Apollon, April 1999
Liz Greene hat das Talent, über die kompliziertesten und dunkelsten
Lebensbereiche mit einer prickelnden, beißenden Klarheit zu schreiben. Sie
verfügt über die mitfühlende Einsicht, dass es immer zwei Seiten einer
Geschichte gibt. In diesem Artikel geht sie einem der verzwicktesten
menschlichen Muster nach - Beziehungen, die drei Seiten haben.
Dreiecksbeziehungen stellen eine archetypische Dimension menschlichen
Lebens dar. Wir können ihnen nicht entkommen, sie begegnen uns in der einen
oder anderen Form immer wieder. Und wenn sie in unser Leben treten, gehen wir
meistens ziemlich schlecht mit ihnen um. Das ist verständlich, denn
Dreiecksverhältnisse lösen in der Regel sehr schmerzhafte Gefühle aus, egal an
welchem Punkt des Dreiecks wir uns selbst befinden. Vielleicht müssen wir mit
Eifersucht, Demütigung oder Verrat fertig werden. Oder wir müssen mit dem
Gefühl leben, jemanden verraten oder verletzt zu haben und unehrlich zu sein.
Möglicherweise fühlen wir all das auf einmal, kombiniert mit der Überzeugung
versagt zu haben. Die Gefühle, die uns in einer Dreiecksbeziehung überkommen
können, sind häufig qualvoll und entziehen uns den Selbstwert. Weil Dreiecksverhältnisse
uns mit sehr schwierigen Emotionen konfrontieren, versuchen wir meist, jemanden
dafür verantwortlich zu machen. Wir beschuldigen entweder uns selbst oder einen
der anderen beiden Beteiligten. Doch Dreiecksbeziehungen sind archetypisch - und
wenn wir uns über ihre Vielseitigkeit wundern, brauchen wir nur die
Literatur der vergangenen dreitausend Jahre zu lesen. Alles Archetypische
schenkt uns einen großen Schatz an nützlichen Erfahrungen, Weisheit und innerem
Wachstum. Die Erfahrung einer Dreiecksbeziehung kann eines unserer wirksamsten
Werkzeuge für Verwandlung und Entwicklung sein, auch wenn sie meist sehr
schmerzhaft ist. Verrat, ob als Verräter oder Verratene, aktiviert etwas sehr
Wertvolles in uns, doch wir müssen es bewusst werden lassen.
Nichts tritt in
unser Leben, das nicht auf irgendeine Art mit unserer individuellen Lebensreise
zu tun hat. Dabei geht es nicht um Schuld oder Kausalität, sondern um einen
tieferen Sinn, der diejenigen verwandeln kann, die bereit sind, diesen Sinn zu
suchen. Wenn wir in eine Dreiecksbeziehung verwickelt werden, dann hat das eine
Bedeutung. Es steht uns frei, mit Verbitterung und Wut zu reagieren. Aber wir
können uns auch entschließen, dieses Dreiecksverhältnis als Sprungbrett für
wirkliche Seelenerkundung zu nutzen. Das ist besonders schwierig, denn die
Erfahrung einer Demütigung mobilisiert für gewöhnlich alle
Verteidigungsmechanismen aus unserer Kindheit. Und es ist sehr schwer, über
solche spontanen Impulse hinwegzugehen und eine distanziertere Perspektive
einzunehmen. Für Astrologen kann es sich lohnen zu untersuchen, ob es bestimmte
Muster im Horoskop gibt, die Dreiecksverhältnisse fördern; ob es tieferliegende
Gründe gibt, warum sich Menschen auf solche Beziehungen einlassen, freiwillig
oder unfreiwillig; und warum manche Leute anfälliger für Dreiecksverhältnisse
sind als andere. Wir könnten uns auch überlegen, welche Ansätze uns dabei
helfen könnten, mit Dreiecksbeziehungen kreativer umzugehen. Dazu müssen wir
ihre psychologische und symbolische Bedeutung betrachten.
Die Vielseitigkeit von
Dreiecksbeziehungen
Es gibt unzählige
Arten von Dreiecksbeziehungen - es muss nicht unbedingt ein sexuelles
Verhältnis zwischen Erwachsenen sein. Und selbst wenn wir uns auf sexuelle
Beziehungen beschränken, finden wir viele verschiedene Varianten. Erotische
Dreiecksverhältnisse sind nicht immer so dramatisch wie Tristan und Isolde. In
manchen Dreiecks-Liebesgeschichten stehen alle drei Punkte fest. Es gibt ein
Paar und eine dritte Person, die eine Beziehung mit einem der beiden Partner
eingeht. In dieser Art von Beziehung bewegt sich nichts. Sie ist statisch und
kann viele Jahre dauern, manchmal bis eine oder einer der Beteiligten stirbt.
In anderen Liebesdreiecken wird ein Punkt ständig ausgetauscht. Man kann immer
wieder Ehebruch begehen – unter Umständen, wie im Fall von John F. Kennedy, mit
einer erstaunlich hohen Frequenz. Beide Varianten sind Dreiecksverhältnisse,
auch wenn wir der ersten Form vielleicht einen höheren romantischen Wert zubilligen.
Und beide erwecken das gleiche Spektrum archetypischer Emotionen.
Außer sexuellen
Dreiecksgeschichten gibt es noch viele andere Formen. Die grundlegendste ist
die zwischen Eltern und Kindern. Dreierbeziehungen können aber auch zwischen
Freunden bestehen. Kompliziertere Formen beziehen nicht-menschliche
Bezugspunkte mit ein. So ist eine Ehefrau vielleicht eifersüchtig auf die
Hingabe ihres Mannes an seine Arbeit. Oder ein Mann fühlt sich durch die
künstlerische Tätigkeit oder spirituelle Entwicklung seiner Partnerin verraten.
Solche Dreiecksbeziehungen enthalten genau das gleiche Eifersuchtspotential wie
die sexuelle Variante. Wer sich in den kreativen Raum zurückzieht, hat die
Person, mit der er oder sie lebt, in gewisser Weise "verlassen", und
das kann eine enorme Eifersucht auslösen. Der kreative Prozess ist ein
Liebesakt. Wahrscheinlich werden dem fünften Haus deshalb traditionell beide
Bedeutungen zugeschrieben. Es gibt sogar Dreiecksbeziehungen mit Haustieren.
Das klingt vielleicht absurd, aber eine Partnerin kann extrem eifersüchtig,
verletzt und bestürzt sein, weil ihr Lebensgefährte eine tiefe Zuneigung zu
seinem Hund oder seiner Katze empfindet - auch wenn sie solche Gefühle
womöglich nicht öffentlich zugeben würde. So verschieden die Dreiecksvariationen
auch aussehen mögen, bei allen handelt es sich um eine Form der Liebe, die
nicht mehr ausschließlich und ungeteilt ist. Und wenn wir die Liebe des anderen
teilen müssen, sei es mit einer anderen Person oder etwas Unbelebtem wie der
Phantasie oder dem Geist, fühlen wir uns oft verraten, erniedrigt und beraubt.

Dieses Diagramm ist eine einfache Darstellung der drei Punkte eines
Dreiecksverhältnisses, wobei die astrologischen Faktoren, die darauf hinweisen,
hier noch nicht berücksichtigt sind. Manche Menschen erleben in ihrem ganzen
Leben nur eine dieser drei Positionen, andere haben mit allen drei Erfahrungen.
Der Verräter oder
die Verräterin ist die Person, die sich scheinbar entscheidet, eine
Dreiecksbeziehung einzugehen. Ich sage "scheinbar", weil man nicht
immer sicher sein kann, wie bewusst diese Entscheidung ist. Man kann auch nicht
genau sagen, wie viel geheimes Einverständnis zwischen Verräterin und
Verratenem herrscht. Doch was auch immer unter der Oberfläche am Werk ist,
Verräter sind gespaltene Seelen. Sie lieben oder brauchen zwei verschiedene
Dinge. Die meisten von uns gehen davon aus, dass Liebe ungeteilt sein sollte,
auch wenn wir auf bewusster Ebene eine liberalere Einstellung vertreten.
Aufgrund der Werte unseres jüdisch-christlichen Erbes sind wir dazu erzogen
worden, dass unsere Liebe nur echt ist, wenn sie sich ausschließlich auf einen
Menschen bezieht. Tut sie das nicht, sind wir keine "guten" Menschen
mehr. Wir haben versagt, sind selbstsüchtig oder gefühllos. Wenn wir dann diese
tiefe innere Spaltung erleben, können wir sie nur sehr schwer annehmen. Es ist
viel einfacher für Verräter, eine Liste von Rechtfertigungen für ihren Verrat
zu präsentieren. Wir hören sie in der Regel nicht sagen: "Ich bin
gespalten. Ich bin entzwei gerissen." Sie kommen eher mit Aussagen wie:
"Meine Partnerin behandelt mich schlecht. Sie gibt mir A, B, C oder D
nicht, doch das brauche ich, um glücklich zu sein. Deshalb habe ich das Recht,
mir das woanders zu holen."
Am nächsten Punkt
des Dreiecksverhältnisses steht der oder die Verratene - die Person, die
scheinbar unfreiwilliges Opfer des Verräters wird, der unfähig ist, ungeteilt
zu lieben. Auch hier sage ich "scheinbar", weil sich wieder die Frage
der unbewussten Zustimmung beider Beteiligten stellt. Alle drei Eckpunkte des
Dreiecks sind insgeheim austauschbar. Sie sind nicht so verschieden wie es auf
den ersten Blick erscheint. Doch die verratene Person glaubt in der Regel, dass
sie treu und die andere untreu ist. Jemand anders hat das Dreiecksverhältnis
herbeigeführt. Wir nehmen normalerweise an, dass es der oder die Verratene am
schwersten in der Dreiecksbeziehung hat, weil er oder sie den ganzen Schmerz,
die Eifersucht und Demütigung direkt erlebt und auslebt.
Schließlich bildet
das Instrument des Verrats den dritten Punkt des Dreiecks. Das ist die Person,
die scheinbar in eine bestehende Beziehung zweier Menschen eindringt und droht,
sie zu zerstören oder zu verändern. Diese Person hat meist den schlechtesten
Ruf, da sie als Räuberin gesehen wird. Wenn wir zufällig in diese Rolle
geraten, bekommen wir im Allgemeinen nicht viel Mitgefühl, und schon gar keines
von denen, die in festen Beziehungen leben und sich von einer ähnlichen
Situation bedroht fühlen. Das Instrument des Verrats kann sich sogar selbst als
Opfer betrachten und den Verratenen als Räuber wahrnehmen. Hier bekommen wir
schon einen flüchtigen Eindruck von der Ähnlichkeit der beiden letztgenannten
Ecken. Es gibt Menschen, die sich um das Dreieck herum bewegen und in ihrem
Leben alle drei Punkte ausprobieren, manchmal sogar mehrmals. Andere bleiben an
einem Punkt haften und werden in ihren Beziehungen immer verraten oder finden
sich wiederholt in der Situation jemand anderen zu verraten. Wieder andere sind
ständig Instrument des Verrats und lassen sich mit Menschen ein, die
anderweitige Bindungen haben.
Wir können Dreiecksverhältnisse in vier grundlegende Gruppen einteilen. Diese
überschneiden sich zwar, doch sie können auch einzeln mit bestimmten
astrologischen Merkmalen beschrieben werden. Da ist zunächst die
allgegenwärtige Familien-Dreierbeziehung, mit der sich dieser Artikel in erster
Linie beschäftigt. Darüber hinaus gibt es Macht-Dreiecksbeziehungen und defensive
Dreiecksverhältnisse. Diese beiden Varianten sind sich sehr ähnlich, doch es
gibt einige feine Unterschiede. Beide haben einen unverkennbaren Geschmack, und
die Gründe, warum sie in das Leben eines Menschen treten, haben ihre Wurzeln
nicht ausschließlich im familiären Hintergrund. Eine defensive Dreierbeziehung
könnte zum Beispiel eine Person treffen, die eine Beziehung außerhalb der
bestehenden Partnerschaft braucht, weil sie von Gefühlen der absoluten
Unzulänglichkeit gequält wird. Sie kann an extremer Unsicherheit leiden und
Angst davor haben, sich auf einen einzigen Partner festzulegen. Sie wäre dann
zu verletzlich und könnte eine Zurückweisung nicht ertragen. Die
Dreiecksbeziehung entsteht aus einem unbewussten Verteidigungsmechanismus
heraus. Wenn sie von dem einen Partner verlassen wird, ist immer noch der
andere da. Das passiert normalerweise nicht bewusst, bildet jedoch eine starke
Motivation in vielen Dreiecksgeschichten.
Des weiteren gibt
es Dreiecksverhältnisse, die das Unerreichbare suchen. Diese können sich mit
Familien-Dreiecken sowie defensiven oder Macht-Dreiecksbeziehungen
überschneiden. Doch das Streben nach dem Unerreichbaren hat noch eine besondere
Facette, und oft ist die tieferliegende Motivation eine künstlerische oder
spirituelle. Manchmal hat unsere Suche nach unerreichbarer Liebe wenig mit
wirklichen Menschen zu tun. Wir tendieren dann dazu, unsere kreativen oder
mystischen Sehnsüchte auf das zu richten, was wir nie bekommen können. Auf
diese Weise eröffnen wir eine Dimension der Psyche, die mehr mit unserer
Phantasie zu tun hat als mit einer Beziehung. Die "Muse" des
Künstlers ist selten seine Ehefrau. Diese Art des Dreiecksverhältnisses kann
auch Elemente früherer Familienmuster enthalten und es können unbewusste
Verteidigungsmechanismen mitspielen. Doch die Beziehung setzt eine andere
Perspektive voraus.
Die letzte Gruppe
- Dreierbeziehungen, die ungelebtes Seelenleben widerspiegeln - schließt alle
anderen ein. Wenn wir Familien-Dreiecksbeziehungen genauer untersuchen, müssen
wir immer fragen, warum wir gerade einem bestimmten Elternteil unbedingt nahe
sein wollen. Was bedeutet uns die Mutter oder der Vater? Warum können wir die
Gleichgültigkeit eines Elternteils leicht verkraften, während wir uns vom
anderen nichts weniger als absolute Verschmelzung ersehnen? Letztendlich ist es
unvermeidlich, dass wir Anteile unserer eigenen Psyche an den verschiedenen
Punkten des Dreiecks wiederfinden - das gilt für jede Dreiecksbeziehung, sei
sie durch Familienstrukturen, Macht, Abwehr oder durch all diese Faktoren
motiviert. Natürlich gibt es Ausnahmen, weil jedes psychologische Muster
Ausnahmen birgt. Doch im Allgemeinen - wenn wir in eine Dreiecksbeziehung
verstrickt werden, egal an welcher Ecke wir stehen - versteckt sich dahinter eine
Botschaft, die uns Facetten unserer selbst zeigt, die wir vorher nicht erkannt
oder nicht gelebt haben. Wenn sich das Muster eines Dreiecksverhältnisses
ständig wiederholt, ist das eine sehr dringende Botschaft, und wir müssen
versuchen zu verstehen, was sie uns sagen will.
Die Familien-Dreiecksbeziehung
Familien-Dreiecke
enden nicht mit der Kindheit, sondern hallen ein Leben lang nach. Wenn sie
ungelöst bleiben, schleichen sie sich meist in unsere Beziehungen als
Erwachsene ein. Ist die Dreiecksbeziehung in der Familie nicht geheilt,
wiederholen wir sie sehr wahrscheinlich ein oder mehrere Male in unserem
späteren Leben. In den unzugänglichen Tiefen unseres Bewusstseins hoffen wir
vielleicht, auf diese Weise einen Weg zu finden, um sie zu heilen oder aufzulösen.
Freud hat - in einem sehr speziellen Zusammenhang - die Idee des ödipalen
Dreiecksverhältnisses entwickelt, auch bekannt als "Familienroman".
Seiner Ansicht nach verlieben wir uns leidenschaftlich in den
gegengeschlechtlichen Elternteil und begeben uns damit in eine Rivalität und
einen Wettbewerb zu dem Elternteil des gleichen Geschlechts. Die Art wie wir
mit dem ödipalen Dreiecksverhältnis in der Kindheit fertig werden - und das
hängt sowohl von den Reaktionen der Eltern als auch von unserem eigenen Wesen
ab - wirkt sich unweigerlich auch auf unsere Beziehungen im Erwachsenenalter
aus. Wenn wir eindeutig "gewinnen" und die ungeteilte Liebe des
gegengeschlechtlichen Elternteils bekommen, leiden wir, weil wir nie gelernt
haben, zu teilen oder unsere Grenzen zu erkennen. Wir empfinden ein kindliches
Machtgefühl, weil wir uns vormachen, dass wir den Gegner "geschlagen"
haben. Wir sind allmächtig, und das kann zu einer späteren Unfähigkeit führen,
mit Enttäuschungen in der Partnerschaft umzugehen. Die Beziehung zum eigenen
Geschlecht ist vielleicht ebenfalls entsprechend gestört.
Wenn zum Beispiel ein Junge den Konflikt zwischen seiner Mutter und
seinem Vater miterlebt und die ödipale Schlacht gewinnt, indem er zum
"Ersatz-Ehemann" der Mutter wird, kann er eine tiefe unbewusste
Schuld seinem Vater gegenüber empfinden. Oder er respektiert den Vater gar
nicht mehr, weil er ihn ja scheinbar locker aus dem Weg geräumt hat. Das
Vaterbild des Jungen wird dann zum schwachen, macht- und wehrlosen Zerrbild. Diese
Vorstellung kann ihm tief im Inneren Angst machen, denn er selbst ist auch ein
Mann. Der Junge muss seinen ödipalen Sieg immer wieder bestätigen, indem er in
jedem männlichen Freund einen Rivalen sieht und sich deswegen nur mit Frauen
abgibt. Solche Männer suchen keine Freundschaft mit anderen Männern, sondern
lassen sich ausschließlich mit den Frauen anderer Männer ein. Die enge
Verbindung zur Mutter hat diesen Mann die Beziehung zu seinem Vater gekostet.
Dadurch fehlt ihm ein positives inneres Männerbild, von dem er zehren kann, und
er kann nicht darauf vertrauen, dass ihm von den Männern seines Umfeldes
Unterstützung zuteil wird. Sein Selbstbewusstsein als Mann und seine sexuelle
Identität müssen sich ausschließlich von der Liebe seiner Frauen nähren - je
mehr desto besser. Das ist ein sehr unsicheres und schmerzhaftes Leben.
Dieselbe Interpretation können wir natürlich ebenso auf eine Frau und ihren
Vater anwenden.
Wenn wir die
ödipale Schlacht vollkommen verlieren - und das entscheidende Wort ist vollkommen
- leiden wir gleichermaßen. Die totale ödipale Niederlage stellt eine
Demütigung dar, die das eigene Selbstvertrauen ernsthaft untergraben kann. Mit
"total" meine ich, dass zum Beispiel ein Mädchen das Gefühl hat,
keinerlei emotionalen Kontakt zu dem geliebten Vater herstellen zu können. Das
führt zu einem tiefen Versagensgefühl. Es kann einfach nicht an den Vater
herankommen, und der ist vielleicht auch unfähig, auf seine Tochter emotional
einzugehen. Oder die Mutter steht immer dazwischen. Ein solches Bewusstsein der
gefühlsmäßigen Niederlage kann im späteren Leben ein nagendes Gefühl sexueller
Unzulänglichkeit und Minderwertigkeit nach sich ziehen. Es kann zu vielen
destruktiven Beziehungsmustern beitragen - nicht selten lässt die Frau sich auf
ein Dreiecksverhältnis ein, in dem sie hoffnungslos in jemanden verliebt ist,
der schon anderweitig gebunden ist. Sie kann zum unglücklichen Instrument des
Verrats werden und für immer und ewig an die geschlossene Tür der Ehe des
Geliebten klopfen. Oder sie wird zur Verratenen und wiederholt hilflos die
ödipale Niederlage in der Rolle der festen Partnerin, die durch die größere
Macht der mütterlichen Rivalin gedemütigt wird. Weder der ödipale Sieg noch die
ödipale Niederlage erlauben es, uns psychologisch von dem geliebten Elternteil
zu trennen. Ein Teil von uns wächst nie wirklich über die Kindheit hinaus. Wir
verstricken uns in die immergleichen Beziehungsmuster und versuchen, das
ursprüngliche Problem durch Dreiecksverhältnisse zu lösen.
Freud hielt eine Art
"milde Niederlage" für die gesündeste Lösung des ödipalen Konflikts.
Auf diese Weise bekommen wir genug Liebe vom geliebten Elternteil, müssen aber
dennoch einsehen, dass die Beziehung zwischen den Eltern unumstößlich ist. So
können wir lernen, Beziehungen zwischen anderen Menschen zu respektieren und
unser Selbstvertrauen aufzubauen, indem wir Beziehungen jenseits des magischen
elterlichen Schutzraumes eingehen. Dies ist der Bereich, den Winnicott
"gut genug" nannte - eine Ehe der Eltern, die gut genug ist, ein
Verhältnis zu beiden Elternteilen, das gut genug ist, und ausreichend viel
Liebe und Zuneigung, um die ödipale Niederlage mit einem angemessenen Gefühl
der Sicherheit innerhalb der Familie auszugleichen. Die Familiensituation ist
gut genug, um dem Kind das Gefühl zu vermitteln, dass es geliebt wird. Es ist
auch wichtig, dass wir uns nicht vor Bestrafung durch den elterlichen Rivalen
fürchten müssen. Leider bestrafen viele Eltern ihre Kinder für den
"Diebstahl" der Liebe des Partners, weil sie selbst emotional
ausgehungert sind und dem Partner ihre unglückliche Beziehung nachtragen. Wir
müssen erkennen, dass wir nicht einen Elternteil wegdrängen können, um den
anderen ganz zu besitzen. Und wir müssen wissen, dass wir auch von dem
Elternteil geliebt werden, den wir stürzen wollen. Das ist sicherlich ein
Ideal, das nur wenige Familien erreichen können. Sehr viele Menschen leiden
unterschiedlich stark an übermäßigem ödipalem Sieg oder übermäßiger ödipaler
Niederlage. Wirklich wichtig ist das, was wir daraus machen und wie bewusst es
uns ist. Und nichts kann einen solchen Bewusstwerdungsprozess so wirksam
anstoßen wie eine Dreiecksbeziehung.
Freuds
psychologisches Modell ist sehr wertvoll, und es scheint viele Situationen zu
geben, in der die absolute ödipale Niederlage oder der absolute ödipale Sieg
mit einer Tendenz einhergeht, im späteren Leben in Dreiecksverhältnisse
verstrickt zu werden. Doch das Konzept des Familienromans hat ernstzunehmende
Grenzen. Der Elternteil, mit dem wir uns verbinden wollen, muss nicht unbedingt
dem anderen Geschlecht angehören. Er kann genau so gut gleichgeschlechtlich
sein. Ödipale Gefühle sind letztlich nicht "sexuell" im
Erwachsenensinn, sondern haben vielmehr mit emotionaler Verschmelzung zu tun.
Dasselbe gilt übrigens auch für viele unserer scheinbar rein sexuellen Gefühle
zwischen Erwachsenen. Sexualität hat viele Gefühlsschichten, die nicht immer
bewusst sind. Ödipale Niederlagen oder Siege gegenüber dem
gleichgeschlechtlichen Elternteil können genauso schmerzlich widerhallen und zu
späteren Dreiecksbeziehungen beitragen. Wir fühlen uns vielleicht von der
eigenen Sexualität abgeschnitten, weil der
geliebte
Elternteil Vorbild für diese Sexualität war und die Verbindung zu schwach oder
zu negativ, um das Vorbild auf positive Art zu integrieren. Ein Mann kann sein
ganzes Leben lang versuchen die Liebe des Vaters zu gewinnen, indem er seine
Männlichkeit unter Beweis stellt. Vielleicht kreiert er unbewusst
Dreiecksbeziehungen, in denen es eigentlich nicht wirklich um die Frauen geht,
mit denen er sich einlässt, sondern darum, andere Männer zu beeindrucken - oder
sie für die Zurückweisung, die er durch den Vater erfahren hat, zu bestrafen.
Gleichermaßen kann eine Frau versuchen, die Liebe und Bewunderung ihrer Mutter
zu gewinnen - oder andere Frauen zu bestrafen, weil die Mutter unfähig war, sie
zu lieben. Der Rivale oder die Rivalin in einem Dreiecksverhältnis Erwachsener
kann insgeheim viel wichtiger sein als das scheinbare Objekt der Sehnsucht. Wir
müssen uns nur vor Augen führen, wie zwanghaft sich Verratene und Instrumente
des Verrats miteinander beschäftigen, um zu erkennen, wie viel komplexer die
psychologische Situation ist als sie auf den ersten Blick erscheint.
Hilfreiche ödipale Hinweise - Venus als Deutungsfaktor für die
Beziehung zu den Eltern
Das
Geburtshoroskop kann uns viel über unser Elternbild mitteilen und die
Erfahrungen, die wir durch sie gemacht haben. Wenn wir ein Horoskop ansehen,
finden wir wertvolle Hinweise auf Ödipales. Die Kennzeichen für die Elternbeziehung
zeigen sich normalerweise sehr deutlich, und beziehen auch die eigenen
emotionalen und sexuellen Bedürfnisse sowie das Selbstbild als Mann oder Frau
mit ein. Vielleicht finden wir Planeten im zehnten oder vierten Haus. Das legt
nahe, dass die Eltern Träger oder Vertreter von etwas Mythischem oder
Archetypischem sind. Stehen keine Planeten in den Elternhäusern, bedeutet das
nicht, dass es keine Konflikte zwischen den Eltern gibt oder dass wir kein
subjektives Bild auf sie projizieren. Doch es ist oft einfacher, die Eltern als
eigenständige Menschen zu betrachten, so fehlbar sie auch sein mögen. Wenn
Planeten diese Häuser besetzen, dann erscheinen die Planetengötter mit dem
Gesicht des entsprechenden Elternteils. Ein Stück unseres eigenen Schicksals,
unserer eigenen inneren Reise begegnet uns sehr früh in unserem Leben,
verkleidet als Mutter oder Vater. Dieser Anteil hat sich über Generationen
durch das Familienerbe fortgepflanzt. Das ist an sich nicht
"schlecht" oder "negativ", doch es verleiht der Beziehung
zu den Eltern etwas Mächtiges, Faszinierendes und teilweise auch Zwanghaftes,
das ein höheres Maß an Bewusstsein und ein größeres Streben nach Integration
verlangt.
Wiederholte
Dreiecksbeziehungen im Erwachsenenalter haben oft etwas mit Planeten in den
Elternhäusern zu tun. Häufig finden wir Venus im zehnten oder vierten Haus.
Venus beschreibt das, was wir als schön und wertvoll erachten und daher auch
was wir lieben - in uns selbst und anderen. Wenn ein Elternteil im
Geburtshoroskop als Venus in Erscheinung tritt, nehmen wir diesen Elternteil
als Symbol dessen wahr, was wir am schönsten, wertvollsten und
erstrebenswertesten finden. Das ist eigentlich nicht schlecht. Doch es kann
bedeuten, dass wir unsere eigene Schönheit und unseren Wert auf diesen
Elternteil projizieren. Und viel hängt davon ab, wie der Vater oder die Mutter
mit einer solchen Projektion umgeht. Wir sehen zutiefst liebens- und
erstrebenswerte Eigenschaften in der Mutter und verlieben uns in sie, weil wir
die Eigenschaften lieben. Es ist zu hoffen, dass wir, je reifer wir werden,
diese Dinge als zu uns selbst gehörig erkennen und integrieren. Dieser Prozess
kann dazu beitragen, eine dauerhafte, liebende Verbindung zwischen Eltern und
Kind zu schaffen, eine gegenseitige Wertschätzung des anderen aufgrund der
gemeinsamen Eigenschaften. Leider sind nicht alle Eltern frei von
Hintergedanken ihren Kindern gegenüber. Wenn sich ein Vater beispielsweise zu
sehr nach Liebe und Bewunderung sehnt, arbeitet er wahrscheinlich unbewusst
daran, diese Projektion aufrecht zu erhalten und für immer Venus in den Augen
des Kindes zu verkörpern. Venus ist im Mythos nicht für ihre emotionale
Großzügigkeit bekannt. Sie ist eine eitle Göttin und ist häufig in
Dreiecksbeziehungen verwickelt. Wenn wir unser Venusbild immer nur auf die
Eltern projizieren, können wir es wahrscheinlich nie in uns selbst entdecken.
Wir suchen immer wieder nach Ersatzeltern, in die wir alles hineinphantasieren,
was im Leben wertvoll und erstrebenswert ist. Dann finden wir immer wieder
venusische Liebesobjekte, die so viel mehr wert sind als wir selbst. Vielleicht
versuchen wir auch, unsere Venus zurückzugewinnen, indem wir sie selbst spielen
und unsere Liebhaber gegeneinander antreten lassen, um uns zu bestätigen, dass
wir letztendlich doch einen Wert haben. Wo Venus ist, lieben wir.
Rivalität ist eine
der charakteristischsten Eigenschaften der Venus, wenn sie im Haus des
gleichgeschlechtlichen
Elternteils steht. Mit einer solchen Konstellation fühlen wir uns oft wie
Schneewittchen. Steht Venus im Horoskop einer Frau im zehnten Haus, kann das
auf eine tiefgehende Rivalität zwischen Mutter und Tochter hinweisen. Die
Tochter nimmt die Mutter als sehr eifersüchtig wahr, auch wenn die Eifersucht
nur versteckt als ständige Kritik herauskommt oder durch unterschwelliges
Untergraben des weiblichen Selbstbewusstseins der Tochter. Leider ist die
eifersüchtige oder rivalisierende Mutter häufig auch eine objektive Realität.
Und doch steht die eigene Venus im zehnten Haus, und die Tochter muss sich
früher oder später ihre eigene Eifersucht eingestehen. Wenn Venus den
gleichgeschlechtlichen Elternteil repräsentiert, dann teilen Mutter und Tochter
oder Vater und Sohn diese Venus-Eigenschaften. Das Bild der archetypischen
Liebesgöttin, die immer die schönste und beliebteste von allen sein muss, hat
sich dann über Generationen in der Familie fortgesetzt. Dieses Bild muss jedoch
individuell ausgedrückt werden und nicht für immer zum Streit um das Geliebte
verdammt sein. In diesem Fall ist das Liebesobjekt vielleicht gar nicht so
wichtig, sondern es geht nur darum Rivalen zu besiegen. Rivalität und Neid sind
sehr eng miteinander verwandt. Und wenn Venus den gleichgeschlechtlichen
Elternteil symbolisiert, sehen wir in ihm vielleicht die schönen, beneidenswerten
Eigenschaften, die wir selbst gerne hätten. Dann beginnen wir in Konkurrenz zu
treten, um zu beweisen, dass auch wir Venus sind - eine größere, bessere und
schönere Venus.
Auch die Eltern
können sich auf sexueller Ebene bedroht fühlen, wenn ihr Kind vor ihren Augen
zur sexuellen Reife heranwächst. Diese Bedrohung beruht wahrscheinlich auf
einer gesteigerten sexuellen Sensibilität. Wenn Venus im Horoskop des Kindes
den Vater oder die Mutter repräsentiert, spürt das unter Umständen nicht nur
der Elternteil, sondern es macht sich als erotisches Gefühl zwischen
Erwachsenem und Kind bemerkbar. Die Erkenntnis, dass Eltern und Kind vielleicht
erotische Gefühle teilen, ist absolut keine Rechtfertigung für
Kindesmissbrauch, doch sie bedeutet auch nicht, dass es sich um eine
"abnorme" Beziehung handelt. Kinder können auf ihre kindliche Art
sehr verführerisch sein. Sie probieren ihre Sexualität aus. Sie wollen und
erwarten keine sexuelle Reaktion des Erwachsenen, doch sie müssen ihre eigene
körperliche und emotionale Identität entdecken, indem sie sie den Eltern
gegenüber ausdrücken. Das gehört zum Familienleben. Es ist nicht krankhaft,
sondern menschlich und gesund. Die erotische Energie, die Teil des
Entwicklungsprozesses in der Kindheit darstellt, wird in der Familie
freigesetzt, denn dies ist der angemessene Ort dafür. Es ist natürlich und
angemessen, dass Eltern darauf positiv reagieren – nicht angemessen ist es
dagegen, diese Energie destruktiv auszuleben und auszunutzen. Einige Kinder
strahlen sicher mehr erotische Energie aus als andere; das könnte mit der
Stellung von Venus und Mars im Horoskop des Kindes zusammenhängen. Ebenso sind
vielleicht manche Eltern empfänglicher für diese Energie als andere, und die
Synastrie zwischen Eltern und Kind kann helfen herauszufinden warum das so sein
könnte. Um diesen natürlichen Prozess aushalten und unterstützen zu können,
ohne sich in eine Dreiecksbeziehung zu verstricken, müssen die Eltern eine
einigermaßen stabile Beziehung führen und sich dieser Entwicklungsphase des
Kindes bewusst sein. Ein kleines Mädchen mit Venus im vierten Haus kann schon
mal versuchen, sich zwischen die Eltern zu drängen, weil der Vater der
"Geliebte" ist, mit dem es schöne und angenehme Gefühle teilt. Und
wenn die Partnerschaft der Eltern nicht stabil ist und die Mutter unbewusst
feindselig reagiert - überrascht uns dann das Verhalten der Tochter?
Gespaltene Loyalität
Selbst in den glücklichsten und emotional stabilsten Familien kann
ein Kind tiefe Zuneigung und gleichzeitig enorme Rivalität gegenüber einem
Elternteil empfinden. Dies könnte zum Beispiel mit Venus im vierten und Mond im
zehnten Haus zum Ausdruck kommen – wie bei Prinz Charles, der uns eine der
bekannteren Dreiecksgeschichten unserer Zeit geboten hat. Mit solchen
Konstellationen identifiziert man sich häufig sehr stark mit dem Rivalen. Das
Kind gerät vielleicht in eine Situation, in der es zum Verräter und zum
Instrument des Verrates wird. Das trägt nicht unbedingt dazu bei, dass es sehr
viel von sich hält und dann ist es wahrscheinlich, dass es etwas unterdrückt.
Dem jungen Ego fällt es schwer mit einer solchen Zwiespältigkeit umzugehen.
Wenn bei einem Jungen Venus im vierten Haus steht, was auf eine starke Liebe
zum Vater hinweist, muss er die Mutter verletzen und verraten. Und wenn der
Mond in zehn steht - wie kann er das einem Menschen antun, mit dessen Gefühlen
er sich so sehr identifiziert? Dann unterdrückt er vielleicht Venus und
verwickelt sich später in eine Dreiecksbeziehung ohne das Kindheitsmuster zu
verstehen, das sie nährt. Oder der Sohn unterdrückt die Gefühle für die Mutter
und wird zum "Ehebrecher", wie es hieß als es noch Ehen gab.
Psychologisch gesehen ist ein "Ehebrecher" jemand, der in eine
bestehende Beziehung eindringt – und zwar nicht nur aus echter Zuneigung und
Sehnsucht für sein Liebesobjekt, sondern aus einem fast zwanghaften Bedürfnis
heraus, die Rolle des Rivalen anzunehmen, mit dem er sich heimlich
identifiziert. Es ist extrem schwierig, ein solches Muster in sich selbst zu
erkennen und zu akzeptieren. Wenn wir zum Instrument des Verrates werden,
denken wir gerne, dass wir uns wirklich in jemanden verliebt haben. Die
Tatsache, dass diese Person schon in einer festen Beziehung lebt, ist dann
einfach Pech. Der- oder diejenige hat einen Fehler gemacht und eben die falsche
Person geheiratet oder ist die Bindung gegen den eigenen Willen eingegangen,
weil ein Kind unterwegs war. Welche Rationalisierungen auch immer im Spiel
sind, wir rechtfertigen unsere Rolle als Instrument des Verrates, indem wir die
Bedeutung der bestehenden Beziehung entwerten. Das kann sich manchmal als sehr
naiv entpuppen und zu großer Enttäuschung führen, wenn sich herausstellt, dass
der "ungeliebte" Ehepartner doch mehr bedeutet, als man es sich
jemals eingestanden hat. Vielleicht entdeckt ein solchermaßen gespaltener
Liebhaber auch zum eigenen Schrecken, dass er sich langsam genauso verhält wie
der verachtete Rivale, den er anfänglich in die Schublade "er bleibt ja
bloß wegen der Kinder bei ihr" gesteckt hat. Wenn Elternthemen nicht gelöst
werden, kann der Drang ein Paar auseinander zu bringen extrem stark sein –
besonders wenn der Rivale ein guter Freund ist. Das macht es einfacher, die
Gefühle der früheren Familiendreiecksbeziehung wieder aufleben zu lassen.
Vielleicht sehen
wir auch Dinge in dem geliebten Elternteil, die nicht so nett sind.
Beispielsweise könnte ein Mann mit Venus im zehnten Haus auch noch ein
Mond-Pluto Quadrat oder eine Mond-Saturn Opposition haben oder Venus konjunkt
Saturn oder Chiron. In solchen Kombinationen werden zwei völlig
unterschiedliche Mutterbilder ausgedrückt. Das eine ist geliebt und schön, das
andere bedrohlich oder verletzend. Diese Gegenpole manifestieren sich oft im
späteren Leben als zwei verschiedene Menschen – Verratene und Instrument des
Verrates. Jung nannte dieses Phänomen "gespaltene Anima" oder
"gespaltenen Animus" im Fall einer Frau. Jung hat sich sehr intensiv
mit diesen Mustern befasst, denn er litt selbst darunter. Obwohl seine
Definitionen etwas starr sind und flexibler interpretiert werden müssen, können
sie uns dabei helfen zu verstehen, warum wir Dreiecksverhältnisse brauchen, und
warum die drei Punkte insgeheim austauschbar sind. Alle drei Beteiligten leiden
wahrscheinlich an den gleichen, ungelösten Elternbeziehungen. Die innere Spaltung
scheint besonders stark und förderlich für Dreiecksverhältnisse zu sein, wenn
unvereinbare Gegensätze in dem einen geliebten Elternteil zu Tage treten. Es
gibt Mütter und Väter, in denen die Gegensätze nicht so schrecklich
gegensätzlich sind, doch es gibt auch welche, bei denen sie sich sehr extrem
bemerkbar machen. Solche Eltern sind faszinierend und verfügen aufgrund ihrer
Undurchdringlichkeit oft über eine starke sexuelle Ausstrahlung. So kann die
Mutter beispielsweise wunderschön und innig geliebt, jedoch auch verletzend,
brutal, gefühllos, verschlingend oder sonst irgendwie schwer verdaulich sein.
Es fällt der menschlichen Psyche sehr schwer, extreme Gegensätze in einer
Person zu akzeptieren. Daher brauchen wir meist zwei Menschen, durch die wir die
zwiespältigen Gefühle erfahren können. Einer bekommt dann die Rolle der Venus
und der oder die andere wird zu Pluto, Saturn, Chiron, Mars oder Uranus.
Elternbilder, die extreme Gegensätze vermitteln, können zu einer Neigung zu
Dreiecksbeziehungen im Erwachsenenleben beitragen. Wir lassen uns auf jemanden
ein und mit der Zeit beginnt diese Person das Bild einer Seite der Mutter oder
des Vaters anzunehmen. Nach ein paar Jahren des Zusammenlebens sagen wir dann:
"Meine Partnerin ist so besitzergreifend, ich brauche einfach mehr Luft
zum Atmen." Und da sitzt Venus im zehnten Haus mit einem Quadrat zu Pluto.
Oder wir sagen - mit Venus in zehn und einer Mond-Saturn Opposition: "Mein
Partner ist so einengend und spießig, ich brauche mehr Freiheit, um mich selbst
zu sein." Wir haben das Gefühl, dass wir nicht die schöne, erotische,
unterhaltsame Beziehung bekommen haben, die wir uns von dieser Partnerschaft
erhofft hatten. Damit rechtfertigen wir unsere Liebschaft, die die Rolle der
Venus annimmt. Die Spaltung wird durch zwei verschiedene Menschen ausgelebt. In
Wirklichkeit jedoch spiegeln sich darin die zwei gegensätzlichen Eigenschaften,
mit denen wir in unserer Beziehung zum Vater oder zur Mutter nicht zurecht
gekommen sind. Natürlich haben solche Spaltungen, die mit den Eltern in
Verbindung stehen, auf tiefster Ebene mit gegensätzlichen Eigenschaften in uns
selbst zu tun, die wir nicht aufgelöst haben. Bei allen Dreiecksgeschichten,
auch denjenigen, die aus unseren Familienstrukturen hervorgehen, geht es um unser
eigenes ungelebtes Seelenleben. Wenn wir fähig wären, unsere eigenen Gegensätze
zu versöhnen, könnten wir auch unseren Eltern zugestehen, widersprüchlich zu
sein. Es ist nichts Außergewöhnliches, dass ein Elternteil sowohl eine
charmante, liebenswürdige Venus-Seite hat als auch eine zurückgezogene
saturnische Seite oder eine fordernde plutonische Seite. Menschen sind
vielschichtig und sie können uns lieben und gleichzeitig verletzen. Doch es ist
möglich, dass wir die Widersprüchlichkeit unserer Eltern nicht akzeptieren,
weil sie selbst nicht mit ihr umgehen können. Dann lernen wir auch nicht von
ihnen, unsere Widersprüche zu integrieren. Und manche sind astrologisch gesehen
einfach zu schwierig, als dass wir früh im Leben damit fertig werden könnten.
Damit meine ich vor allem Konstellationen, in denen Venus oder der Mond Aspekte
zu Saturn oder Chiron bilden – diese benötigen eine Weisheit, die wir nur mit
der Zeit und größerer Lebenserfahrung erwerben. Auch Aspekte zu den äußeren
Planeten kann ein Kind unmöglich auf persönlicher Ebene integrieren.
Gespaltene Familien - Oppositionen zwischen dem vierten und
zehnten Haus
Dreiecksbeziehungen
in Familien können durch eine Trennung der Eltern entstehen. Das wird im
Geburtshoroskop oft in Oppositionen vom vierten zum zehnten Haus sichtbar.
Solche Oppositionen bedeuten nicht notwendigerweise, dass sich die Eltern
scheiden lassen, aber für gewöhnlich gibt es Konflikte und eine Trennung auf
psychologischer Ebene, wenn schon nicht auf realer. In diesen Fällen nehmen wir
die Eltern als Gegensatzpaar wahr, und dann sind wir in der Regel gezwungen,
uns für eine Seite zu entscheiden. Unsere eigene Unfähigkeit, mit der Situation
umzugehen, zwingt uns so zu handeln. Manchmal kann es sich ein Elternteil nicht
verkneifen, die Treue und Loyalität des Kindes für die eigenen Zwecke zu
missbrauchen und als Waffe gegen den anderen Elternteil zu benutzen. Doch auch
hier geht es wie immer um einen Widerspruch in uns selbst, den wir zuerst durch
die Eltern erleben, und der sich in Planetenoppositionen im Horoskop
widerspiegelt. Letztendlich muss er aber auf der inneren Ebene von uns selbst
gelöst werden. Unbewusstheit auf Seiten der Eltern kann das jedoch zu einem
längeren und schwierigeren Prozess machen. Selbst wenn unsere Eltern keinen
Druck auf uns ausüben, ist es unwahrscheinlich, dass wir in so jungem Alter mit
unserer gespaltenen Loyalität umgehen können. Und unter solchen Umständen
müssten die Eltern extrem weise und bewusst sein und sich darauf einigen,
überhaupt keinen emotionalen Druck auf ihr Kind auszuüben. Für gewöhnlich haben
jedoch Eltern, die so unglücklich sind, dass sie sich trennen, nicht gerade
große Lust zusammen zu arbeiten. Trennungen lösen archaische Gefühle in uns
aus, die mit einer beträchtlichen Rachsucht verknüpft sein können –
insbesondere, wenn die Trennung durch eine Dreiecksgeschichte ausgelöst worden
ist.
Oft fühlt sich das
Kind wie ein Fußball in einem extrem aggressiven Fußballspiel. Ein Elternteil –
vor allem der verratene – kann offene oder versteckte Besitzansprüche auf das
Kind erheben, um den Verräter oder die Verräterin zu verletzen. Es gibt
bestimmte Reaktionsmuster, denen viele Menschen zu folgen scheinen. Zum
Beispiel: "Dein Vater hat mich verlassen, dieser Idiot. Er war unfähig zu
lieben. Er hat keinen von uns geliebt, sonst wäre er nicht mit einer anderen
Frau abgehauen." Die versteckte Botschaft für einen Jungen könnte lauten:
"Ich hoffe, Du wirst später nicht wie er." Die Botschaft an ein
Mädchen heißt vielleicht: "Ich hoffe, dass Du später nicht so jemanden
heiratest." Das muss nicht einmal ausgesprochen werden, es kann sich auch
in Märtyrertum und andauerndem Leiden ausdrücken. Der oder die Verratene hat
normalerweise eine große Macht über die Psyche des Kindes, wenn sich die Eltern
trennen, denn das Kind ist in der Regel eine gute Mitleidsquelle. Kinder sind
nicht fähig, einfach aus dem Kampfgetümmel zu treten und die Trennung objektiv
zu betrachten. Jemand muss schuldig sein, entweder das Kind selbst oder ein
Elternteil. Und Kinder wagen es auch nicht, solche Botschaften zurückzuweisen,
denn sie haben große Angst davor, den Elternteil zu verärgern, der sich nun
alleine um sie kümmert. In unserer Gesellschaft bekommt normalerweise die
Mutter das Kind nach einer Trennung - auch wenn das psychologisch nicht immer
das Beste ist. Es kann viele Situationen geben, in denen der Vater emotional
fähiger ist, das Kind aufzuziehen. Aber die Gerichte sehen das nicht so. Die
Mutter muss schon sehr fürchterlich sein, damit man ihr das Kind wegnimmt. Wenn
die Eltern nicht verheiratet sind, hat der Vater praktisch gar keinen Anspruch,
das Kind auch nur zu sehen. Es fragt sich natürlich, ob es einem Vater gefällt,
von seinem Kind getrennt zu werden, "nur" weil er seine Partnerin verraten hat. Doch Dreiecksverhältnisse
haben oft sehr unangenehme emotionale Konsequenzen, die sich über Generationen
fortsetzen und noch mehr Dreiecksverhältnisse verursachen können.
Die Variationen
menschlicher Blindheit sind zahlreich und vielseitig, und Eltern, die sich
trennen oder scheiden lassen - oder sogar diejenigen, die weiter zusammenleben,
aber emotional entfremdet sind - verlangen meistens vom Kind, dass es sich für
den einen oder anderen Elternteil entscheiden soll. Die Liebe für den anderen
Teil muss verleugnet und unterdrückt werden. Das ist leider schrecklich
menschlich. Wenn wir von jemandem verletzt werden, fällt es uns schwer zu
ertragen, dass jemand eben dieser Person
Zuneigung
schenkt. Wenn das Kind in seinem Horoskop Oppositionen zwischen dem vierten und
zehnten Haus hat, spielt die eigene innere Spaltung mit der Spaltung zwischen
den Eltern zusammen. Über die Jahre habe ich viele Beispiele gesehen, in denen
Menschen ihre große Liebe zu Vater oder Mutter verleugnen mussten. Meist
glauben sie sogar selbst an die Ablehnung. Befinden sich Venus, Mond, Neptun,
Sonne oder Jupiter in einem der Elternhäuser, wissen wir, dass diese Person
eine starke positive Bindung an den Elternteil spürt, auch wenn das Verhältnis
manchmal sehr schwierig ist. Wenn einer oder mehrere dieser Planeten im vierten
Haus stehen, können sie sehr positive, sogar idealisierende Gefühle für Vater
beschreiben. Doch nach einer Trennung oder wenn der Vater die Familie verlassen
hat, ist es für diesen Menschen unmöglich, solche Gefühle bewusst zuzulassen.
Das gilt ganz allgemein für Oppositionen zwischen dem vierten und zehnten Haus,
selbst wenn der Vater nicht weggegangen ist. Die Zwiespältigkeit ist dann zu
schmerzhaft und das Gefühl der Untreue gegenüber der Mutter zu schwer zu
ertragen. Vielleicht hat der Vater die Familie wegen einer anderen Beziehung
verlassen. Vielleicht hat er wieder geheiratet und eine neue Familie gegründet.
Das vergrößert das Problem noch, denn die Eifersucht des Kindes verbündet sich
mit der Eifersucht der Mutter und lässt die emotionale Verbindung zum Vater
völlig abbrechen. Die Beziehung ist zerstört und das Kind, das jetzt erwachsen
ist, sagt: "Oh, ich habe meinen Vater seit der Scheidung kaum mehr
gesehen. Ich habe sehr wenig mit ihm zu tun. Ich sehe ihn gelegentlich, aber
wir haben eigentlich kein richtiges Verhältnis zueinander." All die
positiven Gefühle der Zuneigung sind in den Untergrund verdrängt worden, denn
wir können mit so einer Spaltung nicht gut umgehen. Wir unterdrücken sie, weil
wir auf seelischer Ebene überleben müssen - und weil wir mit der Mutter leben
müssen.
Wenn im vierten
Haus Planeten stehen, die Liebe und Idealisierung andeuten, und die Eltern sich
trennen, können die unterdrückten Gefühle für den Vater Nahrung für spätere
Dreiecksbeziehungen bieten. Das trifft auf beide Geschlechter zu. Es sollte
nicht überraschen, wenn eine Frau mit einem solchen familiären Hintergrund
später das Instrument des Verrats spielt und sich einem verheirateten Mann an
den Hals wirft. Genauso gut kann sie zur Verratenen werden und jemanden
heiraten, der ist wie ihr Vater. Oder sie wird aus Verteidigung selbst zur
Verräterin, weil sie entschlossen ist, nicht wie ihre Mutter zu enden. Ein Mann
mit diesem Hintergrund und Horoskopkonstellationen findet sich später
vielleicht in einer Beziehung mit einer Frau, die seiner Mutter ähnelt und
bemerkt dann mit Schrecken, dass er in die Fußstapfen seines Vaters getreten
ist. Es kann sein, dass sich eine Dreiecksbeziehung nicht vermeiden lässt, denn
je unbewusster die Gefühle gegenüber dem geliebten verlorenen Elternteil sind,
desto wahrscheinlicher treten sie in späteren Erwachsenenbeziehungen zu Tage.
Diese unbewussten
Gefühle können auch geschlechterübergreifend auftauchen. Sie sind nicht auf
Frauen beschränkt, die den verschollenen oder abtrünnigen Vater in anderen
Männe