"Apollon", Januar 2001
Wenn Liz Greenes Schriften essbar wären, schmeckte dieser Artikel
- vor dem Hintergrund einer gärenden Schützequalität - nach Eingemachtem: nach
scharfem Sauerkraut oder kantigem Borscht mit Sauerrahm - denn das ist der
Geschmack der Chiron-Pluto Konjunktion. Ein Geschmack, an den man sich gewöhnen
muss vielleicht, abstoßend für manche, aber schwere, gehaltvolle Seelennahrung
für diejenigen, die reinhauen und länger bleiben wollen.
Die unverbesserlichen Planetenzyklenbeobachter unter uns hatten
das Rampenlicht für den größten Teil des Jahres 2000 voll auf die
Jupiter-Saturn Konjunktion gerichtet - mit ihr verbinden wir nicht nur den
wackeligen Börsenmarkt, sondern auch das allgegenwärtige Gefühl, dass eine alte
Ära zu Ende geht und eine neue beginnt. Es ist schon eine ziemlich aufregende
Zeit. Viel von unserer Jahrtausendwende-Hysterie, die sich in Prophezeiungen des
Weltendes und wilden Panikkäufen von Dosensuppen und Klopapier zugespitzt hat,
wurde nicht nur durch die Sonnenfinsternis im August 1999, sondern auch durch
die allmähliche Annäherung an diese große zyklische Konjunktion geschürt, die
Ende Mai 2000 exakt wurde. In der mittelalterlichen Astrologie bedeutete die Zusammenkunft
von Jupiter und Saturn den Tod des alten Königs und die Geburt eines neuen;
heute beobachten wir in vielen Bereichen den allmählichen Untergang alter
Wertesysteme und überkommener Strukturen, vor allem in den Sphären von Politik
und Wirtschaft.
Und doch gibt es eine andere, extrem wichtige Planetenkonjunktion
in dieser Zeit, die von den meisten Astrologen ignoriert wird: eine
Konjunktion, die vielleicht auf subtilere Art mit weltlichen Ereignissen zu tun
hat, die aber genau so wichtig für unseren mentalen und spirituellen
"Geistes-Zustand" ist - auf individueller und kollektiver Ebene. Es ist
die zyklische Konjunktion von Pluto und Chiron in Schütze. Chiron ist im Januar
1999 in Schütze getreten. Im Juli, August und September ging er noch einmal
zurück in Skorpion, im Oktober dann endgültig in den Schützen. Chiron war nur
einmal genau konjunkt Pluto - in den letzten Dezembertagen des Jahres 1999. Und
obwohl die beiden Planeten danach keine exakte Konjunktion mehr erreicht haben,
sind sie noch das ganze Jahr 2000 in Orbis geblieben, und trennten sich erst
wieder im Februar 2001. Ihr Zusammentreffen hat zwei volle Jahre gedauert.
Wir Astrologen tendieren dazu, nach globalen oder
gesellschaftlichen Ereignissen zu suchen, um wichtige Planetenkonstellationen
zu verstehen. Doch das ist sicher nicht der einzige Weg, und vielleicht auch
nicht der beste, um den tieferen Sinn dieser Aspekte zu begreifen. Sicher
verhelfen uns Ereignisse zu Einsichten; aber Ereignisse sind schwer zu
definieren. Wann zum Beispiel endet eine Ehe? Wenn sich das Paar scheiden lässt
oder wenn die Beziehung auf der Gefühlebene abgestorben ist? Diese beiden
"Ereignisse", ein konkretes und ein emotionales, können im Abstand
von Jahren auftreten. Oder betrachten wir fünf verschiedene Autounfälle mit
Todesfolge. Wir könnten behaupten, sie alle seien das gleiche
"Ereignis". Aber der erste Unfall geschah durch Alkohol am Steuer,
der zweite wegen überhöhter Geschwindigkeit, der dritte, weil der Wagen
aufgrund einer Reifenpanne die Kontrolle verlor, der vierte durch
Fremdverschulden, und der fünfte, weil der Fahrer einen Herzinfarkt hinter dem
Steuer erlitt. Diese scheinbar identischen Ereignisse haben grundverschiedene
Ursachen und Bedeutungen. Oder wir könnten sagen, "Bei der Saturn-Uranus
Konjunktion in Stier und Zwilling im 20. Jahrhundert brach der Zweite Weltkrieg
aus." Aber Kriege hat es schon immer gegeben, mit oder ohne Saturn-Uranus
Konjunktion. Wichtig ist das Wesen des Krieges, seine "Motive" und
sein "Zweck", seine Folgen für die Menschen, und schließlich auch der
archetypische Hintergrund, der diesen bestimmten Konflikt eingeleitet hat.
Planetenkonstellationen beschreiben keine Ereignisse. Ereignisse
beschreiben Planetenkonstellationen. Und diese Konstellationen wiederum
spiegeln archetypische Muster wider, die sich als Ereignisse manifestieren -
oder eben nicht. Es kommt darauf an, was diejenigen tun, die für das Muster
resonant sind. Transite wie Jupiter-Saturn oder Chiron-Pluto reflektieren etwas
"Inneres", etwas, das in der kollektiven Psyche aktiviert wird, sich
entfaltet und kritische Phasen und Wendepunkte erreicht. Diese Transite sind in
uns. In der ersten Hälfte von 2000 haben wir alle ein klein wenig davon
mitgekommen, wie es sich anfühlt, eine Jupiter-Saturn Konjunktion in Stier im
Radix zu haben. Und während des ganzen Jahres 2000 bis Februar 2001 haben wir
erfahren, wie sich eine Chiron-Pluto Konjunktion in Schütze anfühlt. Wir alle
sind dafür verantwortlich, mit diesen Planetenbewegungen so kreativ wie möglich
umzugehen. Wie wir selbst diese Transite empfinden, was wir mit ihnen erleben,
und wie wir selbst - bewusst oder unbewusst - diese Transite inszenieren und
ausdrücken, ist genau so wichtig, wie das, was in der Außenwelt
"passiert". Wir sind weder Opfer noch "Bauern" der
Planetenbewegungen; wir - und zwar jede und jeder von uns - nehmen kreativ und
maßgeblich Teil am Lauf der Dinge, an der Zukunft.
Obwohl ich leicht gute Ratschläge geben kann, habe ich sie selbst
natürlich auch nicht befolgt und, sobald ich diesen wichtigen Aspekt gesehen
habe, versucht, Ereignisse zu finden, die den Geschmack dieser Chiron-Pluto
Konjunktion in Schütze widerspiegeln würden. Das ist im Großen und Ganzen eine
unergiebige Übung, denn wir sehen das, was wir sehen wollen. Doch Chirons eigentümliche
Beziehung zum Leiden des "Außenseiters" schien sich deutlich in einem
Ereignis zu zeigen, von dem ich Ende April 1999 bei einer Reise nach London
hörte: die "Soho pub bomb", eine Grausamkeit, die sich gegen die
Londoner Homosexuellen-Gemeinschaft richtete, bei der viele Menschen getötet
und noch mehr verletzt wurden. Es war das dritte in einer Reihe von
Bombenattentaten, die innerhalb von zwei Wochen gegen die
"Minderheiten" der Stadt gerichtet waren. Das erste zielte auf
Schwarze, das zweite auf eine Gemeinde von Bangladeshis. Alle Anschläge wurden
von einem Psychopathen geplant und durchgeführt, der fest entschlossen war, die
Minderheiten dieser Großstadt zu terrorisieren. Heutzutage sind Bombenanschläge
zwar an der Tagesordnung, doch diese Angriffe hatten einen anderen
"Geschmack" als die meisten. Sie waren nicht politischer Natur, aber
sie enthüllten eine der beängstigendsten und gefährlichsten menschlichen
Neigungen: die fanatische Intoleranz und Zerstörungswut, die auftauchen, wenn
wir den verachteten und gefürchteten "Außenseiter" in uns selbst auf
"die Anderen" projizieren, und diese als Bedrohung unseres eigenen
Überlebens betrachten.

Als die Konjunktion im Dezember 1999 exakt war, war ich gespannt, was
die Zeitungen in den nächsten Tagen berichten würden. Und siehe da: auf George
Harrison, den "ruhigen Beatle", wurde am 30. Dezember 1999 mit einem
Messer eingestochen. Ich fragte mich, was dieses Ereignis wohl in bezug auf die
kollektive Psyche zu bedeuten hatte. Harrison ist immer der zurückhaltendste
Beatle gewesen. Er lebte ein sehr privates, zurückgezogenes Leben, wie es sich
für eine Fische-Sonne mit Skorpion-Aszendent und Skorpion-Mond gehört.
Bedeutete dieses seltsame Ereignis überhaupt etwas, außer für George Harrison
selbst? Es sah ganz so aus, als ob jemand einen Sündenbock gesucht hätte:
Während George sich friedlich um seine eigenen Angelegenheiten kümmerte, drang
plötzlich das Grauen von außen ein. Der progressive Aszendent in Harrisons Horoskop
hatte 9° 14' Schütze erreicht, zwei Grad von der Transit-Konjunktion (Chiron
bei 11° 13', Pluto bei 11° 20') entfernt. Außerdem bildete der progressive
Saturn eine gradgenaue Opposition zu diesem progressiven Aszendenten. Das legt
nahe, dass George unbeabsichtigt als eine Art Blitzableiter für die Energien
des Chiron-Pluto Zeitgeistes fungieren und wahrscheinlich die Bedeutung der
Konjunktion in seinem näheren Umfeld zu spüren bekommen würde. Am 31. Dezember,
dem Tag nach dem Mordanschlag, brachte die Sunday Times folgende Schlagzeile -
und wieder wehte eine Brise des unverwechselbaren Geruchs von Chiron-Pluto
vorbei:
"MESSERSTECHER
HÄLT BEATLES FÜR HEXEN"
George Harrison, 25. Februar 1943, 00.05 Ortszeit, Liverpool[1]

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George Harrison, Sekundärprogression zur Zeit des Anschlags

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Angriff auf George Harrison, 30. Dezember 1999, Henley-on-Thames

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Die Komponenten der Konjunktion
Pluto symbolisiert den instinktiven Überlebensmechanismus des
Kollektivs und der gesamten Natur. Er ist unpersönlich und skrupellos, wie die
Natur. Eine ausgestorbene Gattung oder ein totes Tier fallen nicht ins Gewicht,
wenn die Evolution des organischen Lebens groß reinemacht. In Momenten, in
denen wir von der körperlichen oder psychischen Auslöschung bedroht sind,
merken wir, dass wir Pluto im Horoskop haben. Was überleben will, muss das
Lebensbedrohende und überflüssig Gewordene zerstören oder transformieren, innen
und außen. Dieser Reinigungsprozess von überkommenen und nutzlosen
Überlebensmechanismen und die Bildung von neuen Überlebensstrategien spiegelt
sich in Plutos Lauf durch den Tierkreis wider, der 246 Jahre dauert. Unsere
Pluto-Generation - die Altersgruppe, die mit Pluto in einem bestimmten Zeichen
geboren ist - hat ihre eigene Art sich gegen das zu wehren, was wir als
Bedrohung unseres Überlebens wahrnehmen. Die Bewegung Plutos durch die
astrologischen Zeichen beschreibt die unterschiedlichen Arten, wie das
Kollektiv bekämpft, was sein Überleben bedroht. Keiner von uns wird je einen
vollen Pluto-Zyklus erleben; wir sind Teil eines größeren Ganzen, in das unsere
individuellen Leben und Tode eingebettet sind. Deshalb müssen wir es einfach so
hinnehmen.
Mit Pluto in Schütze sind wir gezwungen, uns dem zu stellen, was
unser körperliches und psychisches Überleben bedroht - im Bereich der Moral,
sowie auf den Schauplätzen religiöser Glaubensvorstellungen, spiritueller
Ziele, Gesetze, unserer Vorstellungen von richtig und falsch, und unserer
Definitionen des "höchsten Gutes". Bisher haben wir die ganze
Tonleiter vom Lächerlichen zum Erhabenen durchgespielt: von der Monica Lewinsky
Komödie und dem Amtsenthebungsverfahren gegen den US Präsidenten bis hin zur
Frage, ob wir uns in das Blutvergießen im Kosovo oder Sierra Leone einmischen
sollten, und ob die Todesstrafe überhaupt eine Lösung für das Problem
menschlicher Zerstörungswut darstellt. Der Vatikan hat uns klipp und klar
mitgeteilt, dass die Beratung durch Astrologen oder Psychotherapeuten eine
ebenso schlimme Sünde sei wie Empfängnisverhütung. Wir sehen uns einem
Sperrfeuer moralischer Fragen gegenüber, die nicht mehr so einfach zu
beantworten sind, wie es einmal ausgesehen hat. Hinter diesen moralischen Fragen
stehen tiefere, spirituelle Fragen: An welchen Gott glauben wir, als Kollektiv
und als Individuen? Glauben wir überhaupt noch an irgend etwas? Langsam, aber
unaufhaltsam enthüllt uns Pluto unsere religiöse Blindheit, unsere Naivität,
unseren kindischen Glauben in die "Güte" der Autoritäten und die
moralische Richtigkeit der Gesetzes- und Glaubenssysteme, die wir geschaffen
haben. Er enthüllt unsere verzweifelte Treue zu politischen und spirituellen
Gurus, die uns schnelle Lösungen und rezeptfreie Medizin gegen die Beschwerden
der Menschheit versprechen. Pluto in Schütze bringt auch das Thema des Fremden
auf. Er zwingt uns, zu erkennen, dass Überleben für manche darin besteht,
Grenzen zu überschreiten - physische, intellektuelle, emotionale, geistige - um
ein neues Leben zu finden, während andere meinen, nur überleben zu können,
indem sie ihre Grenzen dicht machen.
Chiron steht mit seiner unregelmäßigen Bahn zwischen Saturn und
Uranus am Übergang zwischen dem Individuellen und dem Kollektiven. Wir leiden als
Individuen, nicht nur aufgrund persönlicher Konflikte, sondern auch, weil wir
Teil der Gattung Mensch sind. Und unser menschliches Kollektiv ist zwangsläufig
zwischen Tier und Gott hin- und hergerissen. Wir machen schreckliche Fehler
durch unsere impulsive und instinktive Triebhaftigkeit und genau so durch
unsere intellektuelle Arroganz. Und doch müssen wir verstehen, warum wir
leiden, und wir werden immer und ewig nach Mitteln suchen, mit denen wir unsere
Wunden heilen können. Chiron beschreibt den mitfühlenden Impuls, Weisheit zu
suchen und weiterzugeben, um uns selbst und andere zu heilen - nicht aus einer
neptunischen Vision der Einheit heraus, sondern weil wir alle irgendwo fühlen,
dass wir unheilbar verwundet sind durch Geschehnisse, über die wir keinerlei
Kontrolle haben. Unser Drang, die Wunden der Welt zu heilen, ist immer - früher
oder später - zum Scheitern verurteilt, denn die Menschen sind wie sie sind,
und das Leben ist und bleibt ungerecht. Es wird immer Dinge geben, die wir
nicht reparieren oder wiedergutmachen können, und doch versuchen wir es immer
wieder.
Der Mythos von Chiron beschreibt einen weisen Lehrer und Heiler,
der im Kreuzfeuer einer Schlacht zwischen dem sonnenhaften Helden Herakles und
den wilden, ungezähmten Kentauren verwundet wird. Chiron ist gut und weise, und
trotzdem wird er verletzt und leidet - vielleicht gerade weil er gut und weise
ist. Er versteht beide Seiten, und möchte sich deswegen nicht einmischen. Der
archetypische Kampf zwischen Licht und Finsternis, durch den wir uns über
Jahrtausende allmählich zivilisieren, bringt notwendigerweise Opfer mit sich,
und erinnert uns daran, dass unsere Hoffnungen nur innerhalb unserer
sterblichen menschlichen Grenzen erfüllt werden können.
Der fünfzigjährige Zyklus von Chiron durch die Zeichen beschreibt
die wechselnden Sphären, in denen wir unsere größten Verletzungen,
Enttäuschungen und Verbitterung erleben, die durch die zerstörerischen Impulse
in uns selbst und im Kollektiv zustande kommen und gegen die wir nichts tun
können. Es sind auch die Bereiche wo wir uns unschuldig zum Sündenbock gemacht
fühlen. Unsere Chiron-Generation beschreibt die Bereiche, in denen wir uns
unheilbar verwundet fühlen - für immer zum Fremden und "Außenseiter"
gemacht - und in denen wir am wahrscheinlichsten Enttäuschung und Verbitterung
erleben. Das ist auch der Schauplatz, auf dem wir - wenn wir unbewusst bleiben
- unsere tiefsten Verletzungen nach außen projizieren. Doch mit unserer
Chiron-Generation teilen wir auch diejenigen Sphären, in denen unsere Zweifel
und Fragen, die aus dem Leiden entstanden sind, dazu beitragen können, unsere
Glaubenssätze und Überzeugungen zu vertiefen und reifer werden zu lassen. Es
sind Bereiche, in denen wir unsere mitfühlenden Herzen all denjenigen öffnen
können, die daran leiden, sterblich zu sein. Während Chiron durch den Schützen
geht, müssen wir als Kollektiv erfahren, wie es ist, enttäuscht zu werden und
den Glauben zu verlieren, denn wir werden mit unseren moralischen Irrtümern und
Scheinheiligkeiten konfrontiert, mit unserer spirituellen Leichtgläubigkeit,
unseren Fehleinschätzungen und Vorurteilen, und unserer unrealistischen
Hoffnung, dass das Leben gerecht ist und die guten Jungs auf den weißen Pferden
immer gewinnen.
Was Chiron angeht, so scheint Heilung damit zu tun zu haben,
jeglichen Anspruch auf Unsterblichkeit und göttliche Macht aufzugeben. Als er
verwundet ist, zieht sich der mythische Chiron leidend in seine Höhle zurück
und bittet darum, sterben zu dürfen. Es wird ihm gewährt. Und so steigt er von
der unsterblichen zu sterblichen Form herab und wird von seinem Leiden befreit.
Der Mythos legt nahe, dass es bei Chirons Heilung nicht darum geht, etwas zu
"reparieren", sondern darum, sich von der unrealistischen Vorstellung
zu verabschieden, dass wir göttergleich sind und alles unter Kontrolle haben.
Unsere Sterblichkeit anzuerkennen bedeutet auch, unsere menschlichen Grenzen
und unsere Verletzlichkeit zu akzeptieren. Wir alle haben nicht nur die
heldenhaften, solaren Hoffnungen in uns, sondern auch die wilde Zerstörungswut
der Kentauren. Und in Chirons Reich kann uns keine noch so große
Selbstreinigung von unserem Mensch-Sein säubern oder die Wunden unserer
enttäuschten Ideale heilen. Nur wenn wir die Unvollkommenheit und
Ungerechtigkeit in uns selbst und im Leben annehmen, dürfen wir Frieden
schließen mit den Dingen, die wir nicht ändern oder wiedergutmachen können. Es
ist gut möglich, dass der Transit Chirons durch den Schützen einen
tiefgreifenden Impuls zu reifen darstellt, sowohl in bezug auf unser Gottesbild
als auch auf unsere Definitionen von Gut und Böse.
Chiron-Pluto auf persönlicher Ebene
Während der Konjunktion ist es schwierig, schon genau zu sehen,
wie sie sich auf globaler Ebene manifestiert. Als ich angefangen habe, an
diesem Artikel zu arbeiten, hatte ich keine Ahnung, welche historischen
Parallelen ich für frühere Chiron-Pluto Konjunktionen finden würde. Und ich
hatte auch keine Faktensammlung, mit der ich irgend eine vorgefasste Hypothese
"beweisen" konnte. Was ich jedoch habe, ist meine Erfahrung mit
vielen Klienten, die unter der letzten Chiron-Pluto Konjunktion 1941 oder der
langen Opposition in den 60er Jahren geboren wurden. Sie scheinen in ihrem
Leben einen ganz besonderen Sinn für Entfremdung und das Dasein des Sündenbocks
mit sich zu tragen; oft sind sie sich ihrer Wut auf das Leben bewusst, und
haben ein Gefühl, kollektiven Kräften ausgeliefert zu sein, mit denen sie nicht
umgehen können. Tiefes Misstrauen und Verbitterung sind charakteristisch für
die Konjunktion sowie die Opposition; diese Gefühle können jedoch oft nicht an
bestimmten Kindheitserfahrungen festgemacht werden. Die Verbitterung kann auch
unbewusst sein, wie ein ungeheilter Abszess, und schmerzhafte Situationen
anziehen, die von "außen" zu kommen scheinen. Chiron und Pluto gehen
ein Bündnis ein, das - wenn es unbewusst bleibt - glaubt, Angriff sei beste
Verteidigung gegen Lebensbedrohungen. Sie halten das Leben für ein gefährliches
Pflaster, wo die Schwachen, die "Anderen", die nicht dazu gehören,
verletzt und zu Opfern gemacht werden, und wo nur die Starken überleben. Ich
habe die Erfahrung gemacht, dass Heilung für viele, die mit diesen Aspekten
geboren sind, damit anzufangen scheint, die Verbitterung wahrzunehmen und zu
akzeptieren, dass das Misstrauen seine Gültigkeit und Berechtigung hat, in
Anbetracht unserer erbärmlichen Menschheitsgeschichte. Das mag verlangen, eine
Maske der Spiritualität abzulegen, die erhebliche unterschwellige Qualen
verdeckt. Es kann auch notwendig sein, der eigenen Grausamkeit und Mittäterschaft
ins Auge zu blicken, die oft unbewusst ausgeübt wird. Diese geheime Wunde zu
öffnen, kann dem Menschen helfen, durch echte Erfahrung zu entdecken, dass
Individuen sowie Kollektive durch guten Willen und Mitgefühl motiviert werden
können, trotz der Ungerechtigkeit des Lebens. Diese Art von Realismus kann
Menschen helfen, mit der Vergangenheit Frieden zu schließen.
Wer Planeten in den ersten zwei Dekaden der beweglichen Zeichen
hat, hat die Chiron-Pluto Konjunktion sehr stark erlebt. Wenn diese Konjunktion
Spannungsaspekte zu persönlichen Planeten bildet, wird die Person aufgerüttelt
und herausgefordert, den Bereich in Frage zu stellen, den der Radix-Planet
repräsentiert - durch schmerzhafte Erinnerungen, Neuauflagen vergangener Leiden
und die Anerkennung der dunkleren Sphären menschlicher Natur. Möglicherweise
erlebt sie äußere Ereignisse wie Verluste und Trennungen oder Krankheiten. Doch
sind innere Ereignisse wie Depression wahrscheinlicher, das Gefühl, versagt zu
haben und das Gefühl, dass sich die Vergangenheit wiederholt und man in etwas
gefangen ist, das man nicht ändern kann. Die Begegnung mit dem Unvermeidlichen
kann den Menschen anfänglich beängstigen, und ihm das Gefühl geben, machtlos,
unfähig und schikaniert zu sein. Da die Konjunktion in Schütze ist, machen die
Folgen solcher Erfahrungen einen tiefgreifenden Eindruck auf die Weltsicht und
die spirituellen Überzeugungen dieses Menschen, auf seine Definitionen des
"richtigen" Verhaltens und sein Vertrauen in die Zukunft. Ich glaube,
dass das Potential, das diese Transit-Konjunktion für Radix-Planeten birgt,
darin besteht, sie reifer, tiefer, aufmerksamer und weiser werden zu lassen.
Sie bringt eine Akzeptanz der Grenzen des Lebens mit sich, die die Möglichkeit
größerer Freude und Mitgefühls zulassen, weil die eigenen Erwartungen nicht
mehr unerreichbar hoch sind. Durch die eigenen schmerzhaften Erfahrungen erlebt
man sich als Teil der gesamten Gattung Mensch. Dieser Transit spiegelt das Ende
der Kindheit wider und stellt unseren angeborenen Narzismus in Frage. Wir
erleben vielleicht Kummer, Gram und Trauer um das, was unwiederbringlich
verloren ist: auf persönlicher Ebene und in den Bereichen von Hoffnung,
Gottvertrauen und religiösem Glauben, unserer spirituellen Ziele und unseres
Vertrauens in gesetzliche und religiöse Institutionen und Wissensgebäude. Pluto
in Schütze beschleunigt eine ernsthafte Neubewertung in diesen Bereichen. Aber
die Anwesenheit von Chiron lehrt uns, dass manche Dinge einfach nicht repariert
werden können, und dass unsere Entschlossenheit, zu überleben, uns blind machen
kann dafür, wie wir uns selbst und andere verletzen.
Die Besonderheiten des Chiron-Pluto Zyklus
In diesem Zyklus der Konjunktionen gibt es gewisse
Eigenartigkeiten, die in den Zyklen anderer Planetenpaare nicht vorkommen. Die
Konjunktionen von Chiron und Pluto finden etwa alle 60 Jahre statt. Aber
aufgrund ihrer elliptischen Umlaufbahnen, scheinen die Konjunktionen immer nur
in vier Zeichen des Tierkreises vorzukommen: in Schütze, Zwilling, Löwe und
Fische. Die Schütze-Konjunktion am Jahrtausendende ist ein Widerhall der
vorigen Konjunktion im Schützen von 1752-53; die Löwe-Konjunktion von 1941-42
wiederholte die Löwe-Konjunktion von 1697; die Konjunktion in Zwilling von
1881-85 wiederholte die frühere von 1642-43; und die 1818-21 Konjunktion in
Fische wiederholte die 1579-82 Konjunktion. Was dieses Muster im Hinblick auf
die Evolution des Kollektivs zu bedeuten hat, ist mir ein Rätsel; aber es ist
ein sehr bemerkenswertes Muster, so als ob wir die Herausforderung, das Leid
und die potentielle Heilung der Chiron-Pluto Konjunktion nur durch ganz
bestimmte Erfahrungsbereiche erleben sollten. Wir können nicht davon ausgehen,
dass unter jeder Konjunktion eindeutige, aus den Planetenbedeutungen ableitbare
Ereignisse eintreten. Wir müssen sogar zugeben, dass im Gegensatz zur
landläufigen Erwartung, nichts wirklich Großartiges "passierte" am
Beginn des neuen Jahrtausends, außer einer irrationalen Ausgelassenheit am
Nasdaq, einigen sehr aufregenden Parties und einem Gefühl der Enttäuschung,
dass die Welt nun doch nicht untergegangen ist. Und dennoch sehen wir uns mit
bestimmten moralischen und spirituellen Herausforderungen konfrontiert, die
sowohl Individuen als auch Kollektive sehr stark betreffen.
Der Zyklus der Konjunktion im 20. Jahrhundert
Ein Blick in die Geschichte kann uns jedoch manchmal Hinweise,
wenn nicht sogar Antworten geben. Daher möchte ich die vorige Konjunktion von
Chiron und Pluto untersuchen. Chiron ging im Oktober 1940 in den Löwen. Im Juli
1941 bildete er bei 4° Löwe eine genaue Konjunktion mit Pluto. Obwohl sie nur
einmal exakt konjunkt waren, blieben die beiden Planeten während der ganzen
zweiten Hälfte des Jahres 1940 in einer weiten Konjunktion, anfänglich in
verschiedenen Zeichen, und kamen danach im Sommer 1942 wieder in Orbis. Während
der engsten Phase dieser Konjunktion bombardierten die Japaner Pearl Harbour
und Hitler marschierte in Russland ein, was in dem Debakel von Stalingrad
endete und mehrere Millionen Deutsche und Russen das Leben kostete. Die
Chiron-Pluto Konjunktion lag genau auf Hitlers MC bei 4° Löwe, und bildete eine
weite Konjunktion mit seinem Saturn im 10. Haus. Vielleicht spiegelt sich darin
die Aktivierung des Löwe-Archetypen imperialer Größe, Dominanz und königlichen
Gottesgnadentums als Überlebensstrategie wider. Doch sind da auch die dunklen
Wurzeln, die sich von längst vergessenem Groll nähren, und die weit in die
Vergangenheit der teutonisch-slawischen Konflikte zurückreichen. Der Mythos
einer überlegenen Rasse, die dazu bestimmt ist, die Welt zu regieren, gehört
vielleicht auch zu diesem Löwe-Archetypen, und wurde von vielen Menschen und
vielen Nationen während dieser Konjunktion freudig aufgenommen - das sollte
nicht vergessen werden. Das war der universelle Zeitgeist, und nicht nur das
Werk eines verrückten Österreichers mit einem komischen Schnurrbart. Den Klang
marschierender Stulpenstiefel konnte man in Amerika und Großbritannien ebenso
hören wie in Berlin. Sir Oswald Moseley und George Lincoln Rockwell waren keine
deutschen Exporte, sie waren hausgemacht. Transit-Konjunktionen äußerer
Planeten spiegeln wider, was in der Kollektivpsyche passiert, und damit auch,
was in jedem von uns passiert. Bis wir das verstehen, werden wir auch weiterhin
die Antworten auf das Böse in einzelnen Individuen suchen, die, obwohl wir sie
für grundböse halten, nie eine solche psychologische Macht über so viele
Mensche ausüben könnten, wenn sie nicht Sprachrohr einer Zeitqualität wären,
für die wir alle tief drinnen empfänglich sind.
Wenn Chiron und Pluto zusammentreffen, wird ein uralter
Überlebensmechanismus aktiviert, manchmal auf brutale Weise, der in
Erinnerungen der Verletzungen unserer Vorfahren wurzelt. Außerdem wird -
wahrscheinlich fast als wichtigstes - das Thema des Sündenbocks angestoßen, das
besonders mit Chiron assoziiert ist. Dieses wurde unter der exakten Konjunktion
1941 ausgelebt, als die Nazis die ersten Vernichtungslager errichteten und mit
der systematischen Ermordung der "Außenseiter" - Juden, Zigeuner, Slawen
und Homosexuellen - in Polen und Russland begannen. Hitler ist unter dieser
Chiron-Pluto Konjunktion auch in Jugoslawien einmarschiert, am 6. April 1941.
Und neueren Berichten zufolge wurde er von Papst Pius XII darin ermutigt und
unterstützt. Das wirft ein trauriges und zugleich grausames Bild auf das
Oberhaupt einer großen religiösen Institution. Und diese Fakten kamen erst -
schrecklich passend - bei der jetzigen Chiron-Pluto Konjunktion in Schütze ans
Licht. In dieser Atmosphäre kam im August 1941 Slobodan Milosevic zur Welt, mit
Mond konjunkt Pluto konjunkt Chiron im 4. Haus. Als Chiron später in diesem
Zyklus (1992-93) in den Löwen ging und sich dem absteigenden Quadrat mit Pluto
in Skorpion näherte, begann Milosevic mit seiner Politik der "ethnischen
Säuberung" in Bosnien. Die Themen der Chiron-Pluto Konjunktion von 1941
haben über die 60 Jahre zwischen jener Konjunktion und der nächsten nachgehallt
und uns gezeigt, wozu wir fähig sind, wenn unsere Wunden zur Überlebensfrage
werden, die sich von einer jahrhundertealten Vergangenheit nährt. Doch sie
zeigen auch das Potential einer Bewusstseinsveränderung, die Vergebung und
Loslassen der Vergangenheit zulässt.
Das erste Quadrat des 1941er Zyklus fand mit Chiron in Skorpion
und Pluto in Löwe statt. Das Quadrat war nur einmal exakt, im November 1947,
bei 14°. Bei der Opposition war Chiron in Fische und Pluto in Jungfrau. Diese
Opposition hielt sehr lange an. Chiron ging im April 1960 in Fische, und die
zwei Planeten bildeten acht genaue Oppositionen zwischen Juli 1961, bei 6°, und
November 1965, bei 18°. In den späteren Phasen war Uranus noch mit von der
Partie, und auch Saturn war bei den letzten zwei Oppositionen dabei, als er
durch Fische ging. Viele Menschen sind mit diesen doppelten Oppositionen
geboren. Das ist eine Generation mit einer besonders machtvollen Signatur. Die
Oppositionen traten zur Zeit der sozialen Unruhen während der 60er Jahre auf,
bei der Ermordung Kennedys, den Studentenaufständen und "Flower
Power", und beim Ausbruchs des Vietnam-Krieges. Für die Unruhen der 60er
Jahre wird normalerweise die Pluto-Uranus Konjunktion verantwortlich gemacht.
Jedoch sind die Anteile von Bitterkeit und Desillusionierung, die schon von
Anfang an dabei waren, charakteristisch für die Beteiligung Chirons. Das war eine
Zeit, in der die Sündenböcke, die "Außenseiter" gegen das
rebellierten, was sie als lebensbedrohliche Machtstrukturen empfanden, und zwar
in Politik, Gesellschaft und religiösen Institutionen. Viele, die unter dieser
Opposition geboren wurden, fühlen sich als Opfer oder tragen eine riesige
Verbitterung über die Ungerechtigkeit des Lebens mit sich herum und kämpfen
gegen Unterdrückung, manchmal mit Gewalt, auf einer tiefen, instinktiven
Überlebensebene. Und sie machen sich wenig vor über die guten Absichten der
anderen. Viele von ihnen fühlen sich getrieben, die Welt zu verändern, die
Wunden zu reinigen und die Verbitterung zu heilen. Und vielleicht hat es gar
nichts zu bedeuten, dass Prinzessin Diana unter der ersten genauen Opposition
von Chiron in Fische und Pluto in Jungfrau, im Juli 1961 geboren ist?
Das letzte Quadrat des Chiron-Pluto Zyklus von 1941 fand zwischen
Chiron in Löwe und Pluto in Skorpion statt. Das erste exakte Quadrat war bei
22/23° im November/Dezember 1992, und es war zum zweiten und letzten Mal auf
23° im Juli 1993 exakt. Zeitgleich zerbrach die Ehe von Prinz Charles und
Prinzessin Diana. Das war jedoch nur eines der sichtbaren Zeichen einer
allgemeinen Stimmung von Schmerz und Desillusionierung in bezug auf die Themen
Treue und Loyalität, sexuelle Freizügigkeit und die Verbreitung von AIDS. Mit
Chiron wieder in dem Zeichen, das mit dem Gottesgnadentum der Könige assoziiert
wird, war die Enttäuschung mit all diesen löwenhaften Sinnbildern in der
Außenwelt vielleicht unvermeidlich. Und vielleicht wurde das Stück
stellvertretend für alle auf der kleinen Bühne der britischen königlichen
Familie aufgeführt.
Die Chiron-Pluto Konjunktion im späten 19. Jahrhundert
Es lohnt sich, kurz die Chiron-Pluto Konjunktion am Ende des 19.
Jahrhunderts zu erwähnen, obwohl sie schon lange her ist und wir weniger
Persönliches mit ihr verbinden als mit der 1941er Konjunktion. Und dennoch
hallen auch hier die Themen kollektiven Leidens und eines mächtigen
Überlebenstriebs wider, die durch einen Sündenbock freigesetzt wurden - diesmal
gerechtfertigt durch "wissenschaftliche Erkenntnisse". Diese
Konjunktion fand Anfang der 1880er Jahre, am Beginn von Zwilling statt - direkt
gegenüber unserer aktuellen Chiron-Pluto Konjunktion in Schütze. Während dieser
Zeit war die Kolonialisierung durch europäische Mächte (vor allem in Afrika)
auf ihrem Höhepunkt. Es passt erschreckend gut, dass wir unter der Konjunktion
in Schütze den unvermeidlichen Rückprall erleben, wenn der Sündenbock den Spieß
umkehrt, wie in Zimbabwe, zum Beispiel. Wild wucherte auch die Verbreitung des
Konzepts der "minderwertigen" Rassen während der
Zwilling-Konjunktion; das Gedrängel um die Rohstoffe Afrikas wurde auf dieser
Grundlage gerechtfertigt. Die Universität Wien veröffentlichte pseudo-wissenschaftliche
Doktrinen, die sich in der Folge in ganz Europa verbreiteten und behaupteten,
dass einige Rassen von Natur aus minderwertig seien. Dazu zählten sie nicht nur
die Juden, sondern auch die Schweizer, denn sie nahmen an, dass Menschen, die
das Hochdeutsche nicht "korrekt" aussprechen könnten, einen erblich
bedingten Mangel aufwiesen, der auf rassische Minderwertigkeit hinweise. Diese
heimtückische Doktrin hat sich schließlich auch in die Nazi-Propaganda
eingeschlichen, und viele glauben immer noch daran.
Auf der anderen Seite wurden zu dieser Zeit viele medizinische
Entdeckungen gemacht: Koch fand den Tuberkulose Bazillus, Pasteur entwickelte
die vorbeugende Impfung gegen Milzbrand und impfte dann erfolgreich gegen
Tollwut.
Die koloniale Ausbreitung und die damit verbundene Annahme, dass
der weiße Mann den "heidnischen", minderwertigen Rassen die
Aufklärung bringen müsse sowie die Doktrinen der rassischen Überlegenheit
enthalten den zerstörerischen Ausdruck von Chiron-Pluto in Zwilling. Diese
Überlebensstrategie setzt wissenschaftliche Erkenntnisse als Waffen gegen den
"Außenseiter" ein. Die wissenschaftlichen Entdeckungen dieser Zeit
enthalten das Heilungspotential der Konjunktion: Krankheit, selbst eine
"Außenseiterin", kann nur bekämpft werden, wenn sie angenommen und
verstanden wird.
Die Jahrtausend-Konjunktion
Mit Chiron-Pluto in Schütze wurde nun die Xenophobie als
archetypisches Thema aktiviert (Angst vor dem Fremden, sowohl vor Menschen als
auch vor Einflüssen von "außen"). Unser mitfühlender Impuls, den
ausgestoßenen Fremden willkommen zu heißen, steht im Gegensatz zu unserer Angst
vor der potentiellen Zerstörung durch diejenigen, die unsere Werte und unsere
Gesellschaftsstrukturen nicht respektieren. Dem enormen Einwandererstrom steht
eine wachsende fremdenfeindliche Stimmung gegenüber. Schütze ist duales Zeichen
und daher oft widersprüchlich in seiner Moral. Es ist sowohl der Ursprung des
"Tu, was ich sage, aber nicht, was ich mache" Ethos, als auch das
Zeichen, das am schnellsten Scheinheiligkeit bei anderen entdeckt und
anprangert. Deshalb war die Monica Lewinsky Episode so urkomisch - letztendlich
sogar für die Amerikaner selbst. Um zu illustrieren, wie sonderbar diese
schützenhafte Zwiespältigkeit sein kann, möchte ich einen Mann zitieren, der
Sonne konjunkt Jupiter in Schütze hatte: Heinrich Himmler. Er sagte, "Wir
müssen aufrichtig, anständig, loyal und kameradschaftlich mit denen unseres
eigenen Blutes umgehen, mit niemandem sonst. Was mit einem Russen oder
Tschechen passiert, interessiert mich nicht im Geringsten." Die dornige
Streitfrage um die Einwanderung heizt sich in der kollektiven Psyche bis zum
Siedepunkt auf und hat ganz klar mit der Chiron-Pluto Konjunktion in Schütze zu
tun. Reale Ängste werden bei ansonsten vernünftigen Individuen geschürt - durch
uralte Erinnerungen an Invasion und Zerstörung, an die Transformation der
Kultur und Gesellschaft durch den "Außenseiter". Wir sind schmerzlich
gespalten, sowohl außerhalb als auch innerhalb unserer selbst. Diese alte Angst
kommt auf, ungeachtet der demographischen Zahlen, die sogar einen
Bevölkerungsrückgang in allen europäischen Ländern, mitsamt dem katholischen
Italien beweisen. Trotz alledem stößt der Versuch, den Mangel mit Einwanderern
auszugleichen, auf Widerstand. Politische Korrektheit gehört auch zu dieser
seltsamen Konstellation und stellt den Versuch dar, einen unvoreingenommenen
Standpunkt einzunehmen. Doch häufig ist sie halbherzig und unwirksam, oft
unglaublich scheinheilig und bewirkt das genaue Gegenteil. Menschen verletzen
andere Menschen im Moment auf schlimme Weise. Wir sind verwirrt und erstaunt,
wenn wir feststellen, dass wir zu blindem Hass und Vorurteil fähig sind, und
gleichermaßen verwirrt und erstaunt, wenn wir entdecken, dass unser Mitgefühl
und unsere Großzügigkeit eiskalt und skrupellos ausgebeutet werden. Politiker
wie Jörg Haider (der am 26. Januar 1950 geboren ist und Chiron bei 18° Schütze
in engem Trigon zu Pluto bei 27° Löwe hat) benutzen emotionale Mittel, um an
die Macht zu kommen. Sie spielen mit unseren uralten, atavistischen Ängsten.
Viele prangern diese Methoden an. Aber wir würden nicht so stark auf sie
reagieren - für oder wider - wenn nicht irgendwo tief in uns ein altes Grauen
angesprochen würde. Jenseits der wirtschaftlichen und sozialen Themen liegen
wesentlich tiefere Fragen: Was sollen wir tun? Was ist richtig? Wie tief
glauben wir an unsere eigenen religiösen Grundsätze? Leichtgläubigkeit und
Zynismus wetteifern in uns, entziehen uns die Klarheit im Denken und Handeln
und untergraben unser Vertrauen in unsere eigene Anständigkeit.
Unter Chiron-Pluto können wir unsere dunklen kollektiven
Geheimnisse nicht länger geheim halten; sie brechen auf wie Geschwüre, so dass
die ganze Welt sie sehen kann. Skandale in der Politik zwingen uns, unsere
Werte zu überdenken. Filme wie
Erin
Brockovich führen uns vor, wie die Macht oder Ohnmacht des Einzelnen der
zerstörerischen Unverantwortlichkeit großer Firmen und Institutionen den Kampf
ansagen kann. Doch sie zeigen auch, dass wir trotz aller Erfolge nicht heilen
können, was unwiederbringlich zerstört worden ist. Und wo, inmitten unseres
Steinewerfens, ist unsere eigene dunkle Seite? Wiedergutmachungsgelder lassen
die Toten nicht auferstehen, noch rotten sie die Grausamkeiten der
Vergangenheit aus oder greifen die Wurzeln des Dilemmas an. Das müssen wir noch
lernen inmitten unseres gerade erst erwachten Eifers, unser Elend vor Gericht
zu tragen und es gegen Bares einzutauschen.
Kommunikation - jetzt global und unmittelbar - kann nicht nur als
Mittel gebraucht werden, um die Wahrheit aufzudecken und altes Leiden zu
erleichtern, sondern auch um uralten Groll neu entflammen zu lassen: die
Verwandlung des Sündenbocks in den, der andere zum Sündenbock macht. Wir wissen,
dass, aus psychologischer Sicht, diejenigen, die Verbrechen gegen
"Außenseiter" begehen, sich selbst als schmerzlich, unabänderlich,
unheilbar "außenstehend" erleben. Sollen wir das Internet unter
polizeiliche Aufsicht stellen, um "Hass-Gruppen" auszurotten, oder
bleiben wir unserem Glauben treu, dass Meinungsfreiheit ein Grundrecht einer
demokratischen Gesellschaft ist? Sollen wir eine Nation an den Pranger stellen,
die ein extrem rechtes Staatsoberhaupt demokratisch gewählt hat, während wir
ähnlich abstoßende Exzesse der extremen Linken entschuldigen? Der Bericht über
die geheimen Absprachen von Papst Pius XII. und Hitler kommt, passend zu
Chiron-Pluto, genau zu der Zeit, als der gegenwärtige Papst sich genehmt, seine
Version einer Entschuldigung für die früheren Fehler der Kirche zu
präsentieren. Es sollte nicht überraschen, dass viele Menschen die
Ernsthaftigkeit solcher Entschuldigungen anzweifeln, ebenso wie die moralische
Integrität der Institution, die sie ausgesprochen hat. Und wieder sind wir auf
schmerzhaftes Infragestellen und die Enttäuschung zurückgeworfen, die diese
Chiron-Pluto Konjunktion in Schütze begleiten. Doch endlich scheint uns unser
Schmerz dazu zu bringen, zu hinterfragen, anstatt einfach nur blind zu
vernichten.
Für uns als Individuen ist wichtig zu wissen, wie diese Umstände
in jedem von uns wirken. Wir alle haben unsere Probleme mit dem Fremden, und
wir können uns mit dem Fremden oder dem Einheimischen identifizieren, mit dem
Sündenbock und dem, der zum Sündenbock macht. Wir sollten versuchen, diesen
Kampf nicht nach außen zu projizieren, sondern uns mit seinen Auswirkungen im
Inneren auseinandersetzen. Andernfalls endet es nur damit, dass wir
extremistische Aufrufe gegen Einwanderung unterschreiben oder Petitionen gegen
Rechtsextremisten, ohne irgend etwas darüber gelernt zu haben, wohin Extreme
führen können. Chiron-Pluto bringt alte Verletzungen an die Oberfläche, die uns
innerlich auf sehr gefühlsgeladene Weise spalten, denn wir erinnern uns - in
allen Knochen - an die jahrhundertealten Wunden, die kein Verband mehr
verstecken kann.
Wie schon erwähnt, ist Milosevic unter der letzten
Löwe-Konjunktion geboren. Er agierte ihre verheerendste Dimension aus, indem er
anderen gegenüber die Grausamkeiten und Verbrechen beging, die er und sein Volk
selbst erfahren hatten. Doch viele Menschen, die unter dieser Konjunktion
geboren sind, erkennen das zerstörerische Potential nur zu gut, das die Pflege
und Aufrechterhaltung vergangenen Grolls mit sich bringt, und sie verschreiben
sich dem Weg der Heilung und der Vermittlung ihrer Erkenntnisse. Das ist das
positive Gesicht von Chiron-Pluto. Doch der aufgeklärte Heiler leidet oft
selbst oder wird durch Kräfte jenseits seiner Kontrolle zum Opfer gemacht. Auch
die Guten werden zu Opfern eines jeden Krieges, sei es ein innerer oder
äußerer. Chiron-Pluto gibt uns die Möglichkeit, das Böse in uns auch als
kollektives Problem zu sehen, das Gift unserer alten Wunden zu erkennen, und
eine neue Perspektive zu entdecken, die uns gestattet, Frieden mit dem
fehlerhaften Wesen unseres menschlichen Erbes zu machen. Vergebung und Demut
sind absolut erforderlich für diese Konjunktion, und wir brauchen sie jetzt
dringend. Ohne diese Eigenschaften, wenigstens in einem geringen Maß, spalten
wir und bemerken, dass wir die Grausamkeiten selbst begehen - im Großen oder im
Kleinen und ohne Bewusstsein oder
moralische Reflexion. Vielleicht spüren wir Verbitterung über die
Ungerechtigkeit und Bestechlichkeit der Gesetzgeber, unserer Politiker und
unserer religiösen Einrichtungen. Vielleicht sind wir wütend und frustriert
über die unergiebige Verfolgung serbischer Kriegsverbrecher oder die endlosen
Gerichtsverhandlungen von allerhand Strolchen, die frei herumlaufen, weil die
Gerissenheit ihrer Anwälte stärker war als die himmelschreiende Wahrheit.
Vielleicht geben wir manchmal die Hoffnung auf für Palästina, Kosovo,
Nord-Irland, Ruanda, Tschetschenien, Zimbabwe oder Sierra Leone. Es ist
wahrscheinlich, dass wir in all diesen Dingen enttäuscht werden, denn sogar
unsere größten Bemühungen bringen uns höchstens Kompromisse, aber keine
Lösungen. Die Toten werden nicht wieder auferstehen. Und dennoch müssen wir
einen Weg finden, damit zu leben und unseren Glauben in das zu erhalten, was
wir als höchstes Gut definieren.
Sogar Astrologen wollen sich nicht unbedingt mit diesen Themen
beschäftigen. Sie tauchen unaufgefordert auf, im Persönlichen und im
Kollektiven, wenn Pluto und Chiron Aspekte zueinander bilden. Sie zwingen sich
uns auf. In "New Age" Kreisen spricht man nicht gerne von solchen
Themen, denn sie werden als "negativ" und "unspirituell"
betrachtet. Wir denken heutzutage mehr nach als 1941 und wahrscheinlich auch
mehr als 1883, als wir unseren Dünkel der rassischen Überlegenheit annahmen.
Und doch: Wir haben gegenwärtig wahrscheinlich etwas mehr Bewusstsein als wir
während früherer Pluto-Chiron Konjunktionen hatten. Der Wanderer, der
Sündenbock, der verwundete Heiler, die heilende Wunde; das sind Chiron-Themen.
Überleben, Kampf bis zum Tod, das Ende dessen, was seinen Zweck erfüllt hat,
die Reinigung von der Vergangenheit, das verzweifelte Verlangen nach einer
neuen Weltsicht: das sind Pluto-Themen. Es ist keine heitere Konjunktion, und
doch könnte sie uns von so vielem befreien, in unserem persönlichen Leben und
im Kollektiv. Im Mythos von Chiron geht es um das endgültige Annehmen des
Todes, denn er kann seinen Schmerz, den er als Unsterblicher empfindet, nicht
mehr länger ertragen. Vielleicht müssen wir uns unter dieser Konjunktion von
unseren kindischen Träumen von Unsterblichkeit verabschieden, davon, dass sich
ein göttlicher, besorgter Staat um uns kümmert. Vielleicht müssen wir uns von
dem Glauben verabschieden, dass - in unserem Privatleben wie in der Außenwelt -
das Gute immer offensichtlich erkennbar ist und belohnt wird, während das Böse
bestraft wird. Heilung durch Chiron-Pluto geht einher mit einer geheimnisvollen
Mischung aus hartem Realismus und tiefem Mitgefühl: es ist wichtig, die Welt so
zu akzeptieren wie sie ist und dabei Verbitterung, passive Resignation und
Opferhaltung zu vermeiden. Das ist, glaube ich, die tiefste Bedeutung der
Chiron-Pluto Konjunktion.
George Harrison
starb am Donnerstag, den 29. November 2001 in Los Angeles
um 13.30 Ortszeit