einig, wo exakt am Himmel der Anfangspunkt des siderischen Tierkreises angenommen werden soll. Es gibt hierüber zahlreiche unterschiedliche Auffassungen, die sich in einer großen Anzahl von Ayanamshas niederschlagen hat. Siderische Astrologen schlagen auch immer wieder neue Ayanamshas vor. Anfänger der siderischen Astrologie stehen, sofern sie nicht einfach einer Autorität folgen wollen, vor der schwierigen Aufgabe zu enscheiden, welcher Ayanamsha der richtige sein könnte. Indische Astrologen verwenden zumeist den Lahiri-Ayanamsha, westliche Astrologen dagegen, soweit sie nicht Anhänger der "vedischen" Astrologie sind, den Fagan-Bradley-Ayanamsha.

Bei Astrodienst kann man auf der Seite "Erweiterte Grafikauswahl" siderische Horoskopzeichnungen mit folgenden Ayanamshas berechnen:

* Fagan-Bradley-Ayanamsha

Dieser Ayanamsha wurde von dem irisch-amerikanischen Astrologen Cyril Fagan (1896-1970) um ca. 1950 eingeführt, wobei er den Fixstern Spica auf 29° Jungfrau annahm. Der amerikanische Astrologe Donald A. Bradley (1925-1974) hat den Ayanamsha aufgrund von statistischen astrologischen Untersuchungen korrigiert und Spica auf 29°06'05 Jungfrau positioniert. (Warnung: Angebliche Beweise durch statistische Untersuchungen sind nicht immer zuverlässig.)

Die wichtigen Sterne Aldebaran und Antares fallen bei diesem Ayanamsha ungefähr auf 15° Stier und Skorpion.

Der Fagan-Bradley-Tierkreis kommt dem Tierkreis, den die Babylonier in der hellenistischen Periode verwendet haben, sehr nahe. Statistische Auswertungen astronomischer Keilschrifttafeln durch Peter Huber (1958) haben einen Ayanamsha ergeben, der sich um weniger als eine Bogenminute von dem Fagan-Bradley-Aynanamsha unterscheidet. Gemäß einer neueren Untersuchung von John P. Britton (2010) könnte der Fehler aber doch mehrere Bogenminuten erreichen. (Siehe weiter unten)

Der Fagan-Bradley-Tierkreis ist somit der älteste siderische Tierkreis.

C. Fagan & R.C. Firebrace, A Primer of the Sidereal Zodiac, London, 1961.

* Lahiri-Ayanamsha

Dies ist der in Indien heute zumeist verwendete Ayanamsha. Er ist nach dem Astronomen Nirmala Chandra Lahiri benannt und wurde 1955 vom Indian Calendar Reform Committee eingeführt. Da indische religiöse Kalender durch die Ingresse der Sonne in die siderischen Tierkreiszeichen definiert sind, hängen auch die hinduistischen Feiertage vom verwendeten Ayanamsha ab. Mit dem Lahiri-Standard wollte man dafür sorgen, dass die religiösen Festtage landesweit auf dieselben Tage fallen. (Warnung: Nur weil es sich um einen vom Staat offiziell empfohlenen Ayanamsha handelt, ist er nicht unbedingt historisch korrekt.)

Der Lahiri-Ayanamsha sollte von seiner Idee her den Fixstern Spica eigentlich auf exakt 0° Waage haben. Dies ist aber nicht präzise der Fall, weil die traditionelle Berechnungsmethode von Ayanamshas die Eigenbewegung der Fixsterne sowie die Lageveränderung der Ekliptik nicht berücksichtigt.

Manche Astrologen, die der Position von Spica auf siderisch 0° Waage im Prinzip zustimmen, haben deshalb eine verbesserte Version dieses Ayanamshas vorgeschlagen, den "True Chitra Paksha Ayanamsha". (s. unten)

Weitere an Citrā/Spica verankerte Ayanamshas

* True Chitra Paksha Ayanamsha

Dieser Ayanamsha versteht sich als eine Korrektur des Lahiri-Ayanamshas. Der Fixstern Spica (auf Sanskrit Citrā) befindet sich hier für alle Zeiten auf exakt 0° Waage.

* Suryasiddhanta Chitra Ayanamsha

Der älteste Hinweis auf einen Ayanamsha, dem zufolge Spica/Citra auf exakt 0° Waage lokalisiert ist, findet sich in dem altindischen Astronomie-Lehrbuch Suryasiddhanta. Allerdings ist dort nicht von Ayanamsha die Rede, sondern nur von der Position von Fixsternen. Der Suryasiddhanta ist in seiner gegenwärtigen Form nach 500 n. Chr. entstanden. Ältere Versionen sind nicht erhalten, aber durch andere Texte bezeugt.

Dieser Ayanamsha ist so definiert, dass der Spica im Jahre 499 n. Chr. in polarer Projektion auf 0° Waage fällt. Dabei wird die Projektionslinie durch den Himmelsnordpol und den Stern gezogen. Die oben erwähnten auf Spica bezogenen Ayanamshas (Lahiri und True Chitra) projizieren den Stern aber im rechten Winkel auf die Ekliptik. Sie lassen sich daher streng genommen nicht mit dem Suryasiddhanta rechtfertigen.

Auch dieser Ayanamsha ist leider nicht zuverlässig. Andere Positionsangaben von Sternen im Suryasiddhanta sind mit derjenigen von Spica nicht kompatibel.

* Krishnamurti Ayanamsha

Der Ayanamsha des Astrologen K.S. Krishnamurti (1908-1972) liegt nahe beim Lahiri- und dem True Chitra Ayanamsha.

An Revatī (zeta Piscium) oder dem galaktischen Zentrum verankerte Ayanamshas

Ich fasse Ayanamshas, die an Revati (ζ Piscium) orientiert sind, und solche, die am galaktischen Zentrum orientiert sind, in eine Gruppe zusammen, weil in beiden Fällen beinahe derselbe Tierkreis herauskommt. Da allerdings altindische Astronomen vom galaktischen Zentrum nichts wußten, ist dieser Zusammenhang eher zufälliger Natur, sofern man hierbei nicht von einer erleuchteten Intuition ausgehen will. Philosophisch gesehen ist es wohl einleuchtender, den siderischen Tierkreis am galaktischen Zentrum festzumachen als an irgendeinem anderen Stern. Da alle sichtbaren Sterne es umkreisen, ist das galaktische Zentrum sozusagen das "Zentralgestirn" unserer Galaxie. Das galaktische Zentrum ist auch millionenmal schwerer als jeder Stern.

* True Revati Ayanamsha und
* Suryasiddhanta Revati Ayanamsha

Im Suryasiddhanta wird erwähnt, daß der Stern Revati (ζ Piscium) sich auf 29°50' Fische befindet. Daraus lassen sich zwei Ayanamshas ableiten. Beim einen befindet sich Revati stets exakt auf dieser Position, beim anderen wird angenommen, dass im Jahr 499 n.Chr. Revati in polarer Projektion genau auf diese Position fiel.

Man beachte, daß der "True Revati Ayanamsha" sich wegen der unterschiedlichen Projektionsmethode nicht wirklich mit der Positionsangabe im Suryasiddhanta rechtfertigen läßt. Anderseits ist auch zu bedenken, daß die Positionsangabe für Revati mit andern Positionsangaben von Sternen im Suryasiddhanta nicht kompatibel ist. Leider lassen die Positionsangaben von Sternen im Suryasiddhanta keine genaue Bestimmung des zugrunde liegenden Ayanamshas zu.

* Usha & Shashi Ayanamsha

Dieser Ayanamsha ist nach zwei Astrologen benannt, die sich Usha und Shashi nennen. Er hat den Stern Revati (ζ Piscium) sehr nahe bei 0° Widder (29°50' Fische) und das galaktische Zentrum in der Mitte des Mondhauses Mula ("Wurzel, Ursprung"), das ursprünglich einmal als Anfang des Kreises der Mondhäuser gewesen sein könnte.

Das Galaktische Zentrum ist das Zentrum unserer Milchstraße, um das unsere Sonne und sämtliche von Auge sichtbaren Sterne kreisen.

Usha and Shashi, Hindu Astrological Calculations, 1978 (Sagar Publications, New Delhi).

* Dhruva Galactic Center Middle Mula Ayanamsha (Ernst Wilhelm)

Dieser Ayanamsha wurde von dem amerikanischen Astrologen Ernst Wilhelm im Jahre 2006 eingeführt. Hierbei wird das galaktische Zentrum polar auf die Ekliptik projiziert, also auf einem Großkreis, der vom Himmelsnordpol (Sanskrit Dhruva) aus durch das galaktische Zentrum gezogen wird. Der resultierende Punkt auf der Ekliptik wird in der Mitte des siderischen Mondhauses Mula angenommen.

Dieser Ayanamsha liegt sehr nahe bei dem Usha-Shashi-Ayanamsha und bei den Revati-Ayanamshas. Dabei fällt der Stern Revati (ζ Piscium) in die Nähe von siderisch 29°50 Fische.

Dieser Ayanamsha ist ein wenig instabiler als die anderen Ayanamshas, weil er infolge der polaren Projektion des galaktischen Zentrums ein klein wenig von der allgemeinen Präzession beeinflußt wird. Jedoch hat der Suryasiddhanta tatsächlich polare Projektion verwendet.

Anzumerken ist hier, daß Wilhelm den Ayanamsha nur zur Definition des indischen Mondhäuserkreises verwendet, nicht hingegen zur Definition des Tierkreises. Wilhelm verwendet den tropischen Tierkreis in Kombination mit siderischen Mondhäusern.

https://groups.yahoo.com/neo/groups/StudyingKala/conversations/topics/14656

* Sassanidischer Ayanamsha

Dies ist ein indisch-persischer Ayanamsha, der sich von der Aussage des Suryasiddhanta ableitet, wonach der Stern Revati auf 29°50 Fische steht.

Mehr Information zu diesem Ayanamsha findet sich in der General Documentation der Swiss Ephemeris.

* Hipparchos-Ayanamsha

Dies ist ein in der Astrologie nicht gebräuchlicher Ayanamsha, der auf einer Feststellung des Astronomiehistorikers Raymond Mercier beruht. Wenn man nämlicn den Sternkatalog des Hipparchos verwendet, so "geht nicht nur Spica gleichzeitig unter mit den Nullpunkt der siderischen Ekliptik, sondern haben wir auch den Aufgang der Sterne α, β Arie und ζ Pisc" (also der Sterne des Widders sowie Revati).

Raymond Mercier, Studies on the Transmission of Medieval Mathematical Astronomy, IIb, S. 35f.

Mehr Information findet sich in der General Documentation der Swiss Ephemeris.

* Galaktisches Zentrum = 0° Schütze

Bei diesem Ayanamsha befindet sich das galaktische Zentrum am Anfang des Schützen und am Anfang des Nakshatras Mula.

* Galaktisches Zentrum im goldenen Schnitt (Rafael Gil Brand)

Dieser Ayanamsha, der sehr nahe beim Ayanamsha von Shri Yukteshwar und auch nahe beim Raman-Ayanamsha liegt, wurde von dem deutsch-spanischen Astrologen Rafael Gil Brand (1959-) vorgeschlagen. Gil Brand plaziert das galaktische Zentrum auf dem Goldenen Schnitt der Strecke von 0° Skorpion zu 0° Wassermann. Die Achse von Anfang Löwe zu Anfang Wassermann ist die Achse der astrologischen Herrscher.

Rafael Gil Brand, Himmlische Matrix. Die Bedeutung der Würden in der Astrologie, Mössingen (Chiron), 2014; derselbe, "Umrechnung von tropischen in siderische Positionen".

Raman- und andere indische Ayanamshas

* B.V. Raman Ayanamsha

Dieser Ayanamsha wurde von dem wichtigen indischen Astrologen Bangalore Venkata Raman (1912-1998) verwendet. Raman beruft sich auf den mittelalterlichen Astronomen Bhaskara II (1114-1185), der im Jahre 1183 einen Ayanamsha von 11° annahm.

Obwohl dieser Ayanamsha nahe bei dem galaktischen Ayanamsha Gil Brands liegt, hat Raman selbst anscheinend nicht daran gedacht, den Tierkreis mit Hilfe des galaktischen Zentrums zu definieren.

Gemäß: Chandra Hari, "Ayanāṃśa", leider ohne Quellenangabe. S. auch: B.V. Raman, Hindu Predictive Astrology, S. 378-379. Hier wird der Nullpunkt im Jahr 389 n.Chr. angenommen.

* Shri Yukteshwar Ayanamsha

Dieser Ayanamsha geht auf Swami Shri Yukteshwar Giri (1855-1936) zurück. Seine genaue Definition haben wir von Graham Dawson übernommen. Yukteshwar selbst allerdings macht in seinem Buch The Holy Science verwirrende Angaben darüber. Gemäß seinen "astronomical reference books" hatte der Ayanamsha zur Frühlingstagundnachtgleiche 1894 den Wert 20°54'36". Gleichzeitig glaubte er, daß dies die Distanz des Sternes Revati vom Frühlingspunkt war. Revati nahm er am Anfang des siderischen Widders an. Diese Rechnung ist jedoch falsch, denn in Wirklichkeit war Revati in jenem Jahr 18°24' vom Frühlingspunkt entfernt. Der Fehler erklärt sich von daher, daß Yukteshwar das Jahr 499 als Nulljahr des Ayanamshas annahm und gleichzeitig mit einer dem Suryasiddhanta entnommenen, ungenauen Präzessionsrate von 360°/24'000 Jahre = 54"/Jahr arbeitete. Zudem beging er den Fehler, den oben erwähnten Ayanamshawert dem Jahre 1894 zuzuweisen, während er seine Rechnung eigentlich mit dem Jahr 1893 gemacht hat.

Da Yukteshwars Präzessionsrate um 4"/Jahr zu hoch ist, kann astro.com Yukteshwars Horoskope für Epochen, die von 1900 weit entfernt sind, nicht präzise reproduzieren. Im Jahre 2000 beträgt die Abweichung 6'40".

Obwohl dieser ayanamsha nur einige Bogensekunden vom galaktischen Ayanamsha Gil Brands (siehe weiter unten) abweicht, hatte Yukteshwar offensichtlich nicht die Absicht, den Tierkreis mit Hilfe des galaktischen Zentrums zu definieren. Eigentlich hatte ereinen nach Revati orientierten Ayanamsha im Sinn, hat aber bei der Berechnung fehler begangen.

Swami Sri Yukteswar, The Holy Science, 1949, Yogoda Satsanga Society of India, S. xx.

* True Pushya Ayanamsha

Dieser Ayanamsha wurde von dem indischen Astrologen P.V.R. Narasimha Rao vorgeschlagen, dem Autor der beliebten Software Jagannatha Hora. Nach seiner Meinung ist die menschliche Existenz im Herzen verwurzelt, das astrologisch dem Zeichen Krebs entspricht. Er bindet daher den Tierkreis an den Stern Pushya (δ Cancri, Asellus Australis), der nahe der Ekliptik steht und nach alten Texten auf 16° Krebs steht.

P.V.R. Narasimha Rao, "Introducing Pushya-paksha Ayanamsa" (2013).

* Bhasin Ayanamsha

Ayanamsha des Astrologen J.N. Bhasin (1908-1983).

Babylonische und am Stern Mula (lambda Scorpionis) orientierte Ayanamshas

* Fagan-Bradley-Ayanamsha

siehe oben.

* Babylonian Ayanamsha (P. Huber)

Dieser Ayanamsha wurde 1958 von Peter Huber, einem Schweizer Experten in babylonischer Mathematik und Astronomie, aus einer statistischen Untersuchung astronomischer Keilschrifttafeln gewonnen. Er weicht von dem Fagan-Bradley-Ayanamsha weniger als eine Bogenminute ab. Die Unsicherheit beträgt +-20 Bogenminuten.

P. Huber, „Über den Nullpunkt der babylonischen Ekliptik“, in: Centaurus 1958, 5, S. 192-208.

* Babylonian Ayanamsha (J. P. Britton)

Dieser Ayanamsha wurde 2010 von dem amerikanischen Astronomiehistoriker John P. Britton aus einer statistischen Untersuchung astronomischer Keilschrifttafeln gewonnen. Von Hubers und dem Fagan-Bradley-Ayanamsha weicht er um 7 Bogenminuten ab. Die Unsicherheit beträgt nach Britton +-0.09° (= 5'24").

John P. Britton, "Studies in Babylonian lunar theory: part III. The introduction of the uniform zodiac", in Arch. Hist. Exact. Sci. (2010)64:617-663, p. 630.

* True Mula Ayanamsha (K. Chandra Hari)

Bei diesem Ayanamsha wird der Stern Mula (λ Scorpionis) exakt auf siderisch 0° Schütze angenommen.

Der indische Astrologe Chandra Hari ist der Meinung, daß das Mondhaus Mula dem Muladhara-Chakra zugeordnet ist. Er beruft sich hierbei auf die Lehre des Kalapurusha, wonach die Tierkreiszeichen den Teilen des menschlichen Körpers zugeordnet werden können. Dabei entspricht der Widderpunkt dem Scheitel und die Fische den Füßen. Außerdem stellt Chandra Hari fest, daß Mula den Vorzug habe, in der Nähe des galaktischen Zentrums zu stehen und im Gegensatz zu anderen Sternen keine Eigenbewegung vollziehe. Dieser Ayanamsha kommt dem Fagan-Bradley-Ayanamsha sehr nahe und entspricht nach Ansicht Chandra Haris auch dem ursprünglichen babylonischen Tierkreis.

(In Wirklichkeit hat allerdings auch Mula (λ Scorpionis) eine kleine Eigenbewegung. Im übrigen war die Position des galaktischen Zentrums den alten Völkern nicht bekannt, wohl aber die Tatsache, daß die Milchstraße die Ekliptik in dieser Himmelsgegend schneidet.)

K. Chandra Hari, "On the Origin of Siderial Zodiac and Astronomy", in: Indian Journal of History of Science, 33(4) 1998.
Chandra Hari, "Ayanāṃśa".
http://www.indiadivine.org/content/topic/1229109-true-ayanamsa-views-of-chandra-hari/
P.V.R. Narasimha Rao, "Brief Account of Chandra Hari Ayanamsa - Rationale of Zodiac".

Am galaktisch-ekliptikalen Schnittpunkt orientierte Ayanamshas

Manche Astrologen ziehen es vor, den siderischen Tierkreis an den Schnittpunkten des galaktischen Äquators mit der Ekliptik zu fixieren. Eine "galaktische Lösung" dieser Art, wie auch Ayanamshas, die am galaktischen Zentrum festgemacht sind, sind philosophisch offensichtlich sehr attraktiv, weil die Galaxie in der Tat das größere Ganze ist, in dem unsere Sonne und alle sichtbaren Sterne sich bewegen. Nach R. Mardyks' Meinung sind diese Ayanamshas oder Tierkreise gar nicht siderisch, sondern galaktisch. Sie sind aber vergleichbar "fix" wie ein siderischer Tierkreis.

* Skydram Ayanamsha (R. Mardyks)
(auch Galactic Alignment Ayanamsha)

Dieser Ayanamsha, der 1991 von dem amerikanischen Astrologen Raymond Mardyks vorgeschlagen wurde, hatte am Herbstäquinoktium 1998 exakt den Wert 30, wobei der Schnittpunkt des galaktischen Äquators mit der Ekliptik siderisch beinahe genau auf 0° Schütze fiel. Dabei ergab sich ein interessantes "Alignment", eine annähernd exakte "Ausrichtung" des (auf die Ekliptik projizierten) galaktischen Pols auf den Punkt des Herbstäquinoktiums. Gleichzeitig fiel der Schnittpunkt des galaktischen Äquators mit der Ekliptik ungefähr auf den Wintersonnenwendpunkt (tropisch 0° Steinbock). Eine vergleichbare "galaktische Ausrichtung" ereignet sich viermal während eines großen Präzessionszyklus von 26000 Jahren.

Dieser Ayanamsha oder Tierkreis hat also eine "tropische" Komponente. Mardyks spricht von einem "hybriden, fixiert-tropischen, galaktischen Tierkreis". In der astrologischen Praxis verwendet er den galaktischen Tierkreis in Kombination mit dem tropischen und den Fixsternen.

Der Berechnung von Mardyks liegt u.a. das galaktische Koordinatensystem zugrunde, das von der Internationalen Astronomischen Union im Jahre 1958 festgelegt wurde.

Raymond Mardyks, „When Stars Touch the Earth“, in: The Mountain Astrologer Aug./Sept. 1991, S. 1-4 und 47-48.

* Galaktischer Äquator IAU 1958

Eine Variante des "Galactic Alignment" Ayanamshas, bei dem der galaktische Äquator die Ekliptik auf siderisch exakt 0° Schütze schneidet. Dieser Ayanamsha weicht von Mardyks Skydram (oder Galactic Alignment) Ayanamsha um nur 19 Bogensekunden ab.

* Galaktischer Äquator auf 0° Schütze

Die beiden letztgenannten Ayanamshas beruhen auf einer älteren Positionsbestimmung des galaktischen Äquators von 1958. Nach einer neuen Positionsbestimmung aus dem Jahre 2010 verschiebt sich der Schnittpunkt des galaktischen Äquators mit der Ekliptik um 3'11", und das "Galactic Alignment" verschiebt sich in das Jahr 1994. Der galaktische Schnittpunkt wird hier auf siderisch 0° Schütze angenommen.

Mardyks gibt allerdings dem älteren galaktischen Äquator den Vorzug, der in der Astronomie auch immer noch gebräuchlich ist.

Liu/Zhu/Zhang, „Reconsidering the galactic coordinate system“, Astronomy & Astrophysics No. AA2010, Oct. 2010, S. 8.

* Ardra Galactic Plane Ayanamsha
= Galaktischer Äquator Mitte Mula/Anfang Ardra

Bei diesem Ayanamsha schneidet der galaktische Äquator die Ekliptik genau in der Mitte des indischen Mondhauses Mula, d.h. die Milchstraße verläuft genau mitten durch dieses Mondhaus. Interessant ist auch hier, daß das Sanskritwort mūlam "Wurzel, Ursprung" bedeutet und der Kreis der Mondhäuser ehemals hier begonnen zu haben scheint. Auf der gegenüberliegenden Seite des Tierkreises schneidet der galaktische Äquator die Ekliptik genau am Anfang des Mondhauses Ārdrā.

Dieser Ayanamsha wurde von dem amerikanischen Astrologen Ernst Wilhelm im Jahre 2004 eingeführt, wobei er sich auf eine Berechnung des galaktischen Knotens durch D. Koch aus dem Jahre 2001 stützte. Die Swiss Ephemeris verwendet eine um 2 Bogensekunden verbesserte Berechnung, die auf einer neuen Positionsbestimmung des galaktischen Pols durch chinesische Wissenschaftler aus dem Jahre 2010 beruht. (Liu/Zhu/Zhang, „Reconsidering the galactic coordinate system“, Astronomy & Astrophysics No. AA2010, Oct. 2010, S. 8.)

Esoterische Ayanamshas

* R. DeLuce Ayanamsha

Dieser Ayanamsha des Astrologen Robert DeLuce (1877-1964) ist bei der Geburt Jesu fixiert, theoretisch am 1. Jan. 1 n.Chr. Allerdings rechnete DeLuce in der Praxis mit einem Ayanamsha von 26°24'47 im Jahr 1900, woraus sich als Startdatum für den Ayanamsha der 4. Juni 1 v. Chr. ergäbe.

DeLuce glaubt, daß dieser Ayanamsha auch im alten Indien galt, und zwar weil er den wichtigen altindischen Astrologen Varahamihira, der die Sonnenwenden an den Anfangspunkten von Krebs und Steinbock annahm, ins 1. Jh. v.Chr. datiert. Diese Datierung Varahamihiras ist neuerdings unter dem Einfluß der nationalistischen Hindubewegung (Hindutva) sehr populär, läßt sich jedoch historisch nicht aufrecht erhalten. Varahamihira hat in Wirklichkeit im 6. Jh. n. Chr. gewirkt.

Robert DeLuce, Constellational Astrology According to the Hindu System, Los Angeles, 1963, S. 5.

* Djwhal Khul Ayanamsha

Dieser Ayanamsha beruht auf der Annahme, daß das Wassermannzeitalter im Jahr 2117 beginnt. Diese Annahme wird von einer theosophischen Vereinigung namens Ageless Wisdom vertreten, und zwar aufgrund einer medialen Durchsage des Meisters Djwhal Khul aus dem Jahre 1940.

Philipp Lindsay, “The Beginning of the Age of Aquarius: 2,117 A.D.”.

Vom Suryasiddhanta und Aryabhata abgeleitete Ayanamshas

* Aryabhata Equinox 499 und
* Aryabhata Mean Sun 499

Nach Angaben des altindischen Astronomen Aryabhata (476-550), sind vom Beginn des Kaliyuga 3102 v.Chr. bis zum Frühlingsäquinoktium 499 n.Chr. (seinem 23. Lebensjahr) genau 3600 Jahre vergangen. Das Frühlingsäquinoktium nimmt er zudem exakt am Anfang des Widders an. Aus dieser Information lassen sich zwei mögliche Ayanamshas ableiten. Entweder man nimmt den Nullpunkt beim Frühlingspunkt zur Tagundnachtgleiche dieses Jahres an, oder aber bei der Position der mittleren Sonne exakt 3600 siderischer Jahre nach dem Kaliyuga.

Mehr Information hierzu findet sich in der General Documentation der Swiss Ephemeris.

* Suryasiddhanta Equinox 499 und
* Suryasiddhanta Mean Sun 499

Dieselben Berechnungen können mit der Jahreslänge des Suryasiddhanta gemacht werden.

* Aryabhata 522

Nach Angaben von Govindasvamin (850 n. Chr.) behaupteten Aryabhata und seine Schüler, daß der Frühlingspunkt im Jahre 522 n. Chr. (= Shaka 444) am Anfang des siderischen Widders stand. Vermutlich geht diese Aussage auf eine falsche Interpretation der oben erwähnten Aussage Aryabhatas zurück.

D. Pingree, "Precession and Trepidation in Indian Astronomy", in JHA iii (1972), S. 28f.

Astronomische Ayanamshas

* J2000,
* J1900 und
* B1950

Dies sind keine astrologischen Ayanamshas, sondern astronomische siderische Koordinatensysteme, wobei die Ekliptik des Jahresanfangs 2000, 1900 oder 1950 als Bezugssystem genommen wird.

Theoretische Überlegungen

Das Problem der Eigenbewegung der Sterne

Ayanamshas werden oft durch die Position ausgewählter Fixsterne festgelegt. Insbesondere folgende Fixsterne spielten dabei historisch eine wichtige Rolle:

- Aldebaran und Antares auf 15° Stier und 15° Skorpion (Babylonisch, Fagan/Bradley);
- Citrā/Spica auf 0° Waage (Lahiri);
- Revatī/zeta Piscium auf 29°50 Fische (Sūryasiddhānta).

Leider kann aber niemand sagen, warum ausgerechnet einer dieser Sterne so eminent wichtig sein soll, daß er als Ankerpunkt für den Tierkreis gelten kann. Unschön sind diese Lösungen auch deswegen, weil die Fixsterne keineswegs fix stehen, sondern alle eine kleine Eigenbewegung haben. Im Laufe der Jahrtausende verschieben sie ihre relative Position zueinander massiv. Zwar kann man den Tierkreis z.B. am Fixstern Spica festmachen, so daß dieser für alle Zeiten auf 0° Waage steht. Doch alle anderen Sterne werden ihre Positionen relativ zu Spica im Laufe der Zeit massiv verändern. Der Anblick des ganzen Himmels verändert sich über lange Zeiträume. In 100'000 Jahren werden die Sternbilder ganz anders aussehen als heute. Auch die siderischen Mondhäuser (Nakshatras) werden dadurch ziemlich durcheinandergeraten. Ein an Fixsternen verankerter Tierkreis kann daher kein wirklich beständiges Bezugssystem liefern.

Sternbilder des Tierkreises im Jahre 2000

Abbildung: Heutiger Anblick der Tierkreis-Sternbilder

Sternbilder des Tierkreises um 100'000 v. Chr.

Abbildung: Anblick der Tierkreis-Sternbilder vor 100'000 Jahren. Würde man um so viele Jahre in die Vergangenheit reisen, so könnte man von allen Sternbildern wohl nur noch den Orion mühelos wiedererkennen

Übrigens stellt dieses Phänomen nicht nur gängige Definitionen von Ayanamshas in Frage, die den Tierkreis an einem Fixstern festmachen, sondern es beweist auch, daß die Sternbilder des Tierkreises entweder keine Realität haben und bloße Einbildung sind oder aber daß sie eine vorübergehende und vergängliche Erscheinung sind. Weiter ist klar, daß daß der astrologische Tierkreis von 12 gleich großen Zeichen mit all seiner inneren Logik und Symmetrie, sofern er denn real existiert als ein immerwährender Archetyp der Zyklen des Lebens, seine Wirksamkeit nicht von einer zufälligen Verteilung von Fixsternen ableiten kann, sondern auf einem beständigeren und fundamentaleren Sachverhalt beruhen muß.

Galaktisches Zentrum als Fixpunkt?

Aus diesen oder auch anderen Gründen haben manche Astrologen (Raymond Mardyks, Ernst Wilhelm, Rafael Gil Brand, Nick Anthony Fiorenza) versucht, den siderischen Tierkreis entweder am galaktischen Zentrum oder dem Knoten des galaktischen Äquators mit der Ekliptik zu verankern. Dadurch wäre eine klare und stabile Definition des siderischen Tierkreises gegeben, die nicht mehr von der Position eines einzelnen Sternes abhinge.

Wenn man historische Überlegungen einmal beiseite läßt, so könnte eine philosophisch einleuchtende Definition des siderischen Tierkreises vom galaktischen Zentrum ausgehen, um das unsere Sonne kreist. Man könnte dieses etwa auf den Anfang eines Tierkreiszeichens legen. Soll der Tierkreis traditionellen Tierkreisen möglichst nahe kommen, könnte man das galaktische Zentrum am Anfang des Schützen annehmen. Das galaktische Zentrum würde dann gleichzeitig sehr passend auf den Anfang des Mondhauses Mūla fallen, dessen Name „Wurzel, Ursprung“ bedeutet. Das Mondhaus, das Mūla vorausgeht, heißt Jyeṣṭhā, was „die Älteste“ bedeutet. Der Ursprung und das Ende des indischen Mondhäuserkreises muß wohl ursprünglich zwischen Jyeṣṭhā, „der Ältesten“, und Mūla, „dem Ursprung“ gelegen haben. Das galaktische Zentrum hier anzunehmen, scheint Sinn zu ergeben. Allerdings würde der so konstruierte Tierkreis von traditionellen Tierkreisen, wie dem Lahiri- oder dem Fagan-Bradley-Tierkreis um mehrere Grad abweichen.(1)

Weiter zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang, daß die am Stern Revatī verankerten Ayanamshas das galaktische Zentrum fast in der Mitte des Mondhauses Mūla, also des "Ursprungshauses" haben, darunter etwa der Ayanamsha nach Usha und Shashi. In der Folge hat auch der Dhruva-Galactic-Center-Middle-Mula-Ayanamsha von Ernst Wilhelm, bei dem das galaktische Zentrum in der Mitte von Mula steht, den Stern Revatī (ζ Piscium) fast genau auf der Position, die dieser Stern nach Angaben des Sūryasiddhānta hat, nämlich auf 10 Bogenminuten vor dem Anfang des Widders. Dieser Ayanamsha liegt somit in der Nähe der anderen auf Revati bezogenen Ayanamshas. Auch diese Lösungen weichen allerdings von Lahiri und Fagan/Bradley um mehrere Grad ab, können aber für sich in Anspruch nehmen, in einer alten astronomisch-astrologischen Tradition zu stehen.(3)

Ein weiterer Ayanāmśa, der am galaktischen Zentrum festgemacht ist, wurde von dem deutsch-spanischen Astrologen Rafael Gil Brand vorgeschlagen. Gil Brand nimmt das galaktische Zentrum auf dem goldenen Schnitt zwischen 0° Skorpion und 0° Wassermann angenommen. Er rechtfertigt dies damit, daß die Symmetrieachse der Herrscher auf den Anfängen des Wassermanns und des Löwen steht.(2) Zwar weicht der so berechnete Tierkreis immer noch um mehr als ein Grad vom Lahiri-Tierkreis ab, aber immerhin kommt er dem Tierkreis des wichtigen indischen Astrologen Raman sowie dem nach Shri Yukteshwar benannten Ayanamsha sehr nahe.(4)

Selbst wenn man sich also darauf einigt, daß das galaktische Zentrum bei der Definition des siderischen Tierkreises eine zentrale Rolle spielen soll, bleiben verschiedene mögliche Lösungen.

Da die Sonne sich um das galaktische Zentrum bewegt, macht übrigens auch das galaktische Zentrum, wie die Fixsterne, eine kleine scheinbare Bewegung. Wollte man ein wirklich festes Bezugssystem, so müßte man es wohl am sogenannten "Internationalen Himmelsreferenzsystem" (ICRS) festmachen bzw. an den diesem als Referenzpunkte dienenden, extragalaktischen Strahlungsquellen. Auf jeden Fall aber ist das galaktische Zentrum als Bezugspunkt weit überzeugender als ein zufälliger Fixstern wie Spica/Citra oder Revati.

Galaktischer Knoten als Fixpunkt?

Aus einer historischen Perspektive ist allerdings zu beachten, daß das galaktische Zentrum erst in der Neuzeit entdeckt worden ist und daß es deshalb bei der ursprünglichen Definition des siderischen Tierkreises historisch gesehen keine Rolle gespielt haben kann. Möglich ist hingegen, daß der galaktische Knoten, d.h. der Schnittpunkt des galaktischen Äquators bzw. der Milchstraße mit der Ekliptik Bezugspunkt war. Auch diesen Schnittpunkt, der nur wenige Grad vom galaktischen Zentrum entfernt liegt, könnte man am Anfang des Schützen bzw. des Mondhauses Mūla annehmen. Diese Lösung (bzw. eine besondere Variante davon) hat anscheinend der Amerikaner Raymond Mardyks 1991 zum ersten Mal vorgeschlagen.(5) Auch sie weicht von traditionellen siderischen Tierkreisen um mehrere Grad ab.(6) Doch hat sie den Vorteil, daß sie ein wenig analog zur Definition des tropischen Tierkreises ist, der ja ebenfalls durch den Schnittpunkt zweier wichtiger Großkreise definiert ist. Etwas unschön ist allerdings, daß der definierende Schnittpunkt nicht beim siderischen Widder, sondern beim Schützen liegt.(7)

Übrigens könnte diese Lösung auch das Problem des Wassermannzeitalters lösen, dessen Anfang man gerne in der Gegenwart annehmen würde, das jedoch nach allen herkömmlichen astronomischen Berechnungen erst in Jahrhunderten beginnen würde. Nimmt man den galaktischen Knoten exakt auf siderische 0° Schütze an, so hätte das Wassermannzeitalter bereits im Jahre 1994 begonnen.(8)

Galaktische Ausrichtung von Erde, Sonne und Milchstraße vom 1. August 1994
Abbildung: Galaktische Ausrichtung von Erde, Sonne und Milchstraße vom 1. August 1994: Der galaktische Äquator (GE) schneidet die Eklipitik (Ecl) genau im Wintersonnenwendpunkt (0° Steinbock). Das galaktische Zentrum (GC) befindet sich einige Grad entfernt davon südlich der Ekliptik.

Will man herkömmlichen Ayanāmśas näherkommen, so kann man den Schnittpunkt auch in der Mitte von Mūla annehmen. Die Milchstraße verläuft dann mitten durch das "Ursprungsmondhaus" Mūla, was durchaus ästhetisch ist. Der Nullpunkt dieses Tierkreises würde dann in die Nähe des Nullpunktes des Lahiri-Tierkreises fallen.(9) Das Wassermannzeitalter würde allerdings wieder in die Ferne rücken.

Von Interesse ist wohl auch die Frage, ob dieses Bezugssystem wirklich völlig feststehend ist. Tatsächlich ist es ebenfalls kleinen Bewegungen unterworfen. Da es sich um den Schnittpunkt des galaktischen Äquators mit der Ekliptik, also mit der Ebene der Erdbahn um die Sonne, handelt, wird die Position dieses Schnittpunktes von kleinen Lageveränderungen der Erdbahn beeinflußt. Diese Lageveränderungen werden durch die Schwerkrafteinwirkung der Planeten auf die Erde (die sogenannte planetare Präzession) verursacht. Der galaktische Knoten kann sich dadurch im Laufe der Jahrtausende um mehrere Bogenminuten verschieben, pendelt allerdings um eine gewisse mittlere Position herum. Trotzdem ist er als Bezugspunkt für einen siderischen Tierkreis klar überzeugender als irgendein beliebiger Fixstern.

Gewisse Unsicherheiten birgt leider auch die Definition des galaktischen Äquators. Dieser ist so definiert, daß er der Milchstraßenebene nahekommt, gleichzeitig aber sowohl die Sonne als auch das galaktische Zentrum in seiner Ebene liegen. Das von der Internationalen Astronomischen Union im Jahre 1958 festgelegte galaktische Koordinatensystem wird dieser Definition heute leider nicht mehr gerecht. Im Gegensatz zu damals ist heute die Position des galaktischen Zentrums mit sehr hoher Genauigkeit bekannt, und es hat sich erweisen, daß es nicht exakt auf dem Äquator des galaktischen Koordinatensystems liegt, wie es das eigentlich sollte, sondern etwa 4 Bogenminuten südlich davon. Aus diesem Grunde verwenden wir für zwei der oben gelisteten Ayanamshas ("Galaktischer Äquator auf 0° Schütze" und "Ardra Galactic Plane Ayanamsha") einen korrigierten galaktischen Äquator. Diese Korrektur, die auf einer Arbeit chinesischer Wissenschaftler aus dem Jahre 2010 beruht, dürfte in der Zukunft nochmals geringfügig verbessert werden.(10)

Von Bedeutung ist weiter die Tatsache, daß die galaktische Ebene auch noch auf andere Weise definiert werden könnte. Die Ebene des oben beschriebenen galaktischen Äquators, geht also durch die Sonne und das galaktische Zentrum und kommt der mittleren Ebene der Milchstraße so nahe wie möglich. Sie ist aber mit der wahren Ebene der Milchstraße nicht identisch. Da sich die Sonne zur Zeit nicht in genau in der wahren Ebene der Milchstraße befindet, sondern etwas oberhalb von ihr, blicken wir etwas von oben auf die Milchstraßenebene herab. In der Folge befindet sich auch das galaktische Zentrum scheinbar etwa 8.2 Bogenminuten unterhalb des Großkreises, der von der Milchstraßenebene gezeichnet wird. Der Knoten dieser Ebene mit der Ekliptik liegt dann etwa 9.5 Bogenminuten entfernt vom Knoten des galaktischen Äquators.(11) Die Frage stellt sich somit, welche Ebene denn nun relevant sein soll, der galaktische Äquator, wie oben definiert? Oder die tatsächliche Ebene der Milchstraße?

Die tatsächliche Ebene der Milchstraße ist auf jeden Fall fundamentaler und stabiler als der galaktische Äquator. Der galaktische Äquator ist nur eine Annäherung an sie. Da er die Sonne per definitionem exakt in seiner Ebene liegt, die Sonne jedoch beim Umlauf um das galaktische Zentrum zeitweise oberhalb und zeitweise unterhalb der galaktischen Ebene steht, so wird er der galaktische Äquator über Millionen von Jahren seine Neigung in Bezug auf die galaktische Ebene leicht verändern, das heißt er wird eine oszillierende Kippbewegung in Bezug auf sie vollführen. Die Knotenachse dieser Kippbewegung liegt genau 90° vom galaktischen Zentrum entfernt. Da die Sonne aber gleichzeitig um das galaktische Zentrum bewegt und in der Folge auch das galaktische Zentrum eine scheinbare Bewegung macht, wandert auch die Knotenachse der Kippbewegung im Laufe von über 200 Millionen Jahren um das galaktische Zentrum herum.

Der galaktische Äquator steht also nicht wirklich fest, sondern vollzieht tatsächlich eine Bewegung, wenngleich diese äußerst klein ist. Hingegen die tatsächliche galaktische Ebene steht fest. Der Unterschied zwischen den beiden Ebenen beträgt, wie gesagt, nur wenige Bogenminuten. Die Schnittpunkte der beiden mit der Ekliptik liegen etwa 9.5 Bogenminuten auseinander. Der galaktischen Äquator traf den Wintersonnenwendpunkt, wie gesagt, im Jahre 1994, die wahre galaktische Ebene dagegen erst etwa im Jahre 2005/2006.

Zur Zeit gibt es noch keine Ayanamshas, die auf der wahren galaktischen Ebene beruhen. Es gibt zur Zeit auch noch keine genügend präzisen astronomischen Daten, um einen solchen Ayanamsha mit hoher Genauigkeit zu berechnen. Aber es ist zu vermuten, daß manche Astrologen einer solchen Lösung den Vorzug geben würden.

Eine weitere mögliche Bezugsebene ist durch die Bewegung der Sonne um das galaktische Zentrum bzw. die scheinbare Bewegungsrichtung des galaktischen Zentrums gegeben. Diese Ebene ist allerdings völlig anders orientiert und ist langfristig (über Jahrmillionen) auch massiven Änderungen unterworfen, weil die Sonne während ihres Umlaufs um das galaktische Zentrum zwischen Bereichen oberhalb und unterhalb der galaktischen Ebene mehrmals hin- und herpendelt. Zur Zeit schneidet diese Ebene die Ekliptik im tropischen Löwen und Wassermann bzw. im siderischen Krebs und Steinbock.(12) Diese Ebene ist weit weniger stabil als der galaktische Äquator und die wahre Ebene der Galaxis.

Zwei Ayanamshas für Tierkreis und Mondhäuserkreis?

Schließlich sollte man bei der Suche nach dem „wahren ursprünglichen“ Ayanamsha berücksichtigen, daß der Kreis der Mondhäuser und der Tierkreis voneinander unabhängig entstanden sind. Der Kreis der Mondhäuser ist in Indien entstanden, hingegen der 12-teilige Tierkreis ist in Mesopotamien entstanden. Entgegen den Behauptungen mancher indischer Astrologen kennen prähellenistische vedische Texte keine Tierkreiszeichen, sondern nur Mondhäuser. Z.B. wird im Mahabharata-Epos oft angegeben, in welchem Mondhaus der Mond oder ein Planet steht, hingegen von Tierkreiszeichen oder den Konstellationen des Tierkreises ist nie die Rede.(13) In Mesopotamien anderseits findet man keine Erwähnung der 27 (oder 28) Mondhäuser, wohingegen die Verwendung der Tierkreiszeichen und Tierkreiskonstellationen gut belegt ist. Die beiden Systeme wurden erst in hellenistischer oder nachhellenistischer Zeit in Indien zusammengeführt und miteinander verschmolzen. Die Details dieses Verschmelzungsvorgangs sind leider nicht bekannt. Es ist aber unwahrscheinlich, daß der Anfangspunkt des ursprünglichen babylonischen Widders mit dem Anfangspunkt des ursprünglichen Mondhauses Ashvini exakt zusammenfiel. Eher ist anzunehmen, daß der Tierkreis oder der Mondhäuserkreis oder beide aneinander angepaßt werden mußten, damit sie in der Weise zur Deckung kamen, wie sie heute gelehrt werden. Es ist daher möglich, daß der babylonische Tierkreis und der indische Mondhäuserkreis ursprünglich verschiedene Ayanamshas hatten. Außerdem scheint es, wie gezeigt wurde, daß der Mondhäuserkreis ursprünglich durch den galaktischen Knoten definiert war, der sich am Anfang oder in der Mitte des Mondhauses Mula befand. Hingegen der Anfang des babylonischen Tierkreises wurde im Widder angenommen, nicht in Mula oder dem Schützen, und zwar wohl deshalb, weil der Frühlingspunkt im Widder lag und das Jahr im Frühling begann. Der galaktische Knoten kann daher bei der Definition des babylonischen Tierkreise kaum eine Rolle gespielt haben. Aus historischer Sicht müssen daher die Ayanamshas des Mondhäuserkreises und des Tierkeises separat erforscht werden.

Interessanterweise lehren alle altindischen Texte, die Tierkreiszeichen gemeinsam mit Solsitien oder Äquinoktien erwähnen, daß die Äquinoktien und Solstitien sich an den Anfängen der kardinalen Zeichen befinden, also der Frühlingspunkt auf 0° Widder, der Sommersonnenwendpunkt auf 0° Krebs, der Herbstpunkt auf 0° Waage und der Wintersonnenwendpunkt auf 0° Steinbock.(14) Da es sehr unwahrscheinlich ist, daß all diese Texte zur gleichen Zeit verfaßt wurden, scheint es, daß der Tierkreis, als er in Indien eingeführt wurde, tropisch definiert war, also an den Sonnenwenden und Tagundnachtgleichen fixiert war. Erst später wurde er in einen siderischen Tierkreis umgewandelt, wohl weil die Inder damals noch nicht wußten, wie sie die Präzession behandeln sollten. Zwar wird in einigen alten vedischen Texten gesagt, daß die Solstitien sich in den Mondhäusern Dhanistha und Ashlesha befinden, doch ist zu beachten, daß all diese Texte von Tierkreiszeichen noch nichts wissen. Vielleicht wird der amerikanische Astrologe Ernst Wilhelm, der auch ein Experte in indischer Astrologie ist, diesem Sachverhalt am gerechtesten, da er siderische Mondhäuser kombiniert mit dem tropischen Tierkreis verwendet.

Autor: Dieter Koch
Kontakt: dieter(ät)astro.ch

(1) Das Galaktische Zentrum befindet sich im indischen Lahiri-Tierkreis auf 2°59’ Schütze, im westlichen Fagan-Bradley-Tierkreis auf 2°06’.

(2) Rafael Gil Brand, "Umrechnung von tropischen in siderische Positionen"; derselbe, Himmlische Matrix. Die Bedeutung der Würden in der Astrologie, Mössingen (Chiron), 2014;

(3) Die Differenz vom Lahiri-Tierkreis beträgt 3°48’, diejenige vom Fagan-Bradley-Tierkreis 4°41’.

(4) Die Differenz des Usha-Shashi-Tierkreises vom Lahiri-Tierkreis beträgt 1°23’, diejenige von Ramans Tierkreis nur 3’29", diejenige von Shri Yukteshwars Tierkreis sogar nur 35".

(5) Raymond Mardyks, „When Stars Touch the Earth“, in: The Mountain Astrologer Aug./Sept. 1991, S. 1-4 und 47-48. Mardyks definiert den Ayanāṃśa genauer so, daß er zur Herbsttagundnachtgleiche 1998 genau 30° beträgt. Im galaktischen Koordinatensystem von 1958 fällt dann der galaktisch-ekliptische Schnittpunkt fast genau auf 0° Schütze. Außerdem fällt dieser Schnittpunkt für dieses Jahr fast genau auf den Wintersonnenwendpunkt, während der galaktische Pol fast genau auf den Herbstpunkt fällt.

(6) Der Schnittpunkt des galaktischen Äquators mit der Ekliptik befindet sich im Lahiri-Tierkreis auf 6°13’ Schütze, im Fagan-Bradley-Tierkreis auf 5°20’ Schütze.

(7) Andere Tierkreise, die ihren Anfang beim Schnittpunkt von Großkreisen nehmen, beginnen ja mit einer Widder-Phase. So der tropische Tierkreis, dessen Widderpunkt beim Schnittpunkt der Ekliptik mit dem Himmelsäquator liegt, sowie der drakonitische Tierkreis, dessen "Widder" beim Mondknoten beginnt. Auch im Häuserkreis, der ebenfalls beim Schnittpunkt zweier Großkreise (Ekliptik und Horizont) seinen Anfang nimmt, gilt das 1. Haus als ein Analogon zum Widder. Indem man nun den galaktischen Tierkreis mit dem Schützen beginnen läßt, möchte man offenbar gängigen siderischen Tierkreisen möglichst nahe kommen. Damit wird dann aber gleichzeitig ein System gebrochen.

(8) Legt man der Berechnung eine moderne Positionsbestimmung des galaktischen Pols aus dem Jahre 2010 zugrunde und nimmt den galaktischen Knoten bei siderisch 0° Schütze an, so fällt der Anfang des Wassermannzeitalters ins Jahr 1994, genau genommen auf den 28. April 1994, oder aber, sofern man die Nutation nicht berücksichtigt, auf den 1. August 1994. (Berechnung D. Koch; Position des galaktischen Pols gemäß: Liu/Zhu/Zhang, „Reconsidering the galactic coordinate system“, Astronomy & Astrophysics No. AA2010, Oct. 2010, S. 8.)

Zum selben Zeitpunkt trat auch der Schnittpunkt der galaktischen und der ekliptikalen Ebene in den tropischen Steinbock ein. Dieses Ereignis wurde von Esoterikern fälschlich als "Übereinstimmung der Erdachse mit dem galaktischen Zentrum" mit dem Ende des Mayakalenders am 21. Dezember 2012 in Verbindung gebracht. Dadurch kam es im Jahre 2012 in der Esoterikszene zu Weltuntergangshysterien. Astronomisch gesehen waren die „Galaktische Übereinstimmung“ und das Ende des Mayakalenders zwei ganz verschiedene Ereignisse. Auch sollte hier nicht von einer Übereinstimmung der Erdachse mit dem galaktischen Zentrum gesprochen werden, sondern mit dem Schnittpunkt der galaktischen Ebene mit der Sonnenbahn. Es ist diese, die sich im Jahre 1994 ereignet hat. Eine Übereinstimmung mit dem galaktischen Zentrum wird sich hingegen erst im Jahre 2225 ereignen.

(9) Die Differenz vom Lahiri-Tierkreis beträgt -27’, die Differenz vom Fagan-Bradley-Tierkreis -1°20’.

(10) Ich beziehe mich hier auf die Publikation Liu/Zhu/Zhang, „Reconsidering the galactic coordinate system“, Astronomy & Astrophysics No. AA2010, Oct. 2010, S. 8, Formel 21: Der neue galaktische Pol ist so definiert, daß er so nahe wie möglich am alten liegt, und genau 90° vom galaktischen Zentrum entfernt ist. Es wird eine Rotation des System um die beiden Punkte auf dem alten Äquator vollzogen, die vom neuen galaktischen Zentrum 90° entfernt sind. Es handelt sich somit nicht um eine vollständige Neubestimmung des galaktischen Äquators.

(11) Berechnung von D. Koch, aufgrund einer Distanz der Sonne zum galaktischen Zentrum von 8200 parsec und einer Distanz der Sonne zur galaktischen Ebene von 19.6 parsec.

(12) Berechnung von D. Koch mit der Swiss Ephemeris aufgrund der Position und scheinbaren Geschwindigkeit des galaktischen Zentrums.

(13) Siehe meine ausführlichen Erklärungen in meinem Artikel “Vedische Astrologie - kritisch hinterfragt”.

(14) Z.B. Vishnupurana 2.8.28-31; 67-68; Sphujidhvaja, Yavanajātakam 79.30; Varāhamihira, Bṛhatsaṃhitā 3.2; Āryabhaṭa, Āryabhaṭīyam 4.1; Sūryasiddhānta 14.7-10.

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