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Multipersonale Komposithoroskope (Multikomposit)

Dieter Koch und Alois Treindl

Das gewöhnliche Zweipersonenkomposit wird aus den Geburtshoroskopen zweier Personen errechnet und soll Auskunft über die Natur der Beziehung zwischen den beiden Personen geben. Im Prinzip kann das Komposithoroskop für jede beliebige Art von Beziehung erstellt werden, also nicht nur für eine Liebesbeziehung, sondern z.B. auch für eine Freundschaft, eine Arbeitsbeziehung, eine Person, mit der man irgendwelche Probleme hat, oder gar für Feinde wie z.B. Sharon und Arafat usw.

Fürs Mehrpersonen- oder Multikomposit sind vergleichbare Anwendungen denkbar. Das Multikompositverfahren liefert Horoskope für Dreieckbeziehungen, Familienhoroskope oder Gruppenhoroskope von Arbeitskollegen oder Freunden. Besonders interessant: Man kann z.B. auch untersuchen, wie sich die Dynamik einer Gruppe verändert, wenn ein neues Mitglied hinzukommt oder eines ausscheidet.


Das Zweipersonenkomposit

Das gewöhnliche Zweipersonenkomposit ist wie folgt konstruiert: Die Sonne des Komposithoroskops befindet sich genau in der Mitte zwischen den Geburtssonnen der beiden Personen. Wir können diesen Punkt die Halbsumme, den Mittelwert oder den Balancepunkt nennen. Auf dieselbe Weise ergeben sich auch die anderen Planeten im Komposithoroskop, als Mittelwerte für die beiden Geburtspositionen des jeweiligen Planeten.

Einen Spezialfall stellen Venus und Merkur dar. Am realen Himmel können die beiden Planeten nie mehr als 45 Grad von der Sonne entfernt sein. Die Kompositposition kann jedoch gelegentlich mehr oder weniger in Opposition zur Sonne liegen. In solchen Fällen ziehen einige Astrologen es vor, den jeweiligen Planeten auf die gegenüberliegende Seite im Horoskop zu setzen (Verschiebung um 180 Grad).

Zur Berechnung von MC, Aszendent und Häusern im Komposithoroskop gibt es zwei Methoden. Bei der sogenannten "Bezugsortmethode" nimmt man den Mittelwert des MC und berechnet dazu Aszendent und Häuser für einen Bezugsort, wobei nur dessen geographische Breite in die Rechnung eingeht. Als Bezugsort eignet sich der Ort, an dem die Beziehung der beiden Partner sich "ereignet". Bei der anderen Methode, der sogenannten Schnittpunkt-Methode, werden für MC, Aszendent und jede Häuserspitze separat Mittelwerte gebildet. Diese Methode kommt ohne einen Bezugsort aus.

Astrodienst bietet beide Berechnungsmethoden an.


Das Mehrpersonenkomposit

Wie lässt sich die Technik des Komposithoroskops auf mehr als zwei Personen ausdehnen? Die Situation ist hier leider etwas komplizierter. Zwei Techniken kommen in Frage, die jeweils verschiedene Horoskope liefern. Bei nur zwei Personen liefern sie aber beide dasselbe Ergebnis - das herkömmliche Zweipersonenkomposit.


Die Mittelwert- oder Balancepunktmethode

Im Zweierkomposit ist also die Position der Sonne der Mittelwert der beiden Geburtssonnen, die Position des Merkurs der Mittelwert der beiden Geburtsmerkure, usw. Konkret wird man die Positionen der beiden Geburtsplaneten als eine Gradzahl zwischen 0 und 360 nehmen, sie zusammenzählen und die Summe durch zwei teilen. Der sich so ergebende Punkt ist jedoch nur eine von zwei möglichen Lösungen. Der andere in Frage kommende Punkt liegt genau in Opposition dazu. Fürs Komposit wird man denjenigen Punkt wählen, der zu den beiden Geburtsplaneten die geringeren Abstände aufweist.

Will man ein Komposit für drei oder mehr Personen erstellen, so ist man zunächst versucht, genau gleich vorzugehen. Man nimmt also die Gradzahlen der drei Sonnen, zählt sie zusammen und teilt die Summe durch drei. Doch das Resultat, das sich dabei ergibt ist nur manchmal sinnvoll, manchmal aber überhaupt nicht.

Ein Beispiel:
3 Personen mit Sonne auf
10° (10° Widder)
60° (0° Zwillinge)
350° (20° Fische)

420° : 3 = 140° (20° Löwe)

Diese Lösung ist offensichtlich sinnlos. Der korrekte Punkt müsste innerhalb des Bereichs liegen, in dem die Geburtssonnen sich häufen, also etwa bei 20° (20° Widder).

Was ist da los, warum klappt es nicht? Das Problem ist, dass das Ergebnis vom Bezugspunkt abhängt, von dem aus man rechnet. Im vorliegenden Fall ist dies der Frühlingspunkt. Rechnet man statt dessen von 20° Fische (= 350°) aus, so erhält man das richtige Ergebnis:

10° - 350° = 20°
60° - 350° = 70°
350° - 350° = 0°

  90° / 3 = 30°
  30° + 350° = 20° Widder - korrekt!

Es erweist sich, dass in unserem Beispiel je nach Wahl des Bezugspunktes drei mögliche Lösungen auftreten:

Bezugspunkt Lösung
60° < b <= 350° 20° Widder
350° < b <= 10° (370°) 140° (20° Löwe)
10° < b <= 60° 260° (20° Schütze)

Egal also, wie man rechnet, man kommt immer auf einen von drei Punkten, und zwar stehen diese im Abstand von 120° zueinander.

Nun erinnern wir uns, dass es auch im Zweierkomposit jeweils zwei Symmetriepunkte gibt, die als Lösung in Frage kommen und von denen man den besseren auswählen muss. Der bessere ist derjenige, der zu den beteiligten Planeten die geringeren Abstände hat. Ganz ähnlich verhält es sich auch beim Multikomposit. Bei drei Personen kommen aber drei Symmetriepunkte in Frage, die jeweils 120° voneinander entfernt sind. Jeder von diesen Punkten balanciert die drei Kompositsonnen in gewisser Weise. Der Punkt bei 140° z.B. ist von der Sonne bei 350° um 210° entfernt. Summiert man die beiden Distanzen, die er von den beiden anderen Sonnen entfernt ist, so erhält man ebenfalls 210 (80 + 130). Vergleichbare Rechnungen sind für jeden der drei Symmetriepunkte möglich. Es ist daher wohl zu vermuten, dass alle drei Symmetriepunkte astrologisch irgendwie relevant sind, und dennoch ist offensichtlich, dass derjenige bei 20° der wichtigste ist.

Dasselbe Phänomen ergibt sich auch bei einer größeren Anzahl von Personen. Stets gibt es genauso viele Symmetriepunkte, wie Personen am Komposithoroskop teilnehmen. Also bei n Personen sind es n Symmetriepunkte, die zueinander im Abstand von 360°/n stehen.

Wie bestimmt man nun den richtigen Symmetriepunkt, so dass man ihn als Kompositsonne ins Horoskop einzeichnen kann? Hierzu kann man für jeden Symmetriepunkt folgendes tun: Man berechnet, wie weit er von jeder beteiligten Geburtssonne entfernt ist, bildet für all diese Distanzen das Quadrat und zählt sie zusammen. Man tut dies für alle n Symmetriepunkte. Der gesuchte Kompositpunkt (also der "Sonnenmittelwert") ist derjenige Symmetriepunkt, bei dem die Summe aller quadrierten Distanzen am kleinsten ist.

Dies ist unser konkretes Vorgehen, wenn wir ein Multikomposit-Horoskop berechnen. Man kann die Methode aber auch einfacher wie folgt definieren:

Der Kompositpunkt ist derjenige Punkt im Tierkreis, für den die Summe
der quadrierten Differenzen zu den beteiligten Geburtsplaneten minimal ist.

Oder noch technischer:

Der Kompositpunkt ist derjenige Punkt im Tierkreis, für den die
Standardabweichung der beteiligten Geburtsplaneten minimal ist.

Wendet man diese Technik für zwei Personen an, erhält man gerade das herkömmliche Zweier-Komposithoroskop.

Zur Veranschaulichung dieser Methode ein Gedankenexperiment:

Wir besitzen einen Stab von 360cm Länge, wobei diese 360cm den 360 Graden des Tierkreises entsprechen. Diese Stange besteht aus ultraleichtem Metall und hat praktisch überhaupt kein Gewicht, ist aber gleichwohl sehr stark und unbiegsam. (Vergleichbar dem Material aus dem Ufos gemacht sind.) Wir kleben nun auf diesen Stab an den passenden Tierkreispositionen drei gleich schwere Gewichte, die unseren Geburtssonnen entsprechen. Nun versuchen wir diesen Stab auf unserem Finger zu balancieren. Die Frage ist: An welcher Tierkreisposition müssen wir den Stab auf den Finger legen, damit er balanciert. Dies ist der gesuchte Balancepunkt. Ein Beispiel: Drei Personen haben ihre Geburtssonnen auf 0° Widder, 0° Zwillinge (60°) und 0° Waage (180°). Der Balancepunkt findet sich auf 20° Zwillinge (80°).

Allerdings veranschaulicht dieses Gedankenexperiment das Multikomposit-Horoskop nicht perfekt. In der Praxis würde der Stab nur in einem Drittel der Fälle den richtigen Symmetriepunkt liefern, in allen anderen Fällen aber einen der beiden falschen. Nehmen wir etwa das Beispiel von weiter oben, also drei Sonnen auf 10°, 60° und 350°, so erhalten wir genau wie dort den Symmetriepunkt bei 140°, der gerade nicht dem gesuchten Resultat entspricht. Um die anderen Symmetriepunkte zu erhalten, müssen wir den Stab bei einer anderen Tierkreisposition beginnen lassen. Wählen wir die Skala auf dem Stab so, dass sie z.B. von 350° bis 350° geht, so erhalten wir die richtige Lösung, also die Kompositsonne auf 20°.

Selbstverständlich lässt sich eine vergleichbare Kompositmaschine nicht nur mit extraterrestrischen Materialien bauen, sondern auch mit irdischen. Die Vorrichtung wird aber komplizierter, weil wir vermeiden müssen, dass das Eigengewicht des Stabes ins Gewicht fällt.

Die Schwerpunktmethode (Vektorenaddition)

Beim anderen möglichen Verfahren versetzen wir uns in den Mittelpunkt des Tierkreises, setzen die drei Geburtssonnen an ihre jeweiligen Positionen und stellen fest, in welche Richtung sie uns ziehen. Man kann auf sehr einfache Art und Weise auch einen mechanischen Multikompositrechner bauen. Man nehme eine kreisförmige Scheibe aus Metall und bohre ein Loch genau in ihrer Mitte. Am äußeren Rand zeichne man den Tierkreis ein. Dann hänge man die Scheibe an einen in die Wand eingeschlagenen Nagel. Drei (oder n) Magnete von gleichem Gewicht sollen die Sonnen der beteiligten Personen repräsentieren. Diese setzt man nun auf der Scheibe an ihre jeweilige Position im Tierkreis. Die Scheibe beginnt sich zu drehen und pendelt sich in einer bestimmten Position ein, wobei ihr Schwerpunkt die tiefstmögliche Lage sucht. Der Punkt auf dem Tierkreis, der zuunterst zu liegen kommt, ist die gesuchte Position der Kompositsonne. Genau gleich verfährt man mit allen anderen Planeten.

Um die sich so ergebenden Kompositplaneten zu berechnen, rechnet man die Tierkreispositionen der beteiligten Geburtsplaneten in Vektoren (Pfeile vom Kreismittelpunkt zur jeweiligen Planetenposition) um und addiert sie vektoriell zusammen. Die Richtung des Summenvektors weist zum Kompositplaneten.

Wendet man dieses Verfahren für zwei Personen an, so erhält man wiederum das herkömmliche Zweierkomposit. Diese Methode liefert also für zwei Personen dasselbe Komposit wie das zuvor beschriebene Mittelwert- oder Balancepunktverfahren. Bei drei oder mehr Personen hingegen erhält man für die beiden Techniken verschiedene Horoskope!

Dies lässt sich an einem Beispiel veranschaulichen. Nehmen wir an, wir hätten zwei Geburtssonnen auf 0° und 180°. Nach der Schwerkraftmethode (Vektorenaddition) heben sich die in Opposition befindlichen Sonnen auf. Wären nur sie auf dem Kreis, so könnte man ihn in jeder beliebigen Richtung zum Stehen bringen, weil der Schwerpunkt der Scheibe genau in ihrem Mittelpunkt läge. Fügen wir nun noch eine dritte Sonne hinzu, die sich auf 60° befindet, so wird sich unsere Scheibe so drehen, dass die dritte Sonne auf den untersten Punkt zu liegen kommt. Mit anderen Worten: die Kompositsonne hat in diesem Fall dieselbe Position wie die Sonne des dritten Horoskoppartners, nämlich 60°.

Wie sieht das Ergebnis bei der Mittelwertmethode aus? Wir addieren
0° + 60° + 180° = 240° und teilen durch drei: 240° / 3 = 80°.
Dies ist zufällig auch gerade der günstigste der drei Symmetriepunkte. (Die beiden anderen befinden sich auf 200° (= 80° + 120°) und auf
320° (= 80° + 120° + 120°).)
Also die Kompositsonne befindet sich hier auf 80°, während sie bei der Schwerpunktmethode auf 60° liegt.

Daraus folgt, dass es für zwei Personen nur einen Komposittyp gibt, für mehrere Personen aber zwei verschiedene Komposittypen.


Präferenz von Astrodienst

Die Frage ist natürlich, welches Verfahren sich in der Praxis bewährt, und es ist durchaus denkbar, dass, wie so oft in der Astrologie, beide Varianten ihre Anhänger finden. Astrodienst zieht die Mittelwert- oder Balancemethode vor, gibt seinen Website-Besuchern aber auch die Möglichkeit, mit der Schwerpunktmethode zu experimentieren.
(Erweiterte Grafikauswahl -> Horoskopart: Multikomposit)

Es gibt auch ein theoretisches Kriterium, das wohl eher für die Mittelwert- oder Balancepunktmethode spricht. Ein Beispiel: Wir wollen ein Komposithoroskop für drei Freunde berechnen, wobei zwei von ihnen ihre Sonne recht genau in Opposition zueinander haben, z.B. im Widder und in der Waage. Der dritte Freund hat seine Sonne in den Zwillingen. Nach der Schwerpunktmethode würden sich Widder und Waage gegenseitig auslöschen, und die Kompositsonne wäre folglich in den Zwillingen. Mit anderen Worten, die Kompositsonne wird praktisch ausschließlich durch die dritte Person, den Zwilling, festgelegt. Aber wäre es in der Realität tatsächlich so, dass Widder und die Waage sich in der Dreierverbindung gegenseitig auslöschten und nur der Zwilling zum Zuge käme?


Eine Variation der Schwerpunktmethode

Man könnte die Berechnung auch noch mehr an die "physikalischen" Tatsachen anpassen, indem man auch die ekliptikale Breite der Planeten und die realen, distanzabhängigen Gravitationskräfte berücksichtigt, die von den Himmelskörpern ausgehen. Hier erhält man wiederum andere Komposithoroskope, übrigens auch fürs Zweierkomposit! Wir halten diese Methode jedoch für eher unastrologisch, weil Distanzen und Schwerkräfte in der Astrologie ja auch sonst keinerlei Bedeutung haben. Der schwere Jupiter, der leichte Mars und der ultraleichte Pluto haben in der Astrologie gleiches Gewicht. Die jeweiligen Abstände der Planeten von der Erde berücksichtigen wir in der Astrologie ebenfalls nicht.


Möglichkeiten zum Studium von Gruppendynamiken

Die Positionen von Kompositplaneten können auch "stabil" oder "instabil" in dem Sinne sein, dass sie auf das Hinzufügen oder Wegnehmen einer beteiligten Person stark oder nur schwach reagieren. Ein Beispiel: Wenn wir ein Komposit von vier Personen haben, deren Sonnen miteinander annähernd ein großes Quadrat bilden, so resultiert aus dieser Verteilung keine starke Tendenz in eine bestimmte Richtung. Die Position der Kompositsonne ist dann "wackelig": Fügt man nun eine Person hinzu oder nimmt eine weg, so kann sich die neue Kompositsonne massiv verschieben. Gegenbeispiel: Haben wir vier Personen mit der Sonne in den Zwillingen, so gibt es eine eindeutige gemeinsame Tendenz in Richtung Zwillinge. Das Hinzufügen oder Wegnehmen einer Person wird nur einen geringen Effekt auf die Kompositsonne haben, d.h. sie wird sich nicht massiv verschieben.

Entsprechend können Gruppenhoroskope auch insgesamt sehr stabil oder instabil sein. Wenn alle Planeten eine stabile Position haben, so werden Hinzufügung oder Wegnahme einer Person das Komposit nur wenig verändern. Sind dagegen mehrere Planeten instabil, wird sich das Horoskop massiv verändern.

Das Komposithoroskop gibt also ein interessantes Werkzeug in die Hand, mit dem die Dynamik von Gruppen und die Veränderung dieser Dynamik durch Hinzunahme oder Entfernung von Personen untersucht werden kann.

© Astrodienst 2007, Dieter Koch, Alois Treindl
 
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Was ist dran am siderischen Tierkreis?
Von Dieter Koch

Überarbeitete Version eines Vortrags vom 7. November 2004 am 3° Congresso Internazionale FAES (Federazione Astrologica Europa del Sud) in Milano

Copyright © 2007 Dieter Koch

In den 50er Jahren stellte der Ire Cyril Fagan umfassende Recherchen zur alten mesopotamischen und zur ägyptischen Astrologie an. Er rekonstruierte den babylonischen siderischen Tierkreis und begründete die Tradition der modernen westlichen siderischen Astrologie. Der siderische Tierkreis ist in der europäischen Astrologie also schon länger bekannt, hat aber immer nur relativ wenige Anhänger gehabt.[1] Um so mehr muß erstaunen, mit wieviel Furore sich die sogenannte vedische Astrologie in den letzten Jahren im Westen breit gemacht hat, deren Tierkreis sich vom Babylonischen doch nur etwa um ein Grad unterscheidet. Zu einem guten Teil dürfte dies an dem enormen Selbstbewußtsein liegen, mit dem Vertreter dieser Lehre deren Überlegenheit propagieren. Der Ausdruck "vedisch", direkt aus der Religion übernommen, steht sowohl für ehrfurchtgebietendes Alter als auch für göttlich offenbarte Wahrheit. Die vedische Astrologie ist Teil einer spirituellen Lehre, die nichts Geringeres verspricht als die spirituelle Erleuchtung und die Befreiung aus dem Kreislauf der Geburten. Doch wieviel ist da wirklich dran?

In meinem Vortrag möchte ich demonstrieren,

  • daß der Tierkreis, wenngleich ursprünglich an den Sternen fixiert, so doch von Anfang an tropisch konzipiert, d.h. auf die Jahreszeiten bzw. das Ackerbaujahr bezogen war
  • daß die ganze antike Astrologie - auch die siderische! -,  den Tierkreis mit den Jahreszeiten und mit dem Ackerbaujahr verband
  • daß dies möglich war, weil man von der Präzession des Frühlingspunktes noch nicht wußte
  • daß die siderische (vedische) Astrologie ihre Existenz der Tatsache verdankt, daß sie die Entdeckung der Präzession verschlafen und den ursprünglichen Sinn und Zweck der Sternbilder vergessen hat; daß ihr also ein fundamentales Miß- und Unverständnis der ursprünglichen Natur der Sternbilder zugrunde liegt
  • daß die siderische, d.h. von den Jahreszeiten völlig abgekoppelte Astrologie somit später entstanden ist als die tropische, die den Tierkreis mit den Äquinoktien und Solstitien in Übereinstimmung bringt

Nebenbei bemerkt: Meine kritische Haltung gegenüber der vedischen Astrologie schmälert nicht meine Liebe zur vedischen Philosophie, wie sie in den Upanischaden, der Bhagavadgita und dem Vedanta dargelegt ist.

Zunächst einige Tatsachen zur mesopotamischen Astrologie, die das Fundament meiner Argumentation darstellen.

Der sogenannte siderische Tierkreis, mit dem die siderische (vedische) Astrologie arbeitet, ist nicht identisch mit dem Sternbildertierkreis. Der Sternbildertierkreis besteht aus Sternenmustern unterschiedlicher Größe, die teilweise bereits im 3. Jahrtausend v.Chr. definiert worden sind, und deren Anzahl je nach Epoche und Tradition zwischen 11 und mindestens 17 schwankte. Der siderische Tierkreis hingegen, mit dem Astrologen arbeiten, ist ein imaginärer Kreis zu 12 je genau 30° großen Zeichen, die sich ungefähr in der Gegend gleichnamiger Sternbilder befinden. Er ist ab dem 5. Jh. v.Chr. nachweisbar, möglicherweise aber um Jahrhunderte älter.

Der tropische Tierkreis interessiert sich gar nicht für die Sternbilder. Er nimmt den Beginn des Widders beim Frühlingspunkt an, dort wo die Sonne beim Frühlingsanfang steht. Die Abkoppelung des Tierkreises von den Sternbildern wurde möglich (und, wie ich zeigen werde, notwendig) mit der Entdeckung der Präzession, also mit der Entdeckung der Bewegung des Frühlingspunktes durch den Sternenhimmel. Diese Entdeckung leistete der griechische Sternkundler Hipparch im 2. Jh. v.Chr.

Tierkreis der Sternbilder

  • Muster am Himmel, die von Fixsternen gebildet werden
  • verschieden in der Größe
  • ab dem 3. Jt. v.Chr. erfunden
  • die babylonische Himmelskunde kannte 17 ekliptikale Sternbilder (gemäß dem Keilschrifttext MUL.APIN)
  • Griechenland, Rom und das hellenistische Ägypten kannte 11 bzw. 12 ekliptikale Sternbilder

siderischer Tierkreis

  • ein imaginärer Kreis von 12 Zeichen gleicher Größe (je 30°)
  • die Zeichen befinden sich ungefähr in den Bereichen gleichnamiger Sternbilder
  • der siderische Tierkreis ist in Keilschrifttexten ab dem 5. Jh. v.Chr. belegt

tropischer Tierkreis

  • ein imaginärer Kreis von 12 Zeichen gleicher Größe (je 30°)
  • der Tierkreis ist an den Tagundnachtgleichen und Sonnenwenden fixiert, wobei der Widder beim Frühlingspunkt, der Krebs bei der Sommersonnenwende, die Waage beim Herbstpunkt, der Steinbock bei der Wintersonnenwende beginnt.
  • die tropische Definition des Tierkreises ist zum ersten Mal bei Ptolemäus (2. Jh. n.Chr.), geht aber möglicherweise auf Hipparch zurück (2. Jh. v.Chr.)

Jahreszeiten und die heliakischen Aufgänge und Untergänge von Sternbildern

Persönliche Geburtshoroskope wurden in Mesopotamien frühestens ab dem 5. Jh. v.Chr. erstellt. Davor beschäftigte sich die Astrologie nur mit dem Schicksal von Land und König, wobei mundane Beobachtungen von Planeten- und Wetterphänomen die Hauptrolle spielten.

Die astrologische Deutung von Planeten in Tierkreiszeichen in dem Sinne, wie wir sie heute kennen, ist sogar erst eine Erfindung der hellenistischen Astrologie. Sie wurde etwa ab dem 2. Jh. v.Chr. nach und nach entwickelt durch griechischsprachige Astrologen, die vorwiegend in Ägypten, Griechenland und Rom lebten. In der mesopotamischen Astrologie ist eine Zeichendeutung hingegen nicht zu finden. Wenig entwickelt ist sie übrigens auch in der indischen (vedischen) Astrologie, die sich in wesentlichen Teilen aus der griechischen Astrologie ableitet. (So hat sie den Tierkreis und die Aspekte von den Griechen übernommen. Anderseits sind z.B. die Nakshatras (Mondhäuser) eine originär indische Erfindung.)

In der Blütezeit der mesopotamischen Himmelskunde wurden die Sternbilder und die siderischen Tierkreiszeichen also nicht für die persönliche Horoskopdeutung verwendet. Statt dessen benutzte man sie zur Positionsbestimmung von Himmelsphänomenen, die fürs Schicksal von Land und König von Bedeutung zu sein schienen. Aber auch dies war nicht der ursprüngliche Sinn der Sternbilder. Vielmehr benutzte man sie, um die Jahreszeiten zu bestimmen. Die Babylonier kannten noch keinen gregorianischen, auch keinen julianischen Kalender, sondern verwendeten ein Jahr das aus zwölf Mondmonaten bestand, die stets mit dem Erscheinen der Neumondsichel begannen. Da solch ein Jahr nur 354 Tage hatte, mußten immer wieder Schaltmonate eingefügt werden, damit eine grobe Entsprechung zwischen den Monaten und den Jahreszeiten zustande kam. Unter diesen Umständen konnten die alten Mesopotamier natürlich nicht in der Weise, wie wir heute es können, aus dem Kalender die Jahreszeit ableiten, sondern mußten gerade umgekehrt den Kalender entsprechend der Jahreszeit immer wieder korrigieren. Die Jahreszeit aber stellte man dadurch fest, daß man beobachtete, welche Sternbilder am Morgen vor Sonnenaufgang am Ost- und am Westhorizont gerade noch sichtbar waren. Man nennt dies die "heliakischen" Aufgänge bzw. die "akronychischen" Untergänge von Sternbildern. Wenn z.B. um 2300 v.Chr. die Konstellation Waage morgens am Osthorizont heliakisch aufging, wußte man, daß Tagundnachtgleiche war. So heißt es in dem Keilschrifttext MUL.APIN:

"Am 15. Taschritu wird die Waage sichtbar… Die Dauer des Tages ist 3 Mana, die Dauer der Nacht 3 Mana." (MUL.APIN I iii 1-2) [2]

Dies war der anzustrebende Idealfall. Tauchte die Waage 30 Tage zu spät auf, so wußte man, daß die Zeit gekommen war, um einen Schaltmonat einzufügen.

Übrigens: Was hätte die Gleichheit von Tag und Nacht besser zum Ausdruck bringen können als das Symbol der Waage! Daß die Sonne hier nicht am Anfang der Konstellation Waage stand, sondern bereits an ihrem Ende, darf uns nicht irreführen. In welchem Zeichen die Sonne stand, war unwichtig. Es ging nur darum, aus dem heliakischen Aufgang, also aus dem Sichtbarwerden der Konstellation, die Jahreszeit zu bestimmen. Das Auftauchen der Waage am Morgenhimmel zeigte das Herbstäquinoktium an.

Wir können bereits aus diesem Beispiel erahnen, wie sehr die siderische Astrologie sich irrt, wenn sie glaubt, den ursprünglichen und wahren Tierkreis zu verwenden. Worum es diesem Tierkreis tatsächlich ging, hat sie völlig vergessen. Das Sternbild Waage hatte eine rein tropische Bedeutung. Heute, über 4000 Jahre später, ist es wegen der Präzession nicht mehr die Waage, die zu Herbstbeginn heliakisch aufgeht, sondern die Jungfrau und der Löwe. Könnte man einen alten babylonischen Sternkundler zum Leben erwecken, so würde er sagen, daß der siderische Tierkreis veraltet sei, weil er mit den Jahreszeiten nicht mehr übereinstimmt.

Betrachten wir den Morgenhimmel zum Herbstbeginn des Jahres 2300 v.Chr. aber im Detail:

Am Osthimmel aufgehend sah man also die Waage und unmittelbar darüber die Jungfrau mit einer Getreideähre in der Hand, dargestellt durch den Fixstern Spica.[3] Aus dem Keilschrifttext MUL.APIN wird klar, daß die Jungfrau auch als ein Getreideacker gedacht wurde.[4] In alter Zeit wird das Sternbild meist die "Ackerfurche" genannt. Für die Waage anderseits gab es in einem sumerischen Text, der von der Entjungferung der Ackergöttin Inana handelt, vermutlich auch die Alternativdeutung als ein Schaduf.[5] Ein Schaduf ist eine Bewässerungsvorrichtung, die ganz einer Waage gleicht. Er besteht aus einem senkrecht stehenden Pfeiler mit einem Querbalken. Auf der einen Seite des Querbalkens hängt ein Gefäß, auf der anderen ein Gegengewicht. Der Querbalken war drehbar. Wir haben hier also am Osthimmel einen Acker und eine Bewässerungsvorrichtung stehen. Oder, je nach Betrachtungsweise, einen Schaduf und eine junge Frau mit einer Getreideähre in der Hand.

Betrachten wir nun den Westhimmel zur gleichen Jahreszeit, ebenfalls unmittelbar vor Sonnenaufgang und ebenfalls im Jahr 2300 v.Chr.! Da sehen wir in etwa nebeneinander auf dem Horizont stehend den Stier bzw. einen Ochsen, und hinter ihm einen Ackermann und einen Pflug. Den Pflug kennen wir heute als die Konstellation des "Nördlichen Dreiecks", der Ackermann dagegen ist mit dem Sternbild Widder identisch. Über dem Rücken des Stiers befinden sich zudem die Plejaden, die, ähnlich wie der Fixstern Spica, eine Getreideähre darstellen.[6]

In einem Satz zusammengefaßt: Im Westen gingen Ochse, Getreideähre, Ackermann und Pflug unter, im Osten gehen der Acker, eine Getreideähre und der Schaduf auf. Die Symbolik ist klar: Dies war die Zeit, wo in Mesopotamien gepflügt und gesät wurde. Ein halbes Jahr später dagegen, wenn die Ähre der Plejaden auf- und die Ähre des Sternes Spica unterging, begann die Erntezeit.

Ich denke, dies ist eine vernichtende Feststellung für die siderische Astrologie. Die Sternbilder bildeten ganz klar das Ackerbaujahr ab, also das tropische Jahr, aber wegen der Präzession stimmte dies nur für diejenige Epoche einigermaßen, zu der das Sternbildersystem eingeführt wurde, d.h. etwa zwischen 3000 und 1500 v.Chr. Ihre Verwendung für die siderische Astrologie ergibt keinen Sinn. Ich könnte auf gleiche Weise auch die tropische Bedeutung anderer Sternbilder demonstrieren, will aber hier nicht ausufern.

Die 12 Tierkreiszeichen als Abbild des Lunisolarkalenders

Aber nicht nur die Sternbilder hatten ursprünglich eine Beziehung zur Jahreszeit. Es gibt in Keilschrifttexten deutliche Hinweise darauf, daß auch die später eingeführten 12 siderischen Tierkreiszeichen zu je 30° ursprünglich durch das tropische Jahr definiert waren und nur deshalb am Sternenhimmel fixiert wurden, weil man sich der Existenz einer Präzession noch nicht bewußt geworden war. Die entscheidenden Hinweise liefert wiederum der Keilschrifttext MUL.APIN.

Wir erfahren u.a., daß der "Pfad von Mond, Sonne und Planeten" hier noch nicht aus 12 Sternbildern besteht, sondern aus 17, wobei neben einigen der heute bekannten Konstellationen noch andere erwähnt werden. Die Morgenaufgänge dieser Konstellationen werden nun in dem Text, wie schon angedeutet wurde, mit Kalenderdaten korreliert, jedoch nicht mit den Daten eines realen Kalenders, sondern mit den Daten eines idealisierten tropischen Jahreskalenders zu 12 x 30 = 360 Tagen. In diesem Idealkalender fielen die Tagundnachtgleichen und Sonnenwenden per definitionem jeweils auf den 15. der "Monate" I, IV, VII und X. Die Korrelationen zwischen Sternaufgängen und idealen Kalenderdaten dienten zur Korrektur des im Alltag gebräuchlichen Lunisolarkalenders. Indem man die heliakischen Sternaufgänge beobachtete und die korrelierten idealen Kalenderdaten mit den realen Kalenderdaten verglich, wußte man, wann Schaltmonate einzufügen waren.

Es liegt nun auf der Hand, daß dieser ideale Jahreskalender der unmittelbare Vorläufer des siderischen Tierkreises ist, denn um vom Idealkalender zum siderischen Tierkreis zu gelangen, mußte man nur noch die Monatsnamen durch die Namen von 12 Sternbildern ersetzen, die während dieser "Monate" gerade aufgingen. Der Begriff "Tage" anderseits war durch "Grade" zu ersetzen! Da man glaubte, daß der Kreis der 12 "Monate" am Sternenhimmel fixiert war diese Umbenennung nur logisch. Er war aber in erster Linie tropisch gedacht, also auf die Jahreszeiten bezogen, gedacht, und wurde nur irrtümlich oder aus Bequemlichkeit am Sternenhimmel festgemacht.

Wenn man nun annimmt, daß bei diesem Vorgang der heute verwendete siderische Tierkreis nach Fagan herausgekommen sein muß, dann muß er sich ums Jahr 860 v.Chr. herum abgespielt haben. Etwa zur gleichen Zeit könnten auch die 17 Sternbilder auf 12 reduziert worden sein, damit die Korrelation zwischen Sternbildern und gleichnamigen normierten Zeichen einigermaßen stimmte. Der spätestmögliche Termin hierfür ist das 5. Jh. v.Chr., denn ab da ist der siderische Zwölfzeichen-Tierkreis auf Keilschrifttafeln erwähnt.

Den Beweis für die Richtigkeit dieser Erklärung liefert der griechische Astronom Eudoxos (4. Jh. v.Chr.). In seinem Werk "Phänomene" finden sich Listen von Sternen, die gleichzeitig mit den Anfängen der 12 Tierkreiszeichen aufgehen. Seine Angaben stimmen jedoch nur für Babylon, für 1000 v.Chr. und für einen siderischen Tierkreis, der den Frühlingspunkt auf 15° Widder hatte! [7] 15° Widder entspricht hier also dem 15.1. (Nisannu) im Idealkalender des MUL.APIN-Textes. Was Eudoxos tut, steht somit ganz klar in der Tradition des MUL.APIN und verwandter Texte! [8]

Tropische Astrologie in Babylon

Weitere Stützen für diese Erklärung finden wir in dem Keilschriftwerk Enuma Anu Enlil. Die Tafeln 16-22 geben Deutungen für Mondfinsternisse. Dabei spielt es jedoch nie eine Rolle, in welchem Sternbild eine Mondfinsternis stattfindet, sondern nur an welchem Kalenderdatum. Aus diesem Datum aber kann man direkt den tropischen Tierkreisgrad ableiten, auf dem die Finsternis idealerweise stattfindet.[9] Dasselbe gilt für die Deutung Sonnenphänomene, die in den Tafeln 23-29 behandelt werden.[10] Weiter wurden auch Monate gedeutet - also sozusagen tropische Sonnenpositionen -, sowie einzelne Kalendertage, insbesondere der 1., 14. und der 21. jedes Monats, die jeweils dem ersten Erscheinen der Neumondsichel, dem Vollmond und dem Dreiviertelmond entsprechen. [11] Und schließlich gibt es auch zahlreiche Deutungen von Planetenphänomenen (z.B. Erstaufgänge der Venus), die sich ebenfalls nur für das Datum, hingegen nicht für das Sternbild interessieren. [12]  Zwei Beispieltexte:

Enuma Anu Enlil 16,16: "Wenn eine Mondfinsternis sich am 15. Ajaru ereignet und bis zum Tagesanbruch dauert, wird der König vor Augen seiner Hofleute in Schande geraten."

Enuma Anu Enlil 28,1: "Wenn im Monat Nisanu der Sonnenaufgang wie ein vergossenes Blut erscheint: die Trauer wird kein Ende haben im Lande; es wird im Lande Verschlungenwerden-durch-den-Regengott (= Überschwemmung) geben. "

Ein Text mit dem Namen Iqqur îpuš, der sich mit den Erfolgsaussichten verschiedener Tätigkeiten in verschiedenen Monaten beschäftigt, enthält sogar ein Kapitel, das sich wie der Ursprung der - tropischen! - Geburtshoroskopie liest. Er lautet wie folgt:

"Wenn im Monat Nisannu (~= Widder) ein Kind auf die Welt kommt: Sobald es auf seinen Füßen geht, zerstört es das Haus seines Vaters. Wenn (es) im Monat Aiaru (~= Stier) (geboren wird), wird es sogleich sterben. Wenn (es) im Monat Simanu (~= Zwillinge) (geboren wird), ... (Text zerstört)" [13]

Das hört sich doch an wie der Beginn der tropischen Astrologie! Und schließlich sind auch Texte erhalten, in denen Tierkreiszeichen und Monate explizite gleichgesetzt werden.[14]

Es deutet somit alles darauf hin, daß der siderische Tierkreis auf eine Projektion des tropischen Jahreskreises im 9. Jh. v.Chr. an den Fixsternhimmel zurückgeht. Sein ursprünglicher Sinn ist tropisch!

Ich behaupte damit nicht, daß es nicht auch andere Texte gibt, bei denen die Stellung von Planeten oder Finsternissen in Sternbildern berücksichtigt werden. Doch selbst dort ist anzunehmen, daß die Sternbilder in Verbindung mit den Jahreszeiten verstanden wurden.

Hat sich der siderische Tierkreis in der hellenistischen Astrologie besser bewährt?

Siderische Astrologen nehmen für sich gern in Anspruch, daß die wichtigsten astrologischen Techniken nicht am tropischen, sondern am siderischen Tierkreis entwickelt wurden. Bei genauerem Hinblicken läßt sich diese Auffassung jedoch nicht halten. Wie schon gesagt, wurden das persönliche Horoskop und das System der Zeichendeutung erst in hellenistischer Zeit entwickelt. Zu dieser Zeit aber stimmten der siderische und der tropische Tierkreis ungefähr überein. Von daher ist es irrelevant für die Diskussion, an welchem der beiden Tierkreise das astrologische System entwickelt worden ist.

Daß die Astrologen der Spätantike dem siderischen Tierkreis den Vorzug gaben, wird von Siderikern gern als Zeichen dafür gewertet, daß er sich in der Praxis besser bewährte. Auch dies ist jedoch unhaltbar. Die Ephemeridenrechnung des Vettius Valens, eines siderischen Zeitgenossen des Ptolemäus, stimmte mit keinem der heute gebräuchlichen siderischen Tierkreise überein. Vom babylonischen nach Fagan wich sie um etwa 3° ab, vom indischen nach Lahiri um 2°. [15] In Wahrheit kam der tropische Tierkreis zu Valens‘ Zeit dem babylonischen sogar näher (nur 1° Abweichung)! Wäre der Fagan-Tierkreis also der richtige, so hätte Valens mit tropischen Ephemeriden erfolgreicher arbeiten müssen als mit denjenigen, die er verwendete. Schließlich ist auch zu bedenken, daß der Ephemeridenfehler bei einzelnen Planeten oft mehrere Grade betrug (ersichtlich aus Valens‘ Beispielhoroskopen). Es ist somit ausgeschlossen, daß sich der siderische Tierkreis in der Praxis antiker Astrologen gegenüber dem tropischen als besser bewähren konnte. Erst viel später, als die Differenz zwischen den beiden Tierkreisen stark anwuchs (sagen wir, nach 1000 n.Chr.), wurde dies möglich. Im Abendland hat dabei der tropische Tierkreis den Sieg errungen!

Wir sollten auch genauer untersuchen, wie siderisch Valens tatsächlich dachte. In Wahrheit ist seine Position widersprüchlich. So schreibt er: "Widder ist wäßrig in der Natur, erfüllt mit Donner und Hagel. Insbesondere die ersten Abschnitte bis zu dem Äquinoktialpunkt sind voller Stürme..." Valens ist sich zwar bewußt, daß der Frühlingspunkt in seinem Tierkreis nicht bei 0° Widder liegt; die ersten 4 Widdergrade liegen noch in den tropischen Fischen. Aber trotz diesem scheinbar siderischen Ansatz sind seine Zeichenbeschreibungen durchdrungen von klimatischen Angaben - somit von Jahreszeitbedingtem. Nirgends spricht Valens explizite davon, daß astrologische und jahreszeitliche Qualitäten von Tierkreiszeichen zu trennen wären. Dabei wäre diese Unterscheidung fundamental wichtig, wenn er wirklich konsequent siderisch dächte. Tatsächlich mischt er beides, jahreszeitbedingte und andere Qualitäten, wild durcheinander - genau wie der Tropiker Ptolemäus -, in einer Weise, als wären die Tierkreiszeichen jahreszeitgebunden. Die Kardinalzeichen bezeichnet Valens als "tropisch", d.h. eine Sonnenwende oder einen Äquinoktialpunkt enthaltend, den Stier als ein "Frühlingszeichen", und zwar im Kontext jeweils geradeso, als handelte es sich hierbei um bleibende Eigenschaften der Zeichen.

Auch zu bedenken: Weshalb beginnt die Aufzählung der Tierkreiszeichen auch bei den Siderikern ausgerechnet mit dem Widder? Weshalb nahm Valens an, daß bei der Entstehung des Kosmos ausgerechnet der Widder das MC war? Was könnte der Grund hierfür sein, wenn nicht die Tatsache, daß der Widder seit jeher mit dem Jahresbeginn (Frühlingspunkt) assoziiert wurde?

Valens‘ Position betreffend die Tierkreisfrage ist also widersprüchlich. Robert Hand hält es sogar für möglich, daß Valens gar keinen siderischen, sondern einen tropischen Tierkreis mit Frühlingspunkt verschieden von 0° Widder vertrat.[16] (Mit anderen Worten: Als Valentianer müßten wir selbst heute noch 0° Widder bei tropisch 26° Fische ansetzen.) Tatsächlich läuft Valens‘ Ephemeridenrechnung, die im Grunde tropischer Natur ist, genau hierauf hinaus, wie übrigens auch schon die Systeme der neuassyrischen Astrologie. Allerdings glauben diese Systeme gleichzeitig, daß der Frühlingspunkt sich an einem festen Ort am Sternenhimmel befinde. Richtiger wäre es daher zu sagen, daß sie von ihrer Absicht her sowohl tropisch (jahreszeitbezogen) als auch siderisch (fixsternbezogen) seien.

Interessant ist, daß weder Valens noch Ptolemäus die Frage "siderischer oder tropischer Tierkreis?" je diskutieren. Dies muß insbesondere bei Ptolemäus erstaunen, der gern und oft auf andere Autoren und Theorien Bezug nimmt. Ich ziehe daraus den Schluß, daß es solch eine Kontroverse gar nicht gab und selbst die Sideriker in der Antike tropisch dachten, schon längst bevor man es wagte, einen eigentlich tropischen, vom Sternenhimmel unabhängigen Tierkreis einzuführen. Ein von den Jahreszeiten abgelöster Tierkreis kam nicht in Betracht. Aber die Alternative, die Ablösung der Tierkreiszeichen von den Sternbildern fiel auch nicht leicht, sondern brauchte ihre Zeit. Valens‘ Widersprüchlichkeit zeigt offensichtlich die Geburtswehen des tropischen Tierkreises an.[17]

Ein tropischer Tierkreis war aus damaliger Sicht die einzige vernünftige Lösung. Man befand sich in einer geozentrischen Welt. Die Erde stand im Mittelpunkt. Und ganz analog waren auch die Jahreszeiten und die tropischen Sonnenbewegungen ein absolutes Bezugssystem für die Himmelsbewegungen. Die Entdeckung der Präzession bedeutete damals nicht eine Bewegung des Frühlingspunktes durch den Fixsternhimmel, sondern umgekehrt eine Bewegung der Fixsterne durch das tropische Koordinatensystem.[18]

Soweit die Probleme der siderischen Astrologie im Hinblick auf die mesopotamischen und griechischen Quellen.

Hat sich der siderische Tierkreis in der indischen Astrologie besser bewährt?

Wie aber steht es in Indien? Hat sich dort der siderische Tierkreis gegenüber dem tropischen als besser bewährt? So scheint es zunächst. Es gab indische Autoren in der Antike, die den tropischen Tierkreis lehrten (z.B. Âryabhata), andere, die den siderischen lehrten (z.B. Varâhamihira). Am Ende hat sich aber der siderische Tierkreis durchgesetzt. Ähnlich jedoch, wie in der hellenistischen Astrologie, wurde das Problem auch in der Antike Indiens nicht einmal ansatzweise diskutiert. Die beiden Tierkreise deckten sich in etwa, und bei manchen Autoren ist dieselbe widersprüchliche Haltung festzustellen wie bei Vettius Valens, daß sie also siderisch und tropisch gleichzeitig dachten bzw. Sterne und Jahreszeiten miteinander in Verbindung brachten.

Die Gründe für den Sieg des siderischen Tierkreises in Indien sind gewiß komplex. Klar ist aber, daß mangelndes Verständnis der Problematik hier mit eine wichtige Rolle gespielt hat. Ich möchte dies anhand eines besonderen Festes, der makara-samkrânti ("Steinbock-Ingress") verdeutlichen.

Die vedischen Opferrituale orientierten sich an den Sonnenwenden und Tagundnachtgleichen. Eine besonders wichtige Rolle spielte dabei die Wintersonnenwende. Der Weg der Sonne von der Winter- zur Sommersonnenwende wurde als glückbringend betrachtet, das andere Halbjahr dagegen, das mit der Sommersonnenwende begann, als unheilvoll. Man glaubte auch, daß die Götter beim Himmelsnordpol wohnen, während die Dämonen ihre Heimat unterirdisch beim Himmelssüdpol hatten. War die Sonne also auf dem Weg nach Norden, lief sie auf die Götter, andernfalls auf die Dämonen zu. Daher glaubte man z.B. auch, daß man je nachdem, in welchem Halbjahr man starb, entweder zu den Göttern oder nur zu den hungerleidenden Ahnen einging.

Nun wird in dem antiken indischen Text Sûryasiddhânta erklärt, daß die Sonne mit Eintritt in den Steinbock ihren nordwärts gerichteten Gang beginne, daß also der Steinbock sich bei der Wintersonnenwende befinde. [19] Dies ist jedoch keineswegs als ein Bekenntnis zum tropischen Tierkreis zu verstehen. Denn während der Epoche, in welcher die Urfassung des Sûryasiddhânta geschrieben wurde, war diese Aussage auch für den siderischen Tierkreis ungefähr richtig. In all seinen Rechnungen verwendet der Text immer nur das siderische Jahr. Das Problem der Präzession thematisiert er nicht, und er sagt nicht, wie entweder der Sonnenwendpunkt oder der Tierkreis im Laufe der Jahre zu korrigieren sei. Offenbar war ihm das Problem gar nicht bewußt. Erst zu einem späteren Zeitpunkt wurden einige Verse betreffend die Präzession in den Text eingefügt, jedoch an unpassender Stelle und in einer Weise, die nicht genügte, das Problem zu lösen. Das Resultat ist eine ähnlich widersprüchliche Haltung zwischen tropischer und siderischer Anschauung, wie wir sie aus dem antiken Griechenland bereits kennengelernt haben.

Die Problematik ist in Indien bis heute unbehandelt geblieben - mit sehr peinlichen Folgen: Die Inder feiern auch heute noch ein Fest namens makara-samkrânti, d.h. "Steinbock-Ingress", und sie verstehen es als den Glück verheißenden Beginn des Nordwärtsganges der Sonne, also als Wintersonnenwende. Sie feiern dieses Fest jedoch beim Eintritt der Sonne in den siderischen (!) Steinbock am 14. Januar, also in Wahrheit 24 Tage nach der Sonnenwende! Diese unfaßbare Absurdität erklärt sich nur durch die bornierte Traditionsgläubigkeit indischer Gurus.

Weiter läßt der Sûryasiddhânta bei derselben makara-samkrânti, also dem siderischen Steinbock-Ingreß, auch die Jahreszeiten beginnen, [20] und auch diese Praxis hat sich in Indien, zumindest in der spirituellen Praxis, bis heute erhalten, mit der Folge, daß die Jahreszeiten sich mittlerweile um 24 Tage verschoben haben und weiter verschieben werden. Der offizielle Kalender in Indien beruht heute allerdings auf dem tropischen Jahr. Er geht auf eine Kalenderreform zurück, die erst im Jahre 1957 vorgenommen wurde.

Es gibt weitere starke Argumente gegen die Behauptung, der siderische Tierkreis hätte sich in Indien in jahrtausendelanger Praxis bewährt. Jedenfalls kann es sich nicht um eine Bewährung von der Art handeln, wie wir sie erwarten würden. Die heutige indische Astrologie ist extrem auf Prognose und Charakterkompatibilität (für Hochzeiten) fixiert und interessiert sich kaum für Charakterdeutung, es sei denn für die Feststellung, ob ein Charakter "gut" oder "schlecht" sei. Anders als Europäer und Amerikaner, tauschen sich Inder nicht darüber aus, in welchem Zeichen sie die Sonne haben, eher schon über ihr Mondzeichen. Aber auch diese Information ist nicht mit einer Charakterdeutung verbunden, wie wir sie gewohnt sind, sondern interessiert eher im Hinblick auf partnerschaftliche Kompatibilität. Argwöhnisch könnte man hier vermuten, daß das Fehlen der Zeichendeutung daran liegt, daß der siderische Tierkreis zu diesem Zweck eben nicht taugt. Oder daß die Relevanz des tropischen Tierkreises deswegen nicht entdeckt wurde, weil die Charakterdeutung nicht besonders interessierte. Wenn wir also einen Bürgen für die Zuverlässigkeit eines der beiden Tierkreise suchen wollten, so wäre das Abendland wegen seiner Betonung der Sonnenzeichenastrologie und der Charakterdeutung sicher der geeignetere Kandidat als Indien. Und wie das Abendland sich in der Tierkreisfrage entschieden hat, wissen wir!

Die Deutung von Tierkreiszeichen wird in manchen modernen indischen Lehrbüchern wegen ihrem geringen Stellenwert nicht einmal behandelt. Wo sie aber behandelt wird, werden wir feststellen, daß sie von der uns bekannten Deutung teilweise massiv abweicht. Ein kleines Ratespiel soll uns die Problematik verdeutlichen: Ich zitiere die Beschreibung eines Zeichens aus einem modernen indischen Lehrbuch, und die Leser mögen zu raten versuchen, um welches Zeichen es sich handelt. Ich wähle das Buch Fundamentals of Astrology von Ramakrishna Bhat (20. Jh.), einem sehr angesehenen indischen Astrologen und Gelehrten. Die Beschreibung lautet: "Er wird intelligent und tugendhaft sein, wird über seine Verwandten Herrschaft ausüben, wird stolz sein, mit Feuer und Wind Schwierigkeiten haben, geschwätzig sein, einen starken Körper haben, ein paar Kinder haben, Verbindungen mit vielen Frauen haben, Astrologe sein, pünktlich sein, fröhlich sein, ein niedriges Einkommen haben, gebildet sein, heimliche Söhne haben, viele Sprachen kennen, immer in Begleitung sein und von einem König Reichtum erhalten." Kein Witz: Dies ist Bhats vollständige Beschreibung des Zeichens Krebs![21] Man beachte zum einen ihre Kürze und Unordnung. Sie ist wohl symptomatisch für den geringen Stellenwert, welcher der Zeichendeutung in Indien zugemessen wird. Auffällig ist aber auch, wie sehr sie vom abendländischen Verständnis des tropischen Krebses abweicht. Hätte Bhat recht, dann könnten wir nicht nur den tropischen Tierkreis, sondern auch all unsere tropischen Zeichendeutungen vergessen!

Man findet in Indien allerdings auch Zeichendeutungen anderer Art, die den unseren näher liegen. So z.B. bei B. V. Raman, dem wohl wichtigsten indischen Astrologen des 20. Jh.[22] Hier kann man z.B. den Krebs einigermaßen erkennen an Aussagen wie: "... sie liebäugeln mit der Feigheit. An ihren Kindern und ihrer Familie hängen sie sehr". Dies mag dem Einfluß antiker indischer Texte oder auch moderner abendländischer Astrologie zu verdanken sein. Aber selbst bei Raman gibt es krasse Abweichungen von den Deutungen, die wir kennen. So schreibt er über (siderische) Skorpione: "Ihre Natur befähigt sie, in der ganzen Welt Freundschaften zu schließen ... In den schönen Künsten sind sie bewandert, sie lieben das Tanzen und besitzen zweifellos eine philosophische und philanthropische Veranlagung." Hört sich dies nicht eher nach Schütze an? Wenn wir nun wissen, daß der siderische Skorpion sich heute weitgehend in der Gegend des tropischen Schützen befindet, wird uns dies allerdings wenig wundern. Die Vermutung liegt nahe, daß die Inder sich letztlich der "Wirkkraft" der tropischen Tierkreiszeichen nicht entziehen konnten und die Qualitäten des tropischen Tierkreises anscheinend selbst in der siderischen Astrologie durchschimmern, sobald diese sich um Zeichendeutung bemüht. Diese Vermutung bestätigt sich bei einer ganzen Reihe von Zeichen. Dem Schützen schreibt Raman teilweise Steinbockqualitäten zu: "Sie sind pünktlich und vertreten orthodoxe Ansichten. ... Sie sind zu unempfindlich und können sich ausschließlich nur für geschäftliche Dinge begeistern." Und der Steinbock erhält neben Steinbock- auch Wassermann-Eigenschaften: "sie sind mitfühlend, großzügig, menschenfreundlich und hegen für Literatur, Wissenschaft und Erziehung großes Interesse". Bei etlichen Zeichen finden wir also in Ramans Beschreibung neben den bekannten Eigenschaften auch solche des Folgezeichens. Dasselbe Phänomen finden wir auch bei anderen Autoren, sogar bei amerikanischen vedischen Astrologen. In einem Artikel im Mountain Astrologer, schreibt z.B. Kenneth Johnson der Jungfrau einige Eigenschaften zu, die wir eigentlich eher der Waage zuordnen würden. So hält er sie für "leidenschaftlich und sinnlich, aber mit einer sanften und entspannten Qualität, die sie geradezu faul erscheinen läßt." Und über die Fische sagt er, sie seien "fähig, ihre Feinde zu besiegen" - was doch eher eine Fähigkeit des Widders ist![23] Es scheint also, als hätten die siderischen Zeichen mit fortschreitender Präzession ihre Bedeutung gewandelt, und zwar entsprechend den tropischen Zeichen, die sich in derselben Himmelsgegend befinden. In dieser Hinsicht scheint das "Erfahrungswissen" der indischen Astrologie eher den tropischen als den siderischen Tierkreis zu stützen. Weder Raman noch Johnson sind sich dessen bewußt.

Dasselbe Phänomen läßt sich übrigens bereits bei dem spätantiken Autoren Satyâchârya [24] aufzeigen: Zwillinge erhalten hier Krebseigenschaften ("wankelmütig", "geringer Verstand", "ängstlich", "nicht sehr tätig"), Krebse Löweeigenschaften ("hochmütig und aufgeblasen", "bedeutende Arbeiten im Ausland", "wird Macht über andere haben"), Löwen Jungfraueigenschaften ("streng, befähigt, arbeitsam"). Haben die tropischen Zeichen also bereits in der Spätantike begonnen, die Bedeutung der siderischen Zeichen, über die sie sich zu schieben begannen, heimlich zu modifizieren?[25]

Nach alledem ist jedenfalls klar: Wenn neuzeitliche Astrologen Tierkreiszeichendeutung abendländischer Art mit dem siderischen Tierkreis machen, so ist dies keine alte Tradition, sondern eine ziemlich neue Erfindung, und auch weniger eine indische als eine amerikanisch-europäische.

Übrigens fließen bei der indischen Deutung von Planeten in Zeichen oftmals weder Zeichen- noch Planetencharakteristika in erkennbarer Weise ein. So schreibt Varâhamihira: "Wenn der Mond im Zeichen Waage steht und Merkur ihn aspektiert, wird der Betreffende ein König; Jupiter - ein Goldarbeiter; Venus - ein Handelsmann; Saturn, Sonne und Mars - ein Anführer, welcher viel Unheil bringt. Wenn der Mond im Zeichen Skorpion steht und Merkur ihn aspektiert, gibt eine solche Konstellation dem Geborenen Zwillinge; wenn Jupiter - wird der Geborene gehorsam sein; wenn Venus - ein Wäscher; Saturn - wird der Geborene fehlerhafte Gliedmaßen haben; Sonne - arm sein; Mars - wird er ein König." [26] Solche Deutungen sind bei abendländischem Verständnis der Zeichen und Planeten meist in keiner Weise nachvollziehbar. Mir scheint, die indische Astrologie ist hier auf der primitiveren Stufe der babylonischen Astrologie zurückgeblieben: Sie beruht auf einer Unzahl von Lehrsätzen ohne Warum, die man einfach auswendig lernt.

Nun hängen von der Wahl des Tierkreises auch die Aszendenten- und Häuserherrscher sowie andere Deutungsmethoden ab. Und da Herrscher und Würden in der indischen Astrologie eine bedeutende Rolle spielen, könnte man also als Sideriker argumentieren, der siderische Tierkreis habe sich in der indischen Astrologie u.a. durch die erfolgreiche Anwendung von Würden als richtig bewährt. Damit hätten wir dann allerdings gleich alles auf einmal "bewiesen": den siderischen Tierkreis, das System der Herrscher und Würden, und darüber hinaus auch noch das indische Häusersystem: ein äquales System, bei dem das 1. Haus das ganze Zeichen umfaßt, das am Aszendenten steht, und jedes weitere Haus wiederum ein ganzes Zeichen umfaßt. Nun ja, das hilft leider wenig, wenn man nicht nur dem siderischen Tierkreis, sondern auch dem indischen Häusersystem und dem Herrschersystem mißtraut. Direkte Zeichendeutung hielte ich für ein besseres, einfacheres und unmittelbarer einleuchtendes Kriterium. Und hier dürfte sich erweisen, daß der tropische Tierkreis besser überzeugt.

Es hilft auch nichts, hier die "unglaubliche Treffsicherheit" der indischen Astrologie oder ihre jahrtausendelange Bewährung ins Feld zu führen. Es mag ja sein, daß manche indische Astrologen in der Prognose verblüffende Fähigkeiten an den Tag legen. Ich kann mir diese Fähigkeiten jedoch nur durch eine Paarung der Astrologie mit Psi-Phänomenen erklären, welche in der indischen Spiritualität ja eine große Rolle spielen. Oder anders gesagt: Wird eine astrologische Sitzung als ein religiöser Akt vollzogen, können besondere Dinge geschehen. Daß hingegen eine überragende astrologische Technik die Ursache für den Erfolg vedischer Astrologie wäre, ist völlig ausgeschlossen. Wichtig für die astrologische Prognose sind die sogenannten dashas, d.h. eine Einteilung des Lebens in Phasen, die von verschiedenen Planeten regiert werden. Die dashas werden aus der Mondposition im siderischen Tierkreis abgeleitet. Eine Positionsverschiebung des Mondes um nur 1 Grad kann dabei die Beginnzeiten der dashas um über ein Jahr verschieben. Die dashas werden weiter unterteilt in sogenannte antardashas, die wiederum ihre Regenten haben. Wenn man nun bedenkt, daß die indische Astrologie einerseits erst in der Neuzeit Zugang zu exakten Ephemeriden erhalten hat und daß anderseits auch heute noch Unklarheit besteht, wo präzise der siderische Tierkreis seinen Anfangspunkt hat, wird ersichtlich, daß die vedische Technik unmöglich zu präzisen Ereignisdaten kommen kann. Ohne Intuition oder Hellsehen ist hier schlicht nichts zu machen! Was sich hier über Jahrtausende bewährt hat, kann also nicht die Technik der vedischen Astrologie, sondern müssen andere Fähigkeiten indischer Astrologen sein.

 

Die philosophischen Schwächen des siderischen Tierkreises

Eines der größten theoretischen Probleme der siderischen Astrologie besteht also darin, daß niemand genau weiß, wo der siderische Tierkreis beginnen soll. Allein in Indien gibt es mehrere verschiedene Auffassungen darüber! Dieses heillose Chaos hat seinen Grund darin, daß es für den siderischen Tierkreis keinerlei sinnvolle astronomische Definition gibt. Der siderische Tierkreis kann zwar an den Fixsternkonstellationen festgemacht werden. Doch leider sind die Grenzen der Konstellationen nicht klar festgelegt und die Größen unterschiedlich, so daß uns dies zur genauen Definition des siderischen Tierkreises nichts nützt. Auch die Verwendung von Ankersternen (Spica, Aldebaran, Antares) zur Fixierung des Tierkreises liefert letztlich keine sinnvolle Begründung des Systems. Niemand kann nämlich

sagen, warum gerade dieser oder jener Stern der Anker für den Tierkreis sein soll. Hier herrscht die reine Willkür. Anders beim tropischen Tierkreis: Hier sind die vier Quadranten durch das Kreuz der Tagundnachtgleichen und Sonnenwenden präzise definiert. Diese Definition ist so wunderschön klar und einleuchtend, daß alle tropischen Astrologen mit demselben Tierkreis arbeiten und keinerlei Streit darüber besteht, wo genau der tropische Tierkreis beginnen soll.

Die Sternbilder mochten früher einmal als astrologisches Bezugssystem einleuchten, als man die Sternbilder für unwandelbare, ewig feststehende Himmelsmuster hielt und als man von der Präzession noch nichts wußte oder die Theorie noch glaubwürdig war, daß der Frühlingspunkt vom Fixsternhimmel nicht vollständig unabhängig sei, sondern periodisch um einen siderischen Widderpunkt herumpendle (sog. Trepidationstheorie). Doch all diese Voraussetzungen sind heute nicht mehr gegeben. Insbesondere die neuzeitliche Einsicht, daß die Sternbilder ein ganz willkürliches Muster darstellen, das sich mit den Jahrzehntausenden langsam verändert, ist mit dem perfekt durchkomponierten System der 12 Tierkreiszeichen nicht mehr kompatibel. Es handelt sich um einen archetypischen Kreis, dessen Muster die verschiedenen Phasen einer jeden zyklischen Entwicklung im Kosmos beschreibt. Dabei bestehen Sinnbezüge zwischen jeder Opposition, jedem Quadrat und jedem anderen Aspekt. Wie aber könnten zufällige und veränderliche Sternmuster jemals ein solches in sich stimmiges System vorgeben? Der Kreis der Sternbilder ist nicht nur astronomisch unfundiert, sondern hat auch philosophisch keine Substanz.

Der in Indien gebräuchlichste siderische Tierkreis (Lahiri-Ayanamsha) ist durch den Fixstern Spica (α Virginis, in Sanskrit: citrā) auf 0° Waage definiert. Wie gesagt, können die Inder keinen sinnvollen Grund für diese Definition angeben. Die historische Erklärung ist vermutlich die, daß der heliakische Aufgang dieses Sternes ab ca. 1000 v.Chr. den Herbstanfang und damit in weiten Teilen des Nahen Ostens den Jahresanfang markierte. Auch schon um 2000 v.Chr. zeigte der Aufgang dieses Sterns, der zum Sternbild "Ackerfurche" (Jungfrau) gehörte und dessen lateinischer Name "Ähre" bedeutet, in Mesopotamien den Anfang des Ackerbaujahres an (Vorbereitung des Ackers für die Saat). Wenn diese Erklärung zutrifft, so zeigt sich auch hier wieder, daß die Inder an diesem Tierkreis nur deshalb festhalten konnten, weil sie seinen ursprünglichen Sinn vergessen haben. In Indien heißt der Stern citrā, "die Helle".

Die Unabhängigkeit der Tierkreiszeichen von den Sternbildern wird auch durch die Analogie zwischen astrologischen Häusern und Zeichen demonstriert. Der Widder hat eine Entsprechung zum 1. Haus, der Stier zum 2. usw. Nun sind die Häuser ebenfalls nicht am Fixsternhimmel festgemacht, sondern imaginäre Abschnitte auf der Ekliptik. Ein weiterer solcher imaginärer Kreis ist das Huber‘sche Mondknotenhoroskop, das die 1. Hausspitze auf den Mondknoten setzt. Und genauso darf auch der Tierkreis allein am Jahreszeitenkreuz festgemacht sein. Die zwölf Zeichen stellen ein Muster dar, das sich auf alle möglichen Zyklen übertragen läßt. Übrigens auch auf nichtastronomische Zyklen wie z.B. Lebensjahrsiebte.


[1] Cyril Fagan and Brigadier R.C. Firebrace, Primer of Sidereal Astrology, Isabella, MO, USA 1971.

[2] Hunger, Hermann, and David Pingree, MUL.APIN. An Astronomical Compendium in Cuneiform, AfO, Beiheft 24, Horn/Österreich, 1989, p. 43. Es gibt eine Kontroverse um das Alter dieses Textes. Er ist nur auf Tafeln aus dem 7. Jh. v.Chr. erhalten. Manche Experten (z.B. Pingree und Hunger) nehmen an, daß er um etwa 1000 v.Chr. verfaßt wurde. Doch Werner Papke und B.L. van der Waerden haben darauf hingewiesen, daß die astronomischen Beobachtungen, die der Text beschreibt, sehr viel älter sind. Sie stammen aus dem 24. Jh. v.Chr.

[3] Die damalige Jungfrau umfaßte allerdings nur den südlichen Teil des Sternbildes Jungfrau, wie wir es heute kennen.

[4] MUL.APIN I.ii.10.

[5] ETCSL 1.3.3, 59-71 ("Inana and Šu-kale-tuda"). Ich verweise auf meine detaillierten Ausführungen in: Dieter Koch, Der Stierkampf des Gilgamesch - Vom Ursprung menschlicher Kultur, S. 151ff. (http://www.lulu.com/content/546962).

[6] Alle Sternbilder sind erwähnt in MUL.APIN I.i.1.-I.ii.35.

[7] B. L. van der Waerden, Die Astronomie der Griechen, Darmstadt, 1988, S. 86f. Etwas ganz Ähnliches tat schon Euktemon im 5. Jh. v.Chr., s. ebenda, S. 79ff.

[8] Hier stellt sich die Frage, weshalb der Frühlingspunkt ursprünglich auf 15°, und später auf 0° Widder angenommen wurde. Das erklärt sich vermutlich von daher, daß ein Himmelskörper etwa 15° Distanz von der Sonne braucht, um morgens vor Sonnenaufgang gesehen werden zu können. Der Frühlingsanfang trat somit dann ein, wenn der Anfangsbereich des Widders heliakisch aufging. Die Sonne stand zu diesem Zeitpunkt auf 15° Widder.

[9] Francesca Rochberg-Halton, Aspects of Babylonian Celestial Divination: The Lunar Eclipse Tablets of Enuma Anu Enlil, Archiv für Orientforschung, Beiheft 22, 1998.

[10] Wilfried H. van Soldt, Solar Omens of the Enuma Anu Enlil, Netherlands historisch-archaeologisch Institut 1995.

[11] Swerdlow, N.M., The Babylonian Theory of the Planets, Princeton, NJ, USA, 1998 (Princeton University Press), S. 7.

[12] Ebenda, S. 8ff.

[13] René Labat, Un calendrier babylonien des travaus des signes et des mois (séries iqqur Ðpuë), Paris, 1965 (Honoré Champion), § 64, S. 133. Aus dem Französischen übersetzt von D. Koch.

[14] Ernst Weidner, Gestirn-Darstellungen auf babylonischen Tontafeln, Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien, 1967 (Hermann Böhlnhaus Nachf.)

[15] Der Ayanamsha des babylonischen Tierkreises nach Fagan betrug um 150 n.Chr. etwa -1°, der indische nach Lahiri -2°. Betrachtet man die Ephemeridenrechnung des Vettius Valens für die Sonne, so erhält man für seine Zeit (150 n.Chr.) einen Ayanamsha von -4° +/- 1°, beim Mondknoten -5°. Ephemeriden weiterer Himmelskörper habe ich nicht geprüft. Aus Valens‘ Beispielhoroskopen ergibt sich im Schnitt ein ähnlicher Ayanamsha (-4°). Allerdings sind die Planetenpositionen oft um mehrere Grad falsch. Robert Hands Angabe, Valens‘ Tierkreis hätte den Frühlingspunkt auf 8°, trifft nicht zu. (in: Vettius Valens, The Anthology, Berkeley Springs, WV, USA, (Golden Hind), Vol. I, Einleitung von R. Hand, S. ii/iii.)

[16] a.a.0.

[17] vgl. hierzu auch Robert Hands Ausführungen a.a.O.

[18] Ptolemäus, Almagest, VII,2f.

[19] Sûryasiddhânta, XIV,7-10; und Kommentar von Burgess zu I,14 (in: Ph. Gangooly (ed.), The Sûrya Siddhânta, Delhi (MLBD), 2000, S. 9).

[20] Sûryasiddhânta, XIV,10.

[21] M. R. Bhat, Fundamentals of Astrology, Delhi (Motilal), 19792, S. 82 (Übersetzung des Verfassers aus dem Englischen).

[22] B.V. Raman, Hindu-Astrologie, München (Barth), 1938, S. 76-82.

[23] Kenneth Johnson, "The Beauty and the Deep Blue Sea. A Vedic Perspective on Virgo and Pisces", in: The Mountain Astrologer, Aug./Sept. 2004, S. 81f.

[24] zitiert in: Varaha Mihira, Lehrbuch der altindischen Astrologie, Waakirchen (Urania), 1979, S. 130f.

[25] Vgl. hiermit die Beschreibungen im ältesten Werk der indischen Astrologie, in Sphujidhvajas Yavanajâtakam, Kap. 12. Hier sind derartige Zeichenvermischungen noch nicht zu finden.

[26] ebenda, S. 133.

 
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Pluto kein Planet mehr?
Was bedeutet das für die Astrologie?

Von Dieter Koch

Schon bald nach seiner Entdeckung im Jahre 1930 begann man zu zweifeln, ob es sich bei Pluto um einen echten Planeten handelt. Zum einen ist er äußerst klein, sogar deutlich kleiner als unser Mond. Zum andern umläuft er die Sonne auf einer sehr ungewöhnlichen Bahn, die eher derjenigen von Asteroiden gleicht. Doch da Pluto der einzige kleine Himmelskörper dort draußen war, ließ man ihn einstweilen als Planeten gelten. Im Laufe der letzten Jahre sind nun im äußeren Sonnensystem jenseits von Neptun etliche neue Himmelskörper entdeckt worden. Viele von ihnen haben ähnliche physikalische Eigenschaften wie Pluto und umkreisen die Sonne sogar auf Bahnen, die der Bahn Plutos ähneln. Sie alle sind von Anfang an als Asteroiden klassifiziert worden. Schon seit einigen Jahren ist daher bei vielen Astronomen die Auffassung gewachsen, daß Pluto in Wahrheit gar kein Planet, sondern ein sogenannter Asteroid sei.

Zu einem echten Problem geworden ist diese Frage vor etwa drei Jahren, als zum ersten Mal ein transneptunisches Objekt entdeckt wurde, das etwas größer ist als Pluto, mit der Bezeichnung 2003 UB313.

Er hat den provisorischen Namen Xena (griechisch die Fremde oder die zu Gast ist) erhalten und ist zur Zeit etwa dreimal so weit von der Erde entfernt wie Pluto. Da Pluto im Jahre 2003 noch als Planet galt, zogen manche Astronomen daraus den Schluß, daß UB313 der zehnte Planet sei. Doch andere forderten, daß die Entdeckung von UB313 nun eine Degradierung Plutos zum Asteroiden erzwingt. Diese Ansicht scheint sich in Prag nun durchgesetzt zu haben, wenigstens ein Stück weit. Am 24. August hat die Internationale Astronomische Union (IAU) bei ihrer Generalversammlung in Prag den Begriff Planet erstmals eindeutig definiert und eine neue Klassifizierung der Himmelskörper festgelegt.

Die neue Sprachregelung ist nun wie folgt:

  • Echte Planeten gibt es acht: Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus, Neptun
  • Daneben gibt es eine Anzahl von Zwergplaneten (dwarf planets). Zu ihnen gehören Pluto, 2003 UB313 und die zwischen Mars und Jupiter kreisende Ceres.
  • Welche der bekannten Himmelskörper sonst noch dazu gehören, wird in den kommenden Monaten entschieden.
  • Die übrigen die Sonne umlaufenden Himmelskörper, wie Asteroiden und Kometen, gelten nun also small solar system bodies.

Pluto (Hades)Viele Astrologieinteressierte stellen sich besorgt die Frage, welche Folgen die Degradierung Plutos für die Astrologie hat. Muß Pluto nun aus der Horoskopdeutung ausgeschlossen werden? Muß man ihn anders deuten? Sind die Astrodienst-Horoskopdeutungen jetzt noch gültig?

Um es gleich vorwegzunehmen: Derartige Sorgen sind unbegründet. Die Erkenntnisse, die Astrologen über die astrologische Wirkung Plutos seit 1930 gewonnen haben, werden dadurch nicht angetastet. Seine Bedeutung im Horoskop bleibt dieselbe. Die Horoskope von Astrodienst bleiben gültig.

Die Entscheidung der Astronomen, daß Pluto kein Planet mehr sei, ist auch gar nicht als eine neue Erkenntnis zu werten, die unser Wissen über Pluto schlagartig revolutionierte. Vielmehr handelt es sich um eine Art offizielle Sprachregelung der Astronomen. An Plutos Natur oder an unserem Wissen über ihn hat sich damit nichts geändert. Geändert hat sich allenfalls die Art und Weise, wie wir ihn im Zusammenhang mit den anderen Himmelskörpern einschätzen.

Es ist aber denkbar, daß einige Astrologen gerade aus dieser neuen Beurteilung Plutos im Rahmen des Sonnensystems Konsequenzen ziehen. Vielleicht werden einige tatsächlich nicht mehr mit Pluto arbeiten. Es gibt ja sogar Astrologen, die nicht einmal Uranus und Neptun verwenden, sondern nur die klassischen Planeten, die von Auge (also ohne Teleskop) sichtbar sind und schon in der Antike bekannt waren. Doch auf Pluto werden nur sehr wenige Astrologen verzichten wollen. Zu wichtig sind die astrologischen Prozesse, die er auslöst. Eher noch ist es denkbar, daß etliche Astrologen nun beginnen, auch weitere Zwergplaneten in die Horoskopdeutung einzubeziehen, z.B. eben UB313, Ceres und andere. Allerdings sind diese Himmelskörper astrologisch noch nicht sehr gut erforscht. Von UB313 weiß man noch so gut wie gar nichts.

Also kein Grund zur Beunruhigung für Astrologen und astrologisch Interessierte, aber sehr wohl ein Grund für Aufregung und weitere Forschung!

 
nach obenChiron, Pholus und Co.

Siehe auch: Andere Himmelskörper

Am 1. November 1977 entdeckte der amerikanische Astronom Charles Kowal einen Kleinplaneten in einer außergewöhnlichen Bahn und taufte ihn einige Wochen später auf den Namen Chiron. Es gibt zwar hunderte von Planetoiden im Sonnensystem - und viele davon sind größer als dieses neue Objekt mit seinen maximal 160 km Durchmesser -, doch durch die Lage seiner Bahn zwischen Saturn und Uranus ist Chiron einzigartig. Chiron hat eine Umlaufzeit von ca. 50 Jahren und nähert sich immer wieder stark an Saturn und Uranus an. Seine Bahn ist instabil, d.h., sie befindet sich vermutlich erst seit einigen tausend Jahren in dieser Position und wird nur einige weitere tausend Jahre dort verweilen. 1991 wurde Chiron als eingefangener Komet klassifiziert. Die Astronomen sind sich nicht ganz einig, ob Chiron ein Planetoid oder ein Komet ist. Er ist daher sowohl im Kleinplanetenkatalog als auch im kürzlich geschaffenen Kometenkatalog verzeichnet. Seine Position kann im Zeitraum von 1500 v.Chr. bis 4000 n.Chr. gut berechnet werden, außerhalb dieser Zeit ist sie jedoch unsicher.

Als besonders ungewöhnlich gilt die Lage der Bahn Chirons zwischen Saturn und Uranus; ungeachtet der astronomischen Klassifikation als Asteroid bzw. Komet nimmt Chiron daher gewissermaßen die Rolle eines Planeten an. Chiron SymbolZudem ist seine Bahn - ähnlich der des Pluto - stark exzentrisch, so daß Chiron sowohl die Bahn des Saturn als auch die des Uranus gelegentlich kreuzt. Daher gilt er den Astrologen als "Vermittler" zwischen diesen beiden astrologischen Kräften, als Bindeglied zwischen dem "Hüter der Schwelle" (Saturn) und den äußeren Planeten. So werden Chiron in der astrologischen Deutung u.a. sowohl saturnische als auch uranische Eigenschaften beigelegt. Entgegen der heutigen Klassifikation als eingefangener Komet hielt man Chiron ursprünglich für einen verirrten Planetoiden, weitab von der "Herde" der anderen Planetoiden zwischen Mars und Jupiter. Dieser Umstand führte - zusammen mit den Bahneigenschaften - dazu, Chiron als "Maverick" (Einzelgänger, Abtrünniger) zu bezeichnen. Als Symbol für Chiron hat sich mittlerweile das abgebildete, schlüsselförmige Zeichen allgemein durchgesetzt. Auch hierauf greift die astrologische Deutung zurück: Chiron ist der Schlüssel sowohl zu den transsaturnischen Planeten als auch zu jenen Lebens- und Erfahrungsbereichen, die über die klassische Mythologie erschlossen werden. Kronos und Rhea

Dem Mythos zufolge stellte Kronos (Saturn) einst der Nymphe Philyra nach. Mitten im Geschlechtsakt ertappte ihn seine Gattin Rhea, worauf er sich in einen Hengst verwandelte und floh. Aus dieser Vereinigung ging der Kentaur Chiron hervor, ein Wesen, halb Mensch und halb Pferd. Philyra war nach der Geburt über ihr häßliches Kind so entsetzt, daß sie Zeus bat, sie in einen Lindenbaum zu verwandeln. Nach dieser frühen Abweisung durch seine Mutter lebte Chiron in einer Grotte auf dem Berg Pelion als Erzieher von Helden und als Lehrer der Heil-, Jagd- und Kriegskunst sowie der Musik. Seine bekanntesten Schüler waren Achilles und Asklepios. Auch Chirons Ende ist bedeutsam: Unbeabsichtigt wird er von einem Giftpfeil seines Freundes Herakles getroffen. Da Chiron als Halbgott unsterblich ist, muß er mit der unheilbaren Wunde weiterleben. Schließlich bietet er dem Zeus die eigene Unsterblichkeit zur Sühnung des Frevels des Prometheus an und wird damit von seiner Qual erlöst.

Chiron ist ein Wesen zwischen Tier und Mensch, er verbindet die dunkle, naturhafte, instinktive Seite mit der vernunftmäßigen. Astrologisch steht er für Weisheit, Besonnenheit und die Meisterschaft über das innere Dunkel. Wegen seiner unheilbaren Verwundung wird er mit körperlichen und seelischen Leiden in Verbindung gebracht. Außerdem wird ihm die Fähigkeit nachgesagt, aus dem eigenen Leiden Weisheit gewinnen und das Leiden anderer Menschen lindern zu können. Bei der Deutung sollte man beachten, daß Chiron, wie andere Planetoiden, nicht auf der gleichen Ebene wie die klassischen Planeten steht. Er sollte nur bei Bedarf zusätzlich in Betracht gezogen werden. Daher ist Chiron auf den Zeichnungen auch nicht ins Aspektbild integriert.

Pholus und andere neue Planeten

Seit 1992 ist Chiron nicht mehr der einzige Kleinkörper im äußeren Sonnensystem. Es wurden einige weitere Planetoiden im Raum zwischen Saturn und Neptun entdeckt. Der erste von ihnen erhielt nach dem wichtigsten Kentaurenkollegen Chirons den Namen Pholus. Die ganze Gruppe dieser Objekte wird als "Kentauren" bezeichnet. Außer den Kentauren wurde im Bereich von Pluto und jenseits von ihm ein neuer großer Kleinplanetengürtel entdeckt, der vermutlich noch weit mehr Mitglieder besitzt als der Hauptgürtel zwischen Mars und Jupiter. Pluto selbst ist wohl als ein Mitglied dieser Gruppe anzusehen, ist allerdings weit größer als seine neuen Kollegen.

Der Planetoid Pholus berührt an den Extrempunkten seines Weges um die Sonne die Bahnen von Saturn und Neptun. War Chiron ein Schlüsselplanet von Saturn zu Uranus, so ist also Pholus ein Neptunschlüssel. Seine mittlere Sonnendistanz ist ein wenig größer als diejenige von Uranus, seine Umlaufzeit beträgt 92 Jahre. Im Mythos ist Pholus der Verwahrer des Weines der Kentauren, um den der Kampf zwischen Herakles und den Kentauren entbrennt. Wie Chiron wird auch Pholus unabsichtlich in den Kampf verwickelt und kommt durch einen tragischen Unfall ums Leben. Als er einen Giftpfeil des Herakles neugierig untersucht, verletzt er sich tödlich.

Nach ersten Untersuchungen zeigt Pholus astrologisch außergewöhnliche Fähigkeiten auf einem bestimmten Gebiet an oder eine Experimentierfreude, die zu unerwarteten Resulaten führt. In Transiten über die Hauptachsen markiert er oft radikale und unerwartete Veränderungen im Leben der betroffenen Personen, was im Mythos durch den plötzlichen Tod angezeigt wird.

Literatur

Erminie Lantero, The Continuing Discovery of Chiron, Samuel Weiser Inc. (1983), 189 pages, ISBN 0-87728-549-7. Ein ausführliches und fundiertes Deutungsbuch auf der Basis eines symbolisch-archetypischen Ansatzes.

Melanie Reinhart, Chiron - Heiler und Botschafter des Kosmos
Edition Astrodata. Empfehlenswert.
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Robert v. Heeren und Dieter Koch, Pholus. Wandler zwischen Saturn und Neptun, Chiron Verlag, Mössingen 1995.
Ein überaus fundiertes Werk, das u.a. auch näher auf Chiron eingeht. Sehr empfehlenswert.
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Lilith - der schwarze Mond
 


Siehe auch: Andere Punkte im Horoskop


Am Anfang war die Große Göttin, und die Göttin war die Erde und die Erde war die Göttin. Die Ursprünge des Kults der Großen Göttin liegen verschüttet in der langen Dämmerung der vorgeschichtlichen Zeit.Lilith - Relief aus Sumer Die Große Göttin herrschte während hunderttausenden von Jahren. Dann kam der Siegeszug des Patriarchats, die Muttergöttin wurde gestürzt oder verdrängt, und der Sieg des Archetyps aller Patriarchen - Jahwes, Gott Vaters, Allahs - in der judäo-christlich-moslemischen Welt war vollkommen. Nur in der domestizierten Form der Gottesmutter Maria durften im Christentum einige Aspekte der alten Muttergottheit überleben, und diverse schwarze Madonnen an alten Heiligtümern der Großen Mutter zeugen noch von ihr.

Die Figur der Lilith ist eine Erscheinungsform, ein Teilaspekt der Großen Göttin. Im babylonischen Reich ist sie noch Gottheit, als Lilitu, Ischtar oder Lamaschtu. In der jüdischen Mythologie ist sie schon verdrängt ins Dunkel, eineböse Nachtdämonin, die Männern nachstellt, Kinder tötet und sich mit Satan paart.

Lilith astronomisch
Der Mond beschreibt eine Ellipse, in deren Brennpunkt die Erde steht. Eine Ellipse hat aber zwei Brennpunkte, und den anderen, leeren Brennpunkt der Mondellipse bezeichnet man als den dunklen Mond, den schwarzen Mond oder Lilith. Diese Definition ist etwas vereinfacht, in Wirklichkeit beschreiben Erde und Mond Bahnen um ihren gemeinsamen Schwerpunkt, und die Mondbahn ist keine saubere Ellipse, sondern eine ziemlich wackelige Angelegenheit. Man muß unterscheiden zwischen der mittleren Mondbahn, einer sich langsam im Raum verlagernden Ellipse, und der tatsächlichen Mondbahn, die unter dem Einfluß von Störungen durch Erde und Sonne immer um diese mittlere Bahn schwankt. So wie es einen mittleren und "wahren" Mondknoten gibt, gibt es auch eine mittlere und eine "wahre" Ellipse sowie eine mittlere und eine "wahre" Lilith. Ich schreibe "wahr" in Anführungszeichen, weil dieser astronomische Begriff der "wahren" Bahn mit Wahrheit wenig zu tun hat. Der "wahre" Mondknoten etwa ist nur zweimal im Monat wirklich wahr, nämlich dann, wenn der Mond sich dort befindet, und sonst ist er so hypothetisch oder "unwahr" wie der mittlere. Wenn man es genau nimmt, müßte man bei der Berechnung eines so erdnahen Punktes wie der Lilith auch die große Parallaxe berücksichtigen, das heißt, von welchem Punkt auf der Erde aus man diesen Punkt am Himmel betrachtet. In der Astrologie werden die Planeten aber immer geozentrisch, d.h. vom Erdmittelpunkt aus betrachtet, und nicht topozentrisch, d.h. vom Standpunkt des Betrachters aus.

 

  Schwarzer Mond astronomisch
 

 

Eine andere Definition gibt den Schwarzen Mond als das Apogäum der Mondbahn an, den erdfernsten Punkt der Mondbahn. Beide Punkte, der zweite Brennpunkt und der erdfernste Punkt, liegen auf der langen Achse der Mondbahnellipse, der Apsidenlinie, d.h. von der Erde aus gesehen in der gleichen Richtung, und haben daher die gleiche Position im Tierkreis. Der zweite Brennpunkt ist nur etwa 36´000 km von der Erde entfernt, der erdfernste Punkt hingegen etwa 400´000 km. Abgesehen davon sind beide Definitionen gleichwertig. Da sich die Mondbahn im Raum ständig verlagert, bewegt sich der Schwarze Mond im Tierkreis jährlich um etwa 40° vorwärts. Ein voller Umlauf dauert 8 Jahre und 10 Monate.

Lilith in den Horoskopen

Als Symbol der Lilith verwenden wir den schwarzen Mond, zu unterscheiden vom richtigen Mond. In den Radixhoroskopen Typ 2.AC wird Lilith im Tierkreis eingezeichnet, bei einigen anderen Methoden, etwa 2.AT, wird Lilith in der Tabelle mit den Planetenständen aufgeführt.

Deutung der Lilith

"Seit ... ich Astrologie praktiziere, hat der Schwarze Mond in allen Geburtshoroskopen, die ich stelle, als zweiter Mondaspekt seinen Platz, und es käme mir nicht in den Sinn, an seinem Einfluß, und zwar auf einem sehr wesentlichen Niveau, zu zweifeln. Er beschreibt unser Verhältnis zum Absoluten, zum Opfer, aber auch zum Loslassen. Da, wo er im Transit steht, bedeutet er einerseits, daß man eine Kastration im Bereich des Begehrens, eine psychische Ohnmacht oder eine Hemmung im Handeln erfährt, andererseits - und dies ist wesentlich - eine Infragestellung von sich selbst, seinem Leben, seiner Beschäftigung, seinem Credo oder - und dies ist die neueste Entdeckung - eine Gelegenheit zum Loslassen. Auf diesem Niveau bedeutet dies, daß man die Welt in sich einströmen läßt, ohne dabei das geringste vom Ich entgegenzusetzen, ohne Voluntarismus oder Wille zur Macht, ohne Passivität, oder vielmehr im Gegenteil mit der festen Idee, sich zu öffnen, Vertrauen zu schenken, sich durchströmen zu lassen, sich zu verlassen auf die großen Gesetze des Kosmos, auf Gott, auf den, den man nennen kann, wie man will. Aber hierfür muß man zunächst Platz machen. Der Schwarze Mond schafft diese Leere, die man braucht."
(Joëlle de Gravelaine in "Lilith und das Loslassen", Astrologie Heute Nr. 23)

 

 
nach obenDie "Schalen" des Menschen
 

Von Dieter Koch und Bernhard Rindgen

Seit geraumer Zeit ist Lilith ein wichtiger astrologischer Deutungsfaktor. Gleichwohl herrscht um seine genaue Position immer noch Verwirrung. Kochs Beitrag besteht in einer Kritik der bisherigen Ephemeriden und einem Versuch, das Problem theoretisch sauber zu lösen.

Gängigen Definitionen gemäß ist Lilith entweder der zweite Brennpunkt der Mondbahnellipse oder das Apogäum, der erdfernste Punkt der Mondbahn. Geozentrisch gesehen liegen beide Punkte in derselben Richtung. Versteht man Lilith als das Apogäum, dann ist auch das Perigäum (die Erdnähe) zu betrachten, das auf den Namen Priapus getauft wurde. Beide Punkte, Apogäum und Perigäum, faßt man unter den Begriff "Apsiden der Mondbahn" zusammen.

Zurzeit ist die Ephemeride der mittleren Lilith am gebräuchlichsten. Ihre Schwäche besteht darin, daß der Mond, wenn er sich tatsächlich im Apogäum befindet, von der mittleren Lilith 5 Grad entfernt sein kann. Es stellt sich daher die Frage nach einer wahren Ephemeride von Lilith.

Eine angeblich "wahre" Lilith wurde 1993 in den New International Ephemerides (Ed. St. Michel) publiziert. Diese erfährt eine enorme monatliche Oszillation, weicht bis 30 Grad von der mittleren Lilith ab und erreicht eine tägliche Geschwindigkeit von 6 Grad. Sie beruht auf einer Approximation der Mondbahn zu jedem Zeitpunkt durch eine keplersche Ellipse. Man verfährt hier also ähnlich wie bei der Berechnung von oskulierenden Bahnelementen für Asteroiden und Planeten. Dieser Ansatz beruht jedoch nach Kochs Ansicht auf einem fundamentalen Mißverständnis der Bedeutung von Kepler-Ellipsen und liefert daher keine sinnvollen Positionen. Ellipsen sind im Grunde nur geeignet zur Beschreibung von Zweikörper-Systemen (ein einziger Planet umkreist eine Sonne), nicht jedoch bei Mehrkörper-Systemen (mehrere Planeten stören sich gegenseitig). Bei der Bahn des Mondes um die Erde, die durch die Sonne stark verformt wird, ist eine Ephemeridenrechnung mit Hilfe approximativer Ellipsen vollends absurd. Die gewaltigen monatlichen Oszillationen der sogenannten "true Lilith" zeigen keine tatsächlich existierende Bewegung an; sie demonstrieren vielmehr, daß der Zweikörper-Ansatz bzw. die Ellipse zur Beschreibung der Mondbahn nicht taugt.  

Der wahren Ephemeride von Lilith kommt Koch auf die Spur, indem er die tatsächlichen Apogäumsdurchgänge des Mondes beobachtet. Die Punkte, an denen sie sich ereignen, beschreiben ebenfalls eine Kurve. Die neue Ephemeride beruht somit auf einer Interpolation zwischen den tatsächlichen Apogäumsdurchgängen. Deshalb erhielt sie auch den Namen "interpolierte Lilith". Deren Abweichung von der mittleren Lilith erreicht nur + / – 5 Grad, und ihre Periode beträgt ca. 206 Tage.  

Verfährt man mit Priapus auf gleiche Weise, so zeigt sich, daß dieser Punkt eine eigenständige Bewegung vollführt und keineswegs in Opposition zu Lilith stehen muß. Die Abweichung des interpolierten Priapus vom mittleren erreicht bis 25 Grad. Koch liefert separate Ephemeriden für beide Apsiden. Damit steht der Astrologie neben einer genaueren Lilith-Ephemeride erstmals auch eine verläßliche Priapus-Ephemeride zur Verfügung.

Die neuen Ephemeriden sind strukturell verwandt mit der sogenannten "Lilith corrigée", die zwar völlig falsche Positionen liefert (d.h. Apsidendurchgänge des Mondes nicht richtig anzeigt), jedoch auf dem im Grunde richtigen Ansatz beruht, daß die Abweichung der tatsächlichen Apsiden von den mittleren im wesentlichen von der Winkeldistanz zwischen der Sonne und der mittleren Lilith abhängt.

Bernhard Rindgens Beitrag zur Arbeit besteht in der astrologischen Erprobung der neuen Ephemeriden an ihm bekannten Horoskopen und Schicksalen. Bei dieser 1995 begonnenen Arbeit schenkte Rindgen auch dem bislang weitgehend unerforschten Mondperigäum – Priapus – gebührende Aufmerksamkeit. Es schälte sich bald heraus, daß die neue Ephemeride endlich stimmige Ergebnisse erbrachte: stimmig insofern, als sich eine im Autor herangereifte Überzeugung vom tiefenpsychologischen Charakter des Priapus in den Beispielhoroskopen immer wieder als aussagekräftig bestätigte. Rindgens Ansatz zur tiefenpsychologischen Erklärung der Faktoren Lilith und Priapus ist aus der esoterischen Psychologie heraus entstanden – unter besonderer Bezugnahme auf die kabbalistische Lehre von den sogenannten "Kelippoth", den Sphären der abgespaltenen Begierden und Gedanken (oder die sogenannten "Schalen"), die den Menschen solange begleiten, bis die darin aufbewahrten Energien in irgendeiner Weise der Erfüllung zugeführt werden. Obwohl dieser Ansatz mit den bisherigen Forschungsergebnissen von Astrologinnen zu Lilith weitgehend kompatibel ist, vertieft er doch die Astrologie der Mondapsiden ganz wesentlich und eröffnet neue, tiefergehende Dimensionen zum Verständnis dieser Faktoren.

Ein Ausgangspunkt für diese Betrachtungen ist die Studie von Siegmund Hurwitz "Lilith – die erste Eva", in welcher Hurwitz den "Doppelaspekt" der Lilith herausgearbeitet hat, den sie in der babylonischen und hebräischen Dämonologie besaß. Es sind dies der Lamaschtu- und der Ischtar-Aspekt. Diese beiden Aspekte werden von Rindgen mit Lilith als dem Mondapogäum und Priapus als dem Mondperigäum astrologisch identifiziert. Es ergeben sich hieraus weitere Zusammenhänge mit so unterschiedlichen Phänomenen wie z.B. Fehlgeburten und Abtreibung, Hodenkrankheiten, Bakteriologie, politische Emanzipation, Satanismus, Mediumismus, Sukkubismus, Parapsychologie und Nudismus.

Alle diese, im ersten Teil von Rindgens Untersuchung tiefenpsychologisch ausgeführten Aspekte von Lilith und Priapus werden im zweiten Teil astrologisch fundiert. Keines der im theoretischen Teil angeführten, mythologisch und psychologisch mit Lilith und Priapus assoziierten Themen bleibt ohne empirische astrologische Bestätigung – allerdings ergibt sich diese Bestätigung nur bei Verwendung der interpolierten Ephemeriden.

Dies gilt insbesondere für das bislang – fälschlicherweise – als bloßer Oppositionspunkt zu Lilith angesehene Mondperigäum. Als zwei Beispiele hierfür seien genannt: die immer wieder, mit verblüffender Regelmäßigkeit auftretende Korrelation der Priapus-Saturn-Aspektverbindung mit dem pathologischen Phänomen Satanismus; und die Beobachtung, daß soziale und sexuelle Motive wie Nudismus, sogenannte "perverse" Sexualpraktiken und Aktfotographie sich astrologisch in Verbindungen des Priapus mit den expansiven Planeten finden lassen. Rindgen spricht hier vom "arkadischen Archetyp", der sich Ausdruck schafft.


Die Arbeit von Dieter Koch und Bernhard Rindgen ist als Buch erschienen unter dem Titel "Lilith und Priapus – die "Schalen" des Menschen"; Verlag der Häretischen Blätter, ISBN 3-931806-02-2, 240 Seiten mit Tages-Ephemeriden 1900-2010
Bestellen bei www.vdhb.de

Nähere Informationen unter www.vdhb.de. Die Autoren sind davon überzeugt, daß die Forschungen mit Lilith und Priapus in Zukunft viel Erkenntnis und viele Heilungsperspektiven erbringen werden.