Uranus – Angst vor Freiheitsbeschränkung
und Individuation
… und plötzlich ist sie da. Das Herz klopft
bis zum Hals, die Hände sind feucht, das Atmen fällt immer
schwerer, die Knie zittern, und man hat das Gefühl, dass alles irgendwie
ver-rückt ist. Die körperlichen Symptome können so stark
sein, dass die Betroffenen Todesangst verspüren. So oder so ähnlich
hört es sich an, wenn eine Panikattacke geschildert wird. Die Betroffenen
verspüren urplötzlich Angst und befürchten eine schwere
körperliche Krankheit oder durchzudrehen. Die ersten Panikattacken
treten meist ohne erkennbaren Anlass auf – wie ein Blitz aus heiterem
Himmel. Wenn möglich, flüchten die Betroffenen sofort aus der
Angst auslösenden Situation, und die Panikattacke lässt nach.
Der Wunsch, nie mehr in eine solche Lage zu kommen, ist dann so mächtig,
dass zukünftig solche oder ähnliche Situationen vermieden werden.
Der Teufelskreis der Vermeidung aus Angst vor der Angst setzt ein.
Uranus symbolisiert in der Astrologie eine Kraft, die sich als plötzlicher
Wechsel der Lebensstruktur und als schnelles Hervorbrechen von unerwarteter
Energie manifestiert. Durch ihn ist es möglich, dass starke, ungewöhnlich
schnelle Kräfte in das Bewusstsein strömen. Sein Einfluss macht
einen Menschen nicht unbedingt stabil, da Uranus aufgrund von plötzlichen,
unkontrollierbaren Impulsen handelt. Diese Kraft steht für überraschende
Erkenntnisse und Einsichten, sie kann aber ebenso in falschen Ahnungen
und wirren Eindrücken auftreten. Horoskopfaktoren im Aspekt zu Uranus
sind meist stark angeregt, erregt, «elektrisiert» und beschleunigt.
Er ist der Planet der sprunghaften Veränderungen, und seine Wege können
in unbekannte Dimensionen führen. Was heute noch tragfähig zu
sein scheint, was uns befriedigt und Geborgenheit gibt, könnte morgen
schon nicht mehr gelten. Die Energie dieses Planeten ist auf Veränderung
ausgerichtet. Durch einen starken Uranus-Einfluss im Horoskop oder durch
Auslösungen des transitierenden Uranus haben betroffene Menschen das
Gefühl, dauernd unter Spannung zu stehen. Durch die ständige
innere Unruhe fällt es sehr schwer, sich zu entspannen. Ein länger
andauerndes erhöhtes Anspannungsniveau kann schon in ganz gewöhnlichen
Stress-Situationen Angstanfälle und Panikattacken auslösen.
Uranus - Individualität leben
Uranus verlangt von uns, dass wir unsere Individualität leben.
In Zeiten von Stagnation und übertriebenem Sicherheitsdenken kann
er auf sehr rüde Art und Weise auf dieses Verhalten hinweisen. Es
entsteht ein Konflikt zwischen dem Bedürfnis nach absoluter Freiheit
und den konkreten Lebensbedingungen. Je mehr wir uns an traditionelle
Lebensmuster klammern und uns in emotionale Abhängigkeiten begeben,
umso mehr wird Uranus uns aufrütteln. Uranische Energie ist mit
viel Angst besetzt, denn sie bringt unser Verlangen nach Sicherheit ins
Schwanken. Das Leben jedoch konfrontiert uns ständig mit Gegensätzen:
Selbstbehauptung und Abhängigkeit, Individuation und Beziehung,
Selbstbestimmung und Fremdbestimmung. In unserer heutigen Gesellschaft
nimmt die menschliche Autonomie einen immer größeren Stellenwert
ein. Autonomie und Freiheit stehen in einer Wechselbeziehung. Freiheit
beinhaltet die Möglichkeit der Selbstbestimmung, der freien Entscheidung
und der Wahl. Der freie Mensch möchte selbstbestimmt und nach eigenen
Fähigkeiten handeln. Die eigentliche Angst steckt hier in der Angst
vor der Freiheitsbeschränkung. Dies kann sich dann leicht in einer
Platzangst (Agoraphobie), Angst vor geschlossenen Räumen, Fahrstühlen
etc. auswirken. Der innere Konflikt wird auf äußere Objekte
verschoben.
Uranus ist ein unpersönlicher Planet. Seine kosmische Kraft ist
darauf gerichtet, den einzelnen Menschen zur größtmöglichen
Unabhängigkeit und Autarkie zu befähigen. Er löst symbiotisches
Verhalten auf. Die menschlichen Bedürfnisse nach emotionaler Bindung
und Geborgenheit innerhalb einer Familie oder Gemeinschaft entsprechen
nicht diesem astrologischen Prinzip. Eine starke Uranus-Stellung oder
der Transit zu wichtigen Horoskopfaktoren geht mit dem großen Bedürfnis
einher, auf niemanden angewiesen zu sein, niemanden zu brauchen oder
niemandem gegenüber verpflichtet zu sein. Deshalb besteht hier die
Tendenz, sich von anderen zu distanzieren. Uranus bedeutet Angst vor
Nähe, Angst vor emotionalen Verstrickungen und Angst um die Entwicklung
der eigenen Autonomie. Dabei geht es um das Thema des Selbstverlusts:
die Angst, sich selbst zu verlieren und das eigene Leben aufzugeben.
Angst vor Nähe
In ihrer Umwelt hinterlassen Menschen unter starkem Uranus-Einfluss
den Eindruck von Kälte und Unpersönlichkeit. Der gefühlsmäßige
Umgang mit anderen Menschen und das Wahrnehmen ihrer emotionalen Bedürfnisse,
wie Zuneigung und Zärtlichkeit, löst zum Beispiel Unbehagen
und Verunsicherung aus. Die zwischenmenschlichen Kontakte finden meist
auf einer lockeren, unverbindlichen Ebene statt. Sich anderen zu öffnen,
fällt außerordentlich schwer. Daher ist es kaum möglich, über
die eigenen Ängste und Befürchtungen zu sprechen, denn dies
setzt ja eine bestimmte Vertrauensbasis voraus. Aus Angst vor tiefen
Gefühlen und vertrauter Nähe zu anderen ziehen sich diese Menschen
immer mehr zurück, bis sie sich letztendlich isolieren und einsam
werden.
Jede Zuneigung und Liebe kann uns gefährlich werden, weil sie uns
verwundbar macht. Liebesgefühle machen uns verletzlicher und empfindlicher,
weil wir etwas von uns selbst aufgeben müssen und uns an andere
Menschen ausliefern. Die Angst vor der Hingabe ist mit der Angst vor
einem möglichen Selbstverlust verbunden.
Uranusbetonte Menschen werden in der gängigen astrologischen Literatur
gern mit Eigenbrötlern, Sonderlingen oder Außenseitern in
Verbindung gebracht. Die Andersartigkeit, die Uranus repräsentiert,
geht oft einher mit einem Gefühl der Entwurzelung und dem Verlust
des Zugehörigkeitsgefühls. Durch diese Distanz zu anderen Menschen
bis hin zur Vereinsamung kann man schnell zum schwarzen Schaf oder zum
Sündenbock einer Gemeinschaft werden. Aber Einsamkeit und Isolierung
von anderen wirken Angst verstärkend. Oft ver-rücken diese
Menschen dann die realen Maßstäbe und flüchten in eine
irreale Welt, und die innere Angst wird auf äußere Objekte
projiziert. Das Gefühl, anders als die anderen zu sein, bewirkt
ein Gefühl der Ungeborgenheit in der Welt.
Mond / Uranus
In auffallend vielen Horoskopen von Menschen mit starken Ängsten
oder Angststörungen finden sich Uranus/Mond-Aspekte, oder Uranus
steht im 4. Haus.
Ein Kind braucht eine geborgene Atmosphäre, in der seine Bedürfnisse
erfüllt werden. Neben seinen körperlichen Bedürfnissen
benötigt es emotionale Wärme und Stabilität. Durch Unruhe
oder Spannungen in der Kindheit kann bei ihm der Eindruck entstanden
sein, dass nichts im Leben Bestand hat und dass es jederzeit plötzlich
aus seiner emotionalen Geborgenheit gerissen werden kann. Das Kind zieht
sich ängstlich zurück, findet keinen Halt und kann nur schwer
eine Sicherheit in sich selbst entwickeln. Auch Vertrauen zu anderen
Menschen aufzubauen, fällt diesem Kind und später dem Erwachsenen
schwer. Schwierig kann es auch werden, wenn das Geborgenheitsbedürfnis
des Kindes durch technische Erfindungen befriedigt wird. Es können
sich dann dem Alter des Kindes unangemessene Ängste entwickeln.
Liz Greene beschreibt die schreckliche Angst, die Uranus verursachen
kann. Sie stellt Mond/Uranus-Ängste als erlebte Angst dar, die bereits
in frühester Kindheit erfahren wurde. Diese frühkindlichen
bzw. sogar vorgeburtlichen Erfahrungen in Bezug auf Änderungen des
Stabilitätsgefüges können sich auf zukünftige, ängstliche
Erwartungen auswirken. Tatsächlich sind dies verdrängte, instinktive
Erlebnisse aus der Vergangenheit. Dabei muss es sich nicht unbedingt
um die gern mit Uranus in Verbindung gebrachten Erlebnisse wie Scheidung
der Eltern, Verlust eines Elternteils oder Heimat handeln. Das Grundgefühl
kann allein durch die zuvor erwähnte angespannte Atmosphäre,
Gefühle der Unsicherheit, die Erwartung irgendeiner Katastrophe
ausgelöst werden. Der Mond, der unsere Lebenserfahrungen aufnimmt,
speichert körperliche und emotionale Erinnerungen. Bestimmte Situationen
oder vermeintliche Bedrohungen der Sicherheit können diese Erinnerungen
auslösen und uns in Furcht und Schrecken versetzen. Diese Gefühle,
die stets auf eine bevorstehende Katastrophe ausgerichtet sind, sind
stark auf vergleichbare äußere oder innere Situationen sensibilisiert
und können bis ins Erwachsenenalter anhalten und chronische Ängstlichkeit
mit verursachen.
Situationen, die andere Menschen gar nicht beunruhigend finden, können
in diesem Menschen Angst hervorrufen, besonders dann, wenn aus heiterem
Himmel etwas geschieht, was ihr Gefühl der Verwurzelung zerstört.
Uranus/Mond-Verbindungen geben immer einen Hinweis auf die Unsicherheit
des Gefühls, «im Leben geborgen» zu sein. Sie zeigen
eine geringe Toleranz gegenüber Ängsten und können zwiespältige
Emotionen nur schwer ertragen.
Uranus im Transit kann alte, unverarbeitete Ängste aus früherer
Zeit aktivieren. Diese mit professioneller Hilfe aufzuarbeiten, ist wichtig.
Zu erkennen, dass es sich bei den aktuellen Ängsten um ein Wiederaufleben
von Kindheitsängsten handelt, hilft, als Erwachsener diesen Gefühlen
weniger ausgeliefert zu sein.
Fortschritt, Technik, Individuation - und wo
bleibt die Geborgenheit?
Uranus ist auf die Zukunft ausgerichtet. Er sieht neue Möglichkeiten,
möchte Unbekanntes kennen lernen und bejaht alles Neue. Vor allem
braucht er das Gefühl der Freiheit. Uranusbetonte Menschen haben
Angst vor Ordnungen und Gesetzmäßigkeiten, denn dadurch werden
sie festgelegt und können nicht ausweichen. Sie möchten die
Mauern der Begrenzungen des Lebens, des Alltags und der Realität
sprengen und übersehen leicht, dass wir von ihnen in einem gewissen
Maß abhängig sind. Indem man sich der Realität entzieht,
besteht die Gefahr, eine Scheinwelt und eine Scheinfreiheit aufzubauen,
mit der Konsequenz, im realen Leben nicht mehr zurechtzukommen.
Uranus steht auch in einem engen Zusammenhang zur Technik und Wissenschaft
und damit für unsere heutige moderne Welt. Wir können heute
mit Menschen auf der ganzen Welt in Kontakt treten, uns mit ihnen austauschen, über
Probleme reden und Beziehungen aufbauen. Zugleich sind wir einsam wie
nie zuvor. Der Geldautomat und das Online-Banking ersetzen das Gespräch
mit den Bankangestellten. Wir können im Internet einkaufen, ohne
mit anderen Menschen persönlich in Kontakt zu kommen. Bei Kindern
und Jugendlichen werden soziale und körperliche Aktivitäten
zunehmend durch isolierte Computertätigkeiten ersetzt. Die Arbeitskraft
vieler Menschen wird überflüssig, weil technische Errungenschaften
effizienter sind. Das heutige Leben in der westlichen Zivilisation, trotz
oder wegen des technischen Fortschritts, gibt uns immer weniger Geborgenheit.
Der zwischenmenschliche Austausch reduziert zunehmend. Der rationalisierte
Mensch zieht den Umgang mit Maschinen dem sozialen Zusammensein vor,
weil menschliche Beziehungen als zu unkontrollierbar, vieldeutig, komplex
und zwiespältig erscheinen.
Wir sind einer Flut von Reizen ausgesetzt, gegen die wir uns nur schwer
abschirmen können. Allein unser Wissen, dass wir Menschen aufgrund
des modernen, hoch gepriesenen technischen Fortschritts nun in der Lage
sind, uns selbst zu vernichten, lässt in uns das Gefühl der
existenziellen Bedrohung entstehen. Die Beherrschung der Natur, teilweise
unkontrolliert, und die daraus resultierenden Lebensbedingungen lassen
unsere emotionale Seite immer mehr verkümmern.
Die meisten Menschen haben mehr oder weniger Angst vor der Individuation.
Sich selbst werden, den eigenen Weg gehen ist immer mit Einsamkeit
verbunden, da wir uns von Geborgenheit gebenden Gemeinsamkeiten entfernen.
Mit Uranus
ist aber gleichzeitig eine große Freiheit verbunden. Wir haben
plötzlich mehr Möglichkeiten unser Leben zu gestalten.
Die Herausforderung der Uranus-Transite
Uranus ist der Planet der unerwarteten Veränderungen und plötzlichen
Umbrüche. Seine Transite zu bestimmten Horoskopfaktoren können
die Fundamente unseres Lebens und unserer Persönlichkeit erschüttern.
Gewohnte Strukturen, die aber unser Wachstum hemmen, sollen aufgelöst
werden, um neuen Entwicklungen Raum zu geben. Vielen, abhängig von
den einzelnen Konstellationen im Horoskop – zum Beispiel mit starker
Erdbetonung –, fällt es schwer, diese uranische Erneuerungskraft
anzunehmen. Sie erfordert Risikobereitschaft und den Mut, ausgetretene
Pfade zu verlassen und sich gegen althergebrachte Normen zu stellen.
Je mehr wir uns aus Furcht und Angst uranischen Erfordernissen verweigern,
umso größer wird die innere Unruhe. Der unterdrückte
Drang nach Erneuerung kann sich in vielfältigen körperlichen
und seelischen Störungen zeigen.
Howard Sasportas verweist auf einen von ihm gehörten Vortrag von
Beata Bishop, in dem Zusammenhänge zwischen nicht gelebten und
unterdrückten
Anteilen im Horoskop und den daraus resultierenden möglichen Panikattacken
durch einen Uranus-Transit aufgezeigt werden. Eine Frau mit ausgeprägter
Feuerbetonung im Horoskop (Sonne im Löwen, Mond im Widder, MC
im Schützen) lebte nur die introvertierte, hingebungsvolle Seite
ihres Fische-Aszendenten, indem sie ihre eigenen Interessen und Bedürfnisse
zugunsten ihrer Familie vernachlässigte. Der Transit von Uranus über
ihren MC löste schreckliche Panikattacken und Angstzustände
aus. Diese Symptome wiesen rüde auf ihr inneres Ungleichgewicht
hin und beinhalteten die Aufforderung, die bisher nicht gelebten Persönlichkeitsanteile
zu erkennen und zu integrieren. «Ihr inneres Selbst musste zu
dieser List greifen, um ihr zu zeigen, dass sie in Bezug auf ihre Lebenshaltung
etwas unternehmen müsste. Zweifellos war ihr Unbehagen groß.
Das war jedoch notwendig, um einen Selbstheilungsprozess einzuleiten.»
Selbständigkeit und Authentizität
Je mehr wir uns gegen Uranus wehren, umso schmerzlicher gestalten sich
seine Eingriffe, und die nun vorhandene Dynamik wendet sich gegen
uns selbst. Viele körperliche und vor allem psychische Krankheiten sind
ein Hilferuf der Seele. Sie fordern uns auf, bestehende Ordnungen, die
nicht zu unserer Persönlichkeit und unserem heutigen Leben gehören,
zu ändern. Dies ist immer ein schmerzhafter Prozess, aber am Ende
können wir selbstständiger und authentischer sein. Der transitierende Uranus bringt unsere unterdrückten uranischen
Anteile zum Vorschein und weist uns auf eine zu große Angepasstheit,
zu viele Abhängigkeiten, resignierte Passivität oder unbewusst übernommene
Einstellungen hin. Uranus ermöglicht uns, alles und besonders uns
selbst aus der Distanz zu betrachten. Dadurch haben wir einen anderen
Blickwinkel, der zu plötzlichen Erkenntnissen führen kann.
Entnommen aus:
Christa Gallery:
Angst im Horoskop
erkennen und
verstehen.
Chiron Verlag, Tübingen, 2006.
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