Das innere Kind als Ursprung
unseres Lebens
In seiner elementaren Form ist unser inneres Kind
die ursprüngliche Motivkraft in uns, die unser persönliches Universum
entstehen lässt. Es ist die Kraft in uns, die nach Erfahrungen und
nach Sinn sucht, die die Welt gestalten will, der Spieltrieb des
Menschen, seine Glücksfähigkeit, die Gabe zu Muße und Schönheit,
der Teil, der lieben und geliebt werden will, der vertraut und der
immer jung sein kann. Es ist der Forscher, Erfinder und Entdecker
in uns, der wissen möchte, wie die Dinge funktionieren oder wie er
sie zum Funktionieren bringen kann. Es lässt uns den Zustand von
flow erleben: die Versunkenheit in das, was wir gerade tun.
Das freie innere Kind lebt aus der Intelligenz seines Herzens,
ist auf den Augenblick bezogen und intuitiv und lebt in seiner Welt,
in der die Zeit unterschiedlich schnell vergeht, nach eigenen Rhythmen
und Gesetzmäßigkeiten. Im Kontakt mit unserem inneren Kind zu
sein bedeutet, in Verbindung mit dem Urklang unserer Seele zu sein.
Wir stehen an der Quelle unseres Lebens und fühlen das tiefe Glück
zu wissen, was wir wirklich wollen und in welche Formen sich dieser
Wunsch ergießen kann. Unser inneres Kind als Ursprung, Quelle, Lebensmotiv
und Basis unseres Seins teilt sich in zwei Pole auf:
- das freie innere Kind, das uns durch Freude, Liebe und Erfüllung
den Zugang zu unserer Quelle eröffnet.
- das verletzte innere Kind, das aus der Vergangenheit heraus lebt
und die Gegenwart durch den Filter von Erfahrungen des Mangels,
der Zurückweisung und Kränkung sieht.
Unsere Kindheit - die Zeit, in der wir ganz offen und am prägbarsten
sind - führt uns zu unserem inneren Kind und damit auch zu der Quelle
unseres Lebens. Was wir in den ersten Jahren erleben, lässt ein Motiv
in uns entstehen, das uns mit großer Kraft, Sehnsucht und einem tiefen
Willen erfüllt, etwas Bestimmtes zu tun oder zu erreichen. In dieser
Zeit denken wir noch nicht bewusst, wir analysieren und kategorisieren
noch nicht auf die Weise, wie wir es später tun können, wenn unsere
intellektuellen Fähigkeiten wachsen und wir uns und andere aus einer
Distanz betrachten können. Wir sind ganz mit unserem Erleben identifiziert.
Daher kennen wir als Erwachsene dieses Urmotiv nicht. Es liegt im
vorgedanklichen Bereich und auch seine späteren Ausprägungen durch
weitere Erlebnisse in der Kindheit nehmen wir nicht als unsere persönliche
Geschichte wahr, sondern als das, was die Welt an sich charakterisiert.
So ist die Welt für uns. Entsprechend ist die Frage, die sich mit
den Grundfesten unserer Existenz befasst: "Was will ich wirklich
in der Tiefe meines Herzens?", die wir auch so stellen können:
"Was will mein inneres Kind?"
Die Dinge, nach denen wir streben, sind die Dinge, in denen sich die
Sehnsucht kristallisiert, um die es uns in Wahrheit geht. Wir können
sie (noch) nicht in ihrer Essenz formulieren, sondern legen sie in
Menschen und Dinge hinein, die für das stehen, worum es uns eigentlich
geht. Deshalb sollten wir uns fragen - wenn wir uns z.B. ein Boot
oder ein Schiff wünschen: "Was will ich wirklich?" "Welches Gefühl
glaube ich zu erleben, wenn ich dieses Schiff habe?" Wofür steht der
Erfolg, den ich anstrebe? Wofür die Apotheke, die Praxis oder das
Haus, das ich mir bauen will? Was steht noch dahinter außer der Frage,
dass wir unseren Lebensunterhalt verdienen oder irgendwo wohnen müssen?
Und: Was verbinde ich mit der Sehnsucht nach einem bestimmten Menschen,
den ich mir als Partner wünsche? Welches tiefere Bedürfnis hoffe ich
zu erfüllen? Besonders Partnerschaften leiden oft darunter, dass wir
unterbewusst erwarten, dass der andere unsere frühen Defizite ausgleichen
und uns erlösen wird. So kann uns jeder Wunsch ebenso wie alles, was
wir ablehnen, zu unseren Urmotivationen und damit zu unserem Wesenskern
führen.
Das verletzte innere Kind
In uns allen lebt auch ein Teil, in dem die Erfahrungen gespeichert
sind, die mit Angst, Zurückweisung, Nichtgenügen, Mangel, Ohnmacht,
Kränkung und Demütigung, Frustration und Enttäuschung zu tun haben.
Eltern, die ein Verhalten zeigen, das ihrem Kind diese Empfindungen
vermittelt, tragen selbst unbewältigte Verletzungen in sich. Sie
kompensieren ihre eigenen seelischen Wunden, Schuldgefühle und Ängste
und verhalten sich oft so, wie sie es selbst an ihren Eltern erlebt
haben. Meist ist ihnen gar nicht bewusst, was sie ihrem Kind antun.
Sie verstehen die Welt des Kindes nicht, denn sie haben vergessen,
wie sie damals gefühlt, gedacht und erlebt haben.
Eine "genügend gute Mutter" oder Vater zu haben, ist ein großes
Glück. Dennoch werden in Familien über Generationen hinweg Themen
weitergegeben, und auch die genügend guten Eltern und eine ideale
Umwelt bewahren uns nicht davor, Erfahrungen zu machen, die "uns
aus dem Paradies vertreiben" und unseren Lebensweg prägen. Ein Bild
dafür ist das Leben Buddhas, der, obwohl sorgsam behütet, mit dem
Leid der Welt in Berührung kam und so das erfüllte, was als seine
Bestimmung betrachtet werden kann. Wichtig ist zu bedenken, dass
Buddha die Möglichkeit hatte, die Augen zu schließen und in sein
Wohlleben zurückzukehren. Aber etwas in ihm entschloss sich, seinen
ganz eigenen Weg zu gehen und das zu tun, was seinem tiefsten Seelenantrieb
entsprach.
Was uns verletzte und ängstigte, was für uns zu einem prägenden
Schlüsselerlebnis wurde, stellte uns vor Aufgaben, die unser erfinderisches
inneres Kind herausforderten, aktiv zu werden. Bei genauer Betrachtung
entwickeln Kinder Lösungsstrategien, die innerhalb ihrer Situation
optimal sind. Dies gilt sowohl für den Umgang mit den konstruktiven
Aspekten ihres Lebens wie auch mit den belastenden. Sie entwickeln
angeborene Fähigkeiten, üben sie ein und lernen, was für sie funktioniert
und was nicht. In ihrer kindlichen Welt sind sie ausgesprochen erfolgreich.
Auch später wendet unser inneres Kind die gleichen Strategien ein
wenig modifiziert an.
Weshalb ist der Erwachsene mit diesen
Strategien meist weitaus weniger erfolgreich als das Kind?
Ein wesentlicher Grund ist, dass die Verbindung zwischen dem inneren
Kind und dem inneren Erwachsenen zu wenig ausgebildet
ist. Besonders dort, wo wir uns verletzt oder traumatisiert fühlen,
verharren wir emotional in der Vergangenheit. Das verletzte innere
Kind wächst nicht mit. Anders als das freie innere Kind, das Kind
im ursprünglichen schöpferischen Sinn bleibt und doch das richtige
Maß an Erwachsen-Sein ausbildet, kreisen die Aufmerksamkeit und Energie
des verletzten inneren Kindes um die immer gleichen Erfahrungen.
Wie verhext scheint es zu sein, wenn sich auch im Leben des Erwachsenen
immer wieder die gleichen Erfahrungen mit neuen Menschen und neuen
Situationen wiederholen. Das verletzte innere Kind re-inszeniert,
was es nicht bewältigt hat, leidet die gleichen Schmerzen und - wächst
dabei. Jede Re-Inszenierung bietet die Chance, bessere Lösungen als
die bisherigen zu finden. Was in den Kellerräumen unserer Erfahrung
liegt, kann vergessen, aber nicht ignoriert werden. Es kommt uns
auch als Erwachsene in unterschiedlichen Formen entgegen, oft so
gut verpackt, dass wir es erst nach einiger Zeit erkennen. Der
Weg zu innerer Freiheit und Selbstbestimmtheit führt durch das Tor
des verletzten inneren Kindes.
Die Auseinandersetzung mit unserem verletzten inneren Kind hat
nichts mit einem Herumstochern und permanenten Aufarbeiten früherer
Erlebnisse zu tun. Es ist vielmehr ein aktiver, schöpferischer Prozess,
bei dem wir den fortlaufenden roten Faden in unserem Leben als das
erkennen, was er ist: ein von uns selbst künstlich am Leben erhaltenes
altes Theaterstück, das wir selbst an Eckpunkten unseres Lebens geschrieben
haben und das wir wieder und wieder aufführen.
Auch unser freies inneres Kind re-inszeniert, was erfolgreich
war. Das hat den Vorteil, dass wir auf eingeübte, vorgefertigte Muster
zurückgreifen können. Wenn das verletzte innere Kind dies tut, sucht
es eine Möglichkeit, schmerzhafte Erfahrungen loszulassen und entwickeltere
Formen alter, ehedem funktionstüchtiger Muster zu finden. So kann
es sich ebenso aus der Vergangenheit lösen wie aus dem vergeblichen
Versuch, alte Bedürfnisse und Sehnsüchte mit den Menschen zu stillen,
die heute in sein Leben treten. Ein wichtiger Schritt ist hier, Erfahrungen
neu zu deuten - sie in einem anderen Licht zu sehen, also andere
Möglichkeiten des Sehens zu finden. Je mehr es uns gelingt, unsere
Identifikation mit dem Vergangenen abzulegen oder, anders ausgedrückt,
unsere Identität aus der Vergangenheit zu beziehen, desto weiter
wird der Raum unserer Möglichkeiten, desto größer unsere Glücksfähigkeit
und desto mehr werden wir zu dem Menschen, der wir im Kern sind,
dort, wo unser inneres Kind mit seinem ganzen Potenzial auf uns wartet.
Erfahrungen
des verletzten inneren Kindes und ihre astrologischen Entsprechungen
Mond / Pluto
(gilt für Skorpion am IC, Pluto im Quadrat zum IC, Pluto im 4.
Haus, Mond im Aspekt zu Pluto, Pluto im Aspekt zum Herrscher des
4. Hauses, Pluto im Aspekt zu Planeten im 4. Haus, Mond im Skorpion)
- Kontrolle, Unterdrückung
- Emotionale Erpressung, unter Druck setzen, sich beklagen oder
anklagen, Strafe durch schweigen
- Leistungsansprüche, Forderungen, Erwartungen
- Macht durch Angst, Leiden, Schuldgefühle, Entsagung
- Liebesentzug
- Verlangen nicht erfüllbarer Leistungen
- Abwerten, ausgrenzen, moralisieren
- Ignorieren
- Humorlosigkeit
Während des ersten Irak-Krieges wurden amerikanische Luftwaffensoldaten
abgeschossen und gefangen genommen. Man zwang sie durch Folter, im
Fernsehen aufzutreten und ihren Namen und ihren Dienstgrad zu sagen.
Einer von ihnen, ein Pilot, dessen Gesicht deutlich von Misshandlungen
gezeichnet war, trat auf und tat, was man von ihm verlangt hatte:
Er sagte seinen Namen und seinen Dienstgrad. Nach dieser Übertragung
wurden seine Eltern interviewt. Beide waren entsetzt darüber, dass
ihr Sohn sich so habe gehen lassen können und dass er nicht "standgehalten"
hatte.
Wie mag sich dieser Pilot gefühlt haben, als er wieder nach Hause
zurückkehrte und von der Reaktion seiner Eltern erfuhr? In welcher
Atmosphäre mag er wohl aufgewachsen sein bei Eltern, die eine derartige
Haltung einnehmen? Welche Auswirkungen zeigten sich in seinen Gefühlsbeziehungen
und in seinem Identitäts- und Selbstwertgefühl?
Mond / Uranus
(gilt für Wassermann am IC, Uranus im Quadrat zum IC, Uranus im
4. Haus, Mond im Aspekt zu Uranus, Uranus im Aspekt zum Herrscher
des 4. Hauses, Uranus im Aspekt zu Planeten im 4. Haus, Mond im Wassermann)
- Überbehütendes und überfürsorgliches Verhalten
- Überbetonung der Besonderheit des Kindes
- Grenzüberschreitung, Übergriffe
- Desorientierung durch irrationales Verhalten, Uneindeutigkeit,
Widersprüchlichkeit (double-bind Botschaften), Mangel an klarer
Ausrichtung
- Auftrag, die Vermittler- und Pufferrolle zu übernehmen
- Die erwartungsvolle Haltung: das Kind als Hoffnungsträger
- Emotionale Kälte (die "Glaswand"), plötzlicher Abbruch von Nähe
Birgits Mutter geht putzen, um ihrer 14-jährigen Tochter eine Karriere
als Tennischampion zu ermöglichen. Jeden Abend und am Wochenende
sind sie beide auf dem Tennisplatz, wo Birgit trainiert. Wenn sie
zu Ausscheidungen fährt, ist die Mutter dabei. Sie richtet die Wäsche,
achtet darauf, dass Birgit regelmäßig isst und schläft, spricht mit
den Trainern. Birgit gilt als hoffnungsvoller Jungstar.
Auf dem Tennisplatz trifft Birgit am Wochenende häufig ein Ehepaar
und ihre kleine Tochter, mit der sie sich gut versteht. Die Kleine
ist sechs und Birgit wird wieder ein wenig zum Kind, lacht und tollt
herum. Die Eltern suchen für gelegentliche Abende einen Babysitter
und fragen Birgit, die ganz in ihrer Nähe wohnt. Sie sagt begeistert
ja, und schon ist auch die Mutter zur Stelle und meint: "Für so etwas
hat Birgit keine Zeit. Sie muss trainieren und das ist auch das,
was sie will."
Wie viel Schuldgefühle empfand Birgit einer so liebevollen Mutter
gegenüber, die immer nur ihr Bestes wollte? Wie groß war ihr Recht
auf eine unabhängige, eigenständige Entscheidung? Wie sehr durfte
sie leben, was ihrem eigenen Rhythmus und ihren eigenen Bedürfnissen
entsprach? Rilke formuliert in seinem Spätgedicht "Dauer der Kindheit"
die Erfahrung seines Vater mit folgenden Worten:
"… Liebe umkreist die besitzende,
das immer heimlich verratene Kind
und verspricht es der Zukunft; nicht seiner."
Mond / Neptun
(gilt für Fische am IC, Neptun im Quadrat zum IC, Neptun im 4.
Haus, Mond im Aspekt zu Neptun, Neptun im Aspekt zum Herrscher des
4. Hauses, Neptun im Aspekt zu Planeten im 4. Haus, Mond in den Fischen)
- Vernachlässigung
- Desinteresse, vergessen, übersehen
- Verwirrung, Unklarheit, Desorientierung
- Verlust
- Haltlosigkeit, Ängste
- Fehlende Persönlichkeitsprofilierung eines Elternteils
Sandras Mutter starb, als sie zwei Jahre alt war. Der Vater, der
einen Bauernhof und noch weitere vier Kinder hatte, heiratete wieder.
Als Sandra sechs Jahre alt war, starb auch diese Frau. Der Vater
heiratete ein drittes Mal und seine dritte Frau starb, als Sandra
12 war.
Mit 19 heiratete Sandra einen ehemaligen Mönch, der sehr viel älter
war als sie und den sie veranlasste, aus dem Kloster auszutreten.
Sie begann, als Krankenschwester zu arbeiten. Die Ehe hielt zehn
Jahre, dann erkrankte sie schwer und musste fast ein Jahr im Krankenhaus
verbringen. Danach begann sie eine Ausbildung als Therapeutin und
eine Beziehung zu einem sehr viel jüngeren Mann, der ebenfalls als
Therapeut mit ihr in einer Praxis arbeitete. Die Beziehung war von
vielen Höhen und Tiefen gekennzeichnet, und nach jeder Krise sprach
Sandra davon, dass sie ihre Beziehung auf ein höheres spirituelles
Niveau transformiert hätten. Ihr Partner hatte weiterhin Beziehungen
zu anderen Frauen, und schließlich verließ er sie endgültig.
In dieser Zeit veränderte sich Sandra gravierend. Aus einer sehr
begabten, realitätsbezogenen Körpertherapeutin wurde eine Frau, die
Eingebungen und Hilfe von ihren geistigen Freunden, die immer um
sie herum waren, bekam. Sie betrieb nur noch spirituelle Therapie
und ihre gutgehende Praxis nahm immer mehr ab. Sandra entwickelte
Fantasien über ein spirituelles Wohngemeinschaftsprojekt, das die
UNO, so hatte es ihr die geistige Welt gesagt, finanzieren würde.
Als sie ein Geländeareal mit Häusern "kaufen" wollte und weder ein
UNO-Beauftragter aus heiterem Himmel erschien noch der Besitzer Anstalten
machte, das Gelände kostenlos zur Verfügung zu stellen, erlitt sie
einen der schlimmsten Zusammenbrüche ihres Lebens. Nach ein paar
Tagen eines "reality crash" (Sturz in die Realität) war sie wieder
sicher, dass die geistige Welt sich um ihr Projekt kümmern würde
und sie gar nichts zu tun bräuchte.
Welche tief sitzenden und umfassenden Ängste entwickelte dieses
Kind, für das Alleinsein schon immer beängstigend gewesen war, beim
Verlust seiner Mütter? Was hatte es für Sandra bedeutet, dass der
Vater ganz auf seine Arbeit konzentriert und seine Kinder nicht wirklich
Teil seiner Aufmerksamkeit waren? Welchen inneren Fall ins Bodenlose
hatten der Mönch durch seine absolute Verbindlichkeit und die geistigen
Freunde durch ihre immer gegenwärtige Präsenz verhindert?
Mond / Saturn
(gilt für Steinbock am IC, Saturn im Quadrat zum IC, Saturn im
4. Haus, Mond im Aspekt zu Saturn, Saturn im Aspekt zum Herrscher
des 4. Hauses, Saturn im Aspekt zu Planeten im 4. Haus, Mond im Steinbock)
- Strenge Gebote und Verbote, überzogene Grenzsetzung, Beengung
- Gleichmachende Gerechtigkeit, die dem Kind selbst nicht gerecht
wird
- Distanziertheit, Kühle, Zurückweisung
- Überforderung durch frühe Aufgaben
- Gesellschaftliche Ambitionen und Ängste, "man"
- Ablehnen und Verneinen der Besonderheit des Kindes
- Depression, überzogene Ernsthaftigkeit
Fünfundzwanzig Jahre war Anita verheiratet, und in dieser Zeit
hatte sie immer genau darauf geachtet, sich so zu verhalten, dass
sie in den Augen der anderen eine anständige Frau mit einer ordentlichen
Ehe und gut erzogenen Kindern war. Sie stand früh morgens auf, kümmerte
sich um ihre Kinder, brachte sie zur Schule und bereitete dann in
dem Betrieb ihres Mannes alles für seine Ankunft vor. Tagsüber machte
sie Büroarbeiten und kochte mittags für alle ein Essen. Abends wusch
und bügelte sie und pflegte ihre Mutter, als diese eine langwierige
Krankheit hatte. Ihr Mann sprach mit ihr oder auch nicht und gelegentlich
hatte sie blaue Flecke an Armen und Beinen und auch einmal im Gesicht.
Ihr Mutter ignorierte diese Verfärbungen. Lob bekam Anita, soweit
sie sich erinnern kann, nie. Schließlich gelang es ihr, den Entschluss
zur Trennung zu fassen. Sie zog im Sommer aus und nahm eine eigene
Wohnung.
Weihnachten war ein Fest, das in all diesen Jahren immer bei ihrer
Mutter gefeiert wurde - mit der ganzen Familie, Anita, ihr Mann und
ihre Kinder. An diesem Weihnachtstag wollte Anita wie üblich mit
ihren inzwischen erwachsenen Kindern zu ihrer Mutter gehen, aber
ohne ihren Mann. "Das geht nicht," antwortete die Mutter, die die
Trennung geheim hielt. "Was sagen denn die Leute, wenn du ohne deinen
Mann kommst!"
Welche Botschaften hat Anita von einer Frau empfangen, die aus
Angst vor gesellschaftlicher Ablehnung alles ausblendete, was ihr
nicht konform erschien? Welchen Eindruck von ihrem Wert als individuelles,
fühlendes Wesen hat sie gewonnen? Wie viel Platz darf sie sich nehmen,
wie sehr sich ausbreiten und Fülle und Leichtigkeit in ihr Leben
bringen?
Das
Geschenk aus den Erfahrungen
Jede der in den Geschichten genannten Personen hatte die Möglichkeit,
ein Geschenk aus ihren Erfahrungen zu empfangen: Vielleicht wurde
der amerikanische Soldat zu einem Menschen, dem die Wurzel von Grausamkeit
und Unverständnis besonders deutlich vor Augen stand und der erkannte,
dass wir diese Dinge nur verändern können, wenn wir uns des verletzten
inneren Kindes im anderen bewusst werden. Birgit hatte die Chance,
Liebe und Förderung von Überlagerung und Selbstbedienung zu unterscheiden
und zu erkennen, dass der Weg zur persönlichen Freiheit und Individualität
über die Bereitschaft führt, auch Menschen zu konfrontieren, die
uns durch Fürsorglichkeit und ihre besten Wünsche "verdrehen". Wer
diesen Weg gegangen ist, wird zum Symbol von Freiheit für andere.
Sandra war eine sensible, einfühlsame, hochbegabte Therapeutin geworden,
die sich dann in ihren eigenen ungelösten Themen verfing. Vielleicht
ist es ihr inzwischen gelungen, ihr Bedürfnis nach Gemeinschaft und
Halt auf eine lebensnahere Art zu stillen und zu einer Therapeutin
zu werden, die anderen auf sinnvolle und vorsichtige Weise zeigen
kann, wie sie Geborgenheit im nicht konkret Fassbaren gewinnen können.
Auf Anitas Weg geht es um das tiefe, schmerzvolle Erfahren von lebensfernen
Vorstellungen (hier kommt zusätzlich Mond/Pluto ins Spiel) und um
die Konfrontation mit den ungeschriebenen Gesetzen der Gesellschaft
und ihrer Relativität, die sie auch anderen vermitteln könnte.
Entnommen aus:
Brigitte Hamann:
Das innere Kind im Horoskop.
Die Entwicklung des Lebenskerns aus astrologischer Sicht.
Chiron Verlag, Tübingen, 2006.
Sie können dieses Buch
bestellen unter
www.astronova.com
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