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Der Antikythera-Mechanismus
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| 23. Juni 2006, Neue
Zürcher Zeitung |
Die Computertechnologie der alten Griechen
gsz. Vor 60 Jahren wurde in den USA der Eniac, der erste digitale
elektronische Computer der Welt, in Betrieb genommen. Da fällt
es einem schwer zu glauben, dass schon die alten Griechen hochkomplexe
Rechenmaschinen herstellten. Und doch scheint es damals - vor über
2000 Jahren - mechanische Apparate gegeben zu haben, mit denen Astronomen
und Astrologen in der Lage waren, die schwierigen Berechnungen zur
Bestimmung der Bewegungen der Himmelskörper zu vollbringen.
Archimedes soll einen solchen Apparat im 3. Jh. v. Chr. gebaut
haben, von dem aber keine Überreste erhalten geblieben sind.
Im 1. Jh. n. Chr. erwähnte Cicero einen Freund
namens Poseidonius, der mit einem Gerät die relativen Positionen
von Sonne, Mond und den fünf damals bekannten Planeten berechnen
konnte. Kürzlich konnte durch einen im Mittelmeer gefundenen
Gegenstand bestätigt werden, dass ein solcher Mechanismus tatsächlich
existiert hat.
Hilfe von Ausserirdischen?
Das rätselhafte Gerät war 1901 von einem griechischen
Schwammtaucher vor der Insel Antikythera auf einem im Jahre 80 v.
Chr. gesunkenen Schiff gefunden worden. Es handelte sich um einige
unscheinbare, überkrustete Teile, die in den 1970er Jahren das
Interesse des Wissenschaftshistorikers Derek de Solla Price von der
amerikanischen Universität Yale hervorriefen. Der Fund bestand
aus den Überresten einer 32×16×10 Zentimeter grossen
Holzschachtel, auf der ein Teil einer runden Skala, eines Zifferblattes,
ausgemacht werden konnte. Solla Price untersuchte den Fund mit Gammastrahlen,
die die Kalkverkrustung durchdringen konnten und etwa 30 ursprünglich
aus Bronze gefertigte Zahnräder sichtbar machten.
Beim Abzählen und Schätzen der nicht mehr vollständig
erhaltenen Zähne stellte sich heraus, dass die Räder in
einem Verhältnis von 254 zu 19 ineinander gegriffen haben müssen,
was mit einem Fehler von nur etwa 0,015 Prozent dem Verhältnis
der Geschwindigkeiten von Sonne und Mond entspricht. Dies führte
zu der Vermutung, dass es sich bei dem rätselhaften Gerät
um einen astronomischen Computer gehandelt habe könnte, dessen
Zeiger - die nicht gefunden wurden - auf der Skala die Position der
Himmelskörper anzeigten. Die Erklärung erregte solches
Aufsehen, dass einige Zeitgenossen allen Ernstes behaupteten, es
handle sich bei dem Fund entweder um einen Scherz oder das Gerät
sei von ausserirdischen Wesen zur Erde gebracht worden.
Im Herbst 2005 unterzogen Wissenschafter der Universitäten
Athen, Thessaloniki und Cardiff (England) sowie das amerikanische
Unternehmen Hewlett-Packard und die englische Firma X-Tek die Funde
einer erneuten Prüfung. Das antike Gerät wurde mit den
allerneuesten Apparaten untersucht. Da die antiken Funde wegen ihrer
Brüchigkeit nicht transportiert werden durften, kamen die Experten
mit hochmodernen, tonnenschweren Röntgengeräten, Computertomographen
und Scannern nach Athen. Ende Mai präsentierten die Astronomen,
Physiker, Mathematiker, Chemiker, Archäologen und Philologen
die Resultate ihrer Auswertungen. Etwa 1000 zusätzliche Schriftzeichen
konnten auf der Oberfläche der verkrusteten Holzschachtel ausgemacht
werden und verliehen der Hypothese, dass es sich bei dem Fundstück
um ein astronomisches Gerät gehandelt habe, weiteres Gewicht.
Laut den jüngsten Erkenntnissen soll es nicht nur die Bewegungen
von Sonne und Mond, sondern möglicherw eise auch von Merkur,
Venus, Mars, Jupiter und Saturn simuliert haben. Die Apparatur, die
ursprünglich etwa siebzig Zahnräder umfasst haben muss
- über die Hälfte sind verloren -, wurde wahrscheinlich
mit einer Kurbel von Hand angetrieben.
Tagung in Athen
Obwohl man weiss, dass die Griechen Werkzeuge besassen, die zur
Fabrikation von Zahnrädern geeignet gewesen wären - sie
hatten Feilen, mit denen sie Sägen herstellten -, war bisher
nicht bekannt, dass sie technisch derart fortgeschrittene Mechanismen
auch tatsächlich realisiert hatten. Geräte von ähnlicher
Komplexität sind erst aus der arabischen Welt etwa tausend Jahre
später bekannt. Für kommenden Herbst (2006) plant das «Antikythera
Mechanism Research Project»* eine wissenschaftliche Tagung
in Athen.
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| © NZZ Neue Zürcher Zeitung, 23.06.2006 |
Update: Prunkstück der Technikgeschichte |
| Artikel vom 6.12.2006, NZZ Neue
Zürcher Zeitung |
Was der Mechanismus von Antikythera über die feinmechanischen
Fähigkeiten der Griechen verrät
Ein antiker Mechanismus zur Berechnung astronomischer Phänomene
wirft ein neues Licht auf die technischen Fähigkeiten der Griechen.
Wie eine neue Untersuchung zeigt, ist das mechanische Räderwerk
weitaus raffinierter, als bisher angenommen wurde.
Spe. Die Astronomie erreichte im antiken Griechenland einen vorläufigen
Höhepunkt. Schon die Babylonier besassen ein erstaunliches astronomisches
Wissen. Aber erst die Griechen machten den Schritt, die überlieferten
Beobachtungen durch geometrische Modelle zu deuten. So nahmen sie
an, die Sonne, der Mond und die Planeten kreisten auf konzentrischen
Kugelschalen um die im Zentrum sitzende Erde. Dieses geozentrische
Weltbild hatte immerhin bis Mitte des 16. Jahrhunderts Bestand. Dass
die Griechen nicht nur durch ihre astronomischen Erkenntnisse Massstäbe
setzten, sondern auch über ein bisher nicht für möglich
gehaltenes technisches Know-how verfügten, belegt eine neue
Entschlüsselung des antiken Mechanismus von Antikythera, die
vergangene Woche an einer Konferenz in Athen vorgestellt und gleichzeitig
in der Fachzeitschrift «Nature» publiziert wurde.1
Ein verkannter Fund
Beim Mechanismus von Antikythera handelt es sich um ein mechanisches
Räderwerk, das bereits 1901 vor der griechischen Insel Antikythera
aus einem 2000 Jahre alten Schiffswrack geborgen worden war. Die
Bedeutung des archäologischen Fundes blieb zunächst unerkannt,
da der etwa schuhschachtelgrosse Mechanismus nur noch bruchstückhaft
erhalten und zudem stark korrodiert war. Erst Ende der 1950er Jahre
begann man damit, die Bruchstücke genauer zu analysieren. Von
dem Wissenschaftshistoriker Derek De Solla Price wurde dann in den
1970er Jahren die Hypothese aufgestellt, der Mechanismus von Antikythera
habe dazu gedient, die Bewegung des Mondes und der Sonne um die Erde
zu berechnen und darzustellen. Seine Rekonstruktion des Mechanismus
blieb allerdings umstritten. Die neue Untersuchung durch ein internationales
Forscherteam unter der Leitung von Mike Edmunds und Tony Freeth von
der Cardiff University in Wales bestätigt nun die Grundthese
des Wissenschaftshistorikers. Sie zeigt aber auch, dass das aus mindestens
30 Zahnrädern bestehende Rechenwerk noch viel raffinierter und
ausgeklügelter war, als Price es vermutet hatte. Wie die Wissenschafter
in ihrer Publikation schreiben, dauerte es mehr als tausend Jahre,
bis wieder ein ähnlich komplexer Mechanismus gebaut wurde.
Um dem antiken Rechenwerk seine (verwitterten) Geheimnisse zu entlocken,
fuhren die Forscher schweres Geschütz auf. So schafften sie
einen mehrere Tonnen schweren hochauflösenden Computertomographen
ins Archäologische Nationalmuseum in Athen, um einen Blick unter
die Oberfläche der 82 Fragmente zu werfen und ausserdem die
zahlreichen Inschriften zu entziffern, die sowohl auf den Fragmenten
als auch auf dem Holzgehäuse zu finden sind, in dem der Mechanismus
einst aufgehoben wurde. Im Vergleich zu früheren Untersuchungen
gelang es den Forschern, rund doppelt so viele Schriftzeichen lesbar
zu machen. Das erlaubte es ihnen, den Bau des Rechenwerks auf 150-100
v. Chr. zu datieren, etwas früher, als bis dahin angenommen
worden war. Ausserdem lieferte der Text zusammen mit den detaillierten
Schichtbildern der Fragmente neue Erkenntnisse über die Funktionsweise
des Rechenwerks.
Unterschätzte Komplexität
So war man bisher davon ausgegangen, dass eine Untereinheit des
Rechenwerks die 235 Monate des sogenannten metonischen Zyklus zählt.
Diesem Zyklus liegt die Erkenntnis zugrunde, dass nach 235 Mondmonaten
ziemlich genau 19 Jahre vergangen sind. Die Diskrepanz beträgt
rund 2 Stunden, so dass sich erst nach 219 Jahren ein Fehler von
einem Tag ergibt. Wie die Forscher jedoch feststellten, registriert
die Untereinheit sogar den genaueren kallippischen Zyklus, der sich über
eine Dauer von 76 Jahren erstreckt. Mit diesem Zyklus ergibt sich
erst nach 553 Jahren eine Diskrepanz von einem Tag. Die Forscher
konnten noch eine weitere Untereinheit aus Zahnrädern und Zeigern
identifizieren, die den sogenannten Saros-Zyklus darstellt. Dieser
wurde in der Antike benutzt, um Sonnen- und Mondfinsternisse vorherzusagen.
Die aufregendste Erkenntnis betrifft allerdings einen dritten Mechanismus,
der die Bewegung des Mondes nachstellt. Der bedeutende griechische
Astronom Hipparchos von Nikaia hatte bereits im zweiten Jahrhundert
vor Christus erkannt, dass die Bewegung des Mondes am Himmel kleine
Unregelmässigkeiten aufweist, die auf seine elliptische Umlaufbahn
zurückzuführen sind. Durch eine clevere Anordnung von zwei
durch einen Stift verbundenen Zahnrädern trug der Mechanismus
von Antikythera dieser Anomalie Rechnung. Das lässt die Forscher
vermuten, Hipparchos könnte am Entwurf des antiken Rechenwerks
beteiligt gewesen sein.
1 Nature 444, 551-552; 587-591 (2006).
Quelle: NZZ 6. Dez. 2004, Forschung und Technik S. 67 |
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