Beispiel 1: Langsamer ist oft schneller
Der Hundeführer dieses Hundes, Rasse Riesenschnauzer, gelangte
aus folgenden Gründen an mich: Primär hatte sich der Hundeführer
für diesen Riesenschnauzer entschieden, weil dieser ihn ganz einfach
fasziniert hat. Die Rasse war für ihn von Anfang klar, für
die Auswahl seines Tieres liess er sich Zeit. Bei diesem Mann handelt
es sich um einen sehr versierten Hundehalter und erfahrenen Hundeführer.
Er hegte wohl eine Absicht, was er mit dem neuen Hund erreichen möchte,
jedoch stand dies bei der Auswahl nicht im Vordergrund. Nun kam er also
zu diesem Hund und stellte fest, dass dieser Hund über eine äusserst
eigenwillige Wesensseite verfügte, aber genau so sensibel war. Nun,
die einten meinten, dass er diesen Hund "härter" anfassen
müsse, damit er schneller vorankomme. Der Hundeführer spürte,
dass dies nicht der richtige Weg sein konnte, zumal er beabsichtigte
mit diesem Hund in Richtung IPO zu arbeiten. Er gelangte nun an mich,
mit der Bitte um eine Analyse, damit er diesen Hund von einer ganz neutralen
Person beschrieben bekommt. Dies ist übrigens der häufigste
Grund, dass Hundeführer oder auch Reiter an mich gelangen. Übrigens,
ich sehe ja die Tiere in Natura auch nie – alle liegen sie jeweils
als farbige Zeichnungen vor mir auf dem Tisch. Nun können Sie mir
gleich mitfolgen wenn ich diesen Riesenschnauzer beschreibe:
Die Elementenverteilung und eine erste Typologie
Das Geburtsbild dieses Riesenschnauzers wird hauptsächlich durch
die beiden Elemente Feuer und Erde betont. Bereits diese erste Komponente
zeigt uns das immense Energiepotenzial dieses Hundes auf. Feuer und Erde
stellt eine intensive Kombination dar, wir brauchen uns nur das Bild
eines Vulkans (Feuer und Erde) vor Augen zu führen. Das Element
Luft ist wohl wenig betont, aber immerhin und bedeutet nichts anderes
als dass er sich flexibel auf Neues einstellen kann. Das Element Wasser
ist praktisch nicht betont. Diese Komponente bedeutet, dass sich dieser
Hund in ganz bestimmten Situationen nicht von irgend welchen Gefühlen
irritieren lässt – was für den Schutzdienst gemäss
IPO schon mal ein Vorteil ist. Kehren wir aber noch einmal zum Element
Feuer zurück und betrachten dieses einzeln. Sein ausgeprägtes
Feuer verleiht diesem Hund nicht nur die Freude an Aktivität und
Aktion, sondern auch seinen Eigenwillen. In der Regel weiss dieser Hund
was er will. Dass dies mit Dominanz gleichzusetzen ist, dürften
wir alle verstehen. Zudem können wir bei diesem Hund von einer gewissen
Härte und Gnadenlosigkeit ausgehen. Glücklicherweise ist auch
das Element Erde besetzt, so dass diesem Hund eine gute Formbarkeit beschert
wurde, was nichts anderes als Gehorsam und Führigkeit verspricht.
Nehmen wir nun wiederum die beiden Elemente Feuer und Erde zusammen,
können wir auch den exzellenten Arbeitswillen dieses Hundes erkennen.
Was aber ebenfalls eine Tatsache darstellt, ist seine Sensibilität.
Bei diesem Hund ist eine überdurchschnittlich Triebstärke gegeben.
Ganz unschwer können wir erkennen, dass es sich um einen Hund handelt,
der an seinen Hundeführer doch so einige Anforderungen stellt. Was
ich an dieser Stelle auch bereits sagen kann: Dieser Hund gehört
in die Hände eines erfahrenen Hundeführers. Ein "Anfänger" wäre
glatt überfordert und ich glaube mit Sicherheit sagen zu können,
dass dies in einem Desaster enden würde.
Wer ist der Hundeführer?

Beim Hundeführer können wir von einem sensiblen Mann ausgehen,
der über sehr viel Geduld und Beständigkeit verfügt. Er
bezieht den anderen stark mit ein und begegnet Leben ganz allgemein mit
viel Respekt. Trotzdem weiss dieser Mann sehr klar was er will und welche
Richtung er einschlagen will. Ein Hundeführer also, der über
viel Standfestigkeit verfügt, jedoch genügend sensibel ist,
den Hund zu spüren und daher weiss, wo er ihn aktuell abzuholen
hat. Ein Hundeführer, der weiss worauf es ankommt und den Erfolg
nicht auf die Schnelle erzwingen will. Er weiss sehr wohl, dass Ziele
auch Schritt um Schritt erreicht werden können und nicht nur mit
7-Meilen-Stiefeln. Die Voraussetzungen diesem Hund gerecht zu werden,
sind unter diesen Gegebenheiten eigentlich recht gut.
Beziehungsfähigkeit des Hundes

Die erste Aufgabe kommt uns bereits an dieser Stelle daher: Der Hund
hat den Anspruch, bei seinem Menschen nicht nur die Nummer eins sein,
nein er möchte bei ihm auch gleich noch das Zentrum ausmachen. Das
heisst, er fordert enorm viel Aufmerksamkeit. Darüber ist er auch
abzuholen. Des Hundes stark ausgeprägte Gefühlsseite lässt
die wünschenswerte Nähe zu, so dass ein Miteinander auch absolut
möglich wird. Zu diesem Miteinander trägt aber auch die Fühlseite
des Hundeführers bei, indem er selber die tiefe Verbundenheit zu
dem Tier sucht und bereit ist, das gefühlsmässige Engagement
zu leben. Daher kann auch von einer intensiven und innigen Verbundenheit
ausgegangen werden. Dass der Beziehungsaufbau kein einfacher sein wird,
leite ich aus des Hundes Eigenwilligkeit ab. Die Arbeit zur Positionsklärung
wird den Hundeführer ganz sicher in Anspruch nehmen und dass dies
nicht auf einem schnellen Weg gehen kann, leuchtet uns dann ein, wenn
wir uns die Feinfühligkeit des Hundes vor Augen führen. Deutlich
wird auch bereits, dass sich die Menschen die davon gesprochen haben,
den Hund härter anzufassen, auf dem Holzweg befinden würden.
Die Beziehungsarbeit mit diesem Hund ist sicher fordernd, dürfte
zugleich aber auch spannend sein. Das Schöne daran ist, dass beide – Hund
und Hundeführer – zu einer enormen Nähe fähig sind – fast
beneidenswert!
Lern- und Denkvermögen
Grundsätzlich können wir von einem sehr aufmerksamen und an
seiner Umgebung interessierten Hund ausgehen. Dem Hund kann eine rasche
Auffassungsgabe attestiert werden. Beim Lernen ist auf eine angenehme
Atmosphäre und ein stimmiges Umfeld zu achten. "Laute" Trainer
sind nicht seines, dies verunsichert ihn nur. Wie der Hundeführer
mir bestätige, hatten sie bereits Trainerwechsel hinter sich. Entweder
waren sie zu laut, oder zu dominant. Zwischen dem Hundeführer und
dem Hund klappt die Kommunikation aber recht gut, vor allem weil der
Mann auf eine ganz konkrete Sprache achtet. Dem Hund darf kein Spielraum
für Interpretationen gegeben werden. Seine Formulierungen können
mit knapp und präzise umschrieben werden, was der Hund sollte verstehen
können. Wir können auch davon ausgehen, dass es bei diesem
Hundeführer nicht nur messerscharfe Befehle sind, sondern das Herz
ist immer mit dabei. Der Mann weiss in der Regel wovon er spricht.
Leistungsbereitschaft
Was dieser Hund an Leistungsbereitschaft in den Pfoten hat, ist ganz
einfach und banal ausgedrückt enorm. Dieser Hund besitzt ein überdurchschnittliches
Leistungspotenzial und ist sehr aufgabenorientiert. Lässt man ihm
Zeit, wird er ein Durchhaltevermögen aufbauen können, das – zusammen
mit des Hundes Eigenständigkeit – des Hundeführers Herzen
höher schlagen lässt. Zum Hund gehört eine schöne
Sportlichkeit, zudem wohnt in ihm der Kämpfer und er liebt die Herausforderung.
Dass er seine Sache gut machen will, ist ein Anspruch, den er an sich
selber stellt. Ja richtig, gut ist bei diesem Hund noch nicht gut genug – er
geht vom besten aus. Spürt dieser Hund das gefühlsmässige
Engagement seines Hundeführers gibt er alles. Unter diesen Voraussetzungen
lässt sich dieser Hund auch führen und ist zu ausserordentlichen
Leistungen fähig. Halbheiten kennt er nicht; seine Devise lautet,
alles oder nichts. Wir schauen uns wieder die beiden Geburtsbilder an
und sehen, dass auch die gemeinsame Leistungskomponente stimmt. Die beiden – Hund
und Hundeführer – geben nicht nur ein aktives Paar ab, sondern
mit der ganzen Gefühlskomponente können wir auch von einem
ausdrucksstarken Paar ausgehen, das gemeinsame eine hohe Sicherheit aufzuweisen
hat. Eines ist aber gewiss: Zuerst muss die Beziehungsebene stimmen.
Zusammenfassung
Dieser Rüde ist ein Hund mit einem überdurchschnittlichen
Leistungspotenzial, der einen engagierten Hundeführer zu begeistern
vermag. Seine Empfindsamkeit darf nicht übersehen werden. Im Gegenteil
es ist ein Muss, sie zu integrieren, ansonsten landet man weit neben
dem Ziel. Wie wir gesehen haben, bringt dieser Hund alles mit was es
zur IPO-Arbeit braucht: Positive Eigenständigkeit, gute Eigendominanz,
triebstark, mutig und unerschrocken die Herausforderung liebend, Sinn
für Unterordnung als Basis für ein optimales Miteinander und
eines ist dabei ganz wichtig: eine positive Aggressivität ist vorhanden,
mit der sauber gearbeitet werden kann. Nur eines – und das ist
jedoch ganz wichtig: Mit diesem Hund nicht zu schnell zu arbeiten, sondern
weniger ist manchmal mehr. Dabei sollten Sie sich, liebe Leser, eins
vor Augen halten: Der langsamere Weg ist sehr oft der schnellere.
Fortsetzung folgt
© Ursula
Liechti / Astrodienst AG 2004
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