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Sterne und Karten
Astrologie und Tarot sind beliebte Gesellschaftsspiele. Die
frisch Verliebten freuen sich darüber, wenn sie erfahren, dass ihre
"Sternzeichen" gut
zueinander passen. Genauso freuen sie sich, dass beim Kartenziehen ein Bild
aufgetaucht ist mit der Aufschrift "Nr. 6. Die Liebenden". Um
solche angenehmen Erlebnisse zu haben, braucht es keine Vorkenntnisse, ebenso
wenig ist theoretisches Verständnis nötig, um sich zu verlieben.
Wer tiefer forscht, merkt allerdings schnell, dass die Astrologie
keine guten und schlechten Aspekte kennt, sondern ein recht komplexes System
ist und
dass hinter den Tarot-Karten mehr steckt als auf den ersten Blick vermutet.
Was aber verbindet diese beiden Orakel-Techniken? Beide präsentieren
uns Symbole. Doch die Symbole stellen neue Fragen. Sie verlangen eine Übersetzung
und müssen gedeutet werden.
Die abstrakten Signaturen auf der Horoskopzeichnung werden
in Bilder und Figuren übertragen. Schon die Namen der einzelnen Symbole wie Wassermann,
Mars, Venus zeigen, dass es sich um Archetypen handelt, also um innerpsychische
Bilder. Die Himmelsrhythmen sind nur ein Gleichnis, der eigentliche Inhalt
der Astrologie ist die Psyche des Menschen, einschließlich des Unbewussten,
und das Unbewusste spricht nun einmal in Bildern.
Das Bildhafte verbindet die Astrologie mit dem Tarot. Die geniale
Schöpfung der Tarot-Karten präsentiert nämlich keine abstrakten
Symbole, die erst in Bilder übersetzt werden müssen, sondern fertig
gemalte Bilder unseres Innenlebens. Insofern ist der Tarot einfach eine Hilfe
und Ergänzung. Auch hier geht es um das Zeichen- und Symbolhafte. Genau
wie in der Astrologie muss gedeutet werden. Der Klient, welcher den Teufel
zieht, wird natürlich im Leben nicht ebenfalls dem Teufel mit den Pferdehufen
begegnen. Es geht nicht um das Bild an sich, sondern um eine dem Bild ähnliche
Figur im Inneren des Fragestellers.
In der praktischen Arbeit ergänzen sich die beiden Systeme ideal. Auf
einigen Tarot-Karten hat man den Eindruck, direkt ein astrologisches Symbol
abgebildet zu sehen. Dennoch sind sie nie genau deckungsgleich. Die Ähnlichkeit
zwischen astrologischem Zeichen und Tarot-Bild ist zwar groß genug,
um den Bezug zu erkennen, andererseits sind die Unterschiede deutlich genug,
sodass
wir jedes Mal neue Anregungen erhalten.
Zwei Beispiele aus der Praxis
Eine meiner Klientinnen, eine 35-jährige Frau, hatte ein starkes Saturn-Thema,
das schon in ihrem Geburtshoroskop angelegt war und das in der aktuellen
Lebensphase besonders in den Vordergrund trat. Sie hatte sehr viel Stress
in ihrem Alltag
und mit ihren Kindern, die sie allein erzog. Aufgrund der jetzt zu entwickelnden
Saturn-Anlage entnahm sie der Horoskop-Analyse für sich das Motto:
"Effizient arbeiten, abgrenzen lernen, Verantwortung übernehmen!"
Zuletzt sagte sie: "Ich wünsche mir mehr Reife und Gelassenheit
und dass ich ohne Hektik eins nach dem anderen erledige, Schritt für
Schritt." Eine
schöne Aussage, bestens zu ihrem Saturn passend.
Als ergänzende Tarot-Karte zog sie anschließend den Eremiten. Diese
Karte hat tatsächlich große Ähnlichkeit mit
Saturn, denn ein weiser alter Eremit geht dort seinen Weg. Das konnte einerseits
als Bestätigung der gefundenen Deutung gelten, warf aber gleichzeitig
ein neues Licht auf dieses Thema, denn die Frau sagte: "Der Eremit
geht ganz allein seinen Weg, ohne Gepäck – wie beneidenswert!"
Im darauf folgenden Gespräch bemerkte die Klientin, dass sie selbst
zu viel Gepäck herumschleppte, sogar solches, das eigentlich anderen
Leuten gehört. Sie hörte nun, wie der Eremit zu ihr sagte: "Trage
nur deine eigene Verantwortung, geh’ den eigenen Weg und verliere dich
nicht in Alltäglichkeiten!" Diese Deutung war eine wichtige Ergänzung,
die man zwar auch aus dem Horoskop hätte lesen können, aber der
Tarot drückte es auf der bildhaften Ebene direkt und für die Betroffene
unmittelbar verständlich aus. Als beratender Astrologe hatte ich daher
die Freude, zu beobachten, wie die Deutung von der Klientin selbst entwickelt
wurde, was bei der Astrologie ohne vorhandenes Fachwissen nicht funktionieren
könnte.
Manchmal passt die ergänzende Tarot-Karte auf den ersten Blick gar
nicht zu der gefundenen Horoskop-Aussage. Wenn man sich Zeit lässt,
erweist sie sich jedoch oft als ausgleichender Zusatz-Ratschlag. Mit einer
anderen Klientin hatte ich derart intensiv die Pluto-Themen und deren psychologische
Hintergründe aufgearbeitet, dass eine gewaltige Intensität in der
Luft lag, als die Sitzung dem Ende entgegenging. Die Klientin hatte schonungslose
und intensivste Arbeit an sich selber geleistet. Doch der Tarot antwortete
ergänzend mit der Drei der Kelche, einer Tanzszene von feiernden und
jubelnden Frauen.
Das Bild strahlt eine derart unbeschwerte Leichtigkeit aus, dass die Klientin
sich zuerst brüskiert fühlte, wie wenn der Tarot ihre leidenschaftliche
Bemühung nicht ernst nehmen wollte. Doch bald fanden wir im Gespräch
heraus, dass genau diese Leichtigkeit die notwendige Ergänzung ist,
und die Klientin nahm sich vor, zwei Freundinnen zu kontaktieren, von denen
sie wusste, dass beide keinerlei psychologische Komplexe wälzen würden,
sondern feiern und lachen wollten. Jedes Ding zu seiner Zeit! Der Tarot ergänzte
und korrigierte hier eine gute, aber etwas einseitige Horoskop-Sitzung.
Die Symbolsprache zweier Orakeltechniken
Das Wissen um die astrologische Symbolik im Tarot ist die Voraussetzung
für ein gutes Zusammenspiel der beiden Orakel-Techniken, auch sollte
man die Geschichte und Symbolik des Tarot etwas kennen. Diesen Zwecken dient
das hier vorgestellte Buch. Außerdem liefert es praktische Hinweise
und astrologische Legetechniken.
Sowohl Astrologie als auch Tarot arbeiten mit offenen Bildsymbolen. Beide
Künste erfordern Verantwortungsbewusstsein und Geschick des Beraters,
um die jeweiligen Gefahren und Chancen zu erkennen. Das große Plus
der Tarot-Methode ist jedoch ihre unmittelbare Verständlichkeit. Wenn
die Bildfantasie der Klientin oder des Klienten mit einbezogen wird, wie
ich es mit diesem Buch anregen möchte, dann können die Betroffenen
selbst bei der Deutung mitwirken. Das Ergebnis ist eine Demokratisierung
des Erkenntnisprozesses. Die Klienten sind dabei weniger dem Fachwissen
einer Autorität ausgeliefert. Unser Leistungsdruck als Astrologen,
stets die "richtige Deutung" vorformuliert bereitzuhalten, entspannt
sich, wenn wir die Tarot-Karten hinzuziehen. Die Sitzung wird durch ein
kreatives Element bereichert
und vertieft, denn Bilder sprechen unmittelbar die Seele an.
Auch Bilder aus Träumen können eine ähnliche positive Wirkung
entfalten. Wer einmal erlebt hat, wie sehr eine astrologische Sitzung an
Prägnanz und persönlicher Betroffenheit gewinnt, sobald die Klientin
einen Traum erzählt, der weiß, wie archetypische Bilder wirken.
Wenn keine Träume mitgebracht werden, dann haben wir welche zur Hand:
Der Tarot enthält nichts anderes als die archetypischen Wahrträume
der Menschheit. Die 78 Tarot-Karten fassen die Traummuster aller Menschen
zusammen. Schon bevor die Tarot-Arbeit beginnt, kennen wir diese 78 Szenen
bereits, denn wir träumen dauernd von diesen Urgestalten, wenn auch
manchmal in leicht veränderter Kostümierung. Die Tarot-Karten sind
direkt, schonungslos, märchenhaft und trostreich wie unsere Träume,
wie unser Innenleben.
Gemeinsamkeiten und Unterschiede
ASTROLOGIE |
TAROT |
| Mehrdeutige Symbole |
Mehrdeutige Symbole |
| Abgeleitet aus den Rhythmen der Natur bei der Geburt (Horoskop) |
Abgelesen aus 78 archetypischen Bildern (Tarot-Karten) |
| Einzelne Teile der Astrologie sind seit der Vorzeit bekannt |
Einzelne Bildmotive des Tarot sind seit der Vorzeit bekannt |
| Heutige Struktur seit dem letzten vorchristlichen Jahrtausend festgelegt |
Heutige Form hat sich seit der Rennaissance entwickelt |
| Übersetzung ("Deutung") der Symbole ist nötig |
Übersetzung ("Deutung") der Symbole ist
nötig |
| Dazu ist Fachwissen erforderlich |
Teilweise auch ohne Fachwissen möglich (spontane Bildbetrachtung) |
| Jedes Symbol ist völlig wertfrei. Es enthält jeweils 50%
Chancen und 50% Gefahren |
Es gibt auf den ersten Blick "gute", "schlechte" und neutrale
Karten. Jede enthält aber als Möglichkeit auch die andere Polarität |
| Abstrakteres, dafür differenzierteres System |
unmittelbar verständliche Bilder |
| Auch wissenschaftlicher Zugang möglich |
freies, kreatives System |
| Empirisches Material aus langer systematischer Deutungstradition
vorhanden |
Schriftliche Quellen zur Interpretation erst seit 100
Jahren |
| Astrologie ist ein Zeitsystem. Konstellationen können
exakt einem Zeitraum zugeordnet werden |
Zeitloses Bildsystem. Vergangenheit, Gegewart und Zukunft
müssen durch Frage- und Legetechniken unterschieden werden |
Beziehungen zwischen Planeten
und Karten
Welche Tarot-Karte entspricht nun welchem Planeten oder Tierkreiszeichen?
Jeder Astrologe und jeder Tarot-Spieler hat hier seine Zuordnung, aber leider
jeder eine andere! Ich habe bei der Erarbeitung des vorgestellten Buches
die einschlägigen Werke noch einmal durchgeschaut: Es gibt keine einzige
Tarot-Karte, der sämtliche Experten dasselbe Horoskopsymbol zuordnen. Deshalb habe ich den Weg gewählt, den astrologischen Symbolen immer
mehrere Bilder gegenüberzustellen, die jeweils eine andere Seite dieses
Symbols illustrieren.
Es gibt 22 so genannte Trumpfkarten, die großen Arkanen. Das verführte
die Astrologen zu folgender Überlegung: Zur Zeit gibt es zehn bekannte
Planeten und zwölf Tierkreiszeichen, das sind zusammen 22 Symbole, also
müsste jede Karte genau einem Planeten oder Zeichen entsprechen. Doch
es zeigte sich, dass die beiden Systeme nicht eins zu eins kompatibel sind.
Das ist nicht sehr verwunderlich, wenn wir bedenken, wie unterschiedlich
die Herkunft dieser zwei Orakelmethoden ist: Naturbewegungen begründen
die Symbole der Astrologie, von Menschen gemalte Bilder werden zu Symbolen
im Tarot.
Wer auf der Gleichsetzung jeweils einer Karte mit einem bestimmten Planeten
oder Zeichen bestehen wollte, müsste auch erklären, wie mit weiteren
zu entdeckenden Planeten umgegangen werden soll, denn man kann ja nicht einfach
Karten dazuerfinden. Der Systematiker müsste darüber hinaus erklären,
warum dieses System so bestechend sein soll, obwohl bei Erschaffung des Tarot
und in den ersten drei Jahrhunderten der Tarot-Geschichte nur sieben Planeten
bekannt waren, die Astrologie demnach zusammen mit den Tierkreiszeichen nur
19 Symbole kannte. So einfach ist also die Zuordnung nicht. Schade! Unser
ordnender Verstand hätte zu gerne eine verblüffend logische Eindeutigkeit
gehabt!
Der Eremit - mehr als Saturn
Gerade diese Unschärfe ist in der Praxis jedoch sehr nützlich.
Nehmen wir dazu nochmals das Beispiel aus dem ersten Kapitel. Saturn ist
im Tarot der Eremit. Aber eben nicht hundertprozentig. Typisch saturnisch
ist an dieser Gestalt zwar der gemessene Schritt, der Anklang an den Archetypus
des alten Weisen, saturnisch ist auch die schützende Kleidung und vieles
anderes. Aber vielleicht sehen wir eines Tages plötzlich, dass er ganz
allein seinen Weg geht, einsam wie ein Mystiker – dann haben wir den
neptunischen Unterton entdeckt, der in diesem Eremiten steckt. Oder uns fällt
das Licht mit der Flamme auf, vielleicht auch sein starker Stab – jetzt
sehen wir den feurigen Anteil. Wie fast alle Bilder ist auch der Eremit ein
mehrdeutiges Symbol, das verschiedene astrologische Funktionen gleichzeitig
in sich trägt, die sich zu einer Gesamtszene verbinden. Wenn unserer Klientin also die mystische Einsamkeit des Eremiten auffallen
sollte, dann hätte dies auch eine individuelle Bedeutung. Fast immer
kann in solchen Fällen im persönlichen Geburtshoroskop abgelesen
werden, dass sich der betreffende Archetypus mit einem anderen verbindet.
Hier liegt vielleicht ein Aspekt des Saturn zu Neptun vor oder eine Saturnstellung
im Bereich Fische oder 12. Haus. Bei dieser Betrachtung ist es unsere Absicht,
aus dem Eremiten nicht nur den allgemein menschlichen Saturn herauszulesen,
sondern die individuelle Färbung, die er in einem bestimmten Menschen
zu einem bestimmten Zeitpunkt angenommen hat. Die subjektive Wahrnehmung
der Klientin: "Der Eremit ist so schrecklich einsam!" hilft
uns außerdem, mit ihr zusammen konstruktive Sichtweisen zu erarbeiten.
Wir könnten ihr Fragen stellen, wie etwa die folgenden: "Was
ist konkret schrecklich an der Einsamkeit? Welche Stärken gewinnt
der Eremit dadurch? Könnten Sie sich ein befriedigendes Alleinsein
vorstellen?" usw.
Vieldeutige Beziehungen
Nicht nur die Symbole als solche sind mehrdeutig, nicht nur die Beziehung
zwischen Karten und Planeten sind vieldeutig: Vieldeutig ist vor allem
unsere Sichtweise der Welt. Es ist erstaunlich, wie verschiedene Menschen
ein und
dasselbe Tarot-Bild völlig unterschiedlich sehen und verstehen können.
Das ist ein entscheidender Punkt, denn wir wissen ja, dass aus unterschiedlicher
Sicht unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten entstehen. Und tatsächlich
haben wir Menschen die Wahlfreiheit, das vorgegebene Symbol auf unterschiedlichen
Wegen ins Leben zu übertragen. Wir können aus unserem Saturn Leid
oder Lust machen, Misserfolg oder Erfolg. Astrologie und Tarot sind zwei
unterschiedliche Methoden, die aber beide dasselbe wollen, nämlich dass
wir umdenken. Dass wir immer wieder scheinbar Negatives umdeuten, uminterpretieren,
drehen und wenden, bis es sein Gesicht verändert. Etwas tritt zuerst
als Problem auf, doch nach und nach wird daraus ein Anlass für Erkenntnis,
für Befreiung, für eine eigenverantwortliche Antwort auf das
so genannte Schicksal.
Ich verstehe Astrologie und Tarot nicht in erster Linie als Methoden zur
Beschreibung von Ist-Zuständen, sondern eher als Werkzeug der Verwandlung.
Sie können uns helfen, im Leid eine Bedeutung zu erkennen, im Problem
eine Herausforderung, im Glück eine Botschaft. Wenn wir eine Methode
besäßen, die eindeutige Wahrheiten enthielte, welche Licht und
Schatten logisch sauber trennte, dann wäre diese Methode wertlos auf
dem Weg der Selbsterkenntnis und Selbstbefreiung.
In den Praxiskapiteln werden wir aus dieser fehlenden Eindeutigkeit beider
Symbolsysteme noch einigen Nutzen schlagen können. Voraussetzung dazu
ist allerdings, dass wir uns nicht als allwissende Tarot-Experten aufspielen,
sondern die Betroffenen nach ihren Eindrücken befragen und sie in die
Interpretation mit einbeziehen.
In den Kapiteln 4 und 5 werden die Tarot-Karten vorgestellt. Das darauf
folgende Kapitel "Die Planeten und ihre Karten" zeigt bei jedem
Planeten eine Hauptkarte, die – nach meiner persönlichen Erfahrung – das
Planetenprinzip am deutlichsten ausdrückt, aber auch mehrere Nebenkarten,
die einzelne Teilaspekte desselben Planeten illustrieren.
Wer dennoch für sich ein System eindeutiger Zuordnung entwickeln möchte,
orientiere sich an den Vorschlägen in der Literatur. Es gibt dabei
allerdings extrem unterschiedliche Vorschläge, wobei einige vom Standpunkt
der heutigen psychologischen Astrologie aus nur schwer nachvollziehbar
sind.
Hajo Banzhaf [1] hat in einer übersichtlichen Tabelle die Zuordnungen
der wichtigsten Experten zusammengestellt.
Männliche und weibliche Symbole
Hier noch eine Anmerkung zur Verteilung der männlichen und weiblichen
Symbole. Grundsätzlich bedeutet eine männliche Figur in beiden
Systemen primär einen männlichen Seelenanteil in uns, gleichgültig,
ob wir selber Mann oder Frau sind. Dasselbe gilt für weibliche Gestalten
oder Planetengötter. Erst in zweiter Linie kann eine weibliche Figur – sozusagen
in der Projektion – auch darauf hinweisen, dass sich die Fragesteller
mit einer weiblichen Person in ihrem Umkreis auseinander setzen sollten. Mann und Frau stecken also in jedem von uns. Dennoch denken wir natürlich
angesichts eines Kriegers oder Königs zuerst automatisch eher an einen
Mann als an eine Frau. Berater sollten deshalb immer auf die ergänzende
Sichtweise hinweisen (das Männliche in der Psyche einer Frau usw.).
Der Tarot ist eines der seltenen abendländischen Systeme ohne den üblichen
patriarchalen Männerüberhang. Zum Vergleich: Selbst in einem
so vollkommenen System wie der Astrologie gibt es mehr männliche als weibliche
Planetenfiguren. So ist etwa Poseidon-Neptun ein männlicher Gott, obwohl
der astrologische Neptun mit Sicherheit ein weibliches Prinzip repräsentiert.
Die 22 Karten des Tarot enthalten jedoch etwa gleich viele männliche
wie weibliche Archetypen. Die vielen starken und mächtigen Frauenfiguren
auf den Karten waren auch ein Hauptgrund dafür, weshalb sich der Tarot
immer wieder im Untergrund verstecken musste, denn die Herren Priester, Zensoren,
Wissenschaftler und Geheimdienstler hatten stets den Verdacht, dass die Tarot-Spieler
die traditionellen Autoritäten in Frage stellen könnten. Der Verdacht
war übrigens oftmals berechtigt.
Ein anderer Grund zur Skepsis der Mächtigen war die Tatsache, dass auch
einfache Leute den Tarot verstehen konnten, denn er bestand ja aus Bildern
und nicht aus schriftlichen Informationen und erforderte keine komplizierten
Berechnungen. Erinnern wir uns, dass die allgemeine Volksschule in Europa
noch nicht einmal seit 200 Jahren wirklich funktioniert. Vorher waren Schrift
und Bildung einer kleinen, meist männlichen Elite vorbehalten. Bildung
hat öfter die Folge, dass die Leute dazu tendieren, frech und frei zu
werden. Dabei erweist sich die Bildung über Bilder als besonders machtvoll,
denn sie erfasst den Menschen ganzheitlich.
Auf dem Hintergrund dieser demokratischen und frauenfreundlichen Tradition
des Tarot ist es allerdings zu bedauern, dass im 20. Jahrhundert die beiden
berühmtesten Tarot-Decks nicht nach ihren Malerinnen benannt wurden,
sondern nach jenen Herren, die Idee und Auftrag vergeben haben. Rider und
Waite haben keinen Strich an "ihren" Karten gemacht, sondern
Pamela Colman Smith hat sie gemalt. Und wie viele Ideen oder Anregungen Meister
Crowley auch gegeben haben mag, Schöpferin des "Crowley-Tarot" ist
die Malerin Frieda Harris. Ein Vergleich kann uns bewusst machen, welche
Ungerechtigkeit das gegenüber den Urheberinnen darstellt: Wir müssten
dann nämlich Vincent van Goghs berühmtes Sonnenblumen-Gemälde
künftig als "Sonnenblumen von Claude" bezeichnen, falls
sich etwa herausstellen sollte, dass Herr Claude, der Nachbar, gesagt hat:
"Ach, Monsieur Vincent, malen Sie mir doch mal ein paar schöne
fette Sonnenblumen!"
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[1Hajo Banzhaf, Tarot,
Kreuzlingen/München 2002, S. 80 f..
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Entnommen aus:
Ernst Ott:
Astrologie mit Tarot.
Chiron Verlag, Tübingen, 2005.
Sie können dieses Buch bestellen unter
www.astronova.com
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